20. Januar 2019, Römer 12,9-16
2. Sonntag nach Epiphanias

Von: Susanne Wendorf-von Blumröder
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Ratschläge für gelebte Liebe

I

Das Bankgebäude wird von einer Sicherheitsfirma bewacht. Unten im Empfang sitzt eine Mitarbeiterin, die sich selbst vor einigen Mitarbeitern schützen muss. Ihr werden Briefe zugesteckt, in denen gegen sie gehetzt wird, sie wird beleidigt. Immer wieder. Der Vorgesetzte greift nicht ein. Er will keinen Streit. Nimmt das Leiden in Kauf. Die Geschichte kann nicht gut ausgehen. Die Empörung wird kommen, Ausgang für Mitarbeiter und Vorgesetzte leider ungewiss. Veröffentlichungen über verfehltes Benehmen nehmen zu. Haben sie Konsequenzen?


II

»Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so haltet mit allen Menschen Frieden« (Röm. 12,18). Es gibt also auch Anlässe für Streit. Zeiten für klare Worte. Und eine Haltung, mit der ich mir und meinem Glauben treu bleibe und mich nicht zu Beleidigungen hinreißen lasse.

Paulus stellt sich im Römerbrief der ihm unbekannten Gemeinde im politischen Machtzentrum der damaligen Welt vor. Ein zweifelhafter Ruf als Unruhestifter eilt ihm voraus. Streit aber muss die römische Gemeinde vermeiden, Kaiser Claudius hatte 49 n. Chr. einige Christen als Unruhestifter der Stadt verwiesen. Die Gemeinde will die politische Macht nicht zum Eingreifen einladen. Paulus will diese Gemeinde persönlich gewinnen, er möchte mit ihrer Unterstützung weitere Missionsreisen durchführen. So erläutert er sein Verständnis der Tora und die Bedeutung Christi und wird dann konkret.

Nach der Entfaltung seiner Rechtfertigungslehre beschreibt er in den letzten Kapiteln, wie der neue Mensch nun leben kann. Paulus ermahnt seine Glaubensgeschwister zu einem »vernünftigen Gottesdienst« (Röm. 12,1). Die Zeiten des Gottesdienstes mit einem Opferkult sind vorbei. Es sind die Worte, die im Gottesdienst gehört werden, die in den Alltag hineinwirken. Das ethische Handeln kommt in den Blick. Die Gemeinde lebt als lebendiger Leib Christi, es gibt die verschiedenen Gaben (Röm. 12,3-8), die jede und jeder einsetzen kann für eine gute Gemeinschaft.


III

Paulus ermahnt, seinem Ruf zum Trotz, alle Gemeindeglieder zur Liebe. Er gibt in diesen 13 Versen in Röm. 12,9-21 für die gelebte Liebe 27 Ratschläge. Sie prasseln auf die Hörenden ein. Fast jeder Einzelne ist so schön, um ihm allein eine Predigt zu widmen. Es scheint, als habe Paulus sich in einen Rausch geschrieben. Er möchte die Gemeinde gewinnen. Kann sie die Konsequenzen seiner Verkündigung teilen? Die Paränese birgt die Gefahr in die Werkgerechtigkeit zurückzufallen. Aber: Der Mensch antwortet auf die Barmherzigkeit Gottes mit guten Taten, sie sind nicht Voraussetzung sondern Folge der göttlichen Liebe.

Die Ratschläge sind gut zu verstehen. Es geht um das Gute, Ehrerbietung, Fleiß, fröhliche Hoffnung, beharrliches Gebet und den Frieden. Das kann keine politische Macht herausfordern. Trotzdem hat jeder einzelne Rat des Paulus die Kraft, eine Gesellschaft zu verändern.

Die Paränese handelt grundsätzlich vom Bösen und Guten. Röm. 12,9 und 12,21 bilden eine Klammer und zeigen wiederum eine Verschärfung christlichen Handelns: Es geht über den Hass des Bösen hinaus, wenn das Böse mit Gutem überwunden werden soll.


IV

Welche tiefgreifenden Möglichkeiten, eine Gemeinde zu gestalten, stecken in scheinbar kleinen Handlungen? »Mit Ehrerbietung zuvorkommen« z.B: Wie schön ist es in einer Straße zu wohnen, in der die Nachbarn einander grüßen und mit ein paar Worten am Leben des anderen teilnehmen. Auch Kleinigkeiten sind es, die Achtung und Wertschätzung zeigen. Die aber weiterführen zum klaren Blick auf die Kleinigkeiten, die zu Unrecht führen. Dagegen gilt es dann einzugreifen mit klar von der Liebe inspirierten Aktionen. Alle Beispiele erfolgreichen gewaltfreien Widerstands können hier erzählt werden. Aber auch die kleinen Taten im Alltag, die die Ratschläge des Paulus verwirklichen und somit das Liebesgebot Mk. 12,29f aufnehmen und das Gebot der Feindesliebe Mt. 5,42.


Susanne Wendorf-von Blumröder

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2018

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