Zur Werbung für das Theologiestudium
Es zählt das persönliche Gespräch

Von: Joachim Fritz
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Die evangelischen Kirchen in Deutschland sehen sich gerade für den Pfarrberuf aber auch für Religionslehrkräfte einem Nachwuchsproblem gegenüber. Manche Landeskirchen mehr, andere weniger. So ist es nicht verwunderlich, dass in den vergangenen Jahren die Frage nach einer passenden Werbung für das Theologiestudium immer wieder aufkam. Es scheint aber, dass einer der wichtigsten Zugänge zum Nachwuchs noch nicht ausreichend eröffnet oder thematisiert wurde. Es geht um den direkten, persönlichen Dialog zwischen Menschen, die in kirchlichen Berufen oder im kirchlichen Umfeld tätig sind, und denjenigen, die auf der Suche nach einem für sie geeigneten Studium sind.


Das Theologiestudium fällt aus dem Korpus der »üblichen« Studienfächer heraus

Dem Theologiestudium eilt wie fast keinem anderen Fach in der deutschen Studienlandschaft eine »Aura des Besonderen« voraus, etwa wer Theologie studiert, was man studiert oder wie die Voraussetzungen für das Studium sind. Eine der negativen Auswirkungen dieser Aura liegt darin, dass es junge Erwachsene gibt, die zwar erwägen, ein Theologiestudium zu beginnen, aber gleichzeitig in Zweifel ziehen, ob sie mit ihrer persönlichen Lebensgeschichte, ihren Erfahrungen und ihrer Frömmigkeit dem Theologiestudium »gerecht« werden können. Fragen, ob sie nicht viel frömmer, viel »heiliger« sein müssten, treiben viele derjenigen, die über ein Theologiestudium nachdenken, um. Diese Zweifel und Fragen sind neben den Schwierigkeiten bei der Werbung für das Studium zunächst eine seelsorgliche Herausforderung. Gerade hier sind Menschen vom Fach gefragt, die diese Sorgen ernst nehmen, aber auch mit einem realistischen Bild des Studiums und des Berufes eben jene zu ermutigen vermögen.


Bei der Wahl dieses Studiums spielt der direkte, persönliche Kontakt zu Pfarrpersonen bzw. zu Religionslehrer*innen eine große Rolle

Wenn sich in Gesprächen mit Theologiestudierenden die Frage nach dem Warum der Studienfachwahl stellt, so berichten sehr viele, dass sie von Bezugspersonen, die oft aus dem kirchlichen Raum stammen, sehr direkt dazu ermutigt, ja aufgefordert wurden, dieses Studium zu wählen. Bei der Frage nach ausschlaggebenden Impulsen werden Religionslehrer*innen sehr häufig als wesentliche Bezugspersonen genannt.


Wir haben ein tolles Studium, und sollten nicht davor zurückschrecken, dies auch offen zu bewerben

Das Theologiestudium ist ein besonderes Studium. Es sticht mit der bis heute bestehenden Freiheit in der Wahl der einzelnen Schwerpunkte, von Studienort und -dauer aus der übrigen universitären Bildungslandschaft heraus. Dass wir uns diese Freiheiten bewahrt haben, ist nicht selbstverständlich. Ebenso ist klar, dass auch die Art und Weise, mit der in Deutschland Theologie studiert wird, eigene Schwierigkeiten mit sich bringt und es sicherlich diejenigen unter den Studierenden gibt, die mit dieser Vielzahl an Freiheiten nicht zurechtkommen.


Die Eigenheiten des Studiums erfordern eine individuelle Entscheidungsbetreuung

Es gehört insbesondere im Falle des Pfarramtes zum Studium ebenso wie zum späteren Beruf dazu, dass dieses Studien- und Berufsfeld Eigenheiten mit sich bringt, über die nicht einfach hinweggesehen werden sollte. So sind die Anforderungen an eine eigenständige Arbeits- und Denkweise hoch. Das Studium und die kirchlichen Berufsfelder setzen ein hohes Maß an fachlichen und sozialen Fähigkeiten voraus. Gleichzeitig bieten das Studium und viele der kirchlichen Berufe durch die weitläufig gewährten Freiheiten gerade für »Multitalente« Möglichkeiten, diese einzusetzen und auszuleben. In dieser Kombination aus Anforderungen und Möglichkeiten liegen sowohl die Schwierigkeiten als auch die Chancen, für das Theologiestudium zu werben. Es empfiehlt sich sehr, diese Spezifika präzise und ausführlich im persönlichen Gespräch zu erörtern. Darin liegt auch der Grund, dass die direkte Aufforderung durch Personen, die im Pfarr- und Lehramt stehen, einen so hohen Stellenwert bei der Entscheidungsfindung hat. Junge Erwachsene mit ihren Stärken und Schwächen zu kennen und sie deshalb persönlich ansprechen zu können, ist eine der Grundvoraussetzungen für ein erfolgreiches Werben für das Theologiestudium.


Mehr Selbstbewusstsein und Optimismus statt protestantischer Zerknirschung

Wir erleben, dass auch wir als Studierende selbst zu apologetisch mit unseren Studienumständen umgehen. Oft geben wir nur zähneknirschend zu, dass – auch wenn einigermaßen zügig studiert wird – zwölf bis vierzehn Semester doch eher der Regel entsprechen als der Ausnahme. Doch beim Blick auf die Biografien junger Menschen in anderen Studiengängen stellt es sich gleichzeitig als Trugschluss heraus, dass eine zweistellige Zahl an Studiensemestern vollkommen außergewöhnlich sei. Ebenso schwierig ist oftmals der Spracherwerb zu vermitteln: »Wir haben zwar keinen Numerus Clausus, müssen aber drei Sprachen lernen.«

Wir müssen optimistisch sein. Optimistisch zu sein bedeutet jedoch nicht, unrealistisch zu werden. Realismus bedeutet einzusehen, dass das Studium nicht für jede*n etwas ist. Realismus bedeutet, dass manche Menschen dieses Studium abbrechen werden. Dennoch bedeutet Optimismus, junge Menschen aufzufordern, dieses Wagnis einfach einzugehen. Was ist zu verlieren? Im schlimmsten Falle ist man am Ende Architektin oder Physiker mit Hebraicum.

Die Studienlandschaft bietet viele Möglichkeiten, die Unzulänglichkeiten eines Studiums teils deutlich abzumildern. Einige Studienorte in Deutschland bieten ideale Bedingungen für einen zügigen Spracherwerb. Ebenso gibt es durch die 21 Standorte für evangelische Theologie auf Pfarramt in Deutschland durchaus Möglichkeiten, den teuersten Städten fernzubleiben. Wechsel zwischen den Hochschulen sind recht einfach und von allen Seiten erwünscht. Die Auslandsprogramme sind vielfältig und finanziell ungewöhnlich gut gefördert. Nicht zuletzt sind die Berufsaussichten ausgezeichnet. Dies trifft nicht nur auf den Pfarrberuf zu. Wer Theologie studiert, erwirbt Fertigkeiten, die in jedem Berufs- und Lebensfeld nützlich und einsetzbar sind.


Aus Angst, jungen Erwachsenen etwas »aufzuzwingen«, sollten Pfarrer­*­innen und Religionslehrer*innen an Gymnasien nicht davor zurück­schrecken, diese aktiv zu diesem Studium und einem kirchlichen Beruf zu ermutigen

Die Studienwahl ist eine sehr schwierige Wahl und viele, die sich in diesem Entscheidungsprozess befinden, sind dankbar, wenn offen mit ihnen gesprochen wird. Ein ehrliches und ergebnisoffenes Werben für das Theologiestudium war für viele von uns momentan Studierenden ein wichtiger Impuls bei unserer Entscheidung für dieses Studium. An dieser Stelle möchten wir uns auch sehr herzlich bei all denen unter bedanken, die für uns auf diese Art wegweisend waren und sind. Wir sind davon überzeugt, dass solche Anstöße auch in Zukunft wesentlich für den Weg in das Theologiestudium sein werden.


In den vergangen Jahren wurden mehrere Informationsseiten zum Theologiestudium und zu den späteren Berufen aufgelegt. Es sei daher auf die zentrale EKD-Seite www.das-volle-leben.de verwiesen. Ebenso sei darauf hingewiesen, dass die meisten Landeskirchen eigene Informationsseiten über das Theologiestudium eingerichtet haben.


Joachim Fritz

(für den Studierendenrat Evangelische Theologie)

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2019

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Das wichtigste Wort im christlichen Glauben
Samuel Wells’ inspirierende Theologie des Mitseins
Artikel lesen
Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen
Protestantischer Lehrer der Achtsamkeit
Zum 250. Todestag Gerhard Tersteegens
Artikel lesen
Religiöse Toleranz
Sechs Diskussionsthesen für Christen und Muslime
Artikel lesen
Rogate
26. Mai 2019, Johannes 16,23b-28(29-32)33
Artikel lesen
Der gezeichnete Leib und die »Auferstehung des Fleisches«
Theologische Beobachtungen zur leiblichen Auferweckungsvorstellung
Artikel lesen
Mit Goethes Osterspaziergang in den johanneischen Ostermorgen
Zu einem Marginaltext in der Ordnung der Predigttexte
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!