Schalom für die Erde

Von: Peter Haigis
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Kurz vor Weihnachten kehrte der deutsche Astronaut Alexander Gerst von seiner jüngsten Mission im All zurück. Mehr als ein halbes Jahr war er in einer 400 Kilometer von der Erde entfernten Raumstation im Einsatz. Wenige Wochen vor seiner Rückkehr sprach Gerst eine Botschaft auf an seine noch nicht geborenen Enkelkinder – Gerst ist 42 Jahre alt. In seiner Nachricht entschuldigt er sich bei der künftigen Enkelgeneration für den schlimmen Zustand, in dem die aktuell lebenden Generationen voraussichtlich den Heimatplaneten Erde nachkommenden Generationen übergeben werden. 

Die Bedrohungen, die Gerst nennt, sind bekannt: die Verpestung der Atmosphäre mit Kohlendioxid, die Klimaerwärmung, die Rodung der Wälder, die Verschmutzung der Weltmeere durch nicht abbaubaren Müll und Mikroplastik, die rasche und ungebremste Ausbeutung nicht nachwachsender Rohstoffe… Bereits in den 1970er Jahren sorgten vergleichbare Diagnosen für das Aufkommen grüner Politik in Deutschland und anderswo. Dass es überhaupt eine umweltsensible Politik gibt, ist das Ergebnis damaliger Einsichten. Doch weit gekommen ist die Menschheit mit ihrer ökologischen Wende noch nicht. Die Entwicklungen alternativer Energietechniken sowie einer nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweise, eines schonenden Ressourcenverbrauchs oder einer Abfallwirtschaft mit geringeren Umweltbelastungen erweisen sich als viel zu langsam und träge, weswegen gravierende Folgeschäden absehbar sind.

Eben dies beklagt Gerst in seiner Videobotschaft. Diese hat natürlich mindestens zwei Empfänger: die von ihm ausdrücklich angesprochenen künftigen Enkelkinder, die diesen Heimatplaneten von den gegenwärtig lebenden Generationen erben werden, aber eben auch die jetzt lebenden Generationen – die Politiker, die gegenwärtig Entscheidungen geopolitischen Ausmaßes treffen, und natürlich alle Menschen, insofern sie mit ihrem Lebensstil zum Zustand des Planeten Erde beitragen. Es ist für Gerst nicht nötig, an dieser Stelle konkreter zu werden, denn auch die Maßnahmen, um die es gehen muss, sind bekannt. Auch werden nicht alle relevanten Entscheidungsträger seine Botschaft hören bzw. ernst nehmen. Und doch spricht sich in Gersts Videobotschaft die Hoffnung aus, die Menschheit könne eine Kehrtwende vollziehen und das schlimmste Übel damit abwenden.

Alexander Gerst wurde durch seinen Aufenthalt im Weltraum zu seiner Botschaft motiviert. Der Blick aus dem Abstand heraus auf den Mutterplaneten Erde hat ihn berührt. Er lässt die Schönheit, ja Kostbarkeit jener blauen Insel des Lebens in der öden kosmischen Nacht besonders deutlich werden und sensibilisiert zugleich für die Zerbrechlichkeit des »Raumschiffs Erde«, wie Gerst es nennt. Und der Blick aus einer gewissen Distanz lässt auch die Probleme, über die Staaten und Völker miteinander in Streit geraten und Kriege führen, schrumpfen. Aus kosmischer Perspektive wirkt vieles davon kleinkariert, egoistisch und beschränkt.

Gerst ist nicht der erste Astronaut, der derlei Erfahrungen macht und teilt. Andere vor ihm haben Ähnliches verlauten lassen. Freilich kann nicht jeder der gegenwärtig 7 Mrd. Erdbewohner mal kurz in 400 Kilometer Entfernung aufsteigen, um dann emotional berührt davon den eigenen Lebensstil zu ändern. Das ist aber auch nicht notwendig, da wir über Internet und Medien genügend Möglichkeiten haben, den Blick auf die Erde aus jener Perspektive einzufangen und damit eben jene einzigartige Erfahrung nachzuempfinden.

Die Jahreslosung für das eben begonnene Kalenderjahr 2019 spricht vom Frieden, dem es nachzujagen gilt – eine Herausforderung, die heute so aktuell ist wie vor zweieinhalbtausend Jahren. Vielleicht deshalb, weil der Mensch so schwerfällig ist zu lernen, welche Voraussetzungen und Rahmenbedingungen dem Leben im Frieden dienen; ganz gleich, ob damit der Friede zwischen Nachbarn oder Völkern, der Friede mit sich selbst, mit der Schöpfung oder mit Gott gemeint ist (»Schalom« ist bekanntlich ein sehr umfassender Begriff). Vielleicht hat der Mensch aber gerade wegen dieser Schwerfälligkeit auch die permanente Erinnerung daran umso nötiger, was von ihm gefordert ist: nämlich sich abzukehren vom Bösen und Gutes zu tun, den Frieden zu suchen und ihm nachzujagen – in welcher Form auch immer diese Erinnerung an ihn herangetragen wird: in der Videobotschaft des Astronauten Alexander Gerst oder im Denkspruch, den die Jahreslosung 2019 bietet.

Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis. 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2019

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen
Würde – was den Einzelnen und die Gesellschaft stark macht
Gerald Hüthers neurowissenschaftlicher Umkehrruf
Artikel lesen
Gute Noten, verbesserungsfähige Quoten und Ansätze zur Weiterentwicklung
Ergebnisse der Mitgliederbefragung 2018
Artikel lesen
Sexagesimae (2. Sonntag vor der Passionszeit)
24. Februar 2019, Apostelgeschichte 16,9-15
Artikel lesen
»… um des Menschen willen – Zeit für Freiräume 2019«
Überlegungen zu einem landeskirchlichen Projekt
Artikel lesen
Estomihi (Sonntag vor der Passionszeit)
3. März 2019, Lukas 10,38-42
Artikel lesen
Schalom für die Erde

Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!