Gedanken zum Krippenspiel
Waren Ochs, Esel und Wirt damals dabei?

Von: Martin Grab
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

In vielen Gemeinden wird wieder kräftig geprobt: Heiligabend steht vor der Tür, und da gehören für viele – Pfarrer*innen wie Gemeindeglieder – Krippenspiele einfach dazu. Klar, der Gottesdienst am 24. Dezember ist dann etwas unruhiger. Klar, es ist dann schon aus Zeitgründen nicht so gut möglich, die Botschaft von der Kanzel zu verkündigen, weil der Gottesdienst zu lange dauert. Klar, der Gottesdienst mit Krippenspiel sorgt für jede Menge vorweihnachtlichen Stress und Adrenalinauswurf. Aber hinterher war es dann doch ganz schön, vielleicht von Jahr zu Jahr schöner.


Heiligabend ohne Krippenspiel?

Heiligabend ohne Krippenspiel? Undenkbar, sagen viele.

Eine Vorbemerkung: Ich habe größten Respekt vor allen kleinen und großen Menschen, die ihrer Kirchengemeinde viel Zeit und Energie schenken, wenn sie ein Krippenspiel einüben! Bei aller Wertschätzung für Krippenspiele und die, die damit befasst sind, schadet es aber vielleicht doch nicht, einmal etwas kritisch zu beleuchten, was wir machen, wenn wir ein Krippenspiel aufführen bzw. aufführen lassen.

Niemanden stört es, wenn Krippenspiele jährlich in etwa gleich ablaufen. Und das ist wahrhaftig nicht despektierlich gemeint. Es gibt in jeder Familie wichtige und wertvolle Heiligabend-Traditionen, die jährlich wiederkehrend exakt wiederholt werden – da muss das Krippenspiel nicht immer Neues bieten. Im Gegenteil: Ich hatte zweimal recht unfriedliche Heiligabendgespräche an der Kirchenausgangstüre. Das eine Mal, als die Mitglieder des Kirchengemeinderats und ihre Partner*innen das Krippenspiel aufführten; das andere Mal, als es nicht nur um Josef und Maria ging, sondern um ein Weihnachtsfest der Tiere …


Der Klassiker des Krippenspiels

Der Klassiker des Krippenspiels läuft – in etwa – so ab: Maria und Josef werden in Bethlehem abgewiesen – ein zugiger Stall dient als Unterkunft – Hirten auf dem Feld unterhalten sich – ein Engel und ein Stern tauchen auf – die Hirten gehen zum Stall – (manchmal:) Ankunft der Sterndeuter aus dem Zweistromland – Message.

Zu Jahresbeginn haben einige Kolleg*innen aus unserer Kehler Region mich Einblick nehmen lassen in ihre Krippenspiele der vergangenen Jahre. Diese bestätigen den oben angeführten Grundablauf im Wesentlichen.

Festzuhalten ist allerdings: Von dem, was da an Heiligabend gespielt wird, ist manches in keiner Weise durch den biblischen Befund gedeckt. Genauer: Krippenspiele haben einiges zum biblischen Text hinzugefügt, also frei erfunden. Biblisch belegt ist bei Lk. lediglich, dass Maria und Josef nach Bethlehem kamen, dort Jesus zur Welt kam und in eine Krippe gelegt wurde (weil sie wohl weder ein Reisebett noch einen Babysafe mit sich führten); einigen Hirten, die sich nachts im Freien befanden, überbrachte ein Engel die Botschaft, dass »Christus, der Herr« geboren sei und sie ihn in einer Futterkrippe finden würden. Die Hirten gingen dorthin und erzählten später von dem Geschehen. Bei Mt. sehen einige (nicht unbedingt drei) Astrologen aus dem Irak (nicht Könige, wohl auch nicht Heilige) eine auffällige Sternenkonjunktion, schließen auf die Geburt eines neuen Königs, fragen beim seitherigen Stelleninhaber nach, werden, indem sie dem Stern folgen, zum Ort des Geschehens geführt, beten das Kind an und überbringen drei Geschenke, um dann auf Grund eines Traumes auf einem anderen Weg in die Heimat zurückzukehren.


Fehlanzeigen

Erkenntnis Nr. 1: In den Weihnachtsgeschichten, die die Evangelien uns bezeugen, ist von folgendem nicht die Rede:
– von einem überfüllten Bethlehem
– von unfreundlichen, schimpfenden Wirten
– von einem Stall
– von Ochs und Esel
– von Hirten, die einen Stern sahen und dem folgten
– von einem großen Meeting (Hirten, »drei Könige«).

Diese Erkenntnis ist per se keineswegs dramatisch. Aber welche Folgen hat sie? Um Hinweise darauf zu finden, habe ich zwischen Januar und März dieses Jahres etwa 200 Menschen ganz unterschiedlichen Alters, Milieus und Bildungsgrades eine kleine Umfrage zur Weihnachtsgeschichte überreicht. Darunter waren Schüler*innen aus den Klassen 5, 7, 11 und 12, eine Konfirmandengruppe, ein komplettes Lehrerkollegium eines Gymnasiums, Gemeindegruppen (KGR, Frauenkreis, Besuchsdienstkreis, Treffpunkt Bibel), Pfarrer*innen, Mitarbeitende in unserer Kirchengemeinde. Der Rücklauf war enorm, es kamen 163 ausgefüllte Umfrageblätter zurück.


Eine kleine Umfrage zur Weihnachtsgeschichte

Bei keiner der Fragen waren Antwortoptionen vorgegeben. Von den gestellten zehn Fragen will ich auf fünf eingehen:


1. Wie kamen Josef und Maria nach Bethlehem?

40%: zu Fuß
37%: Maria auf dem Esel und Josef zu Fuß
22%: mit dem Esel

Biblischer Befund: Weder bei Lk. noch bei Mt. wird etwas davon erwähnt.

2. Wie erging es ihnen bei der Suche nach einer Unterkunft in Bethlehem?

32%: alle Zimmer waren belegt
28%: sie wurden abgewiesen
15%: es ging ihnen schlecht

Biblischer Befund: Nirgendwo ist von einem überfüllten Bethlehem die Rede oder von einer Herbergssuche; und schon gar nicht von unfreundlichen Bewohnern Bethlehems.


3. Wo übernachteten Maria und Josef?

80%: in einem Stall

Biblischer Befund: Ein Stall als Geburtsort wird weder bei Mt. und Lk. noch sonst im NT erwähnt.


4. Befand sich dort noch jemand bei ihnen?

78%: Ochse, Esel, Tiere

Biblischer Befund: Weder Ochs noch Esel noch andere Tiere werden erwähnt.


5. Wodurch fanden die Hirten (!) den Weg zu dem neu geborenen Kind?

83%: durch den Stern
9%: durch den Engel
8%: Sternschnuppe, Komet

Biblischer Befund: Der Stern gehört zu Mt.; die lk. Hirten gehorchen dem Engel. Hirten und Stern haben nichts miteinander zu tun.


Bilder prägen unsere Wahrnehmung

Aus diesen Zahlen ergibt sich Erkenntnis Nr. 2: Ausgerechnet in der Kirche des Wortes fußt die Wahrnehmung des Weihnachtsgeschehens nicht auf dem in der Schrift bezeugten Wort Gottes, sondern orientiert sich an dem, was sich Augen und Ohren jahrzehntelang in Krippenspielen eingeprägt hat. So lenken viele Krippenspiele die Wahrnehmung unserer Gemeindeglieder in eine Richtung, die vom biblischen Befund her in keiner Weise gestützt wird.

Nicht verschwiegen werden darf Erkenntnis Nr. 3: Die Hinzunahme von Wirtsleuten in das Geschehen ist eine theologische Katastrophe. Dieser steile Satz will freilich erklärt werden: Dass die Wirte Bethlehems dem herbergssuchenden Josef nicht sofort um den Hals fallen, ist dramaturgisch nachvollziehbar und führt zu einer Lieblingsrolle für Jungs: »Böses Gesindel« brüllen, die Türe mit lautem Knall zuwerfen und wenig Text – eine Superrolle! Aber harmlos ist das nicht. Die Wirte (mal wieder die Männer) stehen stellvertretend für die unfreundliche Bevölkerung Bethlehems, diese stellvertretend für …? »Nein«, rufen wir entsetzt, »sie stehen nicht stellvertretend für die unfreundlichen Israeliten!« – Doch! Ich fürchte, dass es genau so ist. Und unbewusst so wahrgenommen werden kann. Und damit stehen die Wirte in der gleichen Tradition wie Ochse und Esel: als Zeichen der Unfähigkeit und Unwilligkeit Israels, das Geschehen zu begreifen und den Heiland der Welt bei sich aufzunehmen.


Latenter Antijudaismus

Während Ochse und Esel ihr Dasein im Stall nicht zuletzt dem israelfeindlichen Jes. 1,3 (»Ein Ochse kennt die Krippe seines Herrn, aber Israel kennt’s nicht und mein Volk versteht’s nicht«) zu verdanken haben, erinnert der Auftritt der Wirte an Joh. 1,11: »Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.« Auch wenn wir dies nicht beabsichtigen, mit der Verwendung der abweisenden Wirte eröffnen wir den beim Krippenspiel Anwesenden einen latenten Antijudaismus als Deutungsmöglichkeit.

Art. 3 der Grundordnung der Badischen Landeskirche hält unmissverständlich fest: »Die Evangelische Landeskirche in Baden … verurteilt alle Formen der Judenfeindlichkeit.« Wir Pfarrer*innen tun das auch. Alle. Und gerade darum sei es uns eingeschärft, über die Rolle der Wirte noch einmal gründlich nachzudenken.


Drei Vermutungen

So sind also drei Vermutungen festzuhalten:

1. Ich vermute, dass Krippenspiele sich auf unser Bild vom Weihnachtsgeschehen stärker auswirken als die auf der Bibel fußende Kenntnis des weihnachtlichen Geschehens aus Religions- und Konfirmandenunterricht und Kindergottesdienst.

2. Ich vermute, dass das bei den Synoptikern überlieferte weihnachtliche Geschehen nicht genug Stoff für Krippenspiele hergibt.

3. Ich vermute, dass Krippenspiele gar nicht so nett und harmlos sind, weil sie durch die Hinzufügung von Wirten eben auch als wirkmächtige Transportunternehmen eines latenten Antijudaismus fungieren.


Fünf abschließende Gedanken

• Wenn im Gottesdienst ein Krippenspiel aufgeführt wird, ist eine Hinführung unverzichtbar. In ihr muss auch geklärt werden, dass einiges von dem, was zu sehen/hören sein wird, frei erfunden ist. Exegetisch sauber wäre, das Nicht-Historische auch zu benennen. All dies kann natürlich auch in einer kurzen Ansprache nach dem Krippenspiel seinen Ort finden.

• Sauber zu klären sind die Rollen: Braucht mein Krippenspiel wirklich die Bethlehemer Wirtsleute? Von den Evangelien her indizierte Alternativen könnten die Hirten bzw. die Astrologen/Gelehrten in den Mittelpunkt stellen. Es könnten auch Kranke und Vereinsamte an der Krippe auftauchen – eine Prospektive auf Jesu Lebensweg. Aber auch das wäre vor bzw. nach dem Krippenspiel als Hinzufügung zu benennen.

• Das Krippenspiel ersetzt die nicht Lesung des Weihnachtsevangeliums, im Gegenteil: Da wir redliche Theolog*innen sind und dies auch bleiben wollen, sind wir unseren Gemeinden – erst recht denen, die nur einmal pro Jahr kommen – das Weihnachtsevangelium schuldig; nur eine »so-könnte-es-gewesen-sein«-Geschichte zu spielen, reicht nicht aus.

• Im lk. Weihnachtsgeschehen »passiert« nicht viel. Deshalb ist es ohne Hinzufügungen nur schwer spielbar. Die mt. Version wird ohne den Hinweis auf die üblen Pläne des Herodes jeglicher Dramatik entbehren. So ist zu fragen, inwieweit das eigentliche Weihnachtsgeschehen überhaupt spielbar ist.

• Es gibt noch andere große Feiertage mit wesentlich mehr Dynamik. Vielleicht wäre es ja ein recht verheißungsvoller Weg, einmal ein Osterspiel oder ein Pfingstspiel einzuüben und in den Mittelpunkt eines Festgottesdienstes zu stellen.

So mögen alle für den Gottesdienst Verantwortlichen Konsequenzen für sich selbst ziehen – oder auch nicht! 1. Thess. 5,21 gibt uns die Freiheit dazu.


Martin Grab

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Martin Grab, Jahrgang 1959, seit 33 Jahren im Dienst der Evang. Landes­kirche in Baden, stellv. Vorsitzender der Badischen Pfarrvertretung, Pfarrer in Rhein­bischofsheim.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2018

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Mehr Schöpfer wagen
Von der Bedeutsamkeit eines vertieften Lebens mit dem Schöpfer für den Pfarrberuf
Artikel lesen
»Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht«
Karl Barth und Charlotte von Kirschbaum
Artikel lesen
Mit dem Glauben ernst machen
Modernes Weltbild und Theologie
Artikel lesen
»Santa Claus is coming to town«
Zur theologischen Grundlegung der häuslichen Feier des Weihnachtsfestes
Artikel lesen
Am Anfang war 2017
www.forumreformation.de macht weiter bis 2030!
Artikel lesen
Jahreslosung 2019
Psalm 34,15: »Suche Frieden und jage ihm nach!«
Artikel lesen
Warum das Faultier an Gott erinnert

Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!