Die »Psalmen Davids« von Heinrich Schütz
Psalmenvertonungen zwischen Luther und Bach

Von: Sönke Remmert
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Heinrich Schütz war ein Komponist, der genau zwischen Martin Luther und Johann Sebastian Bach im sächsisch-thüringischen Kernland der Reformation die Kirchenmusik prägte. Die Auseinandersetzung mit seinen »Psalmen Davids« lohnt sich auch vier Jahrhunderte nach der Entstehung der Sammlung. Das Jubiläumsjahr 2019 bietet hierfür eine ideale Gelegen­heit, zumal diese Kompositionen, die inmitten des Dreißigjährigen Krieges von Glaubenszuversicht und Gottvertrauen künden, nichts von ihrer Aktualität verloren haben.


Zwischen dem 19. Jh. und den frühen 70er Jahren des 20. Jh. ließ man die gängige Musikgeschichte in etwa mit Johann Sebastian Bach beginnen, der 1685 geboren wurde. Zu den tragenden Säulen des Musikbetriebs gehörten ebenso der im gleichen Jahr geborene Georg Friedrich Händel, die Meister der Wiener Klassik (Haydn, Mozart und Beethoven) und die zahlreichen Komponisten des romantischen 19. Jh. Vor dem Aufkommen der Historischen Aufführungspraxis im letzten Drittel des 20. Jh. wurde in der weltlichen Konzerttradition kaum wahrgenommen, dass schon vor dem 18. Jh. großartige Musik entstand. Einzig in der kirchlichen Praxis spielten frühere Komponisten eine gewisse Rolle, die mit der Originalklangbewegung allmählich auch für den säkularen Konzertbetrieb entdeckt wurden: Italiener wie Giovanni Perluigi da Palestrina sowie Andrea und Giovanni Gabrieli sind hier ebenso zu nennen wie die niederländische Tradition eines Josquin des Prez.

Eine besondere Bedeutung hat für die protestantische Kirchenmusik Heinrich Schütz. Er wurde 1585 geboren – damit rund ein Jahrhundert nach dem Reformator Martin Luther, genau 100 Jahre vor Johann Sebastian Bach. So ist Mitteldeutschland, das Gebiet des heutigen Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, für die protestantische Kirchenmusik rund zwei Jahrhunderte lang die absolut prägende Region gewesen. Rund ein Jahrhundert vor Johann Sebastian Bach komponierte Schütz bedeutsame Passionen sowie ein Weihnachts- und ein Osteroratorium. Grandios ist die Bedeutung dieses Meisters als Motettenkomponist, als Komponist kurzer Bibeltexte für Singstimmen und Instrumentalensembles. Eine hervorgehobene Rolle spielen hier die »Psalmen Davids«.


Konzerte nach italienischem Vorbild

Der Zyklus aus 26 Psalmenvertonungen von Heinrich Schütz entstand 1619, wenige Monate nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Wir können also in diesem Jahr das 400jährige Jubiläum dieser herausragenden Werkgruppe des Frühbarock feiern. Gewidmet wurden sie dem sächsischen Kurfürsten Johann Georg I. Es handelt sich um Konzerte nach italienischem Vorbild für Singstimmen (in der Regel Chor) und Orchester.

Sicherlich dachte Schütz bei der Konzeption dieser Psalmenvertonungen keineswegs an eine zyklische Gesamtaufführung dieser Motetten. Dass diese Stücke teilweise mit einer Schlussdoxologie (einer deutschen Version des »Gloria Patri« aus dem 4. Jh., das im Zusammenhang mit vielen Psalm-Traditionen eine Rolle spielt) enden, teilweise aber auch auf diese verzichten, spricht dafür, dass die einzelnen Sätze für ganz bestimmte gottesdienstliche Anlässe – eventuell für die damalige Verwendung in bestimmten kirchenjahreszeitlichen Traditionen – individuell konzipiert wurden.

Die ausgewählten Psalmen bilden die ganze Bandbreite der Psalmen und damit auch die ganze Bandbreite der Gefühle ab. Sie stehen durchaus in der Tradition Martin Luthers, der die Musik gleich nach der Theologie auf eine sehr hohe Stufe stellte und den Psalmen im AT einen ganz besonderen Stellenwert einräumte. Schütz’ »Psalmen Davids« bilden ein wichtiges Vorbild für die rund 100 Jahre später entstandenen Motetten Johann Sebastian Bachs. Inmitten des Dreißigjährigen Krieges entstanden, kann man diese Psalmenvertonungen als politisches und als konfessionelles Statement betrachten.


Ein konfessionelles und politisches Statement

Schütz entschied sich als protestantischer Komponist für die Psalmen in deutscher Sprache, nach der Bibelübersetzung Martin Luthers. Schütz, der kurz zuvor italienische Madrigale nach dem Vorbild Claudio Monteverdis komponiert hatte, wählte keine lateinischen liturgischen Traditionstexte, wie sie in der römisch-katholischen Kirchenmusik dominierten. Zugleich bediente sich der aus dem Thüringischen Köstritz stammende Meister durchaus musikalischer Einflüsse katholischer Vorbilder: So orientierte er sich bei den kühnen Harmonien und den farbigen Instrumentalsätzen ebenso an Claudio Monteverdi wie bei gelegentlichen Solo-Einlagen einzelner Stimmen, die schon auf die damals entstehende Gattung der Oper verweisen. Schütz selbst hat eine Oper ­»Daphne« komponiert, die unglücklicher­weise verschollen ist.

So ist der Zyklus der »Psalmen Davids« auch als Plädoyer für den Frieden inmitten des Dreißigjährigen Krieges anzusehen, da er die Einflüsse der Musik der Gegenpartei bei allem Eintreten für die deutschsprachige Bibel nicht verleugnen konnte. Es ist geradezu bewundernswert, dass wenige Monate nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges Schütz so viele großartig jubilierende Hymnen komponierte wie in den »Psalmen Davids«. Aber natürlich wird auch der Klage großer Raum gegeben.

Die Vertonung des 130. Psalms (SWV 25) kommt in jeder Hinsicht »Aus der Tiefe«. Die Tonlage zu Beginn ist tief, die Harmonik dunkel und zugleich kühn. Sie ist von der experimentellen Madrigalmusik des Italieners Claudio Monteverdi beeinflusst und weist weit voraus zur Passionsmusik Bachs, zur Kammermusik Mozarts, ja, bis hin zur »Tristan«-Chromatik Richard Wagners. Dem tröstlichen Text entsprechend endet dieses Stück jedoch in beruhigten Dur-Harmonien.

Ebenfalls harmonisch kühn wirkt Schütz’ Vertonung von Ps. 6, der wie Ps. 130 zu den traditionellen kirchlichen Bußpsalmen zählt (SWV 24). Man möchte beim seufzenden Beginn an das berühmte Lamento der Arianna von Monteverdi denken.



Vertrauenslied eines Einzelnen

Kammermusikalisch und madrigalisch wirkt die Vertonung des 23. Psalms (SWV 33). Die Harmonik ist zu Beginn erstaunlich düster, so als wolle Schütz die Situation darstellen, in der man Gott als guten Hirten sucht. Es überwiegen jedoch zarte und lichte Klänge. Bemerkenswert sind die an solistische Madrigalklänge gemahnenden Passagen: Schütz stellt den Psalm nicht als großen Gemeindehymnus, sondern, wie die wissenschaftlich-alttestamentliche Exegese des 20. Jh. (ab Hermann Gunkel), als Vertrauenslied des Einzelnen dar.

Mit grandios-hymnisch-getragenen Akkorden vertont Schütz den berühmten Schöpfungspsalm 8 (SWV 27). In den hymnischen Ps. 98 (SWV 35) und 150 (SWV 38) kann man spüren, wie Schütz zum einen den Chor geradezu himmlisch jubilieren lässt, zum anderen musikalische Effekte und auch einzelne Instrumente durch die Singstimmen schildert. Selten hat die Musik sich selbst so eindringlich und eindrucksvoll gerühmt.

Ps. 136 ist gleich zweimal in der Sammlung vertreten: Mit den Stücken SWV 32 und 45. In beiden Vertonungen fällt auf, dass Schütz die Worte »Denn seine Güte währet ewiglich« gleichsam als Kehrvers mehrfach wiederholt. Man möchte hier an das Prinzip denken, dass ständig neue Textabschnitte von einem Vorsänger vorgetragen werden, der Chor oder die Gemeinde dazwischen den Kehrvers refrainartig schmettern darf. Gerade dies macht diese beiden Psalmenvertonungen zu Stücken, die sich für den Gemeindegesang so hervorragend eignen wie so manche modernere Lieder mit Refrain. Von solchen Stücken dürften sich auch die afrikanischen Sklaven in den USA haben anregen lassen, so dass derartige Psalmenvertonungen eine Rolle bei der Entstehung der Gospel-Musik spielen könnten.


Ein geradezu weltumspannender Jubel

Das letzte Stück der Sammlung, SWV 47, präsentiert den 100. Psalm (der übrigens durch SWV 35 noch mit einer weiteren Vertonung in dem Zyklus vorhanden ist) als geradezu weltumspannenden Jubel. Es unterstreicht somit die Friedensbotschaft dieser Psalmenvertonungen inmitten des Dreißigjährigen Krieges: Während Menschen einander morden und sich gegenseitig das Leben schwer machen, hätten sie allen Grund, Gott zu danken, zu rühmen und mit den Worten des 100. Psalms zu jauchzen.

Übrigens hat auch der Beginn der Sammlung etwas Symbolisches: Schütz beginnt den Zyklus mit Vertonungen der Ps. 2 und 110, die traditionell mit der Weissagung des Messias in Verbindung gebracht werden. So bringt Schütz zu Beginn dieser atl. Textsammlung einen ausgesprochenen Christus-Bezug und damit auch einen Hinweis auf das NT. Er vertont die beiden Psalmen recht hymnisch.

Überhaupt fällt der große Anteil jubilierender Hymnus-Psalmen in den »Psalmen Davids« von Heinrich Schütz auf und zugleich die große Differenziertheit in Klangbild, Stimmführung, Instrumentation und Harmonik. Streichinstrumente wechseln souverän mit unterschiedlichen Blasinstrumenten wie Posaunen, Trompeten und den historischen Zinken ab. Die Sätze sind mal akkordisch, mal streng polyphon. Heinrich Schütz konnte schon so grandios unterschiedlich die Chöre jubeln lassen wie Johann Sebastian Bach in seiner h-Moll-Messe oder Joseph Haydn in der »Schöpfung« und in den »Jahres­zeiten«.


Gottesdienstliche Gebrauchsmusik

Selten dürfte man einer konzertanten Gesamtdarbietung der »Psalmen Davids« begegnen. Als Konzertbesucher vermisst man eventuell doch herausstechende Gesangs- oder Instrumentalsoli wie sie in Opern und Oratorien, aber auch in Monteverdis Madrigalen so prägend sind. Für den säkularen Konzertbetrieb, wie wir ihn wohl doch erst seit der Wende vom 18. zum 19. Jh. kennen, wurden diese Stücke jedoch gar nicht komponiert. Bei den »Psalmen Davids« handelt es sich um gottesdienstliche Gebrauchsmusik wie bei vielen Motetten aus der Zeit zwischen Mittelalter und Barock. Da jedoch Psalmen im Laufe des Kirchenjahres und auch bei Kasualien oder anderen festlichen Gelegenheiten immer wiederkehren, eignen sich diese Stücke sehr gut auch heute für die gottesdienstliche Verwendung. So sind die Vertonungen der traditionell als messianisch geltenden Ps. 2 und 110 (SWV 22 und 23) sehr gut für christliche Eckdaten wie Weihnachten, die Passionszeit oder das Osterfest geeignet.

Ps. 98 ist der Wochenpsalm, der dem Sonntag »Cantate« (4. Sonntag nach Ostern) seinen Namen gegeben hat. Seine Vertonung (SWV 35) kann an diesem Tag wunderbar eingesetzt werden. Ähnliches gilt für Ps. 100, der in der Sammlung mit SWV 35 und 47 gleich zweimal vertreten ist. Dieser Psalm ist Quasi-Namensgeber des Sonntags Jubilate (3. Sonntag nach Ostern).

Ps. 130 ist einer der traditionellen Bußpsalmen der Kirchen. Durch Martin Luthers Umdichtung »Aus tiefer Not schrei ich zu dir« wurde er mit der evangelischen Bußtradition verbunden, durch welche er zu dem prägenden Psalm des Buß- und Bettags wurde. Schütz’ Vertonung kann – eventuell gemeinsam mit anderen Verarbeitungen dieses Textes von Orlando di Lasso, Johann Sebastian Bach oder Louis Spohr (um nur einige zu nennen) – an diesem Tag eine wichtige Rolle spielen.

Ps. 23 ist nicht nur der prägende Psalm des Hirtensonntags (2. Sonntag nach Ostern), sondern wurde auch zu einem der beliebtesten Konfirmationssprüche – vielleicht auch, weil der Hirtensonntag inmitten der traditionell als Konfirmationszeit geltenden Osterzeit liegt. Somit kann seine Vertonung (SWV 33) eine wesentliche Brücke für Jugendliche sein zur Musik des Frühbarock und zu geistlicher Musik überhaupt.

Ps. 8 (SWV 27) passt sehr gut in die Auseinandersetzung mit Bachs Johannespassion, da deren Eröffnungschor »Herr unser Herrscher« sich genau auf den Anfang dieses Psalms bezieht. Ps. 136 schließlich gehört als Dankpsalm zu den traditionellen Texten des Erntedankfestes.

 

Über die Autorin / den Autor:

Sönke Remmert, Jahrgang 1963, Studium der Evang. Theologie in Marburg, Mitarbeiter in der Bibliothek der Evang. Hochschule für Kirchenmusik Bayreuth und im Evang. Dekanat Bayreuth; zahlreiche Konzertkritiken.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2019

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