14. Juli 2019, Lukas 6,36-42
4. Sonntag nach Trinitatis

Von: Dörte Kraft
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Demut ist realistische Selbsteinschätzung

I

Unser Abschnitt aus der luk. Feldrede beginnt mit einem »Scharnier-Vers«: V. 36 verbindet die erste Reihe der Imperative zu Feindesliebe, Gewaltverzicht und Selbstlosigkeit (V. 27-35a) und deren Begründung im Wesen Gottes (V. 35b) mit der zweiten Reihe von Imperativen, den Umgang miteinander betreffend. Dafür ist V. 36 die Türöffnung: seid barmherzig – wie auch euer Vater barmherzig ist. Dieses »barmherzig« wird ausgefaltet im Verzicht auf Richten und Verurteilen, im Gewähren von Vergebung und ganz allgemein im Geben. Wer so handelt, der wird entsprechendes von Gott empfangen – und von Menschen. Die sog. goldene Regel (V. 31) impliziert auch das.

Es gibt hier eine Entsprechung zwischen dem Handeln des Menschen und dem Wesen Gottes: »Denn auch er ist gütig« und »wie auch euer Vater« bis hin zu V. 38, wo die Rede ist vom »Maß«, mit dem zugemessen wird.

Ab V. 39 schließt sich der erste Teil einer Gleichnisrede an, die das Thema ins Bild bringt und zur realistischen Selbsteinschätzung mahnt: weder der blinde Blindenführer noch der sich selbst überschätzende Schüler noch der Balkenträger sind für ihre Umwelt hilfreich. Eine gute Kenntnis der eigenen Grenzen wäre hier sinnvoll.


II

Von Johannes XXIII. wird eine kleine Geschichte erzählt: Als Johannes XXIII. noch Patriarch von Venedig war, so berichtete sein Sekretär Capovilla, habe Johannes eines Tages den Hinweis erhalten, einer seiner Priester sei Alkoholiker. Darauf habe ihm Johannes erklärt: »Da müssen wir hin!« Vor dem Pfarrhaus angekommen, habe man die beiden in das nächste Gasthaus verwiesen und Johannes habe seinen Sekretär hineingeschickt, den Priester zu holen. Darauf sei der Sekretär zurückgekommen mit der Auskunft: »Sein Hut hängt da, aber er ist nicht zu finden.« Darauf Johannes: »Wenn der Hut da ist, ist auch der Mann da.« Tatsächlich kommt dann der Sekretär einige Minuten später mit dem Priester aus dem Wirtshaus. Johannes geht mit ihm wortlos in sein Palais zurück. Dort bietet er ihm einen Stuhl an: »Setz dich, Bruder, ich möchte nämlich bei dir beichten.«1

Was der in besonderer Weise für seine Güte beliebte Papst hier tut, ist, einen Weg zum Herzen des Bruders zu suchen. In dem Wissen, dass auch das eigene Herz seine Abgründe hat. Niemand wird einen Fehler wahr- und loslassen können, wenn er oder sie harsch abgeurteilt wird. Vor dem selbstgerechten Ankläger stehend wird ein Mensch kaum das Vertrauen aufbringen, das nötig ist, einen Fehler zuzugeben und auszuräumen.


III

Solche Güte wird von Gott ausgesagt, der lieber freispricht als aburteilt. Um wieviel mehr steht es dem Menschen gut an, den Anderen freizugeben (απολυειν). »The ground is level at the foot of the cross«, heißt es in einem Lied von Greg Ferguson: unter dem Kreuz steht keiner über dem anderen. Das eigene Verhalten fällt auf mich zurück: das Maß, mit dem ich messe, wird auch an mich angelegt. Tut mir das gut? Tut es dem anderen gut? Glaube ich wirklich zu wissen, welches Maß Gott anlegen würde?!

Darin sieht unser Text die Essenz des Umgangs miteinander. Warum ist das so wichtig? Es geht nicht darum, alle Maßstäbe aufzulösen oder zur Anarchie einzuladen; es geht aber darum, in allem zu wissen: es könnte auch mir passieren – beide brauchen wir das Erbarmen Gottes. Und ich sollte dem Bruder, der Schwester nicht den Weg dahin durch meine Härte verschließen. Im Bild gesprochen könnte der Balken sonst zum Brett werden, das einem anderen die Welt Gottes verbaut. Der Wochenspruch mahnt, die Last des anderen zu tragen, mitzutragen: sie wahrzunehmen und darunterzugehen.

Der Gnade Gottes steht aufseiten des Menschen die Demut gegenüber: die realistische Erkenntnis der eigenen Stärken, wie auch der Fehler und Macken. Wieviel glaubwürdiger könnten auch Sachauseinandersetzungen sein ohne den Impetus der moralischen Überheblichkeit.

Das gilt für die Gruppierungen und Strömungen innerhalb der Gemeinde ebenso wie für das Gespräch mit anderen Teilen der Gesellschaft, auch da, wo es bei verschiedenen Meinungen bleibt. »Setz dich, Bruder, Schwester, ich möchte …« Wie könnte der Satz weitergehen?


Anmerkungen:

1 Gefunden in einem alten Exemplar des Neukirchner Kalenders, ohne Quellenangabe.


Dörte Kraft

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2019

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