Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
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Es ist Januar 2019 geworden. Ein besonderes Ereignis jährt sich zum 100. Mal: die Ermordung von Rosa Luxemburg, dieser polnischen Jüdin; geboren am 5. März 1871 in Zamosc in der Nähe von Warschau, ab 1898 in der deutschen Sozialdemokratie engagiert, 1914 Begründerin der Gruppe »International«, aus der der »Spartakusbund« hervorging – sie begrüßte die russische Oktoberrevolution und kritisierte die Parteidiktatur Lenins.

Wer am Landwehrkanal entlang geht, kommt in der Nähe des Zoo an einem Denkmal vorbei. Eine schräggestellte Stahlplatte trägt ihren Namen, »Rosa Luxemburg« – und auf der Gedenktafel ist zu lesen:

»Am Abend des 15. Januars 1919 wurden Dr. Rosa Luxemburg und Dr. Karl Liebknecht von Soldaten und Offizieren der Garde-Kavallerie-Division mißhandelt und ermordet. Rosa Luxemburg, tödlich verwundet oder tot, wurde an dieser Stelle von ihren Mördern in den Landwehrkanal geworfen. Karl Liebknecht wenig später am Neuen See, einige hundert Meter nördlich von hier, erschossen. Der andere Teil dieses Mahnmals bezeichnet den Ort seiner Ermordung.

Im Kampf gegen Unterdrückung, Militarismus und Krieg starb die überzeugte Sozialistin Rosa Luxemburg als Opfer eines heimlichen politischen Mordes. Die Mißachtung des Lebens und die Brutalität gegen den Menschen lassen die Fähigkeit der Menschen zur Unmenschlichkeit erkennen. Sie kann und darf kein Mittel irgendeiner Konfliktlösung sein und bleiben. Berlin, 1987«

Warum diese Morde? Es tobte ein Bürgerkrieg nach dem verlorenen Weltkrieg in Deutschland, vor allem in Berlin. Die gemäßigten Sozialdemokraten mit Friedrich Ebert und die radikale Linke standen sich feindlich gegenüber. Am 14. Dezember 1918 forderte Rosa Luxemburg eine Räterepublik und die Entmachtung der Militärs. Sie gründete Anfang 1919 die Kommunistische Partei mit, die ihr Programm annahm, aber die von ihr gewollte Teilnahme an den bevorstehenden Parlamentswahlen ablehnte. Der dann ausbrechende »Spartakusaufstand« wurde von den militärischen Kräften niedergeschlagen, die die Ebert-Regierung zur Hilfe gerufen hatte.

Am 15. Januar nahm eine »Bürgerwehr« sie und Karl Liebknecht in einer Wohnung der Mannheimer Straße 27 in Wilmersdorf fest – sie besaßen genaue Steckbriefe. Im Eden-Hotel, gegenüber dem Zoo-Aquarium, heute der Olof-Palme-Platz, war das Hauptquartier des Stabs der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, der die Verfolgung der Spartakisten in Berlin organisierte. Dort wurden die beiden eingeliefert und um 22 Uhr fiel die Entscheidung zur Ermordung: Kommandant Waldemar Pabst beschloss mit seinen Offizieren, es solle nach einer spontanen Tat von Unbekannten aussehen. Der am Eingang bereit stehende Jäger Otto Wilhelm Runge schlug Rosa Luxemburg beim Verlassen des Hotels mit einem Gewehrkolben zweimal, bis sie bewusstlos war. Der Freikorps-Leutnant Hermann Souchon sprang beim Abtransport auf das Trittbrett des bereit stehenden Autos und erschoss sie mit einem aufgesetzten Schläfenschuss. Kurt Vogel ließ ihre Leiche in den Landwehrkanal werfen. Die Mörder Liebknechts brachten den Leichnam von seiner Hinrichtungsstätte am Neuen See zunächst zum Hotel und gaben ihn als »unbekannte Leiche« ab.

Weil die Leiche von Rosa Luxemburg noch nicht gefunden war, wurde am 25. Januar 1919 auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde neben Karl Liebknecht symbolisch ein leerer Sarg für sie bestattet. Über 100.000 Menschen erwiesen ihnen die letzte Ehre. Der Ermordung folgten bürgerkriegsähnliche Unruhen. Der Wehrminister Gustav Noske ließ sie mit Freikorps und kaiserlichen Truppen niederschlagen. Die Opferzahl ging in die Tausende.

Am 31. Mai 1919 fand ein Schleusenwärter die Leiche der Ermordeten. Um Massenunruhen zu vermeiden, verhängte Noske eine Nachrichtensperre, ließ den Leichnam beschlagnahmen und in das Militärlager Zossen bringen. Die Rechtsmediziner Fritz Straßmann und Paul Fraenkel obduzierten ihn und stellten einen Pistolenschuss als Todesursache fest. Die Sekretärin von Rosa Luxemburg, Mathilde Jacobs, identifizierte die Tote am 5. Juni. Am 13. Juni wurde sie in Berlin neben Karl Liebknecht beigesetzt. Zehntausende begleiteten die Bestattung.

Und wie sah die Bestrafung der Mörder aus? Einige Tatbeteiligte kamen vor ein Kriegsgericht. Der Richter Paul Jorns verzögerte die Ermittlungen und vertuschte die Mittäterschaft der leitenden Offiziere. Im Mai 1919 sprach er die meisten Tatbeteiligten frei und verurteilte nur Runge und Vogel zu geringen Haft- bzw. Geldstrafen. Runge erschien nicht vor Gericht, wurde versetzt und entzog sich der Strafe, indem er Deutschland verließ. Der Kommandeur Pabst wurde nicht angeklagt, mögliche Auftraggeber nicht gesucht. Trotz vieler Proteste bestätigte Noske als Reichswehrminister die Urteile und verhinderte Revisionsverfahren. Der Historiker Wolfram Wette urteilt: »Das Zusammenspiel rechtsradikaler Militär und politischer Justiz« setzte sich bei Verdecken von Tätern und Hintergründen bei vielen weiteren politischen Morden an Kriegsgegnern fort.

Eine schwere Belastung der neugegründeten Republik.


Siegfried Sunnus

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2019

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