Die Steuerung der Kirche in Zeiten der Verkleinerung
»Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt …«

Von: Georg Hardecker
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Auch ein soziales Gebilde wie die christliche Gemeinde bedarf der geschickten Steuerung. In der akademischen Theologie hat sich dafür die Disziplin der Kybernetik, der Steuermannskunst, ausgebildet. Auf welche Sachverhalte müssen die, die steuern, Rücksicht nehmen? Wann ist das Schiff auf gutem Kurs? Georg Hardecker stellt seine Überlegungen zur kirchlichen Kybernetik in den Anschluss an Gedanken von Eilert Herms, Friedrich Schleiermacher und die moderne Netzwerkforschung.


1. Einleitung

Die christliche Gemeinde als Schiff darzustellen, geht bis in die Zeit der Alten Kirche zurück und wurde immer wieder aktualisiert, etwa von Martin Gotthard Schneider im Jahr 1963 in dem Lied »Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt« (EG 595). Nicht zufällig wird die Steuerung der ekklesia1 als »Kybernetik«, eben als Steuermannskunst, bezeichnet.2 Ob sie dabei als wendige Yacht oder vielleicht doch als schwerfälliger Tanker vorgestellt wird, ist zweitrangig. Sicher ist: Auch ein soziales Gebilde wie die christliche Gemeinde bedarf der geschickten Steuerung.3 Auf welche Sachverhalte müssen die, die steuern, aber Rücksicht nehmen? Wann ist das Schiff auf gutem Kurs? Eine Besinnung auf das Bild der Seefahrt kann erste Anregungen für diese kybernetischen Überlegungen liefern. Vier wichtige Aspekte kommen mir – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – in den Sinn:

Ohne Zweifel muss ein guter Kapitän die grundlegende Route seines Schiffes vor Augen, auf einer Karte und im Kopf haben. Ansonsten spräche man wohl von einem orientierungslosen Kapitän. Weiter benötigt er ein Verständnis davon, wie das Schiff zu steuern ist; er muss dessen Teile wie Bug und Reling, Masten und Anker kennen und deren Belastbarkeit einschätzen können. Kein Kapitän kann sein Schiff allein durch Flaute und Sturm führen, er braucht vielmehr eine tatkräftige Mannschaft, die gut zusammenarbeitet. Schließlich ist ein gutes Zusammenwirken unabdingbar, wenn es hart auf hart kommt. Zuletzt gehört es zur Steuermannskunst, das aktuelle Wetter richtig einzuschätzen und dann entsprechend mit ihm umzugehen: Kommt ein Sturm? Kann er umschifft werden oder nicht?


Die gegenwärtige Großwetterlage von Gemeinde und Kirche

Wenn wir zunächst die gegenwärtige »Großwetterlage« von Gemeinde und Kirche in den Blick nehmen, dann ist deren Signatur Verkleinerung.4 Die Zahl der evangelischen Christen nimmt ab und damit auf mittelfristige Sicht auch das zur Verfügung stehende Geld, die Gebäude und die Hauptamtlichen. Die Gründe, aus denen sich dieser Rückgang auf individueller Ebene speist, sind zunächst begrüßenswert. Die Tradition ist nicht mehr in dem Maße bindend, wie dies noch vor einiger Zeit der Fall war.5 Wem die Mitgliedschaft gerade nichts nützt, oder wem das, was in der Gemeinde geglaubt, gefeiert und gepredigt wird, nicht einleuchtet, der tritt aus. Umgekehrt gilt aber auch: »Wer in der Kirche ist, bejaht diese Zugehörigkeit zunehmend ausdrücklich«.6 Kirchenmitgliedschaft bildet damit die geistliche Haltung deutlicher ab als früher.

Damit endet ein Paradigma, das man wohl am ehesten – betrachtet man die Kirchengeschichte in großen Bögen – mit dem europäischen Mittelalter in Verbindung bringen kann. Zwar gab es religiöse Pluralität, aber innerhalb der Christenheit. Dagegen tritt wieder eine größere strukturelle Nähe zur Zeit der ersten Christen zutage: Christ ist man nicht durch Kultur- und Sippenzugehörigkeit, sondern durch die Gewissheit, dass Jesus der Christus ist (1. Kor. 12,3). Sollen wir als christliche Gemeinde wirklich wollen, dass ein gesellschaftlicher Konformitätsdruck wie in den 1950er Jahren den Kitt unserer geistlichen Gemeinschaft bildet? Und nicht individuelle Gewissheit?

Allerdings sind die Folgen dieser Verkleinerung weit weniger begrüßenswert. Ein finanzieller Druck prägt die Großwetterlage. Noch ist kein Gewitter über uns, aber ein rauer Wind bläst uns unangenehm ins Gesicht, gewissermaßen als dessen Vorbote. Und der kündigt zunächst kein heiteres Segelwetter mit Badeausflug an, sondern harte Abschiede von Gewohntem und lässt mehr Arbeitsbelastung der Pfarrerschaft fürchten.


Übliche Strategien der Steuerung

Wie wird mit dieser Großwetterlage derzeit umgegangen? Ich sehe hauptsächlich eine Strategie, wie die Verkleinerung gemeistert werden soll: Sie kommt als Rasenmäher-Methode daher. Es herrscht die Überzeugung, dass alles, wirklich alles, was gemacht wird, in demselben Maße wichtig ist. Alles, was gemacht wird, soll daher auch weiterhin gemacht werden – nur eben auf Sparflamme. Geburtstagsbesuche und Ehejubiläen? Selbstverständlich, wie immer! Aber eben nur noch die runden ab dem 85. Geburtstag. Gottesdienste? Selbstverständlich, weiterhin in allen Kirchen! Aber eben nur noch jeden dritten Sonntag hier, und jeden vierten dort, und zwar in den Monaten, in denen keine Schulferien sind.

So wird gleichmäßig gekürzt – was erst einmal einen sehr gerechten Eindruck macht. Vor dem Hintergrund unseres Bildes vom Schiff ist allerdings die Frage, welches Ziel auf diese Weise eigentlich angesteuert wird. Das Ganze gleicht einer Hunger-Kur ohne Kur – weil die Vorstellung fehlt, was eigentlich ein gesundes Leben ist. Und ohne ein klares Ziel ist auch eine Unterscheidung unmöglich zwischen dem, was für Gemeinde essentiell ist, und dem, was ohne größeren Schaden entbehrt werden kann. Es fehlt die Vision, zu welchen Gestaden das Schiff eigentlich unterwegs ist.

Die zweite Strategie, die sich beobachten lässt, folgt einem Prinzip namens »Leuchtfeuer«. Die Botschaft lautet ungefähr so: »Wir konzentrieren uns auf das, was uns Spaß macht, was wir können und was ankommt bei den Leuten.« Das klingt vernünftig. Demokratisch sowieso und den Menschen zugewandt. Doch unter Umständen ist diese Art der Steuerung sehr dysfunktional. Denn bloß weil bestimmte kirchliche Vollzüge schlecht besucht werden, heißt das noch nicht in jedem Fall, dass man sie aufgeben kann und darf. Und umgekehrt ist der Erfolg mancher Veranstaltungen kein Zeichen für eine lebendige Gemeinde Jesu Christi. Ein schrumpfender Kegelverein, dessen Mitglieder sich zum gewinnbringenden Eisverkauf auf dem Wochenmarkt entschließen, am Ende aber ausschließlich Eis verkaufen, und nicht mehr kegeln gehen, der mag zwar überleben. Aber es ist kein Kegelverein mehr. Eine Kirchengemeinde, die sich im Wesentlichen auf die Aufführung klassischer Konzerte beschränkt, hat ihr Herz verloren und lindert durch die Musik höchstens den pochenden Phantomschmerz in ihrer Brust.

Im Folgenden möchte ich einige kybernetische Gedanken vorstellen, die die bloße Orientierung am aktuellen »Wetter« vermeidet und aber genau dadurch letztlich zu einem besseren Umgang mit der Großwetterlage führt. Die Verkleinerung, die wir gegenwärtig erleben, besitzt nicht per se eine apokalyptische Fratze oder kündet von Unheil. Denn bloße Größe bedeutet gar nichts – man erinnere sich nur an die Titanic. Und auch mit einer kleinen Yacht ist eine Weltumsegelung möglich. Wo das Ziel der Gemeinde klar vor Augen steht, die Grundaufgaben bewusst sind und die Bedeutung der Vernetzung innerhalb einer Gemeinde im Blick ist, da kann man auch zuversichtlich in eine Großwetterlage namens Verkleinerung hineinsegeln.7


2. »Wer den Hafen nicht kennt, für den ist kein Weg der richtige«

Schiffe folgen in der Regel Schiffsrouten, die sie zu ihren Zielen führen. Wie ist das im Falle der Gemeinde? Das eine Ziel der Gemeinde, gibt es das? Ein einziges Ziel, das klingt nach dogmatisch-idealistischer Arroganz, die die tatsächliche Pluralität der Ziele in den Gemeinden – Milieu-Sensibilität, Barrierefreiheit, neutrale Energiebilanz, zivilgesellschaftlicher Akteur, Wachsen gegen den Trend, neue Aufbrüche usw. – schlicht verleugnet. Allerdings stellt diese Vielzahl an Zielen – durchaus sehr wichtige – menschliche Antwortversuche auf gegenwärtige Herausforderungen dar. Dagegen ist das eine Ziel der christlichen Gemeinde dasjenige, das Gott selbst mit seiner Gemeinde hat. Die christliche Gemeinde ist zwar auch eine Zusammenkunft Gleichgesinnter, aber in erster Linie ist sie eine Stiftung Gottes. Was ist Gottes Ziel mit seiner Schöpfung und mit seiner Gemeinde?


Gottes Ziel mit der Schöpfung und das Ziel der Gemeinde

Eine bemerkenswerte Antwort gibt Eilert Herms in seiner 2017 erschienen »Systematischen Theologie«.8 Er versteht das Christusgeschehen als Schlüssel zu genau diesem Geheimnis um das Ziel Gottes. Das Auftreten Jesu, seine Lehre und sein Leben sind ein Zeugnis dafür, dass Gott sein ewiges Reich nicht in ferner Zukunft und auch nicht einfach innerhalb dieser Welt heraufführt. Sondern gegenwärtig wird die ewige Gemeinschaft Gottes mit seinen Geschöpfen vollendet: Jeder Mensch darf und muss in der Geschichte zu derjenigen Person werden, die er dann in Ewigkeit vor Gott sein wird. Gegenwart ist insofern immer »endzeitlich« bestimmt. An Ostern wird den Jüngern dies deutlich: »Musste der Christus dies nicht erleiden?« (Lk. 24,26) Ja, er musste! Jesus ist der inkarnierte Wille Gottes, und zu diesem Willen gehört offensichtlich das Leiden und Sterben hinzu. Unerhört! Aber nur auf diese Weise kann der Mensch erleben, was es heißt ein Geschöpf und damit ein Nicht-Gott zu sein. Und nur in dieser Weise kommt jeder Mensch zu einer geschichtlichen Identität, zu einer Ewigkeitsgestalt, die Gott dann als sein Gegenüber bestehen lassen und genießen, ja: ewig lieben kann.9

Gott liebt diese Welt und die Menschen so, dass er sie und ihre Geschichte nicht verlöschen lässt. Er erhält sie, zeigt Menschen in Christus sein Gesicht und trägt sie schließlich in Ewigkeit. Mit dem Weltgeschehen hat Gott einen Prozess in Gang gesetzt, den kein Mensch aufhalten kann. Verunstalten: Ja. Aber eben nicht aufhalten. Kein Auschwitz, kein Hiroshima ist mächtig genug, dass es daran etwas ändern könnte. Menschen können den Gang der Dinge schrecklich missverstehen: als widerliches und blindes Schicksal, als Gelegenheit, sich selbst zum schrecklichen Gott über andere zu erheben. Aber diese ganzen Dummheiten und Abscheulichkeiten, diese ganze Sünde, ändern letztlich gar nichts an der Durchsetzung von Gottes Wollen und Wirken. Mehr noch, Gott erträgt und vergibt sie (Joh. 1,31): Er leidet an ihnen (Passion und Kreuzigung), und lässt sie dennoch nicht triumphieren (Auferstehung). Dabei beginnt Gottes Herrschaft schon jetzt: dort, wo Menschen dieses Kommen von Gottes Reich offenbar geworden ist. Wo sie sich vertrauensvoll diesem Werden und damit auch seinem Urheber hingeben. Gottes Herrschaft beginnt schon dort, wo Menschen schlicht – glauben.


Steuern in der göttlichen Strömung des Weltgeschehens

Für die christliche Gemeinde heißt das: Der Hafen, auf den alles hinsteuert, kann überhaupt nicht verfehlt werden. Das konnte er noch nie. Denn das Erreichen dieses ewigen Hafens ist durch das von Gott geschaffene und erhaltende Werden selbst garantiert. Gott trägt alles in sein ewiges Reich: Das ist das Evangelium.

Das Schiff, das sich Gemeinde nennt, bewegt sich zusammen mit der ganzen Schöpfung auf einer mächtigen Strömung, und braucht sich lediglich treiben zu lassen. Erschöpft sich die Tätigkeit auf dem Schiff also im Nichtstun? Das sei ferne! Die christliche Gemeinde ist die von Gott berufene Zeugin dieser göttlichen Strömung des Weltgeschehens: Gottes Reich kommt. Gemeinde ruft dazu auf, sich diesem Gang der Dinge entsprechend zu verhalten: Kehrt um! Seid nicht undankbar, nicht misstrauisch, nicht hartherzig, sondern gebt Euch vertrauensvoll hin, seid fröhlich – man könnte an dieser Stelle sämtliche paulinischen Briefschlüsse anführen. Diese Zeugenschaft ist das, was die christliche Gemeinde auszeichnet und zum Werkzeug Gottes macht. Denn nur durch sie ist das Geschehen der Offenbarung, die Aufdeckung des wahren Charakters des Lebens in Christus durch Gottes Geist, auch weiterhin möglich. Nur so kann den Menschen das sinnlose Herumgerudere gegen die Strömung erspart werden: Das verzweifelte Strampeln gegen die eigene Vergänglichkeit, Schuld und Schwachheit. Nur so können sie auf den Kurs des Anfängers und Vollenders des Glaubens einschwenken. Nur wegen diesem fröhlichen Schifflein Kirche kann auch anderen Menschen der Sinn dafür aufgehen, dass Gott es gut meint mit uns.

Gottes schöne Ewigkeit, das ist der Hafen, zu dem hin die Reise geht. Die christliche Gemeinde ist Zeugin dieser Reiseroute. Aber was bedeutet das angesichts der Verkleinerung der Gemeinden? Grundsätzlich gar nichts; denn Gottes Wollen und Wirken bleiben zuverlässig gut. Das aber bedeutet in der Tat etwas: Panik, Furcht oder Untergangsstimmung sind angesichts der Verkleinerung letztlich nur eine Stimme der Verblendung, aber nicht die Sprache des Glaubens. Die Aufgabe der Gemeinde bleibt dieselbe: Zeuge von Gottes Wirken zu sein. Nur: Was heißt das konkret?


3. »Über den Wind können wir nicht bestimmen, aber wir können die Segel richten«

Die eine große Aufgabe der Gemeinde, das Bezeugen, kommt nur in einer Vielzahl einzelner Vollzüge und Handlungen zum Tragen. Aber welche Grundvollzüge gibt es? Zu einer soliden Beschreibung können wir mit Hilfe von Friedrich Schleiermachers Güterlehre gelangen. Und dabei werden wir sehen, dass sich das Schiff namens Gemeinde als Fünfmaster entpuppt.

In seiner »Ethik« beschreibt Schleiermacher zunächst vier Grundaufgaben, vor die jede menschliche Gemeinschaft gestellt ist.10 Die besondere Pointe von Schleiermachers Theorie liegt dabei darin, dass er die menschliche Gesellschaft anhand ihrer Grundaufgaben beschreibt, die allen Menschen zu allen Zeiten gegeben sind. Verstanden und angepackt allerdings wurden und werden die Aufgaben immer unterschiedlich: Wie genau mit den Aufgaben umgegangen wird, führt zu einer unverwechselbaren Kultur. Damit kann Schleiermacher zugleich Kontinuität und Veränderung beschreiben: Das gleichbleibende Moment ist in den Grundaufgaben begründet, das geschichtliche Moment besteht im theoretischen und praktischen Verstehen der Aufgaben. Bei den Grundaufgaben handelt es sich nach Schleiermacher um die Sicherstellung einer sozialen Ordnung, die das Erwirtschaften des Lebensunterhalts ermöglicht (Wirtschaft und Staat), um die Erarbeitung und Weitergabe von Wissen (Wissenschaft), um das Ausbilden eines individuellen Lebensstils und das Kennenlernen anderer Stile (Freundschaft und Geselligkeit), und zuletzt um die Pflege einer Sicht auf das gute und wahre und schöne Leben, das der Bestimmung des Menschen entspricht (Religion und Kunst).

Seine Beschreibung des Zusammenlebens erlaubt nun aber auch einen sehr präzisen Blick auf die christliche Gemeinde und ihre Aufgaben.11 Denn jeder Lebensbereich wie etwa Staat und Wirtschaft hat immer auch Anteil an den anderen. Deswegen hat auch die christliche Gemeinde Anteil an den vier genannten Grundaufgaben.


Die Grundaufgaben der Gemeinde im Anschluss an Schleiermachers Güterlehre

Auch die christliche Gemeinde braucht eine Ordnung des sozialen Miteinanders, auch sie muss verantwortungsvoll mit dem zur Verfügung stehenden Geld, Gütern und Gebäuden umgehen. Der Kirchengemeinderat/Presbyterium ist diejenige Instanz, die vor Ort die Belange der Gemeinde regelt und auch Verantwortung für das wirtschaftende Handeln trägt. Die unterschiedlichen Gebäude bedürfen der Pflege. Und das diakonische Handeln gehört seit jeher zum Glaubensleben dazu und fordert Aufmerksamkeit. Hier besteht daher eine Nähe zu Staat und Recht, zu Wirtschaft und Arbeitswelt.

Auch die Erarbeitung und Weitergabe von Know-how hat ein Pendant auf der Ebene der Gemeinde: Glaube fordert Bildung. Die Texte der Bibel, die eigenen Lebenserfahrungen, der Gottesdienst der Gemeinde, Fragen nach dem guten Handeln – all das fordert auf zum Nachdenken über den Glauben. Es gibt ein Bemühen, den eigenen Glauben zu verstehen, und dieses Verständnis auszutauschen. Die Predigt kann hier einen – wenn auch beschränkten – Beitrag leisten. Wichtiger sind diejenigen Veranstaltungen, die sich aus der Taufkatechese heraus entwickelt haben, etwa der Konfirmandenunterricht, unterschiedliche Formen der Erwachsenenbildung wie Bibelkreise und Glaubenskurse. Dieser Bereich des Gemeindelebens schließt an die wissenschaftliche Dogmatik und die Darstellungen nicht-christlicher Weltanschauungen an.

Jeder Christenmensch steht vor der Aufgabe, einen eigenen Stil der Nachfolge und des Lebens zu finden, ihn darzustellen und den der anderen zu genießen. Innerhalb einer Gemeinde finden sich daher vielfältige Formen der Vergemeinschaftung, verbunden durch Alter, Milieu oder Talente (Chor, Jungscharen, CVJM-Eichenkreuz etc.). Dieser Bereich wird weiter unten durch die Netzwerkperspektive genauer betrachtet. Auch über die Gemeinde hinaus äußert sich die Geselligkeit in Freundschaften, Gastfreundschaft und Hobbies.

Das größte Gewicht kommt in der Gemeinde dem genuin religiösen Bereich zu. Schleiermacher zählte ihn zum »individuellen Symbolisieren«. Damit ist nun nicht gemeint, dass sich Religion am Schreibtisch einsamer und isolierter Individuen vollzieht. Schleiermachers Pointe lag vielmehr bei der Unvertretbarkeit religiöser Wahrheit. Im Vergleich zum Wissen lässt sich das Erleben des wahren und guten und schönen Lebens viel schwerer von einer Person zur anderen »transportieren«. Religiöse Gewissheit und die Beziehung zu Gott ist zunächst nicht von der Lebensgeschichte eines Menschen zu lösen und insofern in höchstem Maße individuell. Das schließt nun aber die gemeinschaftlichen Formen der Feier nicht aus: Christus selbst hat das Abendmahl eingesetzt. Und anders als durch die gemeinschaftlichen Formen der Pflege ist auch keine Reifung des individuellen Glaubens zu erwarten. Ein Kind Gottes zu sein, Jesus nachzufolgen und sich Gott hinzugeben – dies wird im Gottesdienst begangen.12 Deswegen handelt es sich beim Gottesdienst um das Zentrum des Gemeindelebens. Aus empirischer Perspektive ist der Gottesdienst nur eine Veranstaltung unter vielen; aber das trifft nicht seine Bedeutung: Hier wird gemeinsam der Grund des Glaubens gefeiert. Auch hier gibt es wieder strukturelle Parallelen zu anderen gesellschaftlichen Bereichen: Überall, wo es ebenfalls um Schlüsselszenen des guten und wahren und schönen Lebens geht, bestehen solche Parallelen zum genuin religiösen Leben der christlichen Gemeinde.


Das Schiff, das sich Gemeinde nennt – ein Fünfmaster

Eilert Herms hat diese vier Aufgaben um den Bereich der Medien ergänzt: Sie machen das Leben einzelner Bereiche für alle zugänglich. Wie auf einem Marktplatz kann durch sie eine Zusammenschau dessen entstehen, was alle angeht – auch wenn nicht immer alle überall in persona anwesend sind. Ebenfalls vermittelnden Charakter hat die Kinder- und Jugendarbeit, die ebenfalls quer durch alle Bereiche geht und das Leben der Gemeinde für Kinder und Jugendliche zugänglich machen soll.13

Diese Grundaufgaben der christlichen Gemeinde kann man sich nun wie Segelmasten vorstellen: Stehen sie, kann Gottes Geist die Gemeinde ungehindert bewegen. Hängen die Segel schief und in verschiedene Richtungen, weht auch da Gottes Geist, und das Schiff wird seinen Hafen erreichen, aber gegen – unbewussten – menschlichen Widerstand. Der Hauptmast wäre in diesem Bild der religiöse Grundvollzug, das geistliche Leben vor Gott durch Gebet, Wort und Sakrament.14 Das Schiff, das sich Gemeinde nennt, ist demnach ein Fünfmaster.15

Bringt dieses hübsche Bild etwas für die Frage nach dem Umgang mit der Verkleinerung? Ja, denn es kann dabei helfen, das Gemeindeleben erst einmal systematisch zu beschreiben und zu verstehen, und zwar in dreierlei Weise:

Sind überhaupt alle Segel ordentlich gehisst? Im gegenwärtigen Leben der Gemeinden scheint es etwa im Bereich des Nachdenkens über den Glauben einen Nachholbedarf zu geben. Das regelmäßige Angebot hierzu erschöpft sich meist in der Konfirmandenarbeit. Kurse zum Glauben dagegen (auch anlassbezogene wie Vorbereitungen auf Taufe oder Ehe) sind oftmals Mangelware. Auch im Falle der Diakonie ist es oft so, dass diese zwar hochprofessionell arbeitet, dadurch aber nur noch wenig Kontakt zur Gemeinde besteht und diese deswegen nicht mehr als Teil »unserer« Diakonie verstanden wird.

Erkennt man den »Hauptmasten« des Schiffes, kann man sehen, dass der Mittelpunkt des gemeinsamen christlichen Lebens der Tisch des Herrn oder wenigstens der Gottesdienst ist? Dies wäre etwa dann gegeben, wenn die anderen »Masten« auf den Gottesdienst hin ausgerichtet sind. Das diakonische Handeln der Gemeindeglieder, das Nachdenken über den Glauben, der Inhalt der Medien, die Geselligkeit: Sie dürfen nicht für sich stehen, sondern müssen einen erkennbaren Bezug zum Gottesdienst aufweisen. Und auch der Aufwand, den eine Gemeinde, ihr Gemeinderat samt Pfarrer*in betreibt, sollte dieser Grundstruktur entsprechen.16

Eine dritte Frage ergibt sich daraus, dass alle Aufgaben auf das eine Ziel der Gemeinde bezogen sind: In welcher Deutlichkeit wird in den fünf Grundbereichen das Handeln Gottes und sein Zielwille bezeugt? Ein explizites, verständliches Zeugnis von Einzelnen ist dabei innerhalb der Gemeinde genauso wichtig wie für die Menschen außerhalb der Gemeinde. Zumeist mangelt es nicht an gemeindlichen Angeboten, sondern an deren diesbezüglicher Deutlichkeit: Wodurch wird etwa deutlich, dass das diakonische Handeln sich nicht im Helfen erschöpft, sondern auch Gottes Verheißung seiner Ewigkeit erfahrbar machen soll?


4. »Im Schiff, das sich Gemeinde nennt, muss eine Mannschaft sein …«

Wenn im Schiff, das sich Gemeinde nennt, keine Mannschaft ist, dann ist man »verloren und allein«, so das Lied. Und in der Tat reicht es nicht aus zu sagen, was zu tun ist. Sondern entscheidend ist auch die Frage, wie diese Aufgaben zu bewältigen sind: Nämlich gemeinschaftlich. Diesen Aspekt hat die netzwerktheoretische Perspektive wieder zutage gebracht. Sie betont damit diejenige Dimension, auf die Schleiermacher mit dem Stichwort der Geselligkeit hingewiesen hatte.

Die Netzwerkforschung hat ihren Ursprung in der Soziologie und versucht ausdrücklich keine Wesensstrukturen aus der empirischen Wirklichkeit herauszudestillieren, sondern möchte die Beziehungen der realen Akteure untereinander in den Blick bekommen. Nicht die rechtliche Verfassung, die Ziele oder die Führungseliten, sondern die empirische »Basis« von gesellschaftlichen Gruppen werden in den Blick gerückt.

Dieses Paradigma hat die V. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung unter Leitung von Birgit Weyel aufgegriffen und für die Beschreibung der evangelischen Kirche in Deutschland fruchtbar gemacht. Bereits die Mitgliedschaftsuntersuchungen davor hatten sich ja in empirischer Weise den Mitgliedern der evangelischen Kirchen zugewandt; dieser Ansatz wurde netzwerktheoretisch zugespitzt. Besonders stark kommt er bei der exemplarischen Netzwerkanalyse einer evangelischen Gemeinde zum Tragen: Alle Gemeindeglieder und ihr Verhältnis untereinander wurden empirisch abgebildet. Für die vorliegenden Überlegungen ist dieser Ansatz insofern bemerkenswert, weil die bisherige Beschreibung der grundsätzlichen Aufgaben zu der simplen Forderung führen könnte, dass ja nun einfach die Pfarrer*innen in der Bringschuld stünden: Sie müssten einfach nur die passenden Angebote liefern, und damit wäre alles erledigt. Allein: Die Gemeinde ist eben kein »Ausflugsdampfer« mit Gemeindegliedern als bloßen Touristen.17 Gemeinde wäre als Unternehmen missverstanden, das sich über seine spirituellen Angebote auf dem Markt gegenüber den Konsumenten positioniert. Gemeinde ist viel eher ein Schiff mit einer Besatzung, oder drastischer: ein »Fischerboot«.18

Die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung hat mit ihrem Paradigma der Netzwerkanalyse nun dankbarerweise erneut daran erinnert, dass Gemeinde immer von der individuellen Kommunikation her zu verstehen ist, die wesentlich dezentral und als Netzwerk zu verstehen ist.19 »Die Kirche« – das sind nicht primär Funktionseliten, sondern das ist die Gemeinschaft der Gläubigen.20 Die Aufgabe »der Kirche«, nämlich Gottes Ziel und Wirken im Feiern, Nachdenken und diakonisch zu bezeugen, das ist die Aufgabe jedes einzelnen Christen; aber dies niemals einsam, sondern in Gemeinschaft.


Netzwerktheoretische Inspirationen

Der Sachverhalt der Netzwerke, der Verbindungen zwischen den Menschen, beschreibt keinen zusätzlichen Bereich neben den anderen Aufgaben, sondern ein wichtiges Querschnittsthema aller Lebensbereiche.

Dabei geht es zum einen darum, die bereits bestehenden Netzwerke zu stärken und Kontaktflächen zwischen ihnen zu schaffen. Geselligkeit braucht institutionalisierte Räume, in denen sie sich realisieren kann. Das klingt unter Umständen schwerer als es ist. Ein simples und doch sehr effektvolles Mittel kann ein »Kirchenkaffee« im Anschluss an den Gottesdienst sein, wie auch die V. KMU nahelegt.21 In jeder Gemeinde bieten sich unterschiedliche Möglichkeiten, die Menschen in ihren Gruppen mit anderen Menschen anderer Gruppen zu vernetzen. Sei es den KGR/Kirchenvorstand mit den Konfirmand*innen in Kontakt zu bringen oder den diakonischen Bereich mit dem Gottesdienst. Darüber hinaus bedarf es aber auch eines »Teamspirits«, eines »Gemeingeistes« (Schleiermacher), der sich von einer gemeinsamen Vision der Gemeinde her speist. Auch dieser gemeinsame Horizont bedarf der Pflege und Kultivierung; die vernachlässigte Form der Gemeindeversammlung bietet hier unter Umständen ein geeignetes Instrument. Denn nicht nur in den einzelnen Gruppen oder Netzwerken muss ein Mannschaftgeist entstehen, um dem Sinn der Gemeinde gerecht zu werden, sondern auch zwischen diesen. Der gemeinsame Glaube, den der Heilige Geist gibt, ist auch ein solcher Gemeingeist: »Die der Kirchengemeinde besonders verbundenen und in ihr aktiven Kirchenmitglieder sind stärker religiös, kommunizieren stärker religiös, beteiligen sich auf allen Ebenen an den Aktivitäten«.22

Eine Besonderheit unseres Schiffes ist die Offenheit für weitere »Matros*innen«: Zwar neigen auch Gemeinden dazu, sich abzugrenzen. Aber diese relative Geschlossenheit muss immer wieder aufgebrochen werden zu einer Auf-Geschlossenheit und einer tatsächlichen Willkommenskultur. Und auch von einem einladend-missionarischen Gesichtspunkt her gilt: »Diejenigen, die häufiger in den Gottesdienst gehen, sprechen mehr mit anderen über den Sinn des Lebens.«23 Die V. KMU hat die Bedeutung des Gottesdienstes explizit herausgearbeitet und konstatiert: »Häufigere Kirchgänger hinterlassen bei den Befragten offenkundig einen stärkeren Eindruck.«24 Auch auf den möglichen Vorwurf, die hier gebotene Sicht auf Kirche vernachlässige die Perspektive auf das Verhältnis der Gemeinde zur Welt, ist zu entgegnen: Ohne das geistliche Fundament gemeinschaftlich praktizierter Frömmigkeit sind auf Dauer überhaupt keine Impulse für die Gestaltung des Zusammenlebens zu erwarten.

Kirchengemeinderat/Presbyterium und Pfarrer*innen sind dabei nicht in erster Linie das zentrale Netzwerk einer Gemeinde; sie haben vielmehr für die Rahmenbedingungen zu sorgen, die das Gedeihen einer christlichen Lebensführung der Gemeindeglieder unterstützen. Es bedarf der Hilfestellungen zum angemessenen Feiern, Verstehen, Helfen und Vernetzen. Pfarrer*innen verstehen sich zwar oft als die, die für die Ränder zuständig sind, die diejenigen, die der Gemeinde fernstehen, einzuladen und zu integrieren haben. So schön das Anliegen, so falsch die Annahme, dass (ausschließlich und in erster Linie) Pfarrer*innen hier die Richtigen für diese Aufgabe wären. Den größeren Radius und vielleicht oftmals auch die größere Glaubwürdigkeit haben die Christen, die nicht hauptamtlich in der Gemeinde arbeiten. Von einer systematischen Stärkung des Gemeindelebens ist mittel- und langfristig mehr zu erwarten als von aufwändigen Programmen und teuren Großveranstaltungen.


5. Schluss

Das Schiff, das sich Gemeint nennt – getragen von Gottes Strömung, verantwortlich dafür die Segel zu setzen und auszurichten, den Mannschaftsgeist zu unterstützen. Und was ist nun angesichts der Großwetterlage zu tun? Vielleicht kann dies angesichts der Zusammenlegung von Gemeinden angedeutet werden.

Wenn Gemeinde als lebendiges Netzwerk verstanden wird mit einem geistlichen Grund und Ziel, dann kann es im Zuge der Verkleinerung nur schwerlich um das Weiterbespielen von verkümmerten Rest-Gemeinden gehen. Das wäre visionsloses Handeln, ohne Mut und ohne Liebe zu einer fröhlichen Gemeinde Jesu Christi. Ein solches Weiterbespielen kommt aber leider durchaus vor, und dabei wird das Feiern von Gottesdiensten mitunter mehr an vorhandenen Gebäuden ausgerichtet als an einer vorhandenen Gemeinde. Was also tun? Gemeinden lassen sich nicht einfach zusammenlegen. Netzwerke und Traditionen können nicht per Verordnung von oben wie alte Stahlteile zusammengeschmolzen werden. Wo der Fokus – auch wegen einer verfehlten Leitung – nur auf Verwaltung des Bestehendem und Bewahren des Alten ruht, da wird Gemeinde verunstaltet zu einem ungeistlichen Missgebilde.

Es kann aber auch anders gehen: Gemeinden können zu einem fröhlichen Schiffchen zusammenwachsen. Dabei muss allen klar vor Augen stehen: Es geht dabei niemals um das Weiterbestehen zweier Gemeinden, es handelt sich de facto um eine Neugründung. Die Gemeindeglieder, die mit Ernst Christen sein wollen, die müssen zu einer neuen Mannschaft zusammenfinden. Sie müssen einen Hauptgottesdienst wollen. Sie müssen wieder Formen ihres gemeinsamen Lebens entdecken und entwickeln. Sie brauchen eine Vision ihres zukünftigen Lebens. Das kann im Schmerz über den Verlust des Alten trösten. Ein fröhliches Schiffchen, zur Ehre Gottes und dem Nächsten zum Nutz – dazu kann eine Gemeinde werden, wenn sie sich von Gottes Hafen her versteht, ihre Segel zu setzen weiß und von der Mannschaft her denkt.


Anmerkungen:

1 Die deutsche Wiedergabe vom griechischen ekklesia, den durch Christus zusammengerufenen Menschen, lautet entweder »(christliche) Gemeinde« oder »Kirche«. Im normalen Sprachgebrauch bezeichnet Gemeinde die Ortsgemeinde, unter Kirche wird meist die professionelle Leitungsebene verstanden. Beide Verwendungsweisen beziehen sich dabei auf die organisatorische Gestalt des Christentums. In geistlicher Hinsicht sind beide Begriffe aber sachidentisch, eben die durch Christus Zusammengerufenen. Im Folgenden werde ich von »Gemeinde« sprechen, da auch die praktischen Konsequenzen, auf die der Aufsatz hinläuft, zunächst die organisatorische Ebene der Gemeinde betreffen, und weniger die Ebene der Gemeinde-Zusammenschlüsse mitsamt den dabei nötigen Funktionsträgern.

2 Vgl. Manfred Seitz, Art. »Kybernetik, III. Praktisch-theologisch« in: RGG4 IV (2001), 1915f. Besonders Reiner Preul, Kirchentheorie, Berlin/New York 1997, hat ihr eine wichtige Rolle gegeben.

3 Dieses Leitungsamt nehmen auf Gemeindeebene der KGR/Kirchenvorstand/Presbyterium zusammen mit Pfarrer*in wahr oder dann die Organe der übergeordneten Gemeindezusammenschlüsse auf den unterschiedlichen Ebenen.

4 Birgit Weyel, Was wird aus der Kirche? Formen religiöser Vergemeinschaftung und die Rolle der Organisation, in: DPfBl 1/2019, 21, hat darauf hingewiesen, dass es manche Wendungen wie »Überalterung« und »Schrumpfung« gibt, die nicht mit einer evangelischen Glaubenspraxis zu vereinbaren sind.

5 Vgl. dazu Heinrich Bedford-Strohm/Volker Jung, Vernetzte Vielfalt. Die fünfte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh 2015 (im Folgenden als KMU zitiert), 31.

6 KMU, 31. Vgl. entsprechend KMU, 92: Der Gottesdienstbesuch hat sich dahingehend polarisiert, dass der Anteil derer, die häufig gehen, ebenso gestiegen ist wie der Anteil derer, die kaum am Gottesdienst teilnehmen.

7 Die drei für die Gemeindeleitung bedeutsamen Aspekte, die im Folgenden dargestellt werden, finden sich auch in der gegenwärtigen Kirchentheorie skizziert: Kirche ist Institution, sie ist Organisation und sie ist als Netzwerk verfasst: KMU, 339. Die christliche Gemeinde ist zunächst eine Institution, weil sie von Gott eingesetzt, gestiftet ist. Dieser Stiftung Gottes in Christus wohnt ein orientierendes Ziel inne. Christliche Gemeinde hat auch die Gestalt einer Organisation, da sie bestimmte Aufgaben zu lösen hat und deswegen funktional verfasst ist. Zuletzt handelt es sich bei ihr um ein Netzwerk, da Gemeinde nur in individuellen Beziehungen existiert; ein Aspekt, den die letzte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung mit ihrem netzwerkanalytischen Fokus in den Mittelpunkt gerückt hat.

8 Vgl. Eilert Herms, Systematische Theologie, Tübingen 2017, Bd. 1, §15, Satz 1, 369-409.

9 Vgl. Eilert Herms, Systematische Theologie, Tübingen 2017, Bd. 1, §15, Satz 2, 463; 470f.

10 Vgl. dazu die »Güterlehre« bei Friedrich Schleiermacher: Ethik (1812/13), mit späteren Fassungen der Einleitung, Güterlehre und Pflichtenlehre, hg. und eingeleitet von Hans-Joachim Birkner, Hamburg 1981.

11 Theoretisch ist das deswegen möglich, weil Schleiermacher die vier grundlegenden Herausforderungen, die für jedes menschliche Zusammenleben gelten, als relative Gegensätze beschreibt. Kein Bereich besteht isoliert neben den jeweiligen anderen; in jedem tauchen die anderen Aufgaben der übrigen Bereiche wieder auf. Auch die Wissenschaft bspw. bedarf rechtlicher Regeln, auch sie dient dem Ausdruck individueller Lebensgestaltung, auch sie folgt einer individuellen Gewissheit über den Sinn des Lebens.

12 Eilert Herms spricht daher vom Gottesdienst als einem »Begängnis«: Vgl. Eilert Herms, Systematische Theologie, Tübingen 2017, Bd. 3, §87, Satz 11, 2579f.

13 Peter Bubmann hat vorgeschlagen, auch die paideia als fünftes Aufgabenfeld noch in die Reihe mit aufzunehmen, vgl. ders., Der gemeinsame Dienst und die verschiedenen Ämter – am Beispiel des Verhältnisses von PfarrerInnen und KirchenmusikerInnen, in: DPfBl 2/2006 (106. Jg.).

14 Diese Bereiche, die sich im Anschluss an Schleiermacher systematisch entfalten lassen, sind natürlich schon biblisch bezeugt. So finden »Apostel«, »Evangelisten«, »Propheten« und »Hirten« in Eph. 4,11 Erwähnung. Die »Ältesten« (1. Petr. 5,1) sind genannt und selbstverständlich der Bereich der Diakonie (Röm. 12,6-8).

15 Vgl. dazu auch die Leuenberger Konkordie (vgl. Wilhelm Hüffmeier, hg. im Auftrag des Exekutivausschusses für die Leuenberger Kirchengemeinschaft, Die Kirche Jesu Christi. Der reformatorische Beitrag zum ökumenischen Dialog über die kirchliche Einheit, Frankfurt 1995, 39-42, knüpfen an die aus der Alten Kirche stammende Einteilung gemeindlicher Tätigkeiten in leiturgia, diakonia, martyria und koinonia an, ebenso wie in der Gegenwart Peter Bubmann, Der gemeinsame Dienst und die verschiedenen Ämter, in: DPfBl 2/2006, 60. Vgl. auch Gotthard Fermor, Cantus Firmus und Polyphonie – Der eine Dienst und die vielen Ämter. Zur Theologie kirchlicher Berufe, in: Pastoraltheologie 101 (2012), 324-340. Mit dem II. Vaticanum hat die katholische Kirche auch die koinonia als Grundvollzug mit in die Reihe aufgenommen, vgl. Gaudium et spes, Art. 1ff. Zum Ganzen vgl. auch Prüller-Jagenteufel, Grundvollzüge der Kirche; in: M. E. Aigner, A. Findl Ludescher, V. Prüller Jagenteufel, Grundbegriffe der Pastoraltheologie (99 Wörter Theologie konkret), Don Bosco Verlag München, 2005, 99f.

16 Angewandt auf die Aufgaben im Pfarramt entstünde die Frage, ob sich die Aufteilung der Wochenarbeitszeit ungefähr deckt mit den vier Grundbereichen und ihrer spezifischen Asymmetrie. Auch hier scheint mir ein Problem bei der Lehre zu liegen, denn Religionsunterricht und Konfirmandennachmittag verlangen bereits einen Aufwand von 15 Stunden; bei einem Grundaufwand von 60 Stunden ist damit schon ein Viertel besetzt. Die Erwachsenenbildung/Glaubenskurse fordert aber ebenfalls Zeit ein.

17 Vgl. Birgit Dierks/Oliver Schippers, Vom Ausflugsdampfer zum Fischerboot, in: 3E, Das Ideenmagazin für die Kirche (3/2013), 52-54.

18 Vgl. ebd.

19 Vgl. KMU, 339. Das ist nun freilich nicht neu; bereits Isolde Karle hat vor einigen Jahren auf die »gemeinschaftlichen, interaktiven Sozialbeziehungen« hingewiesen, aus denen Kirche gestrickt ist: Isolde Karle, Kirche im Reformstress, Gütersloh 2010, 85. Ausgerechnet der Wissenschaftliche Beirat der V. KMU lässt sich in seinen »Perspektiven für die kirchenleitende Praxis« zu einer Rede verleiten, in der Kirche und Mitglieder zwei unterschiedliche Sphären darstellen: So sollen etwa »Kontaktflächen der Kirche mit ihren Mitgliedern« weiter qualifiziert werden (KMU, 454).

20 In der Kirchentheorie wird gerne von »der« Kirche einerseits und »ihren Mitgliedern« andererseits gesprochen. Das ist in gewisser Weise ja auch einsichtig: Diejenigen Christen, die ein Amt innehaben, versuchen andere zur Partizipation einzuladen. Allerdings führt das nur allzu schnell zu einem verkrümmten und missratenen Bild von christlicher Gemeinde: Es legt nahe, dass sie primär aus Amtsträgern bestünde und nicht aus der Schar der Christusgläubigen. Es legt nahe, dass diese Amtsträger dann in einem zweiten Schritt auch den anderen, den »Mitgliedern«, irgendwelche Angebote machen könnten. Das ist ungefähr so, als sage man von einem Schiff, dass es »seiner« Besatzung Angebote zur Beteiligung mache. Eine vor-reformatorische Vorstellung von Gemeinde, aber sicher keine evangelische! Aber christliche Gemeinde ist nicht erst die Gemeinschaft derjenigen Christen, die sich auf professionelle Angebote einlassen und diese konsumieren, sondern ursprünglich: Gemeinschaft der Gläubigen. Dieses bereits bestehende »Netzwerk« gilt es auszubauen und zu stärken. Die Aussage, man solle »Kirchenbindung nicht mit sozialer Nähe oder gar konkreter Partizipation« gleichsetzen (KMU, 217), ist auf individueller Ebene schon richtig; allerdings ist auch klar, dass von einer solchen Gestalt der Kirchenbindung keine stärkenden Effekte für das Zusammenleben zu erwarten sind. Abgesehen davon ist – ganz normativ – zu urteilen, dass bei einer solchen Weise der Mitgliedschaft der Sinn von Kirche, wie er sich eben aus evangelischer Sicht darstellt, nicht angemessen erfasst ist. Oder mit den Worten von Isolde Karle, Kirche im Reformstress, Gütersloh 2010, 124: »Die Kirche der Gelegenheit lebt ›parasitär‹ von der Kirche der Kontinuität.«

21 Vgl. KMU, 403; 433.

22 KMU, 57.

23 KMU, 419.

24 KMU, 423.

 

Über die Autorin / den Autor:

Vikar Georg Hardecker, Jahrgang 1985, 2006-2013 Studium der evang. Theologie in Tübingen, Leipzig und Berlin, 2014-2016 Wiss. Mitarbeiter bei der Studie zur Konfirmandenarbeit unter Leitung von Prof. Friedrich Schweitzer, 2013-2017 Promotion bei Prof. Elisabeth Gräb-Schmidt in Tübingen zu Schleiermachers Bildungsverständnis (das Verfahren läuft noch), seit 2017 Vikariat.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2019

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