10. März 2019, Hebräer 4,14-16
Invokavit (1. Sonntag in der Passionszeit)

Von: Peter Haigis
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Brückenschlag in die Sphäre des Heiligen

Christusbilder

Messias, Sohn Gottes, Logos, Menschensohn, Prophet, Rabbi, Weisheitslehrer, Therapeut, Revolutionär, Hippie… Die Vielfalt der Bilder und Titel für Jesus ist unüberschaubar – zumindest wenn man zu einer möglichen Aufzählung die außerbiblischen Porträts und Skizzen hinzunimmt.

Jesus als Hohepriester – das ist die spezifische Sichtweise des Hebr. Neben der besonderen Opfertheologie aus Hebr. 9f wird das im 7. Kapitel breit entfaltet und hier – nach 2,17 und 3,1 – erstmalig ausgeführt. Die Pointe liegt dabei – anders als in Kap. 9f – auf der Analogie zum menschlichen Hohepriester. Das Wesen seiner Mittlerschaft wird vor allem in den Eingangsversen von Kap. 5 dargestellt, die nicht zum Predigttext gehören, aber gegebenenfalls hinzugezogen werden sollten.


Jesus als Brückenbauer, als »Pontifex«

Brückenschläge sind überall dort nötig, wo ein Abgrund oder ein reißender Fluss das Weiterkommen auf der Wanderschaft (auch dies ein Motiv des Hebr.!) zunächst unmöglich erscheinen lässt. In der Begegnung mit dem Heiligen, mit der Sphäre des heiligen Gottes, ist es die Sünde des Menschen, die den Abgrund markiert. Deshalb sind Brückenschläge und Brückenbauer nötig, die den Übergang ermöglichen und gewährleisten.

Die Religionsgeschichte – auch außerhalb von Judentum und Christentum – hält eine Vielzahl von Ritualen und Zeremonien, von kultischen Einrichtungen und Berufen bereit, die genau an dieser Schnittstelle wirksam sind und die Funktion des Brückenschlags erfüllen. Auch die Rolle des Pfarrers/der Pfarrerin gehört dazu – bei aller (Selbst-)Säkularisierung!

Jesus Christus als Brückenbauer steht in diesem »Sortiment« mit einer gewissen Einmaligkeit da, die der Hebr. punktgenau erfasst: Als »Sohn Gottes«, also selbst von göttlicher Abkunft, ist er Gott näher als jeder andere Mittler. Er steht – im Bild gesprochen – bereits auf der anderen Seite und kommt von dorther auf den Menschen zu. Zugleich macht er sich auf seiner Wanderschaft unter die Menschen in einer Weise diesen gemein, die ihn am Ende von keinem irdischen Hohepriester unterscheidet; im Gegenteil: die Not menschlicher Existenz, sich von Gott getrennt zu erleben, hat er in Leiden und Kreuz selbst durchgemacht.


Masken des Maskulinen

In seinen »neuen Reden zur Männerbefreiung« (»Masken des Maskulinen«, 1993) hat der amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr ein Quartett männlicher Archetypen entfaltet, das Männern innerhalb und außerhalb der Kirche ansprechende spirituelle Leitbilder vor Augen führt: König, Krieger, Magier, Liebhaber. Üblicherweise haben es die Männer ja nicht so mit Religion und Spiritualität. Das könnte sich – so Richard Rohr – bei einer Spurensuche anhand dieser Archetypen ändern.

Der Priester (Hohepriester) gehört dabei dem Typus des Magiers zu. Rohr schreibt: »Die niedrigste Form des Magiers ist der Clown oder Gaukler. In seiner höchsten Form ist der Magier der Prophet. Dazwischen haben wir den Ältesten, den Weisen Alten, den geistlichen Führer, den Schamanen, den Beichtvater, den Zauberer, den Medizinmann und den Priester«. (111)

All dies sind Varianten eines Typs, des »Archetyps der inneren Wandlung«, der »Transformation« (109). Der Magier steht für das »Sowohl – als auch« im Leben, für die Paradoxie, für die Vereinbarkeit des Unvereinbaren, für den Übergang – und damit für ein permanentes Über-sich-hinaus-Wachsen an den Grenzerfahrungen, die das Leben bereithält.

Nach protestantischem Verständnis sind alle Getauften Priester, sozusagen unsere eigenen Gott-Mittler und zugleich diejenigen für unsere Nächsten, auch wenn Jesus als einzigartiger Hohepriester uns in diesem Amt vorausgeht. Das bedeutet aber: allen Christen ist damit eine besondere Lebensaufgabe und Kompetenz der Lebensbewältigung zugeeignet.


Unterdrückte Weiblichkeit

Dass die Rolle des biblischen Hohepriesters männlich vorgestellt und ausgefüllt wird, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die priesterliche Aufgabe geschlechterindifferent ist. Auch die »Masken des Maskulinen« eines Richard Rohr sind keineswegs exklusiv zu verstehen. Die Religionsgeschichte insgesamt öffnet vielmehr die Rolle des Magiers, des Weisen, des Priesters für beide – Männer und Frauen – und bietet eindrückliche Beispiele. Von daher fällt es nicht schwer, sich an dieser Stelle ebenso »Priesterinnen« vorzustellen am Dienst jenes Brückenschlags, jenes Übergangs. Alles andere wäre Geschichtsfälschung, ja mehr noch: eine Selbsttäuschung in Sachen Religion. Die Transzendenz bevorzugt keine Geschlechter im Umgang mit ihr.


Einübung ins Heilige

Was kann das alles für Gottesdienst und Predigt bedeuten? Manfred Josuttis hat den Versuch unternommen, den Umgang mit dem Heiligen als besondere Herausforderung jeder Religionspraxis zu beschreiben, auch der protestantischen. In einer säkularen, materialistisch und technisch orientierten Kultur besteht diese Herausforderung nur umso mehr. Wo lernen wir den Umgang und die Einübung ins Heilige, wenn nicht in unseren Gottesdiensten? Wo ließe sich mehr darüber erfahren und wo ließe es sich besser praktizieren? So ist jeder Gottesdienst ein Brückenschlag in die Sphäre des Heiligen, ein Übergang in eine andere Welt als diejenige unserer politischen, ökonomischen und wissenschaftlich-technischen Strategien. Das lässt sich feiern – zumal mit einem Text wie Hebr. 4,14-16 und am besten im Rahmen eines Abendmahls oder einer Eucharistie.


Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2019

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