7. April 2019, Johannes 18,28-19,5
Judika (5. Sonntag in der Passionszeit)

Von: Michael Gärtner
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Ein revolutionäres Gottesbild

Pilatus versteht Jesus nicht

Auch in der Passionsgeschichte hält Johannes sein Gestaltungsprinzip des Missverständnisses durch. Die Gesprächspartner Jesu verstehen ihn nicht, denn er ist in der Wahrheit und sie sind außerhalb der Wahrheit. Hier ist es Pilatus, der Repräsentant der weltlichen Besatzungsmacht, der Jesus für harmlos und unschuldig hält, ihn deshalb zunächst nur mit einer Geißelung bestrafen will, dann aber den Wünschen der Hohepriester folgt und ihn zu der Todesstrafe verurteilt, zu der sie ihn im Besatzungszustand nicht verurteilen dürfen.

Pilatus versteht Jesus nicht. Für ihn ist er kein König, sondern nur ein Mensch. Jesu Reden von der Wahrheit ist ihm unverständlich und hat für ihn in der Situation eines Verhörs keinen Platz. Damit sind die zentralen Begriffe dieser Perikope benannt. Sie können das Zentrum der Predigt bilden; die Erörterung der von den Synoptikern abweichenden Zeitangaben und der abweichende Ablauf scheinen mir für die Predigt nicht von Bedeutung und in diesem Fall nicht der Rede wert.


Jesus – lediglich ein Mensch?

Pilatus sieht einen – beklagenswerten, vielleicht auch einfach nur unverstehbaren – Menschen, keinen König. Er sieht einen Menschen, der zum Opfer der für ihn unverständlichen innerjüdischen Querelen wird, und den er nicht retten kann. Viel wird es ihm nicht ausgemacht haben. Er ist es gewöhnt, in einem Machtkalkül zu denken, in dem sich der Wert eines Menschenlebens nach der Stellung dieses Menschen in der Gesellschaft richtet, jedoch keinen Wert an sich hat. Soldaten in den Tod zu schicken und Gefangene zu erdrosseln, ist für ihn ein Teil seines politischen Handelns. Insofern schwingt in seiner Bemerkung »Siehe, der Mensch« keine theologische Bedeutung mit, wie sie dem »Ecce homo« in späteren Interpretationen mitgegeben wurde. Es ist allenfalls Ausdruck seines Nicht-Verstehens des Königtums Jesu.

Damit jedoch macht dieser Ausspruch deutlich, dass Jesus für den Außenstehenden, den außerhalb der Wahrheit stehenden, (lediglich) ein Mensch ist. Jesus zu sehen, heißt nicht, ihn zu erkennen. Die Jesus gesehen haben, haben damit keinen Vorteil gegenüber denen, die ihn nicht sehen konnten – wie die Leser des Johannesevangeliums oder auch die Prediger*innen und Hörer*innen in einem unserer Gottesdienste. Jesu Königtum kann nicht mit den Augen erkannt werden, auch nicht, wenn er wie in dieser Geißelungsszene mit einem Purpurgewand bekleidet ist.


Eine Wahrheit – nicht von dieser Welt

Dieser Mensch Jesus ist jedoch der König der Wahrheit, aber eben einer Wahrheit, die nicht von dieser Welt ist. Diese Wahrheit ist nicht die Richtigkeit einer Aussage, es ist noch nicht einmal eine zutreffende Bestimmung der Situation des Menschen in seiner Welt. Diese Wahrheit ist in erster Linie eine Aussage über Gott. Es ist die Aussage, dass Gott die Liebe ist. Damit ist zunächst ein neues, in einer Einseitigkeit revolutionäres Gottesbild gemeint.

Aus dieser Gotteserkenntnis ergeben sich die weiteren Aussagen über Gott und sein Heilshandeln. Weil Jesus dieses Gottesbild in einem umfassenden Sinn repräsentiert, ist er damit der Weg, die Wahrheit und das Leben. Dies zu erkennen und damit in die Wahrheit zu kommen, ist ein Handeln Gottes selbst, eine Wirkung des Heiligen Geistes.

Pilatus ist der Repräsentant einer Gruppe von Menschen, deren zentraler Wert die Macht ist. Deshalb kann er die Wahrheit Jesu nicht erkennen. Solche Menschen gibt es nach wie vor. Aber auch andere Werte können den Blick versperren, wenn sie zu zentralen Werten werden: der Erfolg im Beruf, die Anerkennung der Menschen, die Stabilität des Systems, die Tradition, die Gewohnheit, das eigene Wohlbefinden, der eigene Kirchturm. In den synoptischen Evangelien kommen sogar noch die Familie und die Fürsorge für die Verstorbenen hinzu. Sie alle können mit der Liebe kollidieren – und eben alles das, woran der Mensch sein Herz hängt.


Lieder

EG 93 »Nun gehören unsre Herzen«

EG 221 »Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen«

EG 401 »Liebe, die du mich zum Bilde«

EG 264 »Die Kirche steht gegründet«


Michael Gärtner

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2019

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