Religionsphilosophie in der kirchlichen Erwachsenenbildung
Gott und die Philosophie

Von: Gereon Vogel-Sedlmayr
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Die Unterscheidung der Methoden des Denkens und Philosophierens hilft, Zugänge zur Religionsphilosophie zu erschließen. Das ist wichtig, meint Gereon Vogel-Sedlmayr, denn als Pfarrer ist man auch philosophisch gefragt. Phänomenologische, analytische und spekulative Ansätze bieten sich für die philosophierende Erwachsenenbildung an.


Religion – verloren und wiedergefunden

Das Grenzland zur Philosophie ist ein weites Feld. Man kann sich in ihm verlaufen. Es ist aber nicht verwüstet, undurchdringlich oder vermint. Über einen Weg durch dieses Gebiet berichtet etwa der Philosophieprofessor Volker Gerhardt: »Ich stamme nicht aus einem Pfarrhaus, habe zu keiner Zeit mit dem Gedanken gespielt, Theologie zu studieren, und habe es tatsächlich auch nie getan. Stattdessen bin ich gleich zu Beginn meiner wissenschaftlichen Laufbahn gänzlich unspektakulär, ohne das Bewusstsein eines Bruchs und ohne die Absicht, jemanden zu empören oder zu beschämen, aus der Kirche ausgetreten. Fünfundzwanzig Jahre später habe ich diese Entscheidung revidiert – ohne Not und ohne äußeren Anlass, mit dem Glück eines Menschen, der etwas Verlorenes wiedergefunden hat.«1

Im Grenzland zwischen Philosophie und Religion, genannt »Religionsphilosophie«, kommen natürlich nicht alle Wege an ein glückliches Ende. Trotzdem begeben sich einige Menschen in dieses unübersichtliche Gebiet. Zahlreiche Gläubige beschäftigen sich mit philosophischen Fragen – und zahlreiche Philosophie-Interessierte mit Themen der Religion. Außerkirchlich schlägt sich das z.B. in der hohen Auflage populärphilosophischer Zeitschriften nieder, die sich etwa mit der Bibel oder dem Koran befassen. Innerkirchlich erlebt man das in der Erwachsenenbildung. Es ist ein Desiderat, hier diskussionsfähig zu sein, Rechenschaft zu geben und den Glauben im Gespräch zu halten.

Als Pfarrerin oder Pfarrer fühlt man sich für die Befassung mit Religionsphilosophie allerdings schlecht gerüstet. Denn philosophische Richtungen gibt es viele. Man kann sie nicht alle kennen.2 Die Beschränkung auf eine bestimmte philosophische Richtung oder gar einen einzelnen Philosophen geht am Reichtum des Fachs vorbei. In diesem weiten Feld einigermaßen orientiert zu sein – wie soll das möglich sein?


Das Fünf-Finger-Modell

Der vorliegende Artikel greift auf eine Gedankenfigur zurück, die bei der Orientierung im Gelände hilft. Entwickelt wurde sie vom Philosophiedidaktiker Ekkehard Martens.3 Als ein einfaches Modell lässt sie sich leicht aneignen und in der Erwachsenenbildung verwenden. Wir konnten im letztjährigen Pfarrerblatt die Gedankenfigur bereits vorstellen; dabei wurde deutlich, wie gut Martin Luthers Denken mit ihr einzuordnen ist.4

Die »Kulturtechnik des Philosophierens« beruht nach Martens auf der normalen Geistestätigkeit des Menschen. Bei aller Komplexität lässt sie fünf verschiedene kognitive Prozesse erkennen: Zur Kenntnis Nehmen, Verstehen, Dekonstruieren, Konstruieren und Vermitteln. Das Philosophieren folgt dem normalen Denken in diesen fünf Methoden. Ihnen entsprechen das phänomenologische (1.), das hermeneutische (2.), das analytische (3.), das spekulative (5.) und das dialektische Philosophieren (4.) – bei der Aufzählung wird üblicherweise das spekulative nach dem dialektischen Denken als letztes genannt, aber die Reihenfolge stellt keine Wertung dar. Keiner dieser kognitiven Vorgänge lässt sich auf einen anderen zurückführen. Beim normalen Nachdenken oder Argumentieren greifen die Grundformen, Methoden oder Weisen des Denkens ineinander wie die Finger beim normalen Einsatz einer Hand. Je nach gedanklicher Aufgabe und intellektueller Richtung stehen einzelne Methoden des Denkens im Vordergrund. Auch der Typus von Wissenschaft, auf den sich die Philosophierenden beziehen, hat einen Einfluss, z.B. ist die Botanik von ihrer grundsätzlichen Ausrichtung her phänomenologisch, die Literaturwissenschaft hermeneutisch, die Linguistik analytisch, die Rechtswissenschaft dialektisch und die Theoretische Physik spekulativ.


Vorgehen

Das Fünf-Finger-Modell beansprucht zunächst einmal nicht mehr als ein Schema für die didaktische Praxis zu sein. Bei seiner Vorstellung braucht man nicht alle Aspekte entfalten. Zur besseren Überschaubarkeit und aus zeitökonomischen Gründen kann man eine exemplarische Auswahl treffen. Wir schlagen hier die Beschränkung auf drei wesentliche Bereiche des Philosophierens vor. Zumal wir gezeigt hatten, dass Martin Luther als Intellektueller seine herausragenden Stärken im Bereich des hermeneutischen und des dialektischen Denkens hatte, wenden wir uns nun schwerpunktmäßig den drei anderen Ansätzen zu – also der Phänomenologie, der Analytik und der Spekulation.5 Zu jedem Ansatz der Religionsphilosophie geben wir einen Vorschlag für eine Textauswahl oder einen Einzeltext, die in zugänglicher Sprache, aber auch in repräsentativer Weise deren zentrale Denkweise erkennen lassen. Er gibt einen Eindruck von einem Hauptstrang des religionsphilosophischen Denkens. Weitergehende Lektüre ist nicht erforderlich.

Der Referent in der erwachsenenbildnerischen Praxis kann diese Ausgangstexte etwa zusammenfassen und vortragen. Das ist die Basis für Erwachsenenbildungsveranstaltungen im Seminarstil, die nach einem Einführungsabend an drei z.B. wöchentlich aufeinander folgenden Terminen stattfinden können.


Phänomenologische Religionsphilosophie

Die Religionsphänomenologie hat ein klassisches Ausgangswerk: Rudolf Ottos »Das Heilige«, vielleicht das meistgedruckte religionstheoretische Sachbuch des 20. Jh.. Für die phänomenologische Religionsphilosophie ist es ein wichtiger Text, der allerdings der Einordnung bedarf. Dazu schlagen wir den Abschnitt aus dem von Norbert Hoerster herausgegebenen Reclam-Reader zur Religionsphilosophie vor, in dem der Klassiker auszugsweise vorgestellt wird.6 Hoerster bietet dazu – wegen der Frage der Personalität Gottes – ergänzend einen Text aus einem weiteren klassischen Werk: Martin Bubers »Ich und Du«.

Ottos und Bubers Texte sind im Reclam-Reader gerahmt von zwei Texten unterschiedlicher Tendenz: In der Einleitung macht Norbert Hoerster als Herausgeber aus seiner Ablehnung des religiösen Glaubens keinen Hehl. Demgegenüber kommt der englische Philosoph Charlie Dunbar Broad zu einer vorsichtig religionsfreundlichen Haltung und schließt mit den Worten: »Der Anspruch irgendeiner Religion oder Sekte, im Besitz der vollkommenen und endgültigen Wahrheit in ihrem Bereich zu sein, erscheint mir als zu lächerlich, um auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu verdienen. Doch die extreme Gegenposition, wonach die gesamte religiöse Erfahrung der Menschheit nichts als einziger, gigantischer Wahn ist, halte ich für fast (wenn auch nicht ganz) ebenso verfehlt.«


Analytische Religionsphilosophie

Um den analytischen Zweig der Religionsphilosophie kennenzulernen, empfiehlt sich als Ausgangstext der Artikel von William Hasker aus »The Oxford Handbook Of Philosophy Of Religion«, ursprünglich 2005; er wurde ins Deutsche übersetzt und ist in einem Band der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft gut zugänglich.7 Der Artikel ist philosophiegeschichtlich angelegt und dadurch besser zu lesen als eine systematische Abhandlung zur analytischen Religionsphilosophie.

Insbesondere erfährt man bei Hasker, dass gleichnishafte Geschichten in einer frühen Phase der analytischen Religionsphilosophie eine zentrale Rolle gespielt haben. So zunächst die vom Philosophen Antony Flew angeführte Parabel vom unsichtbaren Gärtner. Ihr zufolge verliert die Gottesvorstellung mit dem Fortschritt der Wissenschaft zunehmend an Raum. Gott stirbt gewissermaßen den »Tod der tausend Qualifikationen«. – Dieser religionskritischen Einschätzung tritt der Philosoph Basil Mitchell entgegen mit der Parabel vom geheimnisvollen Partisanen. Ihr zufolge ist Gott einem Mitstreiter im Lebenskampf zu vergleichen. Er ist als solcher aber nicht zweifelsfrei zu erkennen, eben geheimnisvoll. Manchmal agiert er auf eine schwer verständliche Weise – und fordert Vertrauen ein. Und erst am Ende, vom Eschaton her, wird erkennbar, ob man sich zu Recht auf ihn eingelassen hat.

Der »Wettbewerb der sich duellierenden Parabeln« ist unterhaltsam. Vor allem aber bietet er einen guten Einstieg in die sich nach ihren Anfängen weiter entwickelnde analytische Religionsphilosophie, sowohl mit einem religionskritischen als auch einem »theistischen« bzw. religionsapologetischen Flügel.


Spekulative Religionsphilosophie

Sowohl für die meisten Theologen als auch Philosophen hat das Wort »Spekulation« einen schlechten Klang. Spekulation ist aber nicht per se unwissenschaftlich; mit der Theoretischen Physik gibt es sogar einen hoch angesehenen Wissenschaftszweig, der im Kern spekulativ ist. Dass Spekulieren ein Grundzug des Denkens und Philosophieren ist, betont auch Ekkehard Martens. In Übernahme einer Formulierung von Paul Watzlawick ist zu sagen: »Man kann nicht nicht spekulieren.«

Für die Behandlung in der Erwachsenenbildung ist beispielsweise das vom Philosophen Hans Jonas bei Suhrkamp verlegte »Stück unverhüllt spekulativer Theologie« mit dem Titel »Der Gottesbegriff nach Auschwitz. Eine jüdische Stimme« sehr geeignet.8 Der Lebenslauf seines Verfassers – als deutscher Jude, Heidegger- und Bultmann-Schüler, Gnosis-Forscher im Exil und zuletzt als ökologisch orientierter, praktischer Philosoph bietet einen guten Einstieg.

Hans Jonas’ kurze Abhandlung ist eigentlich Text eines Vortrags für ein christlich-theologisches Auditorium. Es geht um eine spekulative Rekonstruktion des (Mono-)Theismus unter den historischen Erfahrungen des 20. Jh.. Jonas greift dazu auf die Kabbala des Isaak Luria (1534-1572) zurück. Deren Grundgedanke ist, Gott habe die Schöpfung ermöglicht durch eine Selbstkontraktion, einen Rückzug aus seiner Totalität. Durch diese Freisetzung des Freiheitsraumes habe Gott indirekt die Möglichkeit zur Negativität – Bosheit, Not und Leid – eröffnet.


Ein Abenteuer, aber kein Ersatz

Abschließend: Die kirchliche Erwachsenenbildung mit ihren Bildungsveranstaltungen bietet alle Freiheit, die das Philosophieren braucht. Lehrzucht ist ihr unbekannt. Weder Prüfungen noch Noten sind üblich. Von da her ist die kirchliche Erwachsenenbildung ein guter Ort für die Religionsphilosophie. Aber gerade in ihrer historischen und organisatorischen Anbindung wird bei ihr deutlich: Religion ist viel mehr als das Kognitive – und Philosophie ist kein Ersatz für Religion.9

Die Philosophie ist andererseits aber auch mehr als Religionsphilosophie. Mithilfe phänomenologischer, analytischer und spekulativer Ansätze erhält man zwar – wie wir gezeigt haben – eine gangbare Hilfe zur Orientierung im Grenzland von Religion und Philosophie. Das philosophiedidaktische »Fünf-Finger-Modell« von Ekkehard Martens leitet zum einfachen, aber auch niveauvollen Philosophieren an. Für Pfarrerinnen und Pfarrer, Vertreter der mittleren Intelligenz, ist das eine große Hilfe. Aber die Methoden des Philosophierens führen weiter als die historischen Religionen das können. So bleibt der kirchlichen Erwachsenenbildung, nachdem man die Religionsphilosophie kennengelernt hat, die Erinnerung an die Philosophie erhalten als eines der Abenteuer des menschlichen Geistes.


Anmerkungen:

1 Volker Gerhardt, Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche, 3. Aufl. 2015, 11. – Vgl. aus dem angelsächsischen Sprachraum Kelly James Clark (Hg.), Philosophers Who Believe. The Spiritual Journeys Of 11 Leading Thinkers, 1993.

2 Das jüngst erschienene Handbuch Religionsphilosophie und Religionskritik, hg. von Michael Kühnlein, 2018, stellt in chronologischer Reihenfolge 80 klassische Werke vor – mit einer Beschränkung auf die westlichen Tradition und auch ohne für sie nur annähernd vollständig zu sein. – Hermann Deuser unterscheidet in seinem Artikel Religiosphilosophie, in: RGG4 Bd. 7, 2004, Sp. 355-371, immerhin sechs Typen, diverse Formen und drei »Gestalten« von Religionsphilosophie. Bezeichnenderweise begegnet in dessen fünf Jahre später erschienenen Lehrbuch Hermann Deuser, Religionsphilosophie, 2009, wiederum eine andere Systematik.

3 Ekkehard Martens, Methodik des Ethik- und Philosophieunterrichts. Philosophieren als elementare Kulturtechnik, 9. Aufl. 2016 (Erstauflage 2003).

4 Gereon Vogel-Sedlmayr, Mit Luther philosophieren. Luthers Theologie für die kirchliche Erwachsenenbildung erschließen, DPfBl 117 (2017), 516-523 bzw. http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv.php?a=show&id=4358.

5 Selbstverständlich lassen sich auch geeignete Beispiele für die hermeneutische oder die dialektische Perspektive finden. Als klassische Texte wären für die Hermeneutik etwa z.B. eine Predigt von Meister Eckhart (erklärt und didaktisch aufbereitet von Volker Friederking in: E. Martens/E. Nordhofen/J. Siebert (Hg.), Philosophische Meisterstücke 2, 2001, 32-53) und für die Dialektik etwa ein Dialog von Nikolaus von Kues (erklärt und didaktisch aufbereitet von Eckhart Nordhofen, in: E. Martens/E. Nordhofen/J. Siebert (Hg.), Philosophische Meisterstücke 1, 1998, 44-55) zu nennen.

6 Norbert Hoerster (Hg.), Glaube und Vernunft. Texte zur Religionsphilosophie, 11979-31999, 130-164.

7 Bernd Irlenborn und Andreas Koritensky (Hg.), Analytische Religionsphilosophie, 2013, 19-47.

8 Hans Jonas, Der Gottesbegriff nach Auschwitz. Eine jüdische Stimme, 1984/1987. – Eine andere Möglichkeit wäre z.B. die als »spekulative Philosophie« konzipierte Prozessphilosophie in Anschluss an Alfred N. Whitehead.

9 Winfried Löffler, Einführung in die Religionsphilosophie, 2006, 33.



Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. theol. Gereon Vogel-Sedlmayr, Jahrgang 1964, Promotion mit einer religionswissenschaftlichen Arbeit, 1999-2013 Vorsitzender des Evang.-luth. Bildungswerkes Passau, seitdem Gemeindepfarrer in der Nähe von München.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2018

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