Warum die These von der »Dialektik der Aufklärung« ihr Ziel verfehlt
Ein »D-Day« für die Aufklärung

Von: Eberhard M. Pausch
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In der Nacht zum 6. Juni 1944 begann der D-Day, die Invasion der englischen und amerikanischen Truppen in der Normandie, die das Ende des Zweiten Weltkriegs einläutete. Eberhard M. Pausch nimmt die Erinnerung daran zum Anlass zu fragen, ob seit 1944/45 wirklich erkennbare und unwiderrufliche Fortschritte erzielt wurden im Kampf für Freiheit, Menschenwürde und einen gerechten und nachhaltigen Weltfrieden, und welche Rolle dabei die Aufklärung bzw. aufgeklärtes vernünftiges Denken spielen.


»… verwunden mein Herz mit eintöniger Mattigkeit«

Als vor 75 Jahren diese Worte aus einem Gedicht des französischen Dichters Paul Verlaine im BBC erklangen, begann in der Nacht zum 6. Juni 1944 die Invasion der englischen und amerikanischen Truppen in der Normandie: der D-Day oder »Der längste Tag«.1 Damit rückte das Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft und des Zweiten Weltkrieges in greifbare Nähe. Viele Menschen in Europa und darüber hinaus durften nun darauf hoffen, dass der Faschismus bald überwunden werden würde – darunter auch zahlreiche aus Deutschland geflüchtete Menschen, nicht zuletzt Menschen jüdischer Herkunft.

Unter den in die USA Geflüchteten waren auch die beiden Sozialwissenschaftler und Philosophen Max Horkheimer (1895-1973) und Theodor W. Adorno (1903-1969), zwei Gründungsväter der sozialphilosophischen »Frankfurter Schule«, die bis 1933 ihren Sitz im Frankfurter »Institut für Sozialforschung« gehabt hatte. Der Beitrag der beiden Wissenschaftler zur Überwindung des Nationalsozialismus war eine groß angelegte philosophische Untersuchung, die in den letzten Maitagen des Jahres 1944 abgeschlossen wurde. Ihr Name: »Dialektik der Aufklärung«2. Wenn in dem Manuskript, das 1947 erstmals in deutscher Sprache erschien (zunächst in einem niederländischen Verlag), von einer »neuen Art von Barbarei«3 die Rede ist, mag man heute vielleicht unwillkürlich an Al Kaida oder das Terrorregime des »Islamischen Staates« denken. Wenn eine »selbstzerstörerische Affinität zur völkischen Paranoia«4 erwähnt und beklagt wird, haben wir im Deutschland des Jahres 2019 vielleicht Pegida, die so genannten »Reichsbürger« und die »Identitäre Bewegung« vor Augen.

Es mag also berechtigt sein, zu fragen, ob seit 1944/45 wirklich erkennbare und unwiderrufliche Fortschritte erzielt wurden im Kampf für Freiheit, Menschenwürde und einen gerechten und nachhaltigen Weltfrieden. Allerdings gibt es sehr deutliche Anzeichen dafür, dass unsere Welt seit damals tatsächlich erhebliche Fortschritte gemacht hat. Unbestechliche Zahlen, Daten und Fakten beweisen dies, die von Wissenschaftlern wie Hans Rosling (1948-2017)5 und Steven Pinker (geb. 1954)6 sorgsam zusammengetragen wurden. Steven Pinkers Buch »Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt« gehört zu Recht zu den Bestsellern der Jahre 2018/2019. Das Buch liest sich aber auch wie eine Widerlegung der Thesen der »Dialektik der Aufklärung«. Pinker wendet sich sogar explizit gegen Adornos und Horkheimers Ausgangsthese, die »vollends aufgeklärte Erde« strahle »im Zeichen triumphalen Unheils«7. Aufklärung, so Pinker, führt zur Verbesserung des Lebens auf dieser Welt.


Zu viel Aufklärung?

Aber welche Diagnose stimmt nun? Gab es, gibt es eine möglicherweise problematische »Dialektik der Aufklärung«8, wie die beiden Gründungsväter der Frankfurter Schule behaupteten9, und muss man sich deshalb vor zu viel Aufklärung hüten?

Das hängt sicherlich davon ab, wie man den Begriff »Aufklärung« versteht. Horkheimer und Adorno beziehen sich erstaunlicherweise dabei zunächst einmal keineswegs auf Descartes, Leibniz, Lessing oder Kant, sondern setzen in ihrer Untersuchung mit Francis Bacon (1561-1626) ein, einem Wegbereiter des Empirismus in der Naturwissenschaft und Philosophie. Erst in einem späteren Exkurs (Exkurs II) wird dann auch Immanuel Kant (1724-1804) genannt.10 Überraschend ist schon der Eingangssatz des Buches: »Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen [!, Hervorhebung von mir, EMP].«11

Ist das »seit je« so gewesen? Kants auch von Adorno und Horkheimer zitierte Definition, Aufklärung sei der »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit«, ist damit jedenfalls nicht identisch. Kant geht es um Befreiung, um das Mündigwerden – vielleicht von dort aus auch um die Überwindung von Furcht, obwohl dies nicht notwendig aus dem Streben nach Freiheit und Mündigkeit folgen muss. Aber will Aufklärung die Menschen »als Herren« einsetzen? Das klingt nicht nur sehr befremdlich, weil sich sofort die Assoziation zur nationalsozialistischen »Herrenrasse« einstellt, sondern auch, weil »Aufklärung« doch vielmehr bedeuten kann und sollte: seinen Platz in dieser Welt dankbar und demütig einnehmen – einen Platz neben und mit anderen Menschen, auf der Grundlage von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit (wie die aufklärerische Trias der Französischen Revolution lautete).


Was ist Aufklärung?

Wenn Francis Bacon zu Recht das Zitat »Wissen ist Macht« zugeschrieben werden kann, dann mag er das zwar anders gesehen haben. Steht aber Bacon für Aufklärung im vollen und gehaltvollen Sinn? Adorno und Horkheimer meinten dies offenbar. Und leiteten drei Thesen daraus ab, die je für sich und dann auch in ihrem Zusammenhang kritisch zu diskutieren wären.

Erstens: Aufklärung bediene sich der Abstraktion, der formalen Logik und der auf pure Rechenkunst geschrumpften Mathematik, um Menschen als Herren über diese Welt einzusetzen.12 Wer besser rechne, der sei der Mächtigere in einer Welt, in der alles auf Zahlen ankomme und deshalb auch berechtigt, sich diese Welt zu unterwerfen.

Zweitens: Aufklärung entfalte sich via Rechenkunst in der kapitalistisch entfesselten Marktwirtschaft als der aktuellen Gestalt der Vernunft. Der Faschismus als totalitärer Auswuchs des Kapitalismus setze kalkulierendes Denken ganz in seine Rechte ein.13

Drittens: Indem dies geschehe, falle die Aufklärung, die angetreten sei, die Mythen zu überwinden, zurück in den Modus des Mythischen. Ja, schon der Mythos selbst sei Aufklärung, und die Aufklärung schlage in Mythologie zurück.14

Nun kann man den Faschismus und auch den Nationalsozialismus durchaus als grauenhafte Auswüchse eines entfesselten Kapitalismus deuten – und dessen Ideologie als einen erbarmungslosen und mörderischen Mythos verstehen, dessen Barbarei der Fratze des Menschen verschlingenden Zyklopen Polyphem durchaus ähnlich sieht. Ist aber der Faschismus ein Produkt der Aufklärung, wird diese zwangsläufig zum Mythos? Und ist sie richtig verstanden, wenn sie auf blinde Rechenkunst reduziert wird?15


Faschismus und Aufklärung

»… verwunden mein Herz mit eintöniger Mattigkeit«? Sicherlich haben Faschisten und Nazis sich die Wissenschaft dienstbar gemacht – so, wie sie sich Wirtschaft, Justiz, Medien, Kunst und auch die christlichen Kirchen dienstbar machten und korrumpierten. War aber das Handeln der Nazis in irgendeinem nachvollziehbaren Sinne rational? Hat es in Kants Sinn der Aufklärung gedient, indem es Menschen befreite und mündig machte? Konnte es ethisch vor dem Kategorischen Imperativ bestehen, dessen Grundformel lautet: »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde«?

Die Antworten sollten nicht schwerfallen. Der Nationalsozialismus und der Antisemitismus16 als sein innerster Motor sind nämlich weder mit Vernunft noch mit Nächstenliebe vereinbar, weder mit dem Geist der Aufklärung noch mit dem der christlichen Religion. Und doch gelang es dem Nationalsozialismus offenbar lange Zeit, eben dies nach außen hin vorzugeben: Er sei als Bewegung modern, vernünftig und stehe auf dem Boden eines »positiven Christentums«.

Der neben Hitler bedeutsamste Ideologe des Dritten Reiches, Alfred Rosenberg (1892-1946), bezeichnete den Nationalsozialismus als den »Mythus des 20. Jahrhunderts«. Er forderte eine »Religion des Blutes«, die das Christentum ersetzen sollte, und sah den Kern des nationalsozialistischen »Mythus« im Einklang von »Volksseele und Ehre«.


Mythoskritik

Wer in den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Kritik am Mythos und am Mythosgedanken äußerte, der setzte sich daher – wie implizit und verborgen auch immer – mit dem Nationalsozialismus auseinander. Von daher ist etwa Karl Poppers (1902-1994) politische Philosophie zu verstehen, die vom Gedanken der Falsifizierbarkeit ausgehend die wissenschaftliche Eliminierung aller Mythen forderte.17

Auch der Theologe Rudolf Bultmann (1883-1976) befasste sich bekanntlich kritisch mit dem Mythosbegriff. Allerdings bestand er darauf, man dürfe Mythen nicht eliminieren, sondern solle sie »existenzial interpretieren«. Bekannt wurde diese 1941 (!) erstmals öffentlich vorgetragene hermeneutische These unter dem Begriff der »Entmythologisierung«.18 Auch dieser Begriff findet sich in der »Dialektik der Aufklärung«19. Bei allen Unterschieden im Detail kann man wohl sagen, dass beide Strategien des Umgangs mit dem Mythos, diejenige Poppers und die Bultmanns, Strategien aufklärerischen Denkens sind. Während Rosenberg auf den »Mythus des 20. Jahrhunderts« setzt, wehren Popper und Bultmann auf sehr unterschiedliche Weise ein literalistisches Verständnis der Mythen ab und bekennen sich zur Aufklärung.


Aufklärung als blinde Rechenkunst?

Horkheimer und Adorno dagegen unterschieden sich sowohl von Bultmann als auch von Popper, weil sie der Aufklärung im Kontext einer entfesselten Marktwirtschaft zutiefst misstrauten und sie für eine lieblose und blinde Rechenkunst hielten. Damit lagen sie durchaus in einem sehr breiten Trend, der nicht nur die erste Hälfte des 20. Jh. prägte. Auch Adornos politisch-philosophischer Hauptfeind Martin Heidegger (1889-1976) war ein Feind der Aufklärung, wie vor ihm bereits sein Inspirator Friedrich Nietzsche (1844-1900) und nach ihm beispielsweise die französischen Postmodernisten Derrida, Foucault und Lyotard.

Eine große Aufklärungsskepsis teilte leider auch der Publizist Eugen Kogon (1903-1987), der politisch völlig ohne Zweifel auf der richtigen Seite stand und dessen bereits 1945 entstandenes Buch »Der SS-Staat«20 auch heute noch als Standardwerk über die Gräuel der NS-Zeit gilt. Dass auch in der Bekennenden Kirche, die mit der Barmer Theologischen Erklärung 1934 ein wichtiges Zeichen gegen das NS-Regime gesetzt hatte21, letztlich eine tiefe Feindschaft gegen die Aufklärung heimisch war, belegt der zugleich mit der Barmer Theologischen Erklärung von der Barmer Bekenntnissynode verabschiedete theologische Vortrag von Hans Asmussen (1898-1968), in welchem der lutherische Theologe seinen »Protest gegen dieselbe Erscheinung, die bereits seit 200 Jahren die Verwüstung der Kirche schon langsam vorbereitet hat«22, bekundet. Mit dieser Erscheinung konnte ja nicht der Nationalsozialismus gemeint sein, den es in der ersten Hälfte des 18. Jh. noch lange nicht gab. Hinter der kryptischen Aussage verbarg sich vielmehr eine Variante der These von der »Dialektik der Aufklärung«, schon zehn Jahre, bevor Horkheimer und Adorno sie philosophisch zum Ausdruck brachten.


Verlust der Logik

Natürlich huldigten Adorno und Horkheimer nicht dem »Mythus« im Sinne des NS-Ideologen Alfred Rosenberg. So viel Aufklärung gaben sie dann doch nicht preis! Bereits der Ur-Vater dialektischen Denkens und das große philosophische Vorbild Marxens, Horkheimers und Adornos, Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831), hatte in seinem philosophischen Hauptwerk geringschätzig von Platos »wissenschaftlich wertlosen Mythen«23 gesprochen. Es war also nicht so, dass Adorno und Horkheimer ihre Hoffnung auf den Mythos hätten setzen können oder wollen. Aber worauf hofften sie dann?24

Ganz grundsätzlich gefragt: Wie will man, wenn man der Aufklärung so fundamental misstraut, den nationalsozialistischen Mythos überwinden? Wie will man die entfesselte kapitalistische Marktwirtschaft bändigen? Die Lektüre der »Dialektik der Aufklärung« lässt einen ratlos zurück.

Erstens verliert dieses Denken den Bezug zur Logik und versteigt sich zu Aussagen wie »nur die Übertreibung ist wahr«25. Auch eine Aussage wie »Der Satz, dass die Wahrheit das Ganze sei, erweist sich als dasselbe wie sein Gegensatz, dass sie jeweils nur als Teil existiert«26 ist logisch nicht nachvollziehbar.27 Logisch vollkommen ruinös ist es jedoch, wenn in sich selbst als »philosophisch« verstehenden Texten bewusst reklamiert wird, man wolle den Unterschied zwischen »These« und »Argument« abschaffen28. Dies ist der Transparenz eines Argumentationszusammenhanges sicherlich alles andere als dienlich.


Abgrundtiefer Pessimismus

Zweitens driftet dieses Denken in einen abgrundtiefen Pessimismus ab: Auf den Mythos kann man so wenig hoffen wie auf die Aufklärung, die Religion, den Kapitalismus oder den Sozialismus. »Adorno hat keinen Augenblick an die Realisierung des Sozialismus geglaubt.«29 Und Horkheimer wurde in den 50er Jahren mehr und mehr zu einem überzeugten Verfechter der CDU-Wahlkampf-Parole »Keine Experimente«30. Geschichte verstanden beide nur noch als »permanente Katastrophe«. Was bleibt dann noch – außer einem verwundeten Herzen und eintöniger Mattigkeit?

Die erste Generation der Frankfurter Schule landete somit, indem sie sich von der Aufklärung trennte, in einer Sackgasse, in einem Land jenseits von Vernunft und Hoffnung. Wie gut, dass mit Jürgen Habermas (geb. 1929) ein neuer produktiver Aufbruch in der Frankfurter Schule geschah. Während Horkheimer den jungen Mann äußerst kritisch betrachtete, gereicht es Adorno zur Ehre, dass er diesen so ganz anders gearteten genialen Geist förderte und auf seinem Weg in die Wissenschaft unterstützte. Habermas versuchte auf kommunikations- und diskurstheoretischem Wege, den Begriff der Vernunft für die Kritische Theorie zu retten. Seine »Theorie des kommunikativen Handelns« aus dem Jahr 1981 war sein wichtigster Beitrag dazu.31


Ein D-Day für die Aufklärung

»… verwunden mein Herz mit eintöniger Mattigkeit« – hinter dieser unscheinbaren lyrischen Zeile verbarg sich im Juni 1944 die Hoffnung auf den Anfang vom Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft. Die Befreiung von außen entsprach, auch wenn sie nicht gewaltfrei erfolgte, durchaus dem Geist der Aufklärung. Vom D-Day aus war es nicht mehr weit bis zu einer Ära des Friedens und der Freiheit für Deutschland und Europa. Diese Ära dauert bis heute an. Was Steven Pinker in der Gegenwart unter Aufklärung versteht, nämlich die Einheit von Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt32, ist – gegen Adorno und Horkheimer – ein ganz und gar undialektischer Vorgang und Vierklang, dem die Menschen dieser Erde zwar nicht ein ungetrübtes Paradies, aber sehr wohl ein großes Maß an Frieden, Sicherheit, Lebensqualität und eine durchschnittliche Lebenserwartung von 71,4 Jahren zu verdanken haben!33 Das lässt sich zeigen. Es lässt sich beweisen, mit Zahlen und Statistiken belegen und untermauern. In Pinkers Worten: »In jedem einzelnen Maß für menschliches Wohlergehen hat die Welt spektakuläre Fortschritte erzielt.« Aber: »Fast niemand weiß etwas davon.«34

Wie wäre es, wenn dies denn so ist, angesichts der aktuellen Facetten der Barbarei und der selbstzerstörerischen völkischen Paranoia unserer Tage mit einem ganz und gar gewaltfreien D-Day für die Aufklärung?


Anmerkungen:

1 »D-Day« (meist verstanden als Abkürzung für »Day of Decision«) heißt der 6. Juni 1944 im Sprachgebrauch der Alliierten. Feldmarschall Erwin Rommel bezeichnete den Tag der Invasion vorgreifend als den »längsten Tag«. Mit dem D-Day begann das Unternehmen »Overlord«, das die endgültige militärische Niederlage des Dritten Reiches und damit die Befreiung Deutschlands und Europas vom Nationalsozialismus einleitete.

2 Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung: Philosophische Fragmente, Frankfurt/M. 22. Aufl. 2016 (New York 1944, Amsterdam 1947, Frankfurt/M. 1969).

3 Horkheimer/Adorno, a.a.O., 1.

4 Ebd., 3.

5 Hans Rosling: Factfulness, Berlin 2018.

6 Steven Pinker: Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt, Frankfurt/M. 2018.

7 Horkheimer/Adorno, a.a.O., 9. Dagegen vgl. Pinker, a.a.O., 496.

8 Dass auch der Begriff »Dialektik« außerordentlich mehrdeutig und problematisch ist, sei hier nur am Rande angemerkt. Wenn damit gemeint sein sollte, die These »A ist gleich A« und die These »A ist ungleich A« könnten beide gleichzeitig und in derselben Hinsicht wahr sein, wäre das logisch ruinös.

9 Auch Rolf Wiggershaus fasst die Hauptthese der »Dialektik der Aufklärung« in dem prägnanten Satz zusammen: »Aufklärung als solche – so die These – führte ins Unheil.« (Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule: Geschichte, theoretische Entwicklung, politische Bedeutung, München 1988, 366.)

10 Horkheimer/Adorno, a.a.O., 88.

11 Horkheimer/Adorno, a.a.O., 9.

12 Ebd., 13, 19, 31 (u.ö.).

13 Ebd., 93, 97.

14 Ebd., 6, 14f (u.ö.).

15 Adorno, der brillante Denker und Rhetoriker, der oft und gerne von der »Idiosynkrasie« sprach, hatte wohl auch seine eigene Idiosynkrasie und Achillesferse: die Mathematik. Zwar hatte er 1920 in Frankfurt am Main sein Abitur als »Primus Omnium« und mit Befreiung von den mündlichen Prüfungen geschafft, aber im Fach Mathematik hatte er gerade noch mit »genügend« abgeschlossen, als 11. von 13 Prüflingen – und »mit Bedenken«, wie der korrigierende Lehrer vermerkt hatte (vgl. Hartmut Scheible: Theodor W. Adorno, Reinbek bei Hamburg 1989, 18).

16 Was Adorno und Horkheimer im Abschnitt »Elemente des Antisemitismus« (Horkheimer/Adorno, a.a.O., 177-217) an Beobachtungen und Gedanken zusammengetragen haben, ist von großem heuristischen Wert. Dass sie dem Abschnitt jedoch die Unterüberschrift »Grenzen der Aufklärung« gaben, kann nicht überzeugen, weil sie von einem höchst einseitigen und defizitären Begriff der Aufklärung ausgehen.

17 Es ist interessant, dass Poppers staatsphilosophisches Hauptwerk »Die offene Gesellschaft und ihre Feinde« im April 1944, also nahezu zeitgleich mit der »Dialektik der Aufklärung«, abgeschlossen vorlag. Dieses Buch war nämlich Poppers Beitrag im Kampf gegen den Totalitarismus und insofern das exakte Pendant zu dem Werk von Adorno und Horkheimer. Es dauerte allerdings bis 1957, bis Poppers Buch in deutscher Sprache erschien. Dass es bald danach zwischen Adorno und Popper zum »Positivismusstreit« (1961ff) kam, ist angesichts der divergenten Haltungen zur Aufklärung alles andere als ein Zufall gewesen. Der von Adorno geprägte Begriff »Positivismusstreit« trifft dabei die Sache nicht eigentlich, schon deshalb, weil Popper sich selbst niemals als Positivisten sah.

18 Rudolf Bultmann: Neues Testament und Mythologie: Das Problem der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung. Nachdruck der 1941 erschienenen Fassung, hg. von Eberhard Jüngel, München 2. Aufl. 1985.

19 Horkheimer/Adorno, a.a.O., 99. Allerdings wird Rudolf Bultmanns Name nicht genannt. Dass die Autoren die neuere deutsche Theologie kannten, steht jedoch außer Zweifel. Adorno hatte sich in Frankfurt immerhin bei Paul Tillich (1886-1965) habilitiert. In der »Dialektik der Aufklärung« wird aber auch der andere große theologische Zeitgenosse von Bultmann und Tillich, Karl Barth (1886-1968), erwähnt (Horkheimer/Adorno, a.a.O., 188).

20 Eugen Kogon: Der SS-Staat: Das System der deutschen Konzentrationslager (1945/46), München 12. Aufl. 1982, dort 23.

21 Vgl. hierzu Eberhard Pausch/Klaus-Dieter Grunwald/Ulrich Oelschläger (Hg.): Zeugnis zwischen Kreuz und Hakenkreuz: Beiträge zu Geschichte und Wirkung der Barmer Theologischen Erklärung, Darmstadt 2016.

22 Hans Asmussen: »Vortrag über die Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche«, in: Martin Heimbucher/Rudolf Weth (Hg.): Die Barmer Theologische Erklärung: Einführung und Dokumentation, Neukirchen-Vluyn 7. Aufl. 2009, 44-63, dort 53.

23 Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes: Vorrede (1807), Neuausgabe Hamburg 2016, 54.

24 Popper hoffte eben auf den Siegeszug der falsifizierenden Vernunft, Kogon auf eine bessere, alternative Politik (der er sich als einer der Gründungsväter der CDU in Hessen auch praktisch widmete), Bultmann hoffte auf eine Rechtfertigungstheologie, die die Möglichkeit der Entmythologisierung einschloss. Und auch die Theologen der Bekennenden Kirche, die wie Asmussen die Aufklärung kritisierten, konnten ihr Hoffnungspotenzial theologisch begründen. All diese Wege waren den beiden Meisterdenkern der frühen Frankfurter Schule verschlossen.

25 Horkheimer/Adorno, a.a.O., 126.

26 Horkheimer/Adorno, a.a.O., 216.

27 Derartige selbstwidersprüchliche Aussagen erweisen sich als ein fatales Erbe der Hegel’schen Dialektik.

28 So charakterisiert Jürgen Habermas – sicherlich, ohne diesem damit Unrecht tun zu wollen – die Denkweise seines Lehrers Theodor W. Adorno, in: Jürgen Habermas: Philosophisch-politische Profile, Frankfurt/M. 2. Aufl. 1984, 162f.

29 Gerhard P. Knapp: Theodor W. Adorno, Berlin 1980, 82.

30 Rolf Wiggerhaus: Die Frankfurter Schule, a.a.O., 616.

31 Helga Gripp hat diesen Beitrag in luzider Weise analysiert: Jürgen Habermas. Und es gibt sie doch – zur kommunikationstheoretischen Begründung von Vernunft bei Jürgen Habermas. Paderborn/München/Wien/Zürich 1984.

32 Steven Pinker, Aufklärung jetzt, a.a.O., 10-27 (u.ö.).

33 Steven Pinker, Aufklärung jetzt, a.a.O., 75.

34 Steven Pinker: Aufklärung jetzt, a.a.O., 73.


 

Über die Autorin / den Autor:

Studienleiter Dr. Eberhard Martin Pausch, Jahrgang 1961, 1993 Promotion an der Universität Marburg, 1992-2000 Gemeindepfarrer in Frankfurt/M., 2000-2012 Oberkirchenrat im Amt der EKD in Hannover, anschließend theol. Referent in der Kirchenleitung der EKHN in Darmstadt, seit 2016 Studienleiter der Evang. Akademie Frankfurt/M.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2019

1 Kommentar zu diesem Artikel

07.07.2019
Ein Kommentar von Reiner Dietrich-Zender


Lieber Eberhard, jede*r bastelt sich die eigene Wahrheit zurecht … Horkheimer und Adorno als Feinde der Aufklärung und ihren gerichtsprophetischen Pessimums als unvernünftiges no go darstellen, das wird ihnen nicht gerecht! Wie lässt es sich verstehen, dass im Land der Dichter und Denker in der Republik von Weimar die Organisatoren des größten systematischen Massenmordes gewählt werden und mit Unterstützung der deutschen Konservativen die Führung übernehmen? Unsere christliche Geschichte ist nicht frei von Akten der Barbarei. Dass aber die durch die Aufklärung entfesselten Kräfte, zwei nichtchristliche Bewegungen freisetzen, die mit Stalin und Hitler der christlichen Gewaltgeschichte in nichts nachstehen, sollte nachdenklich stimmen. Wie konnte es zu dieser unaufgeklärten Entwicklung nach und vielleicht mit der Aufklärung kommen? Wie kann es passieren, dass die Aufklärung, nicht mehr zum Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit führt, sondern die Vernunft sich weiter instrumentalisieren lässt, so dass der emanzipatorische, humanistische Anspruch auf der Strecke bleibt? Eine Antwort versucht die „Dialektik der Aufklärung“ zu geben: das fortschreitende Denken verfolgt das Ziel den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herrn einzusetzen. Es geht um die Beherrschbarkeit der Welt, der Natur, um Macht und Gewalt. Aufklärung kennt keine Dankbarkeit und Demut, sondern neben der Weltbeherrschung höchstens die Selbstbeherrschung. Statt Befreiungsprozesse setzt die Aufklärung einen universellen Selbstzerstörungsprozess in Gang: Die „vollends aufgeklärte Erde“ erstrahlt „im Zeichen triumphalen Unheils“. Unmerkbar erhält die Aufklärung einen mythologischen Anstrich: göttliche Züge, d.h. sie macht sich unangreifbar. Ziel der „Kritischen Theorie“ ist es den Selbstzerstörungsprozess aufzuhalten: Selbstbesinnung und Selbstkritik stark zu machen, um die emanzipatorische Kraft der Aufklärung freizusetzen, Freiheit,Gleichheit und Geschwisterlichkeit zu ermöglichen. Mit Steven Pinkler ist dein Einwand: dem ist doch gar nicht so! die Welt hat große Fortschritte gemacht und das lässt sich empirisch darstellen: Frieden, Sicherheit, Lebensqualität und die durchschnittliche Lebenserwartung sind signifikant gewachsen und das ist der Aufklärung, nämlich der Einheit von Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt zu verdanken. „Aufklärung jetzt!“ da kann doch jede*r Vernünftige nur zustimmen. Das ist doch eigentlich unhintergehbar, unhinterfragbar! Hier sind wir dann beim mythologischen Anstrich der Aufklärung angekommen. Kann unter diesen Bedingungen noch über den Preis des Friedens geredet werden? Die atomare Hochrüstung birgt ein Potential der Vernichtung, das die vielen Jahre des Friedens, den wir in Westeuropa erleben, schnell verdampfen lassen kann. Risiken und Nebenwirkungen geraten schnell aus dem Blick der positivistischen Weltsicht: nicht nur die ungerechte Reichtumsverteilung unserer Welt, sondern vor allem der ungezügelte Verbrauch natürlicher Ressourcen – sind hier nicht die „Zeichen triumphalen Unheils“ der „vollends aufgeklärten Erde“ sichtbar? Ist der Fortschrittsgedanke der Aufklärung denkbar ohne eine Steigerung des Bruttosozialprodukts, die unsere Welt in die ökologische Katastrophe stürzt? Meine Schlussfolgerung: Kritische Theorie jetzt!

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