Theologische Überlegungen zur Akzeptanz einer aus der Geschichte überkommenen Konstruktion
Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche in den Denkmustern ihrer staatskirchlichen Vergangenheit

Von: Eberhard Grötzinger
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Das Evangelium ist eine Botschaft, die für jedermann so gut und heilsam ist, dass es fast nicht möglich ist, etwas dagegen zu haben. Deshalb fragt sich Eberhard Grötzinger: Wie kann es sein, dass Vertretern der Kirche immer wieder Vorbehalte, Vorurteile, Widerstand, Gleichgültigkeit oder gar offene Gegnerschaft entgegengebracht werden? Könnte es sein, dass es an der Kirche selbst liegt? Könnte es sein, dass sie, im ehrlichen Bestreben, als Christusträger das Evangelium den Menschen nahe zu bringen, in ihrer Struktur diesem ­sogar im Wege steht?*


Vor dem Eingang zum Dienstgebäude des Oberkirchenrats der Evang. Landeskirche von Württemberg steht eine Statue des Heiligen Christophorus. Er ist zwar ein Heiliger der katholischen Kirche, aber auf Grund eines großen Missverständnisses repräsentiert er auch das Selbstverständnis einer evangelischen Landeskirche. Die Legende erzählt, er sei zu dem Zeitpunkt, als er das Jesuskind über den Fluss trug, noch gar kein Christ, sondern ein Heide gewesen. Er sei erst aufgrund dieses Erlebnisses und erst, nachdem er den Stock, auf den er sich bisher gestützt hatte, weggelegt hatte, Christ geworden. Die Kirche versteht sich als Christusträgerin: Wie Christophorus einst das Jesuskind über einen reißenden Fluss tragen sollte, so möchte die Evangelische Landeskirche Württ. heute den Menschen Jesus nahe bringen. Wie er seine große Mühe mit diesem Auftrag hatte, so dass ihm das Kind auf den Schultern immer schwerer wurde, so hat auch die Landeskirche ihre liebe Not mit dieser Last. Sie wird ihr fast zu schwer. Der weltanschauliche Pluralismus unserer Tage ist wie ein reißender Strom, in dem sie zu ertrinken droht. Ihr Stecken und Stab sind ihre Finanzmittel. Aber sie werden weniger, wenn immer mehr Menschen der Landeskirche den Rücken kehren.

Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass das Evangelium eine Botschaft ist, die für jedermann so gut und heilsam ist, dass es fast nicht möglich ist, etwas dagegen zu haben. Daher frage ich mich: Wie kann es überhaupt sein, dass uns als Vertreter der Kirche heute immer wieder auch Vorbehalte, Vorurteile, Widerstand, Gleichgültigkeit oder gar offene Gegnerschaft entgegengebracht werden? Könnte es sein, dass es an uns liegt? Könnte es sein, dass wir, im ehrlichen Bestreben, als Christusträger das Evangelium den Menschen nahe zu bringen, diesem sogar im Wege stehen? Dies ist der Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen. Ich möchte zunächst eine Vorbemerkung und eine Begriffsklärung vorausschicken, um möglichen Missverständnissen vorzubeugen.


1. Fehlende Akzeptanz der Kirchen in der Gesellschaft

Das Verhältnis von Staat und Kirche ist in Deutschland wohl geordnet. Staat und Kirche sind getrennt, aber aufeinander bezogen. Ihr Verhältnis ist in unserem Land überwiegend von gegenseitiger Wertschätzung bestimmt. Der weltanschaulich neutrale Staat schätzt den Beitrag der Kirchen für ein funktionierendes Gesellschaftsleben. Daher unterstützt er auch auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene im Sinne des Subsidiaritätsprinzips die Arbeit der Kirche in den Bereichen Bildung (Kindergärten, Religionsunterricht, Erwachsenenbildung) und sozialer Fürsorge. Darüber hinaus weiß der Staat zu schätzen, wenn durch eine relativ vernünftige Vertretung des Bereiches der Religion, den er auf Grund seiner Neutralität nicht selbst verantworten kann, die Gefahr einer Fanatisierung der Gläubigen in Grenzen gehalten wird. Deshalb finanziert er nach wie vor auch Theologische Fakultäten an staatlichen Universitäten. Die Kirche wiederum schätzt die Unterstützung durch den Staat, weil sie durch eine gute personelle Ausstattung in der Lage ist, ihre Botschaft vielen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nahe zu bringen.

Diese Wohlordnung wird in den letzten Jahren immer wieder in Frage gestellt. Im Zentrum der Diskussion stehen meist die Berechtigung des Einzugs der Kirchensteuer durch den Staat und die finanziellen Leistungen des Staates an die Kirchen. Ich bin der Meinung, dass juristisch an beidem nichts auszusetzen ist. Der Einzug der Kirchensteuer ist eine Dienstleistung des Staates, die sich dieser gut bezahlen lässt und die im Gegenzug für die Kirche günstiger kommt, als wenn sie selbst die Steuer einziehen müsste. Die Staatsleistungen sind ein Ersatz für die Enteignung von Kirchengütern am Anfang des 19. Jh., der vertraglich festgelegt ist. Würden die Verträge gekündigt, müsste über den Ersatz neu verhandelt werden.

Was mich als Pfarrer der Landeskirche beschäftigt, ist die Frage der Akzeptanz der Kirche in der Gesellschaft. Wie ein Blick über den Horizont der EKD hinaus zeigt, gibt es auf der Welt eine große Vielfalt in der äußeren Gestalt und Organisation von Kirche und sehr verschiedene Verbindungen zwischen Kirche und Staat, und dies nicht nur im Blick auf unterschiedliche christliche Konfessionen, sondern auch innerhalb des Protestantismus. Theologisch wird man eine bestimmte Gestalt von Kirche also nicht in den Rang eines wesentlichen Glaubensinhalts erheben dürfen, sondern wohl zu den »Adiaphora« der Ekklesiologie rechnen müssen. Wenn eine bestimmte Gestalt der Kirche aber in weiten Teilen der Gesellschaft nicht mehr verstanden, ja immer wieder missverstanden wird, dann besteht die Gefahr, dass der Zugang zur Botschaft der Kirche für viele Menschen verstellt wird. Besteht diese Gefahr, dann müssen für alle, denen die Kirche am Herzen liegt, die Alarmglocken klingeln. Dann besteht Handlungsbedarf – auch wenn juristisch an dem aus der Geschichte überkommenen Modell nichts auszusetzen ist.

Wir dürfen durch die Struktur unserer Kirche nicht dem Evangelium im Wege stehen! Zwar läuten die Alarmglocken schon seit einigen Jahren. Aber sie tun es aufgrund der Tatsache, dass die Kirchen von Jahr zu Jahr mehr Mitglieder verlieren als neue hinzugewinnen. M.E. sollten sie aber nicht deshalb läuten, weil wir Mitglieder verlieren, sondern weil die Gefahr besteht, dass wir durch unsere Gestalt von Kirche vielen Menschen den Zugang zum Evangelium verbauen, auch wenn sie Mitglieder der Kirche bleiben. Ich bin mir bewusst, dass dies eine These ist, die zum Widerspruch herausfordert. Deshalb muss ich etwas ausholen, um sie zu begründen.


2. Staatskirchliche Strukturen und die offene, pluralistische Gesellschaft

Staatskirchliche Strukturen hatten früher eine gewisse Berechtigung in einer »geschlossenen Gesellschaft«, sie erscheinen aber als Anachronismus in der heutigen offenen, pluralistischen Gesellschaft. Es gehört zum Wesen einer geschlossenen Gesellschaft, dass die Gemeinschaft eines Dorfes, einer Stadt oder eines Volkes bestimmte gemeinsame religiöse Riten besitzt, die das Alltagsleben jedes Einzelnen bestimmt. Der Einzelne wird in die religiöse Welt seiner Eltern und Großeltern hineingeboren und wird dann als Erwachsener die Vorstellungen und Riten der einheitlichen religiösen Welt, die das Leben der ganzen Gemeinschaft bestimmen, an seine Nachkommen weitergeben.

Die Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation, die in der Gegenwart sowohl die katholische wie die evangelische Kirche beschäftigt, ist in einer geschlossenen Gesellschaft kein Problem. Sie geschieht ganz selbstverständlich, es sei denn, dass durch Einflüsse von außen eine Konkurrenz mit anderen religiösen Riten und Vorstellungen entsteht. Dann wird der einheitliche geistig-kulturelle Kosmos aufgebrochen. Das war schon in der Antike zur Zeit Jesu und der Apostel der Fall. Der Glaube an Jesus als den Christus war neu und provozierend innerhalb der jüdischen Religion, neu und provozierend aber auch in der Vorstellungswelt der antiken griechisch-römischen Staatsreligion. Und ebenso wurde im Mittelalter der geschlossene geistige Kosmos der christlichen Religion in Frage gestellt, zuerst durch den Islam, dann durch christliche Reformbewegungen, gipfelnd in der Reformation des 16. Jh.. Der Pluralismus ist also keineswegs ein modernes Phänomen. Er ist uralt. In den Jahrhunderten nach der Reformation hat man – mit mehr oder weniger Erfolg – versucht, eine geschlossene Gesellschaft durch staatliche Verordnungen und Gesetze durchzusetzen. Daher hat der Pluralismus religiöser Einstellungen in der Gesellschaft heute insofern ein typisch modernes Gewand, als die persönlichen Freiheitsrechte im Westen zu einem Markenzeichen der Moderne geworden sind.

Zum Begriff der Staatskirche: Die Kirche hat nur dann die Gestalt einer Staatskirche, wenn sie Teil des Staates ist. Dann ist die kirchliche Verwaltung Teil der Verwaltung des Staates. Möglicherweise steht an ihrer Spitze sogar das jeweilige Staatsoberhaupt. Die Pfarrer und andere hauptamtliche Mitarbeiter sind Beamte des Staates, die Pfarrhäuser und andere kirchliche Gebäude gehören dem Staat und werden vom Staat unterhalten, ebenso die Kirchen, wenn sie nicht sogar im Eigentum der jeweiligen Städte und Gemeinden sind. Nach diesen Kriterien ist die Württ. Landeskirche – wie andere in der EKD auch – seit der Abdankung des Königs im November 1918 keine Staatskirche mehr. Aber sie hat wie andere Gliedkirchen der EKD die staatskirchliche Struktur ihrer Verwaltung beibehalten, wobei ihr der Staat das Recht dazu durch die Rechtsform der »Körperschaft des Öffentlichen Rechts« gewährt.


3. Die fatalen Folgen einer historischen Entscheidung

Unter dem Schutz des Staates haben im 16. Jh. die reformatorischen Ideen zur Umgestaltung der Kirche überlebt. Entsprechend der Entscheidung der jeweiligen staatlichen Obrigkeit konnte die jeweilige Konfession ihren Anspruch, die wahre christliche Lehre zu vertreten und die bessere Gestalt der Kirche zu repräsentieren, gegenüber konkurrierenden anderen Auslegungen und anderen Vorstellungen von Kirche behaupten. Der Grundsatz »cuius regio, eius religio« sollte Deutschland endlich befrieden. Ziel war es, in den einzelnen staatlichen Herrschaftsbereichen eine der Konfession nach einheitliche, möglichst geschlossene Gesellschaft zu gewährleisten.

Sowohl die katholische Kirche als auch die protestantischen Gebietskirchen kamen auf diese Weise in eine höchst komfortable Situation: Sie hatten auf ihrem Territorium unangefochten das Monopol auf Religion. Doch diese Situation hatte auch eine Schattenseite: Was bei vielen Völkern meist ohne Zwang funktioniert, weil die Religion ein integraler Bestandteil ihrer jeweiligen Kultur ist, musste nun durch Zwangsmaßnahmen durchgesetzt werden. Das Ergebnis war eine staatlich überwachte Intoleranz gegenüber allen, die anders dachten oder anders glaubten. Das bekamen in evangelisch gewordenen Territorien nicht nur die zu spüren, die am alten katholischen Glauben festhalten wollten, sondern auch die Spiritualisten des linken Flügels der Reformation, die Vorläufer des Pietismus, ja potentiell auch jeder Staatsbeamte. Denn jeder Staatsbeamte musste z.B. in Württemberg die Konkordienformel unterschreiben.

Man muss den Freiheitsimpuls der europäischen Aufklärung m.E. vor allem auf dem Hintergrund der konfessionellen Spaltung interpretieren. Auch wenn man heute ständig darauf hinweist, die moderne Formulierung der Menschenrechte hätte ihre Wurzeln im biblischen Menschenbild, so darf man nicht vergessen: Das humanistisch gebildete, aufgeklärte Bürgertum musste sich im Geiste der Aufklärung die Freiheit des Denkens und die Freiheit des Glaubens gegen die Kirche erkämpfen – und zwar nicht nur gegen den Monopolanspruch der katholischen Kirche, sondern leider auch gegen den der evangelischen Kirche!

Dazu kommt ein zweiter Faktor: die evangelischen Landeskirchen hatten unter dem Landesherrlichen Kirchenregiment nicht nur ihre genuin kirchlichen Aufgaben der Verkündigung des Evangeliums, der Seelsorge und der sozialen Fürsorge zu erfüllen, sondern bekamen vom Staat auch besondere hoheitliche Aufgaben übertragen, z.B. die allgemeine Schulbildung zu beaufsichtigen und über das sittliche Verhalten der Untertanen zu wachen. Die Pfarrherren waren auch die Erzieher des gemeinen Volkes.

Im Blick auf die Erziehung der Kinder und der Jugendlichen war das gewiss allgemein akzeptiert. Aber vermutlich kommt jeder Mensch einmal in ein Alter, in dem er sich die Belehrung darüber, was er in seiner privaten Lebensführung zu tun und zu lassen habe, weder vom Ortsgeistlichen noch vom versammelten Kirchenkonvent gefallen lassen möchte. Er wird sie oftmals als unzulässige Bevormundung empfunden haben. Daher meine Vermutung: Die Tatsache, dass die evangelische Kirche im Laufe des 19. Jh. sowohl unter den Gebildeten als auch unter den Arbeitern so rasant an Ansehen verlor, hängt wesentlich mit der Abwehr einer geistigen und moralischen Bevormundung durch die Kirche zusammen. Auch hier zeigt sich: Die Kirche, die den Menschen das Evangelium nahebringen wollte, stand eben durch ihre staatlich verordnete Aufgabe, das sittliche Verhalten der Bürger zu kontrollieren, dem Evangelium selbst im Wege!


4. Theologische Anmerkungen zur Gestalt der Kirche als Staatskirche

Ob die Reformation im 16. Jh. überlebt hätte, wenn sie nicht durch staatliche Autoritäten geschützt worden wäre, ist im Nachhinein schwer zu sagen. Im Rückblick ist jedoch deutlich, dass der staatliche Schutz der Sache, um derentwillen die Kirche da ist, nicht nur genützt, sondern paradoxerweise auch geschadet hat. Ich möchte dies an drei Beobachtungen belegen:

(1.) Das Evangelium fordert und ermöglicht die freie Entscheidung des Einzelnen, sich selbst in jeder Lebenslage Gottes Fürsorge anzuvertrauen. Glaube ist ein Wagnis. Die Ermutigung zu diesem Wagnis taugt nicht als eine allgemein verbindliche Weltanschauung, deren Verbindlichkeit durch staatliche Vorschriften durchgesetzt werden muss. Jeder direkte oder indirekte Zwang wirkt kontraproduktiv. Er führt entweder zur offenen Opposition oder zur inneren Emigration. Dass die Mehrzahl der Kirchenmitglieder innerlich emigrieren, ohne jedoch in offene Opposition zu gehen, mag man beklagen. Aber dieses Phänomen gehört zu den Schwächen jeder Staatskirche bzw. jeder staatskirchlich strukturierten Volkskirche – eine Schwäche, die von ihr selbst verursacht wurde.1

(2.) Die evangelisch gesinnten Fürsten verstanden es einst als ihre obrigkeitliche Aufgabe, die Untertanen mit der reinen Lehre des Evangeliums zu »versorgen«. Versteht man das Evangelium jedoch als eine Lehre, der von Staats wegen Gültigkeit und Verbindlichkeit für alle Untertanen zukommt, dann wird die Tatsache überspielt, dass das eigene Begreifen die Wahrheit des Glaubens niemals völlig ausloten kann, weil es durch die jeweilige Perspektive und die jeweilige eigene Erfahrung subjektiv begrenzt ist. Die Vermittlung des Evangeliums gerät – vor allem unter dem Eindruck konkurrierender Auslegungen – sehr schnell in die Gefahr der Rechthaberei. Sie fordert völlig zu Recht die Opposition selbständig denkender Geister heraus. Dem Evangelium gemäß wäre jedoch die Haltung des Lernens, auch des Lernens von den Erfahrungen anders Denkender und anders Glaubender.

(3.) Soll der Pfarrer ein Erzieher des Volkes, ja ein Wächter über die guten Sitten sein, dann ist vorprogrammiert, dass sich Erwachsene in einem gewissen Alter von der Kirche nichts mehr vorschreiben lassen wollen. Das gemeine Volk entzieht sich dem Einfluss der Pfarrer, indem es in aller Regel dem sonntäglichen Gottesdienst fernbleibt und nur zu besonderen Anlässen noch in die Kirche geht. Die intellektuellen Eliten, Schriftsteller, selbst ernannte Philosophen und Journalisten, übernehmen dann die Rolle einer moralischen Instanz in der Gesellschaft und machen sich über die kirchlichen Sittenwächter sogar lustig. Der Pfarrer wird in vielen modernen Theaterstücken zur Witzfigur. Dem Evangelium gemäß wäre es, nach den Konsequenzen aus dem Vertrauen auf Gottes Verheißung für die eigene Lebensführung zu fragen, und nicht, sich in der Gesellschaft als die in Sachen Moral maßgebliche Instanz aufzuspielen.


5. Staatskirchliche Eierschalen der Landeskirche

Heute wird in erster Linie diskutiert, ob in einer pluralistischen Gesellschaft die großzügige Unterstützung kirchlicher Arbeit durch die öffentliche Hand noch länger gerechtfertigt ist. Dabei ist diese Unterstützung durch Verträge, Gesetze und Verordnungen eindeutig geregelt. Wichtiger scheint mir eine Diskussion über das fatale Nachleben staatskirchlichen Denkens innerhalb der Kirche.

»Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche« nannte Martin Luther seine kirchen-kritische Schrift im Jahre 1520. Er meinte, dass das Denken innerhalb der Kirche in den Kategorien thomistischen Denkens gleichsam gefangen sei. Ebenso kommt es mir heute vor, dass das Denken innerhalb der Kirche im staatskirchlichen Modell geradezu gefangen ist.

Ist es nicht ein Indiz für ein in alten Denkmustern gefangenes Denken, wenn die staatskirchliche Struktur unserer Kirche stets als völlig alternativlos dargestellt, nicht offen diskutiert und niemals, weder in der Landessynode noch – was noch konsequenter wäre – unter den Kirchenmitgliedern, einmal zur Abstimmung gestellt wird? Immerhin gab es in der Theologie des 20. Jh. auch prominente Gegenstimmen. Ich nenne davon zwei:

In der Einsamkeit seiner Gefängniszelle entwarf Dietrich Bonhoeffer 1945 jenes berühmte Gegenprogramm, das zwar oftmals zitiert, aber nie befolgt wurde: »Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Um einen Anfang zu machen, muss sie alles Eigentum den Notleidenden schenken. Die Pfarrer müssen ausschließlich von den freiwilligen Gaben der Gemeinden leben, evtl. einen weltlichen Beruf ausüben. Sie muss an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend. Sie muss den Menschen aller Berufe sagen, was ein Leben mit Christus ist, was es heißt ›für andere da zu sein‹. Speziell wird unsere Kirche den Lastern der Hybris, der Anbetung der Kraft und des Neides und des Illusionismus als den Wurzeln allen Übels entgegentreten müssen. Sie wird von Maß, Echtheit, Vertrauen, Treue, Stetigkeit, Geduld, Zucht, Demut, Genügsamkeit, Bescheidenheit sprechen müssen. Sie wird die Bedeutung des menschlichen ›Vorbildes‹ (das in der Menschheit Jesu seinen Ursprung hat und bei Paulus so wichtig ist!) nicht unterschätzen dürfen; nicht durch Begriffe, sondern durch ›Vorbild‹ bekommt ihr Wort Nachdruck und Kraft.«2

Mit ähnlicher Stoßrichtung hat Hermann Diem im Jahre 1946 eine Schrift zur Neuordnung der Kirche vorgelegt. Er gab ihr den Titel »Restauration oder Neuanfang?« Ihr Grundgedanke entstand im Gefangenenlager von Livorno in der Beratung mit Mitgefangenen, Theologen und Laien, über den künftigen Weg der Kirche.3 Die Kirche solle sich von den Gemeinden her aufbauen, d.h. von unten nach oben und nicht von oben nach unten. Sie müsse ganz darauf vertrauen, dass das Evangelium bei den Menschen Glauben findet. Deshalb fordert er: »Die finanzielle Beisteuer der Kirchenglieder ist ein freies Opfer des Glaubens und schließt jede Zwangsbesteuerung aus.«4 Diem hat sich mit seinem Entwurf einer neuen Kirchenordnung nicht durchsetzen können. Die Evangelische Kirche in Deutschland ging nach 1945 ängstlich den Weg der Restauration. Sie hatte einfach nicht den Mut zu einem Neuanfang.


6. Bewusstes »Ja« zur Kirche?

Und heute? Da die Zahl der Mitglieder abnimmt, trauert man den goldenen Zeiten nach, in denen die Kirche noch eine maßgebliche Rolle in der Gesellschaft spielte.5 Man übersieht dabei zum einen die oben beschriebene Schattenseite einer Zugehörigkeit zur Kirche, in der sich das Kirchenmitglied schon immer vorfindet, da sie ohne eigenes Zutun durch seine Taufe im Kindesalter zustande kam. Man übersieht aber auch die Chancen einer Mitgliedschaft, die auf der freien Entscheidung des Einzelnen beruht, wie sie sowohl dem Evangelium als auch der heutigen pluralistischen Situation angemessen wäre.

Ich möchte gar nicht so weit gehen wie Dietrich Bonhoeffer oder Hermann Diem und den staatlichen Einzug der Kirchensteuer abschaffen. Es würde wohl völlig genügen, wenn in unserem Mitgliedschaftsrecht wenigstens an irgendeiner Stelle die freie Entscheidung des Kirchenmitglieds installiert würde. Bisher hat jeder nur die Möglichkeit zum Nein, zum Austritt aus der Kirche. Ich fände es schön, wenn wir als Kirche den Mut hätten, auf ein Ja, auf den bewussten Akt eines Eintritts in die Kirche zu vertrauen.

Mitglied einer Gliedkirche der EKD wird man durch die Taufe. Analog zu der Tatsache, dass ein Kind durch seine Geburt ungefragt Bürger eines Staates wird, wird es – meist noch als kleines Kind – ungefragt Mitglied einer Kirche. Der Theorie nach soll das Ja des Kindes in der Konfirmation nachgeholt werden. Aber auch wer sich nicht konfirmieren lässt, bleibt Mitglied der Kirche. Also ist das »Ja« des Konfirmanden für die Frage der Mitgliedschaft unerheblich.6 Zudem ist die Konfirmation im Bewusstsein der meisten Konfirmanden und ihrer Familien mehr ein Übergangsritus vom Kind zum Erwachsenen als ein Akt des Bekenntnisses zum christlichen Glauben oder ein Ja zur Mitgliedschaft in der Kirche.

Wir verpflichten die Konfirmanden zum Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes – hierzulande ein letzter schwacher Nachklang der Kirchenordnung von Herzog Ulrich, der 1536 jeden seiner Untertanen im Herzogtum Württemberg zum Besuch des Gottesdienstes verpflichten wollte und das unentschuldigte Fehlen sogar unter Strafe stellte! Wir beklagen uns dann aber hinterher, dass sich unsere Konfirmanden nach der Konfirmation von dieser Pflicht befreit fühlen! Wir sollten stattdessen den Wunsch unserer Konfirmanden und ihrer Familien nach einem Fest des Erwachsenwerdens ernst nehmen und die Konfirmation nicht mit dem Anspruch eines Bekenntnisses zum christlichen Glauben verbinden! Eine Unklarheit in der Sinngebung kann auch durch moderne Erlebnispädagogik im Konfirmandenunterricht nicht wettgemacht werden.


7. Vom Sinn der Taufe

Dass in der Gegenwart viele Eltern die Taufe ihrer Kinder unterlassen, damit diese sich selbst später entscheiden können, ob und, wenn ja, zu welcher Kirche sie gehören wollen, entspricht der pluralistischen Lage der Gegenwart. Um diesen Trend zu stoppen oder wenigstens abzubremsen, hat die EKD vor Jahren ein »Jahr der Taufe« ausgerufen. Wenn aber der gegenwärtige Mitgliederschwund für die Kirche der ausschlaggebende Grund war, um für die Taufe zu werben, so wurde durch ihr eigenes Handeln der ursprüngliche Sinn der Taufe völlig verdunkelt.

Nach dem Bericht der Evangelien hörte Jesus bei seiner Taufe die Zusage Gottes: »Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.« Entsprechend feiern wir in der Nachfolge Christi in der Taufe, wie es Johannes Brenz so trefflich formuliert hat, die Zusage Gottes, dass er »dem Getauften ein gnädiger Gott wolle sein und verzeihe ihm alle Sünden um Jesu Christi willen und nehme ihn auf an Kindes Statt und zum Erben aller himmlischen Güter«. Die Taufe ist also primär die Feier der Zugehörigkeit zu Gott und nicht etwa die feierliche Aufnahme in eine Gliedkirche der EKD. Erst sekundär wurde die Taufe zum Kennzeichen derer, die in der Nachfolge Jesu ihr Leben Gott als ihrem himmlischen Vater anvertrauen, d.h. zu einem Kennzeichen ihrer Zugehörigkeit zur christlichen Kirche.


8. Ein Plädoyer für gestufte Kirchenmitgliedschaft

Eine Mitgliedschaft, in die man ungefragt hineingetauft wird, entspricht der Gestalt von Kirche allenfalls in einer geschlossenen Gesellschaft, in der die Taufe entweder zu den selbstverständlich praktizierten Riten des Lebens gehört oder – wie zu Zeiten des Landesherrlichen Kirchenregiments – die Unterlassung der Taufe von Staats wegen unter Strafe gestellt wurde.7

Ich plädiere deshalb für eine gestufte Mitgliedschaft, die auch dem besonderen Sinn der Taufe gerecht wird: Wenn Eltern ihre Kinder zur Taufe bringen, dann feiern sie mit der Gemeinde die Zugehörigkeit ihrer Kinder zu Gott. Diese werden hereingenommen in die Gemeinschaft der Glaubenden, um vom Glauben zu erfahren und in ihn hineinzuwachsen. Sie können in einer Liste als Katechumenen geführt werden. Vollmitglied sollte jedoch nur werden können, wer die Aufnahme in die Landeskirche für sich selbst beantragt. Dabei ist es eine sekundäre Frage, ob dazu eine Glaubensprüfung erforderlich ist oder nicht. Man könnte sich vorstellen, dass die Anforderungen an den Glauben nicht konkreter sein müssen als diejenigen, die für die Eltern gelten, die ihre Kinder zur Taufe anmelden. Schon allein die Tatsache, dass ein eigener freier Willensakt der Mitgliedschaft zugrunde liegen würde, hätte vermutlich für die Gestalt und das Leben der Kirche weitreichende Konsequenzen:

(1.) Eine Kirche, die den Anspruch hat, die Bevölkerung mit dem Evangelium zu »versorgen« (diesem Anspruch aber nie gerecht wird), würde einen ersten Schritt hin zu einer Beteiligungskirche tun, in der die Kirchenmitglieder selbst Verantwortung übernehmen für ihre Kirche.

(2.) Das weitverbreitete Misstrauen gegenüber der »Institution«, unter dem nicht nur die Kirchen, sondern auch die Gewerkschaften und die etablierten Parteien leiden, würde durch die Erfahrung überzeugender Projekte und Veranstaltungen vor Ort abgebaut werden. Schon heute geben viele Menschen ihr Geld lieber für konkrete Projekte der Gemeinde vor Ort als der für sie schwer greifbaren »Institution Kirche«.

(3.) Vermutlich würde die Zahl der Mitglieder rapide sinken. Aber die Bedeutung der Kirchengemeinde innerhalb der Ortsgemeinde bzw. dem Stadtteil würde im Gegenzug enorm wachsen, da die Kirchenmitglieder die Förderung kirchlicher Arbeitszweige mehr als bisher zu ihrer eigenen Sache machen würden.

(4.) Nicht notwendig, aber doch in der Konsequenz der freien Entscheidung zur Zugehörigkeit zur Kirche läge dann auch die freie Entscheidung zur Zugehörigkeit zu einer Gemeinde. Damit würde das Wohnsitzprinzip aufgehoben. Gemeindegebiete und Seelsorgebezirke würden nicht nach Straßen, sondern nach Personen gebildet.

(5.) Auch das Bild von Kirche in der Öffentlichkeit und das Bild, das sich die Kirche von den Menschen macht, für die sie sich zuständig fühlt, würde sich ändern. Die Kirche versteht sich bisher selbst als eine Institution, die für die Menschen große Bedeutung hat, und kämpft an allen Fronten gegen den Eindruck in der Öffentlichkeit, sie habe keine Bedeutung mehr. In Zukunft würde sie eher als eine bedürftige Institution erscheinen, die auf die Unterstützung durch die Bevölkerung angewiesen ist. Und die Menschen würden für sie nicht länger als die Objekte erscheinen, die sie »erreichen« müsse, sondern als die Subjekte kirchlichen Handelns.

Das Gegenargument gegen diesen Vorschlag lautet: »Jedermann hat doch die Freiheit, aus der Kirche auszutreten. Niemand wird dazu gezwungen, in der Kirche zu bleiben.« Das stimmt. Wenn aber die Menschen heutzutage – wohl oder übel – die Freiheit haben, aus der Kirche auszutreten, warum haben wir dann Angst davor, von ihnen zu verlangen, dass sie selbst wenigstens einmal in ihrem Leben den Willen bekunden, in die Kirche einzutreten? Die Zielvorstellung einer »Kirche der Freiheit« bleibt in meinen Augen eine Mogelpackung, solange die Kirche meint, sie könne auf Dauer von der Unterlassung des Nein leben, statt darauf zu vertrauen, dass sie auch in Zukunft genug Mitglieder haben wird, die aus eigener Überzeugung Ja zu ihr sagen.


Anmerkungen:

* (Gekürztes) Referat vor der Stuttgarter Kirchenjuristenrunde am 27.10.2014.

1 Man sieht das z.B. deutlich an dem Ausmaß agnostischer Lebenshaltung in katholischen Ländern wie Spanien oder Italien und an protestantischen wie Dänemark oder Schweden.

2 Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, Siebenstern-Taschenbuch, 193. Der Vorschlag Bonhoeffers, die Pfarrer sollten von den freiwilligen Gaben der Gemeinden leben, schließt weder ein ordentliches Anstellungsverhältnis noch eine Finanzierung übergemeindlicher Aufgaben aus. Auch wäre die Abhängigkeit von der Gemeinde nicht größer als im jetzigen System die Abhängigkeit der Gemeinde von ihren Pfarrern.

3 »Es ist das Ergebnis einer Gemeinschaftsarbeit von Pfarrern und Kirchenältesten aus dem ganzen Reich, die sich in Livorno zusammenfanden, unter denen besonders Kurt Scharf, der Präses der Brandenburgischen Bekenntnissynode zu nennen ist.« Hermann Diem, Restauration oder Neuanfang in der Evangelischen Kirche? Franz Mittelbach-Verlag, Stuttgart 1946, 7.

4 A.a.O., 77.

5 Die 20 Jahre nach Kriegsende, in der die Kirche beim Aufbau der bundesrepublikanischen Gesellschaft wieder eine bedeutende Rolle spielte, bilden jedoch eine absolute Ausnahme im Prozess der Emanzipation der Gesellschaft von kirchlichen Vorgaben in den letzten 300 Jahren.

6 Dies gilt bekanntlich nicht nur für die Konfirmanden, sondern für alle Mitglieder. Eine Form von Mitgliedschaft in der Kirche anzubieten, ohne dabei ein eigenes Ja zum christlichen Glauben zu fordern, erfüllt exakt den Tatbestand, den Dietrich Bonhoeffer als das »billige Austeilen von Gnade« kritisiert hat.

7 Die Taufe zu unterlassen war ein Indiz für eine »wiedertäuferische« Gesinnung – und darauf stand seit dem Reichstag zu Speyer (1529) die Todesstrafe.



 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Eberhard Grötzinger, Jahrgang 1947, Studium in Tübingen, Marburg und Kopenhagen, Assistent bei Prof. Eberhard Jüngel, Promotion über „Luther und Zwingli“, Gemeindepfarrer in Nürtingen, Studienleiter am Pfarrseminar der Württ. Landeskirche, Gemeindepfarrer in Stuttgart, seit 2010 im Ruhestand.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2018

1 Kommentar zu diesem Artikel

21.12.2018
Ein Kommentar von Volker Bruckart


Zur Wahrnehmung von Kirchen in unserem Land gehört ja auch, dass es hier sog. Freikirchen gibt, die Grundlegendes der Vorschläge in ihrer Struktur repräsentieren. Von daher könnte der Beitrag ein guter Auftakt für einen ökumenischen Dialog nicht nur über Glaubensinhalte, sondern über Kirchenstrukturen sein.

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