Mondphasen

Von: Peter Haigis
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Zu meinen liebsten Kinderbüchern gehörte Gerdt von Bassewitz’ »Peterchens Mondfahrt« – nicht nur wegen des Namens des Protagonisten! Ich fühlte mich seiner Abenteuer- und Entdeckerlust wohl seelenverwandt: Da erhält ein Junge mit seiner Schwester die Gelegenheit, mit einem Maikäfer auf Reisen zu gehen. Und wie das eben so ist mit den Maikäfern – die Reise geht hoch hinaus und führt die drei, Peterchen, seine Schwester Anneliese und den Maikäfer, am Ende bis zum Mond.

Der Grund für die Mission liegt in einem Missgeschick: Etwas abgekürzt, hatte der Unfall mit einem Holzdieb zum Verlust des sechsten Maikäferbeinchens geführt. Der Übeltäter wurde daraufhin von einer guten Fee zwar samt seinem Holzbündel auf den Mond verbannt, wo er fortan als Mann im Mond hauste, doch das fehlende Beinchen war dabei mit auf den Mond gekommen – und nun sollte es von dort zurückgeholt werden. Auf ihrer Reise erleben Peterchen und seine Schwester eine Vielzahl von Abenteuern und begegnen dem putzigen Sandmännchen, der edlen Nachtfee, der dicken Wolkenfrau, dem gutmütigen Donnermann, der Blitzhexe und vielen anderen …

Ich habe den prachtvoll gestalteten Band mit seinen zahlreichen Illustrationen von Hans Baluschek noch heute und sehe ihn mir auch gerne mal wieder an. Dazwischen lag jedoch eine andere Phase, in der mir diese Märchengeschichte als Kinderkram vorkam: ein Mann im Mond, sprechende und tanzende Maikäfer und Wetterphänomene, die phantasievoll, aber eben naiv als Personen vorgestellt werden – damit wollte man in einem bestimmten Alter nichts mehr zu tun haben. Als elfjährigen Jungen begeisterten mich – wie wohl viele meiner, zumindest männlichen Altersgenossen – die Raumfahrt und der Aufbruch in fremde Welten im All mittels wissenschaftlicher und technischer Errungenschaften.

Dazu gehörte im Jahr 1969 vor allem die bemannte Mondlandung am 20. Juli. 50 Jahre ist das nun her, und doch bleibt es ins Gedächtnis eingebrannt: In der Nacht vom 20. zum 21. Juli weckten mich meine Eltern, damit wir diesem ebenso ungeheuerlichen wie unvorstellbaren Ereignis live am Fernsehbildschirm gemeinsam beiwohnen konnten. Die Bildübertragungen waren zwar bescheiden: die Aufnahmen der Außenkamera an der Mondlandefähre zeigten nur grob gekörnte und zudem ruckartige Schwarzweiß-Bilder, doch die Geschichte war atemberaubend, kein Zweifel! Nun gab es sie also wirklich, die Männer im Mond. Nicht als Märchen- und Mythengestalten, sondern als Menschen aus Fleisch und Blut.

Sechs weitere bemannte Mondmissionen startete die NASA im Rahmen ihres Apollo-Programms, fünf von ihnen erreichten den Mond und kehrten von dort erfolgreich zurück. Die meisten der damals bewunderten Helden leben heute nicht mehr. Von 12 Astronauten, die den Mond betraten, sind bereits acht verstorben, in aller Regel altersbedingt.

In meinem Jugendzimmer prangte an der Wand eine riesige Mondkarte. An ihr studierte ich die Mondmissionen, lernte Krater und »Meere« kennen, kartografierte mit den Astronauten das erforschte Gebiet. Doch mit der Zeit verflog auch dieser Zauber. Die aberwitzigen SDI-Pläne eines Ronald Reagan mit der Vorstellung eines Weltraumkrieges (»Star Wars«) forderten meinen entschiedenen Widerspruch als Wehrdienstverweigerer und engagierter Antimilitarist. Da blieb dann auch von der einst bewunderten Mondmission nicht viel mehr übrig als der Verdacht, dass sie primär militärischen Zwecken diente, und manche Einschätzung kehrte sich für mich um: »Ein großer Schritt für einen Menschen, aber ein kleiner Schritt für die Menschheit«. Als symbolträchtiges Bild blieb denn auch vor allem der tapfer flatternde Star Spangled Banner über der trostlosen Mondoberfläche.

Gewiss, Forschung und Wissenschaft haben mehr Nutzen aus den Mondmissionen gezogen. Doch für das einst vom Mondmärchen eines Gerdt von Bassewitz faszinierte Kind, das den Titel »Peterchens Mondfahrt« am liebsten programmatisch verstanden hätte, für den einst so enthusiastisch mondbegeisterten Jungen, der sich am liebsten an die Seite jener Mondfahrer geträumt hatte, für den zwischenzeitlich ernüchterten Friedenskämpfer, der derlei Raumfahrtprogramme am liebsten mit der Hermeneutik des militärisch-kritischen Verdachts überzog, eröffnet die vorerst letzte »Mondphase« den Blick auf ein nachdenklich stimmendes Bild: der blaue Planet Erde, der über dem leblosen Mondhorizont aufgeht. Am Ende sind wir zurückgeworfen auf die Erde: hier haben wir das Leben der Menschheit zu gestalten und hier hat sich all unser wissenschaftlich erworbenes Wissen und alles technische Können zu bewähren.

Es grüßt Sie herzlich Ihr

Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2019

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