Das Jesus-Evangelium

Von: Peter Haigis
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Vor über 20 Jahren hat der amerikanische Schriftsteller Norman Mailer einen Jesus-Roman veröffentlicht. Der Originaltitel »The Gospel According to the Son« erschien 1997. Ein Jahr später war die deutsche Übersetzung auf dem Markt: »Das Jesus-Evangelium«. Hierzulande blieb dieser Roman Mailers – er starb 2007 im Alter von 84 Jahren – ein wenig beachtetes Buch. Was sollte man auch von der literarischen Adaption eines biblischen Stoffes aus seiner Hand halten? Ist dies das fromme Spätwerk eines sonst eher als enfant terrible aufgefallenen alternden Literaten?

Weit gefehlt! Der Titel klingt nicht nur provokativ, sondern ist auch so gemeint: Üblicherweise sind Evangelien von der Gattung her ja »gläubige« Schilderungen der Person Jesu, seines Weges, seiner Botschaft, seines Leidens, Sterbens und Auferstehens. Narrative Glaubensbekenntnisse also. Geschrieben von Autoren, die weithin unbekannt blieben, ihr Werk jedoch entweder selbst einer apostolischen Persönlichkeit zuordneten oder aber von der späteren Tradition so »identifiziert« wurden. Ein »Evangelium nach dem Sohn, nach Jesus«, bildet dabei die absolute Ausnahme, insofern es suggeriert, Jesus selbst habe es geschrieben. Und genau dies hat Mailer literarisch im Sinn: Nachdem etliche, mit dem historischen Jesus gar nicht mehr persönlich bekannte Autoren es unternommen haben, die Jesus-Geschichte aufzuzeichnen, ergreift der Herr und Meister nun selbst das Wort.

Die biblischen Evangelisten werden dabei mancher Übertreibung und Unkorrektheit bezichtigt. Schon sieht es so aus, als wolle Norman Mailer seine Leserinnen und Leser aus dem Dickicht der vielen, zum Teil sich widersprechenden biblischen Aussagen befreien, um ihnen die autoritative Version des »Herrn« höchstselbst anzubieten. Doch Mailer verfolgt ein anderes literarisches Ziel als ein »Clearing« der zugrunde liegenden Verhältnisse. Und genau das unterscheidet ihn von so manchen Jesus-Romanen unserer Zeit von José Saramago über Eric-Emmanuel Schmitt bis hin zu Philip Pullman.

Mailers Jesus-Roman ist konsequent in der Ich-Form geschrieben – das Leben und Sterben Jesu also, von ihm selbst erzählt. Nur, wann? An die frühe Kindheit kann sich der literarische Ich-Erzähler Jesus natürlich nicht mehr erinnern. Da ist er ganz auf die Berichte seiner Eltern angewiesen, doch seinen Lebensweg, seinen Tod, seine Auferweckung, seine Verwandlung und seine eigene Wirkungsgeschichte bekommt der Mailersche Jesus durchaus in den Blick. Es ist also der Auferstandene, der hier spricht – und das dürfte das Besondere an Mailers Fassung sein: Sie ist im besten Sinne eine Ostergeschichte. Was aus historischer Perspektive gänzlich undenkbar ist, erhält in der literarischen Fiktion seine Kontur und seinen Sinn. Da redet nicht ein Wiederbelebter von Nahtoderfahrungen und einem veränderten Blick aufs irdische Leben, sondern der Auferstandene, der Erstling und (bislang) Einzige einer neuen Schöpfung spricht von seiner »Mission«.

Das ist natürlich nicht nur literarisch, sondern auch theologisch eine Fiktion – jedoch eine, die die Auseinandersetzung lohnt. Was die Leser bei ihrer Lektüre geboten bekommen, ist zunächst ein Jesus aus Fleisch und Blut, ein wirklicher Mensch, mit seinen Gefühlen, vor allem mit seinem Mitleid den Kranken und Ausgebeuteten gegenüber, aber auch mit seinem Zorn gegen jedes religiöse Machtgebaren und mit seinem Zweifel an der eigenen Lebensbestimmung. Im Ohr des Mailerschen Jesus mischen sich die Einflüsterungen Gottes, des Satans und der Menschen und werden verwechselbar. Schon das macht das Buch zu einer authentischen Beschreibung dessen, was Glaube genannt werden kann: Im Hier und Heute ist Glaube selten eindeutig, sondern stets angefochten – und darum ein Wagnis.

Ganz am Ende greift der Lebensbogen dann weit über die kurze irdische Frist hinaus. Mailers Jesus-Evangelium mündet in eine Schau, in der Jesus seine Lebensbestimmung im klaren Licht Gottes sieht, jenseits von Leben und Tod, in der vollendeten Gemeinschaft mit Gott. Und das hoffen wir Christen ja auch, dass wir einmal – nach diesem Leben – unser Leben im Licht Gottes sehen oder, wie Paulus sagt, uns selbst so erkennen, wie wir von Gott erkannt sind.

Ein gesegnetes Osterfest wünscht Ihnen Ihr

Peter Haigis. 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2019

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