Theodor Fontanes Pastoren (II)
Kriminalliteratur mit kirchenkritischem Tiefgang

Von: Reiner Strunk
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Ende 2019 wird der 200. Geburtstag Theodor Fontanes (*30.12.1819) gefeiert. Fontane zeichnet sich durch eine ausgesprochen präzise und feinsinnige Beobachtung und Beschreibung gesellschaftlicher und milieubezogener Verhältnisse aus und stellt damit eine unerschöpfliche Fundgrube für historische Recherchen dar – auch für das Bild des Pastors im 19. Jh. In einer lockeren Reihung präsentiert Reiner Strunk »Fontanes Pastoren« quer durch sein Œuvre.*



Ellernklipp und Unterm Birnbaum

Unterm Birnbaum hat Fontane selbst als eine »Kriminal-Novelle« bezeichnet, auch wenn sie nicht nach Art einer klassischen Detektivgeschichte den verstreuten Spuren einer schwierigen Verbrechensaufklärung folgt. Ellernklipp dreht sich ebenfalls um einen Kriminalfall, zeigt sich aber noch weniger an dessen Aufklärungsprozedur interessiert. Die »Mordgeschichte«, die auf einen tatsächlichen Fall im Harz zurückgeht, wird für Fontane zum erzählerischen Kern eines frühen Gesellschaftsgemäldes. Und darin übernimmt eine Pastorengestalt, der alte Pastor Sörgel, eine maßgebliche Rolle.

Fontane hat Ellernklipp nach Erscheinen seines ersten Romans Vor dem Sturm in Angriff genommen und nach wenigen Monaten Mitte 1881 als Vorabdruck in »Westermanns Monatsheften« veröffentlicht. In dieser Zeit stellte er ein umfangreiches Romanprojekt zurück und konzentrierte sich auf die kleinere Novellenform, für die er sich gern ausgefallene Tagesnachrichten herauspickte und für ein möglichst breites Leserpublikum literarisch aufbereitete.


Überkommene Lebensordnung

Der Name »Ellernklipp« bedeutet Erlenklippe, also einen von Erlen umstandenen hoch aufragenden Fels in der Harzgegend nahe Wernigerode, eine Landschaft, mit der Fontane nach mehreren Besuchen vertraut war. Dieser Fels wird zum Tatort, an dem ein eifersüchtiger Vater, der Heidereiter Baltzer Bocholt, zum Mörder seines eigenen Sohnes Martin wird. Der Konflikt zwischen beiden entzündete sich an einer gemeinsamen Zuneigung zu einer jungen Frau, die der Heidereiter vor Jahren auf Veranlassung des Dorfpastors Sörgel als Waisenkind in sein Haus aufgenommen hatte. Als dem Heidereiter die Liebe zwischen seinem Sohn Martin und seiner Schutzbefohlenen Hilde aufgeht, steigert er sich in ein Eifersuchtsfieber hinein, das zur Mordtat führt. Später ehelicht der Mörder, der sein Verbrechen zu verheimlichen weiß, die verhängnisvoll geliebte Hilde, die ein lebensuntüchtiges Kind zur Welt bringt. Er selber richtet sich an genau der Stelle, wo er seinen Sohn umgebracht hat.

Im Gesamten erscheint etwas von »Schuld und Sühne«, von einer fast magischen Gesetzmäßigkeit, nach welcher den Täter treffen muss, was er zuvor seinem Opfer angetan hat, aber auch viel von einer Verfassung der Lebensverhältnisse, deren Oberfläche brüchig und rissig geworden ist. Man hat noch gelernt und weiß im Grunde, was gilt und was sich schickt, aber das Ordnungsgefüge zeigt erhebliche Verschleißerscheinungen, so dass plötzlich aufbrechen kann, was an Leidenschaften und Zügellosigkeiten darunter gebrodelt hatte und heraus will.

Pastor Sörgel ist der öffentliche Vertreter dieser allgemeinen Lebensordnung. Aber er ist auch ein alter Mann und ohnmächtig, einem Lauf der Dinge zu wehren, den es in die Katastrophe zieht. Das Waisenkind Hilde, seinerseits schon eine Frucht gelebter Unordnung, nämlich der unehelichen Verbindung eines jungen Grafen mit einer Waldarbeiterin, will er versorgen und schützen, liefert es tatsächlich aber größerer Gefahr und Schutzlosigkeit aus. Der Heidereiter, den er als ihren Ziehvater auswählt, weil er »die Zucht und die Strenge (habe), die das Träumen und das Herumfahren austreibt« (13), unterliegt selber dem Drang seiner Leidenschaft, die er nicht unter Kontrolle bringt.


Nachruf auf ein religiöses Amt

Der Pastor meint es gut, aber er macht es nicht gut, und was Fontane von seiner letzten Predigt zu erzählen weiß, ist überaus bezeichnend und rundet nicht bloß dieses Pfarrerbild ab, sondern präsentiert zugleich den Nachruf auf das religiöse Amt, das seine Ordnungskraft eingebüßt hat und eigentlich nur noch Mitgefühl und Rührung auszulösen vermag. Denn der inzwischen 80-Jährige bringt seine Predigt auf der Kanzel gar nicht zu Ende. Er muss mittendrin abbrechen und sich aus der unglücklichen Situation mit dem Segenswort »Der Friede Gottes, der besser ist als alle Vernunft, sei mit euch allen!« retten6. Fontane fährt fort: »Und ehe eine Minute vorüber war, sang die Gemeinde ihren letzten Vers, und war keiner unter ihnen, der an dem Predigtabbruch einen ernstlichen Anstoß genommen hätte. Vielmehr schloss ihn mancher in sein Gebet ein und betete zu Gott, dass er ihnen den alten Sörgel, krank oder gesund, noch lange Zeit erhalten möge. Denn er war ein guter, christlicher Mann, christlich in seinem Gemüte, wenn auch nicht immer in seinem Bekenntnis, und liebte seine Gemeinde, darin er über fünfzig Jahre getraut und getauft und mit all seiner Aufklärung keinen nachweisbaren Schaden angerichtet hatte« (88f).

Das ist ein aufrichtiges Pastorenlob, allerdings aus einer sentimentalen Betrachtung heraus. Nicht das Gewicht des Amtes findet Beachtung, sondern die liebenswerte Ohnmacht der Person, die es bekleidet. Der alte Sörgel ist der maßgebliche Sörgel, und das Authentische an ihm ist sein christliches »Gemüt«, das er über viele Jahre hin bewiesen hat, ganz unabhängig davon, was es zu bewirken vermochte. Indem betende Gemeindeglieder dafür eintreten, dass Gott »ihnen den alten Sörgel … noch lange Zeit erhalten möge«, bitten sie für den Alten persönlich, bitten jedoch gleichzeitig für religiöse Verhältnisse in Gestalt einer pastoralen Bezugsperson, die in ihrer Menschlichkeit und nicht in ihrer Überzeugungskraft und Glaubensstärke erwünscht ist. Dass er geistig der »Aufklärung« zuneigt und sich im Bekenntnis gewisse Freiheiten erlaubt, wird ihm ohne weiteres nachgesehen. Solange er damit »keinen nachweisbaren Schaden« anrichtet. Nicht die Position ist gefragt, die er vertritt, sondern die menschenfreundliche Haltung, die er in zahllosen Begegnungen unter ­Beweis gestellt hat.


»Das Gesetz, das uns hält«

Selbstverständlich entspricht diese Außenwahrnehmung seitens der Dorfgemeinde keineswegs dem Selbstbild des Pastors Sörgel. Der versteht sich nämlich als Träger eines geistlichen Amtes, das der inneren Ordnung in den Lebensverhältnissen der Gesellschaft zu dienen hat. Und das tritt am deutlichsten hervor bei seinen Erziehungsmaßnahmen. Mit dem Heidereiter trifft er die Vereinbarung, dass dessen Sohn Martin zusammen mit Hilde zweimal in der Woche zu ihm herüberkomme, »damit er ihnen etwas aus der Bibel erzählen könne« (28). Dabei beweist er seine »Vorliebe für das Alte Testament«, welche, wie der Dichter hintergründig anmerkt, »nur noch von seiner Abneigung gegen die Offenbarung Johannis«, jenes Dokuments eines totalen Aufstandes der Unordnung gegen alle Ordnung, »übertroffen wurde« (29).

Was es mit seiner Vorliebe für das AT auf sich hat, kommt freilich heraus beim Katechismusunterricht, den Sörgel den beiden erteilt und bei dem er Hilde gegenüber sein eigentliches Bekenntnis formuliert: »Du hast die Zehn Gebote, Hilde. Die halte. Denn die haben alles: den ewigen Gott und den Feiertag und du sollst Vater und Mutter ehren, und haben das Gesetz, das uns hält und ohne das wir schlimmer und ärmer sind als die ärmste Kreatur. Ja, Kinder, wir haben viel hohe Berggipfel; aber der, auf dem Mose stand, das ist der höchste. Der reichte bis in den Himmel« (35).

Das »Gesetz, das uns hält« – es soll den Einzelnen halten in seinem Lebensablauf, mit all den Höhen und Tiefen, den Niederlagen und Fallstricken, die es darin gibt; und es soll die Gesellschaft zusammenhalten und über diese hinaus das gesamte Staatswesen, das sonst von zahllosen Fliehkräften auseinandergerissen würde. Religion wird so zum inneren Grund einer lebensfähigen Gesellschaft, und die christliche, pflichtbewusste Gesellschaft wird zur äußeren Gestalt des Gesetzes.


Mose und das Preußentum

Mose und das Preußentum ergänzen einander – so lautet die Doktrin, der sich Pastor Sörgel verpflichtet weiß. Aber innere und äußere Ordnung können auseinanderfallen, so dass die äußere Ordnung hohl wird und hier und da augenfällig einzustürzen droht. Der Heidereiter Baltzer Bocholt steht exemplarisch für solche äußere Ordnung in ihrer schlimmen Ambivalenz aus Geltungsanspruch und hohler Fassade. »Ich habe für Recht und Ordnung einzustehen und für Gebot und gute Sitte«, redet er sich selber ein (79), und ist doch schon dabei, das fünfte Gebot gründlich zu missachten und aus schierer Eifersucht seinem Sohn das Leben zu nehmen.

Das Gesetz bringt Fontane in seiner Erzählung übrigens noch einmal, und zwar an hervorgehobener Stelle ins Spiel. Nämlich auf der letzten Seite, nach Hildes Tod. Sie hat sich einen Grabstein ohne Erwähnung ihres Namens gewünscht, aber mit dem eingravierten Spruch: »Ewig und unwandelbar ist das Gesetz!« Einwänden, dass doch ein christlicherer Spruch angebracht wäre, hat sie energisch widerstanden. Und so lautet denn ihr persönliches Vermächtnis gerade so wie das Amtsbekenntnis des Pastors Sörgel und es nimmt sich aus wie ein lauter, aber ohnmächtiger Protest gegen alles Erlebte und Erlittene oder wie eine unfreiwillige Parodie dazu.


Religiöse Gegenspieler

Die Figur und die Amtsausübung des Pastors Sörgel beleuchtet der Dichter schließlich aus einer weiteren Perspektive, nämlich der des Schäfers Melcher Harms. Der ist »Konventikler« und als solcher ein religiöser Gegenspieler des amtierenden Pastors. Zwar übt er Kritik, ist aber kein Sektierer der aggressiven Sorte und achtet sogar den Pastor persönlich, so sehr er seiner Geisteshaltung misstraut. Ähnliche Konventikler bringt Fontane immer wieder auf die gesellschaftliche Bühne. Schon der erste Roman Vor dem Sturm setzte mit Müller Mickley und dem Kandidaten Uhlenhorst, welcher, »das Bruch und die Neumark bereisend, in Hohen-Sathen alle Konventikler von diesseits und jenseits der Oder um sich versammelte« (a.a.O., 59), empfindliche Widersacher für Pastor Seidentopf ein. Sie signalisieren einen Prozess religiöser Differenzierung und einen Individualisierungsschub gegen festgelegte landeskirchliche Ordnungen. Das ist ihr Beitrag zur Erosion der überkommenen Sozialgebilde und ihr revolutionäres Potential zugleich. Fontane hatte einen Blick für beides und vermied es, seine Konventikler als bloße Karikaturen zu zeichnen.

Für den Schäfer Melcher Harms steht fest, dass Pastor Sörgel sich »auf dem Irrpfad« befindet. Und er fügt auch hinzu, warum. Mit dieser knappen Pastoren-kritik aus dem Munde eines herrenhutisch geprägten Abweichlers gelingt Fontane eine satirische Spitze gegen eine pastorale Amtsführung, die sich den Bedingungen des Rationalismus unterworfen hat: »Und der Alte drüben ist arm und dunkel. Am dunkelsten aber da, wo seine Vernunft und seine Weisheit anfängt und sein Licht am hellen Tage brennt … Denn der halbe Glaube, der jetzt in die Welt gekommen ist und mit seinem armen irdischen Licht alles aufklären und erleuchten will und sich heller dünkt als die Gnadensonne; das ist das unnütze Licht, das bei ­Tage brennt« (52).


Scheiternder Seelsorger

Für Fontane liegt die Hauptaufgabe des Pastors zweifellos in der Seelsorge. Auch wo gepredigt wird – und es wird häufig gepredigt in seinen Romanen – dominiert eindeutig die seelsorgerliche Intention. Der Pastor soll Hirte der Seelen sein und dafür seine Kompetenz entwickelt haben. Doch manchmal ist es nicht weit her mit dieser Kernkompetenz des pastoralen Amtsträgers. Manchmal ist einer wie Pastor Eccelius in Unterm Birnbaum: einer, der Seelsorge betreibt, aber nichts von Seelsorge versteht. Und von Seelsorge versteht er deshalb nichts, weil er sich als miserabler Psychologe erweist. Er begegnet Menschen und begutachtet ihr Verhalten, ihre Handlungen, aber er hat keinen Sinn für ihre Motive und durchschaut nicht ihre Schwächen und die Verheimlichung begangener Schuld. Darum scheitert er und wird am Ende zu einer tragikomischen Figur.

Seine Kriminalstory Unterm Birnbaum hat Fontane 1885 zunächst wieder im Vorabdruck, diesmal in der »Gartenlaube«, veröffentlicht. Der Leser weiß bald, wer die Mörder eines reisenden Schuldeneintreibers sind, aber die Menschen in der Umgebung, Pastor Eccelius vornean, wissen es nicht. Sie ahnen höchstens wie die alte Jeschke, die alle priesterlichen Handlungen als »weiße Magie« begreift (66), es selber jedoch mehr mit der »schwarzen« hält, dass im Wirtshaus und namentlich in dessen Keller Ungewöhnliches passiert sein muss. Aber sie beteiligt sich nicht an der Aufklärung. Die schleppt sich deshalb auch ergebnislos hin.

Das Wirtsehepaar Hradscheck, das den Mord begangen, die Leiche im Keller vergraben und einen tödlichen Unfall des Reisenden am Oderufer vorgetäuscht hat, gerät zwar in Verdacht, entzieht sich aber einer beweiskräftigen Überführung. Abel Hradscheck tut das in berechnender Kaltschnäuzigkeit, seine Frau Ursel dagegen unter wachsender Seelenqual. Sie kann schier nicht aushalten, was ihr auf der Seele liegt und sucht verzweifelt nach Auswegen, die es nicht gibt. Auch Pastor Eccelius, an den sie sich wendet, ist weit davon entfernt, irgendeinen Ausweg zu eröffnen.

Am Ende stirbt Ursel Hradscheck an der Uner­träg­lich­keit ihrer Schuld, und ihr ­Ehemann Abel stirbt im selben Keller, in dem er den Ermordeten verscharrt hatte. Durch dieses Finale unterstreicht Fontane eine Gerechtigkeitsauffassung, die ihm nahe lag und die besagt, dass keine Schuld ungesühnt bleibt, so sehr sie auch verleugnet und vergessen werden möge. Dies bezeugt zuletzt auch Pastor Eccelius mit seinem Eintrag ins Tschechiner Kirchenbuch, wo er die Spruchweisheit wiedergibt: »Es ist nichts so fein gesponnen, ’s kommt doch alles an die Sonnen« (108).


Zwei kapitale pastorale Fehlleistungen

Pointiert macht Fontane den seelsorgerlichen Unverstand des Pastors Eccelius an zwei Stellen fest: an einem Gespräch mit der Hradscheck und an seiner Predigt zu deren Beerdigung. Es sind zwei kapitale Fehlleistungen, die dem Seelsorger passieren, und Fontane registriert sie aufmerksam und baut sie kunstvoll in sein Romangeschehen ein.

Nach erfolgter Mordtat beginnen in Ursel Hradscheck mehr und mehr unausgesprochene Schuldgefühle Platz zu greifen. Beim sonntäglichen Kirchgang »folgte sie jedem Wort, das von der Kanzel her laut wurde, das Wort aber, auf das sie wartete, das kam nicht« (74). Da entschließt sie sich, im persönlichen Gespräch mit dem Pastor, also bei einer Art Beichte zu erreichen, was ihr in der Predigt versagt blieb. Sie sucht Eccelius auf, »um, soweit es ging, Herz und Seele vor ihm auszuschütten und etwas von Befreiung und Erlösung zu hören; aber Seelsorge war nicht seine starke Seite, noch weniger seine Passion, und wenn sie sich der Sünde geziehn und in Selbstanklagen erschöpft hatte, nahm er lächelnd ihre Hand und sagte: ›Liebe Frau Hradscheck, wie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen. Sie haben eine Neigung, sich zu peinigen, was ich missbillige. Sich ewig anklagen ist oft Dünkel und Eitelkeit. Wir haben Christum und seinen Wandel als Vorbild, dem wir im Gefühl unsrer Schwäche demütig nachstreben sollen. Aber wahren wir uns vor Selbstgerechtigkeit, vor allem vor der, die sich in Zerknirschung äußert. Das ist die Hauptsache‹« (76).


Strategie der Beschwichtigung

Pastor Eccelius pflegt eine Strategie der Beschwichtigung. Er gibt sich als Freundlichkeit in Person, verweigert tatsächlich aber den seelsorgerlichen Beistand. Die gepeinigte Frau und ihre innere Not lässt er gar nicht an sich heran und geht trotz scheinbarer Nähe auf für ihn sichere Distanz. Beschwichtigung ist das Gegenteil von Vergebung. Sie nimmt den Gesprächspartner nicht ernst. Statt sich zusammen mit ihr unter das Joch der Schulderfahrung und Schuldbearbeitung zu begeben, klopft Eccelius seiner Besucherin väterlich auf die Schulter und tätschelt ihre verkrampften Hände. Guten Gewissens bleibt er bei sich und kommt nicht zu ihr. Ursel Hradscheck sehnt sich nach Absolution, und was sie bekommt, sind fromme, jedenfalls ihre Seelenlage völlig verkennende Formeln. Sie wird billig abgespeist, statt mit dem Brot des Lebens gestärkt zu werden. Eccelius stößt die, die sich vertrauensvoll an ihn wandte, zurück in ihr psychisches Elend und lässt sie darin allein.

Aufschlussreich ist, wie Fontane dieses seelsorgerliche Fehlverhalten motiviert. Gut, er notiert, dass Seelsorge nicht die »starke Seite« und schon gar nicht die »Passion« des Pastors gewesen sei. Aber das bleibt eine äußerliche Feststellung, bei der es der Dichter nicht belässt. Er liefert vielmehr eine psychologisch glaubwürdige und für die Figur des Pastors Eccelius schlicht entlarvende Begründung für dessen Verhalten. Mit einem Satz: Eccelius entzieht sich seiner seelsorgerlichen Aufgabe aus Angst vor der narzisstischen Kränkung. Denn Ursel Hradscheck ist gewissermaßen seine Eroberung, seine pastorale Erfolgsgeschichte. Sie war Katholikin und ist bei ihm konvertiert. So ist sie sein bevorzugtes Pfarrkind, sein Ausweis offenkundiger Überlegenheit des Protestantismus gegenüber dem Katholizismus. Sie ist sein Stolz. Bei einem Gespräch, das der ­Pastor nach Ursels Beerdigung mit deren Ehemann führt, räumt er es selber ein: »Er habe große Stücke von der Verstorbenen gehalten und alle Zeit einen Stolz darein gesetzt, sie für die gereinigte Lehre gewonnen zu haben. Dass er sich darin geirrt oder doch wenigstens halb geirrt habe, sei neben anderem auch persönlich kränkend für ihn, was er nicht leugnen wolle« (86).


Angst vor einer narzisstischen Kränkung

Die Angst vor der narzisstischen Kränkung und die Anstrengungen, sie zu vermeiden, kennzeichnen auch die Bestattungspredigt für Ursel Hradscheck. Sie wird, was bei Grabreden ja nicht selten ist, zum Dokument einer spezifisch pastoralen Verlogenheit. Nicht weil es der amtierende Pastor nicht besser wüsste und deshalb den guten, aber leider falschen Zeugnissen vom Lebenswandel der Verstorbenen auf den Leim ginge; sondern weil er es tatsächlich besser weiß, aber aus Gründen missverstandener christlicher Nachsicht lieber nicht wissen will. So wird entschuldigt, was unentschuldbar war, und ein christlich-moralischer Popanz aufgebaut, der mit der verstorbenen Person so gut wie nichts zu tun hat: »Er rühmte von der Toten, dass sie, den ihr anerzogenen Aberglauben abschüttelnd, nach freier Wahl und eignem Entschluss den Weg des Lichtes gegangen sei, was nur der wissen und bezeugen könne, der ihr so nah gestanden habe wie er. Und wie sie das Licht und die reine Lehre geliebt habe, so habe sie nicht minder das Recht geliebt« (83).

Tatsächlich hatte die Hradscheck weder das »Recht geliebt«, als sie einen Mord aus habsüchtigem Interesse betrieb, noch hat sie die »reine Lehre« geliebt, die für Eccelius natürlich im lutherischen Bekenntnis vorliegt. Stattdessen ist sie in ihrem Herzen immer Katholikin geblieben. Ihrem Mann gegenüber, der einmal wie ein Echo des Pastors vom »alten Unsinn« des Katholizismus daherredet, fährt sie verärgert über den Mund: »Was weißt du davon? Ihr habt ja gar keine Religion7. Und Eccelius eigentlich auch nicht.« (18) Und als es ans Sterben geht, nimmt sie ihrem Mann das Versprechen ab, nach Krakau zu schreiben, wo der Ermordete zu Hause war, und ihr Erspartes für Seelenmessen zu verwenden: »Nicht für mich. Aber du weißt schon …« (80).

Im Widerstreit der Konfessionen sieht Fontane hier und an anderen Stellen keineswegs einen Nachteil des Katholischen. Vielmehr neigte er dazu, der katholischen Kirche mit ihren Mitteln eine größere Macht zur Behebung seelischer Not zuzubilligen als seinem eigenen Protestantismus. Ein Konfessionalist war der Dichter also ganz und gar nicht. Und an der Figur des Pastors Eccelius demonstriert er auch, was ihn an der Position eines strammen Konfessionalisten stört und verärgert. Es ist die vorurteilsbeladene Selbstgefälligkeit, die alles zum »Aberglauben« erklärt, was der eigenen Glaubensweise nicht entspricht. Diese Gesinnung ist typisch für Eccelius. Er beweist sie zuletzt, als Abel Hradscheck bei ihm auftaucht, um sich einen pastoralen Freibrief für die Missachtung des letzten Wunsches seiner sterbenden Frau zu erhandeln. Die veranschlagte Summe für die Krakauer Seelenmessen möchte er anders und eben nicht »an die Katholschen« aushändigen (85), und Pastor Eccelius »zögerte keinen Augenblick mit der Antwort und sagte genau das, was Hradscheck zu hören wünschte: …, wenn das einem Sterbenden gegebene Versprechen falsch und sündhaft sei, so hebe das Erkennen dieser Sündhaftigkeit das Versprechen wieder auf. Das sei nicht bloß Recht, das sei sogar Pflicht« (86).


Anmerkungen:

* Die Endnotenzählung schließt an den ersten Teil an.

6 Derselbe Segensspruch bildet auch das Ende der Erzählung Cécile.

7 Das erinnert an Heinrich Heine und seinen Lotterieverkäufer in »Die Bäder von Lucca«, der kategorisch erklärt: »gäbe es in der protestantischen Kirche keine Orgel, so wäre sie gar keine Religion« (Heine: Sämtliche Werke Bd. III, 1994, 266).

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Dr. Reiner Strunk, Jahrgang 1941, Assistent für Syst. Theologie bei Jürgen Moltmann in Bonn und Tübingen, 1970 Promotion, 1977-1986 Studienleiter am Württ. Pfarrseminar, 1997-2003 Leiter der Fortbildungsstätte Denkendorf.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2019

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