28. Juli 2019, 1. Petrus 2,2-10
6. Sonntag nach Trinitatis

Von: Axel Kramme
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Gemeinsam an Gottes Haus bauen

I

Wenn Martin Luther das Gefühl hatte, Tod und Teufel bekommen über sein Leben Gewalt, wenn er glaubte, die Kraft reicht nicht mehr aus für den nächsten Schritt, dann – so las ich – sagte er zu sich selbst immer: »Ich bin getauft«. »Ich bin getauft«: darin lag Vergewisserung, Tröstung, Stärkung.

Vergewisserung: Du kannst und darfst dein Leben aus Gottes Hand nehmen, denn du bist Geschöpf Gottes und nicht ein Kind des Zufalls.

Tröstung: Du bist nicht allein und schon gar nicht im Stich gelassen; Gott ist an deiner Seite, auch wenn du es nur selten so direkt spürst.

Stärkung: Du musst nicht nur mit deiner eigenen Kraft auskommen; der dich liebt und hält und trägt, will dir stärken die müden Knie und schwachen Hände.

»Ich bin getauft« heißt auch: ich bin und bleibe zur lebendigen Gemeinde der Kinder Gottes gehörig, kein Einzelkämpfer auf weiter Flur, kein überforderter Selfmademan, kein Robinson auf der Insel des Größenwahns und kein einsamer Flieger im Wolkenkuckucksheim.


II

Luther konnte sich nicht genug daran freuen. Der moderne Mensch ist da anders, nüchterner, rationaler. Dass Gott gerade uns ruft und will und braucht als lebendigen Stein am Bau des geistlichen Hauses, ist dem modernen Menschen eine Torheit und ein Ärgernis wie der Glaube an Gott überhaupt. Ich glaube, ich bin viel zu oft in meinem Leben ein moderner Mensch.

Dabei ist das doch ein so wunderschönes Bild von Leben aus Gottes Hand in der Gemeinschaft der Familie Gottes: das geistliche Haus, gebaut aus lebendigen Steinen, gegründet auf sicheres Fundament und mit schützendem Dach, das allen Wettern trotzt.

In diesem Hause lässt sich’s wohl sein, da kann der Mensch atmen und leben, wachsen und gedeihen, da kann er seiner Arbeit nachgehen und seine Freuden genießen, sich erholen und an Körper und Seele gesunden, da kann er letztendlich, wenn die Zeit gekommen ist, seinen Frieden bei Gott finden.

Dieses Haus seid ihr, sagt der Schreiber unseres Textes, und er – Jesus – ist im Haus das Fundament. Kein Leithammel einer politischen oder fanatisch-religiösen Bewegung, keine Leit- oder Kultfigur einer an Leitbildern armen Zeit, kein Superstar oder Massenhypnotiseur, einfach nur Jesus Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, unser Herr, der uns die unbedingte Liebe seines Vaters verkündigte, damit wir eine Chance haben für unser Leben.

Das ist das eine. Und das andere: Ein Haus kann niemand wirklich allein bauen und wer ein Haus baut nur für sich, baut ein armseliges, einsames Haus ohne Leben und Liebe im Wohn- und im Schlafraum, ohne Krach in der Diele, ohne den Duft aus der Küche, geheimnis- und verheißungsvoll, ohne die Früchte gemeinsamer Arbeit im Keller und ohne Erinnerungen in der Bodenkammer.


III

So wie wohl keiner ein Haus nur für sich baut, kann ich auch nicht Christ nur für mich sein. Ich trage meinen Gott im Herzen, sagt mir manchmal jemand. Ich glaube nicht, dass Gott sich wohlfühlt, wo nicht auch Platz ist für andere. Wo zwei einen Weg gehen, heißt es beim Prediger Salomo, stützen sie sich, wenn einer fällt, hilft der andere ihm auf, wie kann ein einzelner Halt finden?

Mag sein, dass der letzte Ziegel zu diesem Haus noch nicht gelegt ist, mag sein, dass wir ein Leben lang daran zu bauen haben, mag sein, dass es noch immer nicht groß genug ist, um alle aufzunehmen, die es gern wollen, wenn wir nur nicht vergessen, dass wir auf sicherem Grund stehen, auf Christus, dass wir einander brauchen, die lebendigen Steine, die dem Haus die Form geben; wenn wir nur nicht vergessen, wofür wir es bauen – zu Gottes Ehre, Heimat für alle, die Geborgenheit und Ziel für ihr Leben suchen.

»Ich bin getauft« – das ist der Anfang. »Ich gehöre zur lebendigen Gemeinde der Kinder Gottes« – das ist der Weg. »Wir bauen gemeinsam an Gottes Haus« – das ist das Ziel.


Axel Kramme

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2019

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Kein Mangel an Rechtgläubigkeit
Wegmarken in der theologischen Beziehungsbestimmung zum Islam
Artikel lesen
»Jesus hat immer Mitleid«
Ein Gottesdienstbesuch bei der Christengemeinde Freiburg
Artikel lesen
Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen
Christoph Blumhardt – Prediger, Pazifist, Politiker
Ansätze zu einer Verortung seiner Zeit
Artikel lesen
»Wir waren doch auf dem Mond«
Unsere Weltbilddivergenz im Diskurs
Artikel lesen
Auf dem Weg zu einer säkularen Spiritualität
Stressbewältigung durch Achtsamkeit als kirchliches Angebot
Artikel lesen
Schöne neue Welt
Digitalisierung im Spiegel ausgewählter Filme und aktueller Presseberichte
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!