Wege durch die Krise
Ende der Kirche – Anfang des Glaubens?

Von: Menno Aden
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Die römisch-katholische Kirche ist in den letzten Jahren in schwere Krisen geraten. Unklare Finanzstrukturen und schwer nachvollziehbare dogmatische Festlegungen haben sie geschwächt, vor allem aber die Berichte über sexuelle Übergriffe und Verbrechen von Priestern. Es gibt fast keinen Priesternachwuchs mehr, weder in Deutschland, noch in den meisten bis vor kurzem noch als »erzkatholisch« angesehenen Ländern. Die katholische Kirche ist also in ihrer Existenz bedroht und das trifft auch den Protestantismus schwer, meint Menno Aden.


Hier wird keine Anklage erhoben. Das reformatorische Wort von der »Synagoge des Satans«, an welches man anlässlich mancher Berichte aus der römisch-katholischen Kirche denken könnte, soll hier nicht ausgebreitet werden. Im Gegenteil soll, soweit das Folgende überhaupt die gemeinte Leserschaft findet, dazu aufgerufen werden, aus der Geschichte der Kirche zu lernen und sie zur Buße zu führen. Nicht als Rück- oder Umkehr zu alten Formen, sondern, wie der Verfasser im Deutschen Pfarrerblatt 7/2018 vorgetragen hat, mit offenem Blick zurück Fehler erkennen, deren Quelle verschließen, um einen beherzten Blick für die Zukunft zu gewinnen. Nicht um die römisch-katholische Kirche und ihren bedenklichen Machtapparat zu erhalten, sondern ut non evacuetur crux Christi.1


1  Ein Hymnus auf die römisch-katholische Kirche

Die katholische Kirche ist zweifellos eine, wenn nicht die erstaunlichste Erscheinung der Weltgeschichte. Der schottische Historiker Macaulay, durch und durch Protestant, schrieb 1840, was auch heute gilt:2

Weder heute noch jemals gab es auf dieser Erde eine menschliche Institution, welche ein solches Interesse erweckt wie die katholische Kirche. Die Geschichte dieser Kirche bindet die zwei großen Weltalter der Zivilisation zusammen. Keine andere noch heute lebende Institution lenkt die Gedanken zurück in die Zeiten, als der Opferrauch aus dem Pantheon (in Rom) aufstieg, als wilde Tiere im römischen Kolosseum kämpften. Die ältesten Herrscherhäuser scheinen wie von gestern, wenn man sie im Vergleich sieht zu der ununterbrochenen Aufeinanderfolge der Päpste. Das Papsttum blieb, nicht etwa im Verfall, nicht als bloßes Denkmal, sondern voller Leben und jugendlicher Kraft. Die katholische Kirche sendet auch heute an die fernsten Enden der Welt Missionare, die von demselben Glaubenseifer erfüllt sind wie jene, die im 5. Jahrhundert in Kent landeten. Die Zahl der Anhänger dieser Kirche ist heute größer als jemals zuvor. Ihre Ausbreitung in der Neuen Welt hat sie für das, was sie in der alten verlor, mehr als entschädigt. Ihre geistliche Kraft breitet sich über die weiten Länder, welche sich zwischen den Ebenen von Missouri und Kap Horn erstrecken … Wir können auch kein Zeichen erkennen, welches das nahe Ende ihrer langen Herrschaft andeutete. Sie sah den Beginn aller Regierungen und kirchlichen Einrichtungen, die es heute auf der Welt gibt; und es besteht keine Veranlassung anzunehmen, dass sie nicht auch noch deren Ende sehen wird. Die römische Kirche war da und anerkannt, bevor die Sachsen ihren Fuß auf die britischen Inseln setzen, bevor die Franken den Rhein überschritten hatten, als noch die griechische Beredsamkeit in Antiochia herrschte, und als man im Tempel von Mekka noch Götzen anbetete. Und diese Kirche wird in unveränderter Kraft wohl auch noch dann bestehen, wenn einst ein Reisender aus Neuseeland inmitten menschenleerer Öde sich auf einen zerbrochenen Bogen der London Bridge stellt und die Ruinen der St. Pauls Kathedrale zeichnen wird.3


2  Skandale und Unwahrheiten

Diesem hymnischen Lob auf die katholische Kirche des Protestanten Macaulay steht ein fast gleichzeitiges Wort des (späteren) Kardinals Newman (1801-1890) gegenüber. Dieser äußerte 1844 an der Schwelle seiner Konversion: Niemand kann vom derzeitigen Zustand der römischen Katholiken eine ungünstigere Meinung haben als ich4.

Viele teilten dieses ungünstige Bild. Um 1870 verlor Papst Pius IX. (reg. 1846-1878) den Kirchenstaat an den neuen Staat Italien.5 Im Syllabus Errorum (Verzeichnis der Irrtümer) von 1864 verlor das Papsttum auch geistig den Anschluss an die Zeit.6 Liberalismus, Sozialismus, Demokratie, Meinungsfreiheit – so gut wie alles, was das Abendland seit der Reformation hervorgebracht hatte, wurde verworfen. Wie Papst Leo X. glaubte, die Reformation mit einer der Bannbulle gegen Luther, Exsurge domine, erledigen zu können, so versuchte Pius IX. dem Verfall von Macht und Einfluss dadurch entgegenzuwirken, dass er auf dem Ersten Vatikanischen Konzil 1869/1870 das Unfehlbarkeitsdogma durchsetzte. Die politische Gewalt war dahin; die geistliche Macht stand an einem Tiefpunkt. Aber unter seinem Nachfolger Leo XIII. (reg. 1878-1903) begann die Entwicklung zu Weltkirche.

Heute finden sich über eine Milliarde Katholiken unter dem Dach des Petersdoms in Rom. Alle nicht-katholischen christlichen Glaubensgruppen zusammen werden es kaum auf die Hälfte bringen.

Aber die Moderne mit anderen Formen des Meinungsaustausches, mit ganz anderen Ansprüchen an die Authentizität von Autoritäten scheint nicht mehr hinnehmen zu wollen, was aus der römischen Kirche nach außen dringt, und noch weniger das, was sie verschweigt. Die fleischlichen Verfehlungen des katholischen Klerus sind ein uraltes Thema. Lange vor Luther, von diesem selbst und auch nach der Reformation haben die Vorwürfe nicht aufgehört. Geht man in Einzelfälle, trifft man auf schlechthin unglaubliche Verirrungen, in denen sich gotteslästerliche Heuchelei mit teuflischer Habsucht und zynischer Lebensgier mischen.7 Der Pfaffenspiegel8 mag manches überzeichnen, aber im Grunde dürfte das darin Berichtete schon stimmen.

Die Klagen und Verdächtigungen wegen sexueller Übergriffe von Priestern wurden bisher in aller Regel abgebogen, Vorfälle wurden vertuscht, geleugnet oder still mit Geld erledigt. Seit etwa 1970 wurden erst einzelne, dann immer mehr Fälle ans Licht gezogen, und in den letzten Jahren schwollen die Zahlen an. Die Einschläge der plausiblen und sogar beweisbaren Fälle reichen bis in die Nähe des regierenden Papstes. Es muss wohl als bewiesen angesehen werden, dass der derzeitige Papst in seiner Zeit als Bischof von Buenos Aires und noch bis in die allerjüngste Zeit Pädophiliefälle vertuscht und die Täter gedeckt hat. Nur die Ehrfurcht vor seinem Amt verhindert noch die offene Frage, ob er vielleicht sogar selbst in diese Praktiken verwickelt war.9 Der Papst lügt, so zitiert der »SPIEGEL« vom 19. Sept. 2018 einen namentlich nicht genannten Kardinal.


3  Praeterfugit huius mundi figura

Es scheint undenkbar, dass die römische Kirche einmal nicht mehr sein wird. Aber: Quam multa fieri non posse, priusquam sint facta, judicantur?10 Die Vorzeichen des Nieder- und Unterganges werden aus Angst oder Torheit meistens nicht gesehen. Der französische Botschafter am Zarenhof M. Paléologue führte, beginnend mit den ersten Tagen des Ersten Weltkrieges bis zum Ende, ein Tagebuch, dem er auf Latein das Wort aus 1. Kor. 7,31 als Leitgedanken voranstellte. Es vergeht das Wesen dieser Welt – praeterfugit huius mundi figura. Tag für Tag wird deutlicher, dass die höfische Welt von Großwürdenträgern, goldbetressten Generälen, Baronen und Popen dem Ende entgegentreibt. Aber die abgelebte Hofgesellschaft kleidete sich für das nächste Diner! Und der Zar selbst merkte nichts. Am 15. März 1917, mit Abdankung des Zaren, war das Wesen dieser Welt jäh versunken. Das Ende kam nicht nur unglaublich schnell, es war auch so radikal, wie es niemand erwartet hatte. Nicht nur der Zar und seine Welt verschwanden, die russische Geschichte und Kultur wurden fast über Nacht umgestülpt und totgeschlagen.

Lord Byron hat den Tanz derer, die wie die Blinden ihrem Ende entgegentaumeln, in einem beeindruckenden Gedicht beschrieben. There Was a Sound of Revelry by Night. Man, hört einen Misston. Did ye not hear it? -- No; ’twas but the wind. Nein, es war nur der Wind; und weiter geht’s. Dann aber wieder und lauter. Arm! arm! it is -- it is -- the cannon’s opening roar! Die Schlacht von Waterloo (1815) hatte begonnen und damit das Ende der Welt, in der sich die Brüsseler Gesellschaft so sicher und unangreifbar gefühlt hatte. Die Tatsache, dass niemand an das Ende glaubt, verhindert nicht, dass es kommt, und zwar wie der Dieb in der Nacht (1. Thess. 5,2).


4  Und wir Evangelischen?

Zu Beginn meiner Tätigkeit als Oberkirchenratspräsident der Evang.-Luth. Landeskirche Mecklenburgs leitete ich eine Veranstaltung mit Mecklenburger Pastor*innen in Ratzeburg. Es ging um den Weg der Kirche nach der großen Wende von 1990 in Deutschland und Europa. Ich fragte: Was verstehen wir eigentlich unter Kirche? Die weltweite Gemeinschaft aller auf Christus Getauften? Die Kirchensteuerzahler im Bereich der EKD? Unsere Landeskirche in Mecklenburg? Unsere örtliche Gemeinde? Diese Frage wäre in der katholischen Kirche unsinnig, geradezu ketzerisch. Dort ist Kirche die zeitlose und weltweite Gemeinschaft, das corpus mysticum der auf Christus Getauften, die auch jene umschließt, welche schon lange in ihren Gräbern ruhen, und jene, die erst in Generationen geboren werden sollen. Die Pastor*innen Mecklenburgs zeigten sich aber unsicher. Am Ende entschied man sich, als Kirche das anzusehen, was um 1530 als lutherische Landeskirche Mecklenburgs mit landesherrlicher Billigung konstituiert worden war, und nun leider nur noch weniger als 250.000 eingeschriebene Mitglieder zählte.

Die katholische Kirche ist nicht nur weltweit da, sie denkt auch so! Lutherische Landeskirchen und Kirchenverbände sind nicht weltweit da, und ob sie weltweit denken, ist fraglich. Der Streitpunkt, der die Reformation auslöste, ist spätestens seit dem Reformkonzil von Trient (um 1550) im Grunde ausgeräumt. Luther hat die Reformation als guter Katholik angestoßen – und gut ist es! Die Frage der Rechtfertigung, die katholische Haltung zum Abendmahl – sind das etwa ausreichende Gründe, um für das eine Wort Gottes zwei – übrigens sehr teure – Vertriebswege, einen katholischen und einen evangelischen, offenzuhalten?


5  Protestantismus als Widerlager des Katholizismus und umgekehrt

Et häät noch ümmer jot gegange, meint man in Köln, und der nächste Karneval mit Dompröpsten in der Bütt wird schon noch kommen. Was wäre aber, wenn es einmal nicht mehr gut ginge und die römische Kirche – horribile dictu – eines Tages einfach nicht mehr da wäre? Welche Folgen hätte das für uns Protestanten? Können wir, solange dieser GAU noch nicht eingetreten ist, angesichts der offenkundigen Krise der römisch-katholischen Kirche einfach weghören und am Ende noch schadenfroh sagen: Sollen wir unseres Bruders Hüter sein? (1. Mos. 4,9). Aber die katholische Kirche gehört auch uns. Wir sind als Lutheraner oder andere Protestanten Teil der einen Christenheit geblieben. Könnten wir Protestanten die nachhaltige Schwächung oder gar ein Verschwinden der römischen Kirche aufwiegen? Ist unser Glaube so unerschütterlich und fest, dass er bestehen könnte ohne das Widerlager der römischen Kirche?

Wir brauchen einander. Ohne Luther hätte es kein Konzil von Trient gegeben. Dieses war der Heilungsprozess der Kirche, und es ist eine Ironie der Kirchengeschichte, dass dieses Reformkonzil unter einem der unwürdigsten Päpste aller Zeiten, Julius III., begann. Vieles, was heute als »echt katholisch« gilt, ist eigentlich reformatorisches Gedankengut.

Was aber ist evangelisch? Es ist hier nicht der Ort, das auszuführen. Wohl aber kann mit dieser Frage die Frage verbunden werden: Wie nötig brauchen wir Protestanten die katholische Kirche?

Das Bild des punching partner ist etwas trivial. Anspruchsvoller könnte dieses Bild aber wie folgt ausgeführt werden: Die durch Christus vermittelte Gnade Gottes ist ein proprium des Protestantismus. Diese Gnadenlehre verführt uns oft zu Formlosigkeit und Hudelei bei Lehrinhalten. Aber Formen und Dogmen, die wir am Ende des Weges hinter uns lassen dürfen, können, solange wir uns noch auf dem Wege befinden, den Blick für den Weg Gottes mit Welt schärfen. Dieser Blick ist uns Protestanten oft verloren gegangen, und jedenfalls diesen könnten wir von der katholischen Schwesterkirche wieder lernen. Und wohl auch manches andere.

Wir aber brauchen die katholische Kirche, nicht nur im Hinblick auf die uns Christen bedrängenden nichtchristlichen Religionen, heute besonders.


Anmerkungen:

1 Dieser Wahlspruch des früheren Essener Bischofs, Luthe, sei hier als ein kleines Zeichen der ökumenischen Gesinnung des Verfassers lateinisch zitiert – dass nicht das Kreuz Christi zunichtewerde (1. Kor. 1,17).

2 Critical and Historical Essays by Th. B. Maucaulay, Essay über Rankes Geschichte der Päpste, 1840.

3 Das ist offenbar ein Anklang an das bekannte Bild von Edward Gibbon, welcher über den Ruinen Roms den Entschluss fasste, sein berühmtes Werk über den Verfall des römischen Reiches zu schreiben.

4 Correspondence of J.H. Newman with J. Keble and Others, 351 und 364 (zit. nach J. Ratzinger).

5 Diese war seit 1849 nur von französischem Militär im Kirchenstaat gesichert worden. Nach Ausbruch des Krieges gegen Deutschland zog Frankreich dieses ab; italienische Truppen besetzten daraufhin kampflos Rom. vgl. Kurd v. Schlözers Römische Briefe.

6 Kurd v. Schlözer, als protestantischer Preuße Diplomat am Hl. Stuhl, zeichnet in seinen Römischen Briefen ein buntes Bild von Pio Nono, diesem eigentümlichen Papst mit einer der längsten Regierungszeiten der Papstgeschichte.

7 Der von Anselm v. Feuerbach (Merkwürdige Verbrechen in aktenmäßiger Darstellung) berichtete Fall des bayerischen Priesters Franz Salesius Riembauer sei hier statt vieler erwähnt.

8 Der Pfaffenspiegel – Historische Denkmale des christlichen Fanatismus von Otto v. Corvin (1812-1886).

9 Auch das wäre in der Kirche nicht ganz unerhört. Erinnert sei an Papst Julius III. (1550-1555), der einen hübschen jungen Mann auf der Straße auflas, zum Bettgefährten machte und ihn sogar zum ­Kardinal erhob.

10 Wie vieles hält man für unmöglich, bevor es ausgeführt ist? (Gaius ­Plinius Escudos »der Ältere«)

 

Über die Autorin / den Autor:

Dr. Menno Aden, Präsident des Oberkirchenrates Schwerin a.D.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2018

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