Erinnerungen an Martin Luther King – Eine Einladung zum Nachdenken und zum Dialog
»Bis das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach strömt«

Von: Frank Schürer-Behrmann/Andreas Schiel
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Vom 12. bis zum 17. August 2018 trafen sich 35 Pfarrer*innen und Kirchenmitglieder aus vier Landeskirchen der United Church of Christ (UCC) in den USA (Wisconsin, Penn Central, Penn South East and Penn North East) und der Evang. Kirche in Berlin-Brandenburg-schlesische-Oberlausitz (EKBO) in Berlin, um sich an Dr. Martin Luther King 50 Jahre nach seiner Ermordung zu erinnern. Frank Schürer-Behrmann und Andreas Schiel geben Impulse weiter, die sich aus den Vorträgen des Referenten, Prof. Dr. Michael Haspel aus Erfurt, sowie aus Vorträgen und Besuchen bei kirchlichen Projekten für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit ergeben haben.

1. Bilder von Leiden, Ungerechtigkeit und Rassismus

Auf dem Denkmal der Bürgerrechtsbewegung in Montgomery, Alabama, stehen folgende Worte des Propheten Amos: »Bis das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach strömt.« Die Worte werden hier Dr. Martin Luther King zugeschrieben, der sie wiederholt zitierte. Wir wurden angeregt durch Kings Sehnsucht nach Gerechtigkeit und seine Empörung über Ungerechtigkeit, die sich in diesen Worten widerspiegelt. King wurde zum Handeln veranlasst durch die Demütigung älterer Frauen im segregierten Süden und durch die Armut der Afroamerikaner und anderer in den Slums der Großstädte überall in den USA, z.B. in Chicago oder Memphis.

Auch wir heute sind betroffen von und empört über die Bilder von Leiden, Ungerechtigkeit und besonders Rassismus, die uns nach Gerechtigkeit und Heilung sehnen lassen: In den USA sind es die Bilder von jungen Farbigen, die wahllos erschossen werden. Und es ist die Situation der massenhaften Einkerkerung, die das Leben Einzelner, der Familien und der Gemeinschaften zerstört und unverhältnismäßig die afroamerikanischen Gemeinschaft trifft, deren Mitglieder weniger Mittel zur Verfügung haben, sich vor Gericht zu verteidigen.

In Europa sind wir entsetzt über die Bilder von schwarzen und braunen Flüchtlingen aus Afrika und den arabischen Ländern, die im Mittelmeer ertrinken. Zur gleichen Zeit sind wir sehr besorgt über die Kluft zwischen denen in unseren Ländern, die immer reicher werden, und anderen, die in Armut leben müssen wie alleinerziehende Eltern, arbeitslose Jugendliche, arme ältere Bürger und manche Menschen in ländlichen Gebieten, besonders in den wirtschaftlich schwachen Regionen unseres Kontinents.


2. Visionen für heute entwickeln und diskutieren

Martin Luther King konnte begeistern und Menschen aus verschiedenen Strömungen der afroamerikanischen Gemeinschaft und der amerikanischen Gesellschaft mit seiner Vision einer gerechten Gesellschaft zusammenführen, die er mit den Worten biblischer Bilder ausdrückte und mit spezifischen Forderungen nach Gerechtigkeit verband, zum Beispiel die Bürgerrechtsgesetze, die in den 1960er Jahren verabschiedet wurden.

Heute stehen wir auch vor der Aufgabe, Menschen zusammenzuführen, die arm sind, diskriminiert werden und von ihrer Gesellschaft ausgeschlossen werden oder sich ausgeschlossen fühlen. Kings Überzeugungskraft und seine Visionen inspirieren uns, Visionen für heute zu entwickeln und zu diskutieren. In einer globalisierten Welt müssen es die einer umfassenden Gerechtigkeit mit bürgerlichen und Menschenrechten für alle sein.

In einer Welt, in der nicht nur Menschen, sondern auch ein Großteil der Schöpfung unter der menschlichen Gier leidet, müssen diese Visionen widerspiegeln, was Jesus mit seinem Wort vom »Leben in Fülle« (Joh. 10,10) meinte. Sie müssen ein Leben zeigen, das nicht von der Quantität des Verbrauchs materieller Güter bestimmt wird, sondern von der Qualität der menschlichen Beziehungen und der Beziehungen zwischen den Menschen und Gott.

Gleichzeitig müssen diese Visionen die Machtstrukturen in unseren Gesellschaften infrage stellen, in denen 54% der Staatsausgaben in den USA für »Verteidigung« ausgegeben werden und in denen eine einzige Firma (Apple) 5,5 % der gesamten nationalen Wirtschaft ausmacht.


3. Aktiv die Werte Jesu und der Bibel verkünden und bekennen

Wir erfuhren aufs Neue, dass die Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre von Menschen aller Rassen und Religionen unterstützt wurde. Dazu gehörte auch eine wesentliche Unterstützung durch die Jüdische Gemeinde in den USA, etwa durch Kings Freund Abraham Heschel, der vor der Shoa in Berlin gelehrt hatte. Aber es war überwiegend eine Bewegung der afroamerikanischen Kirchen, die ihren Erfolg in erster Linie denen verdankte, die persönlich unter dem US-Rassismus litten und dagegen aufstanden, um ihre von Gott gegebene Würde einzufordern. Obwohl einige weiße Kirchen die Bewegung aktiv unterstützten (unser Pastoralkolleg wurde dadurch sehr bereichert, dass der 87jährige Pfarrer Herb Davis teilnahm, der in den 1960er Jahren als Bürgerrechtsaktivist aus Pennsylvania in Mississippi aktiv war), musste King seine Enttäuschung über die weißen Kirchen und Pfarrer zum Ausdruck bringen, die Zuschauer blieben.

Heute sehen sich Christen und Kirchen wieder einer Gleichgültigkeit und sogar aggressivem Widerstand gegenüber, wenn sie ihre Stimme für bürgerliche und Menschenrechten erheben. Sowohl in den USA als auch in Europa interpretieren Einzelne und neue populistische Bewegungen die Bibel in ausschließender Weise um. Oder sie lehnen aktiv die Werte von Demokratie, Gleichheit und freier Meinungsäußerung ab und fördern Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

Diese Auseinandersetzung ruft uns Christen und unsere Kirchen dazu auf, aktiv die Werte Jesu und der Bibel zu verkünden und zu bekennen. Wir sind dankbar für Erklärungen von Kirchen und Kirchenführern wie den »Sanctuary Call«, der die Kirchen in der ganzen Welt dazu aufruft, gemeinsam die Menschenrechte für die Flüchtlinge überall in der Welt zu sichern, weil die Bibel den Schutz des Fremden verlangt. Wir sind auch dankbar für die Erklärung »Reclaiming Jesus« (»Jesus zurückgewinnen«) in den USA, die Jesus und die Bibel gegen Missbrauch verteidigt und erneut auf Jesu Identifizierung mit den Leidenden und Ausgeschlossenen in der Welt sowie seine Hingabe zu Wahrheit, Frieden und Gewaltlosigkeit, einschließlich erlösendem Leiden, hinweist.

Als überwiegend weiße Kirchen sehen wir uns herausgefordert, uns bewusst zu werden, wo wir nicht inklusiv sind oder implizit rassistisch. Und wir fordern uns gegenseitig dazu auf, unsere Beziehungen zu Personen und Glaubensgemeinschaften zu entwickeln und zu vertiefen, die zu den an den Rand Gedrängten in unseren Gesellschaften und unserer Welt zählen – »auf die andere Seite des Sees zu gehen«, wie es Jesus am See Genezareth tat. Das bedeutet in unserer Zeit auch, dass wir unsere Hand ausstrecken und mit nicht-christlichen Glaubensgemeinschaften sprechen und zusammenarbeiten, insbesondere mit Juden und Muslimen.


4. Mit den Füßen predigen und Worte durch Taten bestätigen

In der Tradition afroamerikanischer Predigten und voll Überzeugung, dass er im »Kairos«, einer besonderen Zeit der Entscheidung sprach, hat Martin Luther King die biblischen Botschaften direkt mit den spezifischen Botschaften und Bewegungen seiner Zeit verbunden. Seine Predigten wurden nicht nur durch seine kraftvolle Rhetorik bestätigt, sondern besonders auch durch seine aktive und selbstaufopfernde Arbeit in der Bürgerrechtsbewegung während seines ganzen Lebens.

In seinem Geist erkennen wir, dass wir aufgefordert sind, »mit unseren Füßen zu predigen« und unsere Worte durch unsere Taten zu bestätigen. Wir sind dankbar für die vielen Beispiele aktiven Engagements von Ortsgemeinden, die sich für Brüder und Schwestern einsetzen, die in Not sind und unter Ungerechtigkeit leiden. Wir besuchten bzw. hörten einige Beispiele auf unserem Pastoralkolleg, z.B. verschiedene Initiativen, die sich um Geflüchtete kümmern oder sich aktiv rassistischen Kräften in der Lokalpolitik in Berlin und Brandenburg widersetzen.


5. »Hass kann Hass nicht vertreiben, nur die Liebe kann das.«

»Dunkelheit kann Dunkelheit nicht vertreiben, nur das Licht kann das. Hass kann Hass nicht vertreiben, nur die Liebe kann das.« »Die Liebe ist die einzige Kraft, die in der Lage ist, einen Feind in einen Freund zu verwandeln.« Diese Zitate zeigen Martin Luther Kings Überzeugung, dass eine friedliche und gerechte Gesellschaft nur durch tiefe Liebe zustande kommen kann, die bereit ist, Opfer zu bringen. In Anbetracht des Ausdrucks des deutschen Schriftstellers Ilija Trojanow, dass »Gerechtigkeit das öffentliche Gesicht der Liebe« ist, zeigen sie auch ein Verständnis von Gerechtigkeit, die über numerische Gleichheit hinausgeht.

Wenn wir heute dem Rassismus und der Ungerechtigkeit bei anderen und in uns selbst gegenübertreten, versuchen wir, dies im Geist der Liebe Gottes zu tun, wie sie uns Jesus gezeigt hat, die alle einschließen will. Wir danken Gott für die Gelegenheit, unsere Erfahrungen als Christ*innen aus verschiedenen Ländern und Kontinenten miteinander zu teilen, und für die Möglichkeit, gemeinsam zu lernen und uns gegenseitig in unseren unterschiedlichen aber ähnlichen Kontexten zu stärken und zu ermutigen. Wir fordern uns gegenseitig auf, unsere Überlegungen auf unser kirchliches Leben zu übertragen. Und wir beten, dass wir uns wieder treffen, um einander zu bezeugen, welch große Taten unser Gott bis dahin vollbracht hat.


Frank Schürer-Behrmann/Andreas Schiel

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2018

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