Formen religiöser Vergemeinschaftung und die Rolle der Organisation
Was wird aus der Kirche?

Von: Birgit Weyel
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Seit den 1970er Jahren betreibt die EKD eine Art demoskopische Selbstbefragung. Darin drückt sich ein Wandel ihres Selbstverständnisses aus: weg von einer Institution im klassischen Sinn hin zu einer Organisation im modernen Sinn. Dabei ist zu berücksichtigen, dass das, worum es Kirche in erster Linie gehen muss, eigentlich unorganisierbar bleibt. Vor diesem Hintergrund erläutert Birgit Weyel neue Beschreibungsformen religiöser Vergemeinschaftung, wie sie sich in der V. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung niedergeschlagen ­haben.


1. Was wird aus der Kirche? Kirche wird Organisation

»Was wird aus der Kirche? So fragt jemand, der Interesse an ihr hat, der sie liebt. Er beobachtet ihre Entwicklung aufmerksam, um sowohl Probleme als auch Chancen möglichst klar zu erfassen und Ansatzpunkte förderlichen Handelns zu finden.«1

Mit den hier zitierten Worten stellen die Herausgeber der zweiten EKD-Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung Johannes Hanselmann, Helmut Hild und Eduard Lohse 1984 ihre Ergebnisse vor. Seit 1972 werden im 10-Jahresrhythmus die Untersuchungen zur Kirchenmitgliedschaft durchgeführt. Sie erheben und analysieren Entwicklungen und Tendenzen im Längsschnitt und können daher über die Jahrzehnte hinweg tatsächlich Tendenzen erkennen lassen, also auf Entwicklungen der Kirche aufmerksam machen, auch wenn natürlich niemand in die Zukunft sehen kann. »Was wird aus der Kirche?« der Titel der II. KMU macht freilich eine Besorgnis ausdrücklich, die bereits in der I. KMU titelgebend zum Ausdruck kam: »Wie stabil ist die Kirche? Bestand und Erneuerung.«


Demoskopische Selbstbefragung

Dass man zu Beginn der 1970er Jahre damit begonnen hat, Kirchenmitgliedschaft empirisch nachzufragen, ist kein Zufall. Die I. KMU ist als eine demoskopische Umfrage konzipiert, vergleichbar der politischen Meinungsforschung dieser Zeit, in der Mitglieder nach ihren Wahrnehmungen und Motiven befragt werden. Im Klappentext der I. KMU heißt es: »Wofür zahlen sie die Kirchensteuer, wenn sie doch kaum in die Kirche gehen? Was hält die Mitglieder in der Kirche, an der manche so viel auszusetzen haben und die andere so kalt läßt? Was für eine Wahrnehmung von der Kirche, welches Urteil über sie, welche Erwartung an sie drücken sich in der Mitgliedschaft aus?«

Dass 1974 so gefragt wurde, hängt mit den Kirchenaustrittswellen Ende der 1960er Jahre zusammen. Die Besorgnis mutet aus heutiger Sicht für diesen Zeitpunkt, Anfang der 1970er Jahre, einigermaßen übertrieben an, wenn es etwa heißt: »Kündigt sich in ihnen [d.h. den Austritten] das vielberufene Ende der Volkskirche an?«2 Bemerkenswert ist aus meiner Sicht die teils implizite, teils explizite Haltung, die in der Befragung erkennbar wird. Die Kirche interessiert sich für die Wahrnehmungen ihrer Mitglieder. Gewiss ist ihr zentrales Movens die Sorge um den eigenen Fortbestand, aber sie erkennt ausdrücklich an, »daß die Volkskirche u.a. von ihren Mitgliedern lebt und ihre Unterstützung erhält, insofern sie für diese da ist und Bedeutung hat.«3

Schon die begriffliche Unterscheidung zwischen »der Kirche« und »ihren Mitgliedern« macht freilich auch darauf aufmerksam, dass sich hier (die) Kirche als Organisation versteht. Als eine Organisation, die – und darin kommt der Organisationscharakter noch deutlicher zum Tragen – nach »Maßnahmen zum Ausgleich mit den an die Kirche gerichteten Erwartungen«4 fragt. Und tatsächlich sind seither Kirchenreformprogramme in hoher Auflage, seien diese der Selbstbezeichnung nach missionarisch, seien sie volkskirchlich, jedenfalls als strategische Maßnahmen zur Stabilisierung bzw. Rekrutierung von Kirchenmitgliedern aufgelegt worden, von denen das Papier »Kirche der Freiheit« (2006) nur ein vielbeachtetes Reformpapier von vielen ist.


Von der Institution zur Organisation

Interessant ist aus meiner Sicht, dass sich hier »die Kirche«, genauer gesagt: die Kirchenleitung auf Ebene der EKD und 2006 namentlich das Reformbüro, als Organisation auf den Plan tritt, durchaus vergleichbar mit politischen Parteien und anderen gesellschaftlichen Organisationen als eine soziale Struktur, die aus dem planmäßigen und zielorientierten Zusammenwirken von Menschen entsteht.

Dadurch jedoch stellt die Kirche ihren Charakter als Institution selbst in Frage und es ergibt sich eine eigentümliche Paradoxie. Denn die Kirchenmitgliedschaft in einer im Verhältnis zur Wohnbevölkerung und in absoluten Zahlen kleiner werdenden Volkskirche folgt nach wie vor wesentlich den Logiken einer Institution. Der Kirche gehört man »zunächst ganz selbstverständlich, gleichsam passiv«5 an. Die Zugehörigkeit zur evang. Kirche ist, auch heute noch, wesentlich traditions- und konventionsorientiert, d.h. mit der Herkunftsfamilie und der eigenen Sozialisation verbunden, der rituellen Begleitung von biografischen Übergängen durch Kasualien und der Teilnahme an Gottesdiensten an besonderen Feiertagen. Die große Mehrheit der Mitglieder teilt eigenen Angaben zufolge stabile allgemeine Überzeugungen wie den christlichen Glauben oder die christliche Lehre, auch wenn im Einzelnen ganz Unterschiedliches damit verbunden wird. Die Mehrheit der Mitglieder identifiziert sich mit Diakonie und Seelsorge, auch wenn sie diese nicht selbst in Anspruch nimmt und sie verbindet mit ihrer Kirchenmitgliedschaft mehr generalisierte, als konkret erfahrungs- und interaktionsbezogene Motive.6

Es ist von daher nicht unproblematisch, wenn die Kirche im Zuge der Verstärkung ihres Organisationscharakters mehr und mehr eben dieses relativ stabile Zugehörigkeitsmuster, das dem einer gesellschaftlichen Institution folgt, aus dem Blick zu verlieren droht, institutionell geprägte Mitgliedschaftsverhältnisse problematisiert, ja ihre Berechtigung in Frage stellt.

Der Titel der Broschüre zur V. KMU aus dem Jahr 2014 zeigt ganz deutlich eine solche Perspektivverschiebung an, denn diese heißt: Engagement und Indifferenz, als wären Engagement und Indifferenz zwei prägnante Profile der Kirchenzugehörigkeit, die ein Spannungsverhältnis erzeugen, zwischen denen es nicht auch und vor allem eine stabile und breite Mitte gibt, die, aus welchen Gründen auch immer, zwar für kein kirchengemeindliches Engagement im Sinne vereinskirchlicher Beteiligung zur Verfügung steht, aber sich dennoch mit der Kirche positiv identifiziert und die Ziele der Organisation unterstützt. Man kann es als einen Ausdruck von Ambiguitätsintoleranz interpretieren, wenn Kirchenmitgliedschaft seitens der Kirche als Organisation in dieser Weise als entweder-oder, engagiert oder indifferent, vereindeutigt wird.


Ein erstes Fazit

In den letzten 50 Jahren gewinnt die Kirche immer stärker den Charakter einer Organisation, die dadurch gekennzeichnet ist, dass sie ihre Mitglieder als Mitglieder wahrnimmt, die sie, die Kirche, erreichen möchte, indem sie die Motive ihrer Mitgliedschaft erforscht, Einfluss auf die Mitgliedschaftsentscheidung zu nehmen versucht, Handlungsorientierung durch das Interesse an ihrer eigenen Stabilität gewinnt und sich grundsätzlich als eine Steuerungsinstanz versteht, die Handlungsstrategien entwirft und umzusetzen versucht. Und dies hat, das ist mein Punkt, durchaus Rückwirkungen auf den Institutionencharakter von Kirche, der gerade von der Selbstverständlichkeit lebt, dass Kirche Teil gesellschaftlicher Ordnung ist, d.h. habitualisiert und typisiert wird, jedenfalls nicht permanent infrage gestellt ist.


2. Was wird aus der Kirche? Man kann nicht nicht organisieren!

Es würde freilich zu kurz greifen, den Organisationscharakter von Kirche grundsätzlich zu kritisieren. Jan Hermelink hat in seiner Kirchentheorie »Kirchliche Organisation und das Jenseits des Glaubens« darauf aufmerksam gemacht, dass es kein Zuviel oder Zuwenig an Organisation geben kann, sondern dass es wesentlich organisationstranszendente Züge der Kirche sind, zu denen sich die Kirchenmitgliedschaft wesentlich ­verhält.


Organisationstranszendenz

Organisationstranszendenz meint, dass eben das, worum es in der Kirche gehen muss, nicht organisiert werden kann: Begegnungen und Gespräche, in denen es um Themen des Glaubens geht, in denen das Evangelium in Wort und Tat mitgeteilt wird. Neben dem institutionellen Charakter ist Kirche ganz wesentlich konkrete Interaktion, die als Interaktion – und das ist eine Pointe Hermelinks7 – keineswegs spontan oder – spirituell überhöht – etwa unverfügbar sei, sondern organisiert werden muss. Es müssen Gelegenheiten, Möglichkeiten der religiösen Kommunikation geschaffen werden. Unverfügbar ist nur, ob in dieser Kommunikation tatsächlich – wie es die Confessio Augustana ausdrückt – Glaube entsteht. Aufgabe der Kirche als Organisation aber ist es, »Gelegenheiten für Interaktionen [zu] schaffen, also entsprechende zeitliche, räumliche, soziale und nicht zuletzt thematische Arrangements vor[zu]halten«8, in denen christlicher Glaube mitgeteilt und gelebt werden kann. Tatsächlich kommt es wesentlich darauf an, die institutionellen Rahmenbedingungen für solche Interaktionen zu schaffen.


Das Nicht-Organisierbare organisieren

Mit der Kritik an der Organisationsförmigkeit von Kirche sind dann aber überwiegend solche Regimes9 anzusprechen, die explizit einer betriebswirtschaftlichen Logik zugeordnet werden können, auch der Semantik nach auf die Ökonomie verweisen und damit gerade in einen Widerspruch zu religiöser Kommunikation treten.10

Tatsächlich bleibt zurückzufragen, ob die Orientierungen, die in der Organisation die Überhand gewinnen, möglicherweise den der Kirche – theologisch gesprochen – vorgegebenen Auftrag aus den Augen verlieren. Die Notwendigkeit der kritischen Selbststeuerung von Kirche ist ganz offensichtlich. Stets bleibt die Kirche als Organisation auf die konkrete Gestaltung der Praxis, ihre Regimes, zu befragen. Sie muss sich auf die Glaubenspraxis im Sinne ihrer Ermöglichung funktional beziehen und somit Rahmenbedingungen schaffen, welche die Glaubenspraxis nicht verhindern, sondern vielmehr fördern und unterstützen.

Um es im Anschluss an Niklas Luhmann zu sagen: Kirche muss das Nicht-Organisierbare organisieren. Das ist nicht einfach ein Widerspruch, sondern verweist auf den Zweck der Organisation Kirche, die nach protestantischem Verständnis kein Selbstzweck, ­sondern funktional begründet ist.


Rahmenbedingungen der evangelischen Kirche in Deutschland

Die Rahmenbedingungen der evangelischen Kirche in Deutschland haben sich in den letzten 50 Jahren freilich sehr verändert. 1950 noch waren 95,8% der Wohnbevölkerung in Deutschland Mitglied einer der beiden Kirchen. Es gab nur 4,2% andere. Mehr als 50%, nämlich 51,5% waren evangelisch, 44,3% katholisch. Zum Vergleich nehme ich die Zahlen wiederum nur für Westdeutschland aus dem Jahr 2010: 68,4% sind Mitglied einer der beiden christlichen Kirchen, davon 31,9% evangelisch und 36,5% katholisch. Zwar kann man nicht wirklich seriös etwas über die Zukunft sagen, aber wenn sich diese Entwicklungen so fortsetzen, dann ist es realistisch, dass der Anteil der evangelischen Kirchenmitglieder an der Wohnbevölkerung in Deutschland weiter abnehmen wird.

Angesichts dieser Entwicklungen von Erosion, Schrumpfung oder Abschmelzung zu ­reden, wie es beispielsweise Detlef Pollack in einer Artikelserie im »Deutschen Pfarrerblatt« 2016 getan hat, ist zu hinterfragen. Im Sinne einer kritischen Selbstreflexion von Kirche ist es m.E. problematisch, diese Entwicklungen zu dramatisieren. Sehnt man sich tatsächlich in das Jahr 1950 zurück? Die evangelische Kirche wird kleiner und das wirft erhebliche organisatorische Probleme auf, aber ihre Wesensbestimmung ist nicht tangiert. Die Rahmenbedingungen, die mit der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung einhergehen, sind dem Einflussbereich kirchlicher Organisation schlichtweg entzogen: nämlich demografische Entwicklungen, die gesellschaftliche Pluralisierung und die Zuzüge aus Ländern mit mehrheitlich katholischer oder muslimischer Konfession – um nur einmal drei Faktoren zu nennen.


Entwicklungen realistisch wahrnehmen

Die evangelischen Kirchenmitglieder sind weniger geworden – und werden voraussichtlich auch künftig weniger. Darauf muss die Kirche als Organisation reagieren, aber ich halte es im Sinne einer auf die Glaubenspraxis hin orientierten reflektierten Selbststeuerung von Kirche für notwendig, diese Entwicklungen realistisch wahrzunehmen, die eigenen Steuerungsmöglichkeiten realistisch einzuschätzen. Dazu gehört auch, sich gut zu überlegen, welche Worte man wählt, um diese Entwicklungen zu beschreiben. Überalterung und Schrumpfung sind mit einer evangelischen Glaubenspraxis nicht zu vereinbaren und man sollte auch nicht gedankenlos mal ein »nur noch« fallen lassen, wenn es immerhin um fast ein Drittel der deutschen Wohnbevölkerung geht. Und es wäre unverantwortlich, wenn auch populär, Erwartungen zu wecken, diese Entwicklungen rückgängig machen zu können. Solche Phantasien wie »Wachsen gegen den Trend«, ein Programm der 1990er Jahre, führen letztlich zu Überforderung und Frustration, sie haben häufig spezifische kommunikative Funktionen, die primär kirchenpolitisch und nur nach innen gerichtet sind.


3. Was wird aus der Kirche? Unterschiedliche Formen religiöser Vergemeinschaftung

In den letzten Jahren sind solche Konzepte von Kirche bzw. religiöser Vergesellschaftung in der Kirchentheorie thematisch geworden, die alternative Zugänge und Beschreibungskategorien verwenden. Es bietet sich daher an, die Frage zu stellen, wie kirchliche Organisation in Beziehung zu solchen alternativen Sozialitätskonzepten religiöser Vergemeinschaftung zu setzen ist.


Netzwerkforschung

Als eine mögliche Betrachtungsweise bietet die Netzwerkforschung methodische Zugänge zur Erhebung und Beschreibung von sozialen Beziehungen an, die auf der Meso-Ebene zwischen Individuen und Institution angesiedelt sind und für die Kirchentheorie Einblicke in das Verhältnis von Kommunikations-, Freundschafts- und Beziehungsnetzwerken zur kirchlichen Organisation ermöglichen. Die relationale Soziologie bietet Sehhilfen11, die überraschendes, vermutetes oder auch bereits mit anderen Zugangsweisen bewährtes Wissen hervorbringen.

Im Rahmen der V. KMU wurde das methodische Instrumentarium der Netzwerkforschung am Beispiel einer Kirchengemeinde angewandt. Auf diese Weise konnten die innere Vielfalt einer evangelischen Kirchengemeinde, kommunikative Verdichtungen und strukturelle Löcher ebenso sichtbar gemacht werden wie ihre Vernetzungen mit weiteren Gelegenheiten, die außerhalb der kirchlichen Organisation liegen. Die Einbettung der Kirchengemeinde in ihre soziale Umwelt ist durch die Netzwerkerhebung deutlich hervorgetreten. Und es hat sich gezeigt, dass die Kirchengemeinde aus einer Vielzahl mehr oder weniger dicht miteinander verbundener Communities besteht, in denen religiös kommuniziert wird, die aber auch die Grenzen der Kirchengemeinde überschreiten und in translokale Beziehungsnetzwerke eingebettet sind.12

Eine weitere Sehhilfe für die Kirchentheorie bietet die sog. Bimodalität der Netzwerkforschung. Bimodalität bedeutet, dass sowohl die Beziehungsnetzwerke der Akteure in den Blick genommen werden können als auch die über die Akteure verknüpften institutionellen Gelegenheiten. Nicht nur die Individuen stehen über Interaktionen miteinander in Kontakt, sondern auch der Kirchenkaffee mit dem Seniorenkreis und der Abendkreis der Frauen mit der evange­lischen Kindertagesstätte. Nicht nur kirchengemeindliche Institutionen sind über die Co-Teilnahmen der Akteure miteinander verbunden, sondern auch religiös-konfessionelle Gelegenheiten, Arbeit und Privates, Sportvereine und mehr sind untereinander verknüpft.


Kulturaustausch

Netzwerke bilden nicht nur reine Strukturen, sondern innerhalb der Strukturen findet ein kultureller Austausch statt. »Netzwerke werden nicht als ›kulturlose‹ und ›sinnfreie‹ Strukturen gedacht«13, sondern in ihnen wird Wissen geteilt. In der V. KMU haben wir diesen Kulturaustausch mit der Frage nach dem Gespräch über den Sinn des Lebens erhoben und zugleich den Befragten die Möglichkeit gegeben, diesen Austausch als mehr oder weniger religiös näher zu qualifizieren.14 Offen bleibt hier, welche Gesprächsinhalte und Gesprächsanlässe von den Befragten als Sinnaustausch, zumal als religiöse Kommunikation, namhaft gemacht wurden. Aber von den befragten Akteuren wurde religiös qualifizierter Sinnaustausch nicht nur den Gelegenheiten der kirchengemeindlichen Organisation, sondern auch anderen Anlässen zugeordnet. Ein großer Teil religiöser Kommunikation findet zu Hause statt, im Gespräch mit Lebenspartnern und guten Freundinnen, aber auch auf der Arbeit und in der Schule.

Das mag nicht überraschen, aber in dieser Wahrnehmung liegt auch ein nicht unwichtiger Perspektivwechsel. Die Religion hat vielfältige Sitze im Leben, Glaube wird mitgeteilt, in, aber auch jenseits der Kirchengemeinde. Kirchenmitglieder sind selbstständige Akteure, die an vielen Orten ihr religiöses Interesse und auch ihr religiöses Wissen mitbringen. Sie sind eben nicht nur Mitglieder, auf deren Motive und Erwartungen die Kirchenorganisation zu reagieren hat, indem sie diese gleichsam hinsichtlich ihres Mitgliedschaftsstatus bei Laune halten muss, sondern sie sind selbst Kirche, eben da, wo zwei oder drei im Rahmen ihres Priestertums aller über Religion ins Gespräch kommen.

Tatsächlich lässt sich das in der Fallstudie einer Kirchengemeinde auch zeigen: über die ausgetauschten Inhalte können wir nichts Näheres sagen, aber wir können zeigen, dass etwa 315 Personen einer Kirchengemeinde, die mindestens einmal pro Monat den Gottesdienst besuchen und an einem weiteren kirchengemeindlichen Angebot teilnehmen, über vielfältige Austauschpartner religiöse Deutungsangebote weit über die Kirchengemeinde hinaustragen. Dieser Befund wird nicht nur in der Selbstwahrnehmung, sondern auch in der Fremdwahrnehmung gespiegelt. Über persönliche Austauschkontakte mit Kirchenmitgliedern, die regelmäßig an kirchlichen Angeboten teilnehmen, kommen auch Personen mit christlichen Deutungsperspektiven in Kontakt, die selbst nicht teilnehmen, aber über direkte und mittelbare kommunikative Nachbarschaftsverhältnisse mit den Teilnehmenden vernetzt sind.


»Kirche bei Gelegenheit«

Die Kommunikationsnetzwerke bilden (mit der Formulierung von Hermelink) ein »Jenseits der Organisation«, sie sind nicht organisierbar. In dieser informellen, alltäglichen Situierung in sozialen Beziehungen haben sie ihre eigene Gelegentlichkeit, aber sie bleiben selbstverständlich auf die Organisation Kirche bezogen, insofern sie an die Gelegenheiten und Veranstaltungen der Gemeinde kommunikativ rückgebunden bleiben. Gerade Gottesdienstbesucher werden als religiöse Experten von Menschen in Anspruch genommen, die den Gottesdienst selbst selten besuchen.

Das gleiche gilt auch für sog. Formen von Gemeinde auf Zeit bzw. Kirche bei Gelegenheit. Michael Nüchtern hat 1991 das Konzept einer »Kirche bei Gelegenheit« formuliert, mit dem er eine Unterscheidung zwischen kasuellen Formen von Kirche auf der einen Seite und Gemeinde im Sinne der Ortsgemeinde auf der anderen Seite trifft. Die Beispiele, die er für kasuelle Formen von Kirche anführt, sind die Evang. Akademiearbeit15 und die Evang. Erwachsenenbildung, die Krankenhausseelsorge, diakonische Arbeitszweige, den Kirchentag, kirchenmusikalische Veranstaltungen sowie die Urlauberseelsorge als eine »Kirche bei Gelegenheit des Urlaubs«.16 Einige dieser kasuellen Formen religiöser Vergemeinschaftung stehen bei näherem Hinsehen mit parochialen Formen des Gemeindelebens in Kontakt, aber sie folgen einem punktuell-selektiven Teilnahmeverhalten und – dies spielt bei Nüchtern eine große Rolle vor dem Hintergrund der (parochialen) Gemeinde­auf­bauprogramme der 1990er Jahre – sie sind keineswegs defizitär, sondern haben ihre ­eigene Teilnahmelogik.

Markus Hero hat in seiner institutionentheoretischen Analyse neue Formen des religiösen Lebens beschrieben, die traditionelle Formen nicht ersetzen, sondern unter den Bedingungen der Gegenwart ergänzen. Vor dem Hintergrund einer erhöhten Mobilität verändern sich Zeit- und Raumorientierungen der Menschen. Die religiöse Angebotsstruktur muss in der Lage sein, der mobilen (reisenden, pendelnden, touristisch aktiven) Bevölkerung passende Orte zur religiösen Praxis bereitzustellen, situative Zugänge zu ermöglichen, wie dies ja auch schon geschieht. Angesichts knapper werdender Ressourcen wird die Parochie ihre Angebote möglicherweise reduzieren müssen, aber auch können. Die unterschiedlichen Sozialformen schließen sich in der religiösen Praxis nicht gegenseitig aus, sondern sie können nebeneinander stehen und sich wechselseitig ergänzen.

Ernst Troeltsch hat zu Beginn des 20. Jh. von der Elastizität der Volkskirche gesprochen. Diese Elastizität zu bewahren scheint mir ­eine wesentliche Aufgabe angesichts der kleiner werdenden Volkskirche.


Anmerkungen:

1 Johannes Hanselmann/Helmut Hild/Eduard Lohse, Vorwort der Herausgeber, in: Diess. (Hg.), Was wird aus der Kirche? Ergebnisse der zweiten EKD-Umfrage über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh 1984, 8.

2 Helmut Hild (Hg.), Wie stabil ist die Kirche? Bestand und Erneuerung. Ergebnisse einer Umfrage, Gelnhausen-Berlin 1974, 21.

3 Ebd.

4 Ebd.

5 Jan Hermelink, Kirchliche Organisation und das Jenseits des Glaubens. Eine praktisch-theologische Theorie der evangelischen Kirche, Gütersloh 2011, 182.

6 Vgl. dazu a.a.O., 184, mit Hinweis auf Niklas Luhmann.

7 Diese Überlegungen habe ich ausführlicher dargestellt in meinem Beitrag: Reflektierte Praxis dynamischer Selbststeuerung: Kirche als Organisation, in: Konrad Merzyn, Ricarda Schnelle und Christian Stäblein (Hg.), Reflektierte Kirche. Beiträge zur Kirchentheorie (Arbeiten zur Praktischen Theologie 72), Leipzig 2018, 15-29.

8 Ebd.

9 Hermelink verwendet den Begriff der Ordnung (Kirchliche Organisation [s. Anm. 5], 89). Regime scheint mir ein Begriff zu sein, der mit Michel Foucault auch auf informellere Formen von Herrschaft zielt.

10 Vgl. etwa Eberhard Hauschildt, Hybrid evangelische Großkirche vor einem Schub an Organisationswerdung. Anmerkungen zum Impulspapier »Kirche der Freiheit« des Rates der EKD und zur Zukunft der evangelischen Kirche zwischen Kongregationalisierung, Filialisierung und Regionalisierung, in: PTh 96 (2007), 56ff. So auch Jens Schlamelcher, indem er den Sozialtyp Organisation mit der »Vermarktlichung« eng verknüpft sieht: Jens Schlamelcher, Ökonomisierung der Kirchen?, in: Jan Hermelink/Gerhard Wegener (Hg.), Paradoxien kirchlicher Organisation. Niklas Luhmanns frühe Kirchensoziologie und die aktuelle Reform der evangelischen Kirche, Religion in der Gesellschaft 24, Würzburg 2008, 145-177: 153.

11 Zur Entfaltung des Begriffs siehe Kristian Fechtner, Sehhilfen. Zur Bedeutung soziologischer Einsichten für die neuere praktisch-theologische Kirchentheorie, in: Gerhard Wegner (Hg.), Gott oder die Gesellschaft. Das Spannungsfeld von Theologie und Soziologie, Religion in der Gesellschaft 32, Würzburg 2012, 199-214.

12 Vgl. dazu die Auswertungen zur Gesamtnetzwerkerhebung einer Kirchengemeinde im Rahmen der V. KMU von Felix Roleder und Birgit Weyel. Der Band erscheint im Februar 2019 und entfaltet die hier skizzierten Ergebnisse. Einblicke in die Erhebung finden sich bisher veröffentlicht in: Heinrich Bedford-Strohm/Volker Jung (Hg.), Vernetzte Vielfalt. Kirche angesichts von Individualisierung und Säkularisierung. Die fünfte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh 2015, 337-446; Birgit Weyel/Jan Hermelink, Jugendliche und junge Erwachsene als religiöse Akteure. Wahrnehmungen zum Austausch über den Sinn des Lebens im Rahmen der Netzwerkerhebung ­einer Kirchengemeinde, in: Bernd Schröder/Jan Hermelink/Silke Leonhardt (Hg.), Jugendliche und Religion. Analysen zur V. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD, Religionspädagogik innovativ 13, Stuttgart 2017, 147-166. Als Zugang zu Kirche im Sozialraum vgl. auch die Studie von Miriam Zimmer/Matthias Sellmann/Barbara Hucht, Netzwerke in pastoralen Räumen. Wissenschaftliche Analysen – Fallstudien – Praktische Relevanz, Angewandte Pastoralforschung 4, Würzburg 2017.

13 Sophie Mützel/Jan Fuhse, Einleitung: Zur relationalen Soziologie. Grundgedanken, Entwicklungen und transatlantische Brückenschläge, in: Sophie Mützel/Jan Fuhse (Hg.), Relationale Soziologie. Zur kulturellen Wende der Netzwerkforschung, Wiesbaden 2010, 7-35: 7.

14 Insgesamt 1396 Personen einer Kirchengemeinde konnten befragt werden. Gefragt wurde nach konkreten Alteri, d.h. namentlich zu nennenden Austauschpartnern, deren soziale Rolle (Mutter, Nachbar, Freundin usw.) erst in zweiter Linie bestimmt wurde. Zur methodischen Anlage siehe ausführlicher: Jan Hermelink/Birgit Weyel, Vernetzte Vielfalt. Eine Einführung in den theoretischen Ansatz, die methodischen Grundentscheidungen und zentrale Ergebnisse der V. KMU, in: Bedford-Strohm/Jung, Vernetzte Vielfalt (s. Anm. 12), 16-32, bes. 23-26.

15 Nüchtern war von 1979 bis 1995 an der Evang. Akademie in Baden zunächst als Studienleiter und dann auch als Direktor tätig. Die Veröffentlichung seines Buches (1991) fällt in diese Zeit.

16 Nüchtern, Michael, Kirche evangelisch gestalten (Heidelberger Studien zur Praktischen Theologie Bd. 13), Münster 2008, 93ff; Zitat: 117.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Birgit Weyel, Jahrgang 1964, Studium der Evang. Theologie in Bonn und Berlin, 1991-1992 Vikariat in Berlin-Mitte und im Predigerseminar Wittenberg, 1992 Ordination, 1997 Promotion zum Dr. theol., 2004 Habilitation, seit 2007 Prof. für Prakt. Theologie mit den Schwerpunkten Seelsorgelehre und Pastoraltheologie an der Universität ­Tübingen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2019

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