31. Dezember 2018, Jesaja 51,4-6
Altjahresabend

Von: Lars Hillebold
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Der Schleier des Nichtwissens

Alles ist offenbar

Am Ende des alten Jahres ist alles offenbar. 365 Tage sind gelebt und in ihnen wurde geliebt und gehasst, gestorben und geboren, geheilt und verzweifelt gehofft. Neuer Mut wurde geschöpft und Terror bekämpft. Alte Parolen bemüht und Wahlen verloren. Trotz Wohlstand haben Menschen Angst empfunden. Sie haben Lieder gesungen, geschunkelt und getanzt. Das Eigene gehegt und ­andere gepflegt bis zum letzten Tag.


Ein Aufmerksamkeitsruf

Am Ende des alten Jahres liegt über dem neuen Jahr ein »Schleier des Nichtwissens«. Dieser übernommene Terminus aus der Gerechtigkeitstheorie des US-amerikanischen Philosophen John Rawls begleitet mich durch den Predigttext. Der Aufmerksamkeitsruf macht – einem Schleier gleich – neugierig auf das, was zum Vorschein kommen wird. Der Ruf kündet die Enthüllung an, wenngleich Recht und Licht und das wahre Gesicht noch ausstehen. Die verborgene Gerechtigkeit: sie ist schon da und doch noch nicht.


Der Schleier soll sich heben

Sie kommen aus Syrien, dem Kongo und sogar aus Nepal. In zwei riesigen Lagern auf der kleinen Insel Lesbos harrten in den letzten Jahren Tausende Flüchtlinge aus und warteten auf ihre Weiterreise nach Europa. Hunger, Kälte und die Angst um Angehörige machen den Menschen schwer zu schaffen. Auch viele Inselbewohner sind nicht glücklich über die unfreiwillige Nachbarschaft. Gemeinsam warten sie auf einen rettenden Arm von Gerechtigkeit. Der Schleier soll sich heben und aus dem Recht auf ein Leben in Frieden soll Wirklichkeit werden.


Ein Blick hinter den Schleier

Die deuterojesajanische Vision in Jes. 51 ist einem Schleier gleich. In Jes. 51,4f nimmt Jahwe einen Teil seines Auftrags an den Knecht zurück. Es ist nicht mehr der Gottesknecht, sondern JHWH selbst, der sich zeigt und handelt. Es zeichnet sich unter dem Schleier ab: Ein ganzheitlicher Blick ist not-wendig; ein Blick gen Himmel nach oben und unten auf die Erde. In alle Völker in Ost und West. Die ermahnende Botschaft der Vergänglichkeit menschlicher Errungenschaften und selbst der Untergang der himmlischen Provenienz verstärken nur den Blick hinter den Schleier. Es schimmert die eine unzerbrechliche Gerechtigkeit durch; die unverbrüchliche Gemeinschaftstreue Gottes zu seinem Volk, sowohl zu dem ersten als auch zu den hinzukommenden Völkern.


Unbefangen und fair

In der Predigt legt sich vor dem Übergang ins neue Jahr und Leben ein Schleier – gerade nicht des Vergessens –, sondern der Neugier und eines bewussten Seins. Wenn für einen Moment jeder die Augen verbunden hätte wie Justitia, wenn es darum geht, die Bedingungen für alle im Jahr 2019 festzulegen, dann stoßen Rawls und Jesaja gemeinsam auf eine neue Gerechtigkeit an. Vor der vergeht alles und zerfällt. Nur das bleibt ewiglich, über das ich nicht verfügen kann.

Dieses Paradoxon verführt mich im besten Sinne, dass ich mich auf das Gedankenexperiment von John Rawls einlasse: Wer sich so verschleiert und blind die Grundprinzipien des Lebens (und für das neue Jahr) bewusst werden lässt, wird unbefangen und fair entscheiden. Das gelingt dann am besten, wenn ich nicht weiß, wie sich die Entscheidung auf mich selbst auswirken wird. Wer reich ist, der ist befangen, wenn es um die Vermögenssteuer geht. Für den Armen gilt dasselbe. Wer jedoch nicht weiß, ob er als Reicher oder als Armer in der Gesellschaft im nächsten Jahr leben wird, der wird Gesetze schaffen, die Reiche und Arme fair behandeln. Wenn ich nicht weiß, ob ich im nächsten Jahr zu den Mächtigen oder Ohnmächtigen gehöre, wie werde ich über Macht reden und denken? Wie wird meine Predigt sein, wenn ich nicht weiß, ob ich gewiss glauben darf oder im Zweifel zu versinken drohe?


Weckruf am Ende des alten Jahres

Eine seelsorglich-politische Predigt, die den Schleier des Neuen gerade nicht hochhebt, sondern ihn bewusst aufsetzt. Worte, die die blinde Gerechtigkeit bemühen. Die Metapher des »Schleiers des Nichtwissens« – sie ermutigt auch das neu durchzubuchstabieren, was vertraut ist wie das »Alfabet«:


Reicher Mann und armer Mann
Standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.
(Alfabet, Bertolt Brecht 1934)


Lars Hillebold

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2018

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