»Was für ein Vertrauen«

Von: Peter Haigis
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So lautet das Motto des diesjährigen Deutschen Evangelischen Kirchentags in Dortmund: »Was für ein Vertrauen«. Kein Ausrufezeichen, kein Fragezeichen, kein Gedankenstrich, keine Pünktchen am Anfang oder am Ende; einfach nur diese vier Worte. Dabei hätten sich die Pünktchen vom biblischen Kontext her angeboten …

Es ist ja seit einigen Jahren Mode, das Motto des Kirchentags wie ein Fragment aus einem größeren biblischen Textzusammenhang herauszulösen: 2011 in Dresden hieß es »… da wird auch dein Herz sein« (mit Pünktchen!), 2013 in Hamburg »Soviel du brauchst«, 2015 in Stuttgart »damit wir klug werden«, 2017 in Berlin/Wittenberg »Du siehst mich«. Und nun also »Was für ein Vertrauen«.

Die biblische Textstelle, auf die die Kirchentagslosung zurückgeht, ist – wie schon in den vergangenen Jahren – angegeben. Man setzt auf protestantische Bibelbewandtnis! Wer in 2. Kön. 18,19 nachschlägt, wird aber wahrscheinlich ob des Zusammenhangs erst einmal resignieren. Im ganzen Satz lautet der Vers: »Und der Rabschake sprach zu ihnen: Sagt doch dem König Hiskia: So spricht der große König, der König von ­Assyrien: Was ist das für ein Vertrauen, das du da hast?«

Da ist guter Rat teuer bzw. zwingt dazu, das ganze Kapitel und am besten das 19. noch dazu zu lesen. Beschrieben wird die Königsherrschaft Hiskias von Juda, die vom Chronisten hoch gerühmt wird, weil Hiskia als frommer und gottesfürchtiger König gelten darf, der ganz nach dem Willen des Gottes Israels wandelte. Aus seiner 29 Jahre währenden Regentschaft wird dann – quasi als Vertrauensbeweis – eine Episode besonders ausführlich erzählt.

Nach dem Niedergang des Nordreichs zwangen die Assyrer den Reststaat des davidischen Königreichs, Juda, unter Tributzoll. Hiskia aber widersetzte sich dem assyrischen Joch. In dieser Situation sendet Sanherib, der amtierende assyrische König, eine Abordnung nach Jerusalem – zu ihr gehört der im Losungsvers zitierte Rabschake (ein hoher Beamter Assurs).

Die während der Unterredung der Gesandten beider Seiten fallende Frage »Was ist das für ein Vertrauen, das du da hast?« ist vom Rabschaken natürlich ironisch gemeint. Er bewundert nicht das Vertrauen, das Hiskia an den Tag legt, interessiert sich auch nicht dafür, sondern verhöhnt es. Angesichts der Machtfülle, über die der König von Assyrien verfügt, scheint es geradezu lächerlich, ja lebensmüde, sich ihm zu widersetzen. Wer sollte da vor dem zu erwartenden Gewaltschlag Sanheribs noch retten können? Die Ägypter? Sie werden vom Rabschaken als unzuverlässige Partner denunziert. Der Gott Israels? Er wird vom Assyrer instrumentalisiert, wenn dieser behauptet, der Feldzug Sanheribs gegen Hiskia geschehe im Auftrag Jahwes.

Im weiteren Verlauf wird dann erzählt, wie Hiskia Gott darum bittet, dem assyrischen Lästermaul Einhalt zu gebieten – und diese Bitte wird von Gott auch prompt erhört. Am Ende reibt ein »Engel des Herrn« das assyrische Heer auf und Sanherib muss unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Klare Verhältnisse! Zumindest aus der Rückschau des Chronisten. Die erstaunliche Rettung Judas aus der Hand Assurs wird auf Gottes wundertätiges Eingreifen zurückgeführt und der Treue Hiskias zugerechnet. Leider liegen die Dinge heutzutage anders, komplexer, undurchschaubarer. Manchmal würde man sich die starke Hand Gottes ja wünschen – gegen die politischen Großmäuler dieser Welt, aber es geschieht nichts, jedenfalls nichts Erkennbares für uns in der Froschperspektive der aktuellen Weltlage Befindlichen. Möglicherweise wird ein künftiger Chronist auch darüber einmal anders urteilen. Für uns heute aber bleibt nur die Einsicht: Politische Theologie geht anders!

Hat Gott überhaupt (noch) etwas mit dem politischen Weltgeschehen dieser Tage zu tun? Hatte er es je? Oder hat er zwischenzeitlich das Interesse daran verloren? Ist mit Jesus von Nazareth und der Offenbarung Gottes in ihm als dem Christus ein grundlegender Wandel in Gott eingetreten oder zumindest offenbar geworden? Gilt seither, dass die entscheidende Politik »von unten«, von den »kleinen Leuten« her, gemacht wird und Gott auf dieser Seite zu finden ist?

Man darf gespannt sein, womit der diesjährige Kirchentag mit seinem Motto theologisch aufwarten wird. Natürlich wird der Verband mit dem Deutschen Pfarrerblatt auch in Dortmund auf dem »Markt der Möglichkeiten« vertreten sein. Vielleicht sehen wir uns.

Herzliche grüßt Sie Ihr

Peter Haigis.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2019

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