Warum Weitermachen nach 2017 Sinn macht
Re-Formation als Lebenskunst

Von: Siegfried Eckert
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Viel steht nach 2017 auf dem Spiel! Beschäftigt sich ein provinzieller Protestantismus weiter ängstlich mit seiner organisatorischen Selbsterhaltung? Leistet er sich weiter den Luxus einer zu kostspieligen und wesensfernen Verwaltung? Oder zieht er aus sachgemäßer Reflexion Konsequenzen, um seine Individuen und Gemeinden aus entstandenen Engpässen in eine Weite zu führen, die alle Beteiligten vergnügter, erlöster und befreiter aussehen lässt? Das ist die Perspektive, der sich das »Forum Reformation« verschrieben hat. Siegfried Eckert erläutert, worum es geht.


Reformation als Sinnsuche

Wer nach Sinn fragt, sucht nach sinnvollen Zusammenhängen. Das Reformationsjubiläum hätte Sinn gemacht, wenn wir mit den Anliegen der Reformation weitermachen würden. Dafür sind Wege zu beschreiten, die aus konfessioneller Selbstbezogenheit in die Weite eines neuen Miteinanders zwischen den Konfessionen, Religionen und Kulturen führen. Ein halbes Jahrtausend Protestantismus ist Anlass genug für eine kritische Selbstreflexion, die Unterbrechung des Bisherigen, einen Perspektivwechsel, um die Herausforderungen der Zukunft gemeinsam anzugehen. Die Konzentration reformatorischer Fragestellungen auf die Themenfelder Gemeinde, Gesellschaft und Reformationsgeschichte schützt vor Überforderung. Die Lebenskunstphilosophie von Wilhelm Schmid hält m.E. dafür sinnvolle Anregungen bereit. Ich entnehme im Folgenden Anleihen aus seinem Werk: »Mit sich selbst befreundet sein. Von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst« (Frankfurt/M. 9. Aufl. 2016).

Notwendige Antworten lassen sich durch angemessene Fragestellungen finden. Die Dialoge des Sokrates sind Vorbild dafür. Der antike Philosoph verstand es durch seine Fragen, Klärungsprozesse anzustoßen, die zu vorübergehenden Antworten führten. Der Treibstoff der Moderne wurde die Frage nach der Freiheit. Luthers Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« (1520) stieß dazu die Tür auf. Je politischer der Freiheitsbegriff sich im 17. und 18. Jh. entwickelte, umso mehr diente er der Befreiung aus elenden und irdischen Abhängigkeitsverhältnissen. Dies führte bis ins 21. Jh. zum Bestreben einer Freiheit von religiösen, politischen, ökologischen, ökonomischen und sozialen Bindungen. Das hatte die Auflösung vertrauter Bindungen, alter Gewohnheiten, anerkannter Institutionen, überlieferter Traditionen sowie Sinnzusammenhängen zur Folge. In letzter Konsequenz führte der Zerfall von Sinnoptionen in einen Nihilismus, der suggerierte, nichts mehr mache Sinn außer das Leben selbst.


Leben in Re-Zeiten

Der vornehmste Auftrag eines jubiläumsgeläuterten Protestantismus wäre die Mitwirkung an der Wiederherstellung verlorengegangener Sinnzusammenhänge unter den Bedingungen der Moderne. Gegenwärtig leben wir in einer Zwischenzeit, einer Moderne im Übergang, einer Re-Zeit. Diese kann als Zeit der Re-Flexion und Rück-Besinnung genutzt werden. Im ökologischen Raum zeigt sich dies in der Etablierung von Recycling-Kreisläufen. In der Musik ist Retro in, wird der Soul der 1960er gefeiert. Im Umweltschutz finden Renaturierungen statt. Die Architektur übt sich in der Rekonstruktion alter Gebäude. Remakes alter Blockbuster erweisen sich als Kassenschlager. Und im Gesundheitswesen boomen die Reha-Maßnahmen zur Wiederherstellung der alten Arbeitskraft.

Die Wiedergewinnung eines Reformationsbegriffes, der eine kritisch-wertschätzende Rückbindung an verloren Gegangenes anstrebt, könnte für eine suchende Übergangs-Moderne stabilisierende Kräfte freisetzen im Ringen um zukunftsfähige und nachhaltige Ideen. Denn die Welt braucht Alternativen zu einem neoliberalen Kapitalismus, der keine Antwort auf reformatorische Umkehrrufe gibt und stattdessen ungebrochen den Aberglauben an ein ewiges Wirtschaftswachstum propagiert. Der Rubel rollt weiter. Ober- und Mittelschichten amüsieren sich auf Kosten der Wettbewerbsverlierer zu Tode. Wie eine Zitrone wird die Schöpfung hemmungslos ausgequetscht, unter ignoranter Federführung populistisch-narzisstischer Autokraten. Weltweit erfolgt die Dekonstruktion sinnvoller Zusammenhänge, tobt ein asozialer Nihilismus, treten Religionen die vormoderne Flucht in einen menschenverachtenden Fundamentalismus an. Als lauteste Stimme, die zur Umkehr ruft, ist ein lateinamerikanischer Papst zu vernehmen, der Stirnrunzeln bei seiner reformunwilligen Kurie erntet. Wer hätte das nach fünfhundert Jahren Protestantismus je gedacht?


Zurück in die Zukunft

Der humanistische Ruf »Zurück zu den Wurzeln« könnte sich für das moderne, entwurzelte Selbst als verheißungsvoller Lockruf erweisen. Er hätte das Zeug dazu, Konfessionen, Religionen und Kulturen zu ihren Ursprüngen zurückzuführen und dem Projekt Weltethos eine neue Chance zu geben. Reformatorische Theologie hat mit Recht darauf hingewiesen, dass im Letzten mit unserer Macht nichts getan ist, der Mensch sich nicht beim eigenen Schopfe aus dem Sund der Sünde ziehen kann. Im Vorletzten jedoch haben wir das Menschenmögliche zu tun, als Beitrag zum Gottesdienst im Alltag der Welt. Der Wunsch nach Wiederentdeckung der eigenen Geschichte, Identität und Tradition erzählt von der Sehnsucht nach Wiederherstellung verlorengegangenen Vertrauens in glaubwürdige Institutionen und Religionen. Für den Protestantismus empfiehlt sich die Rückbindung an sein Sola-Scriptura-Prinzip, welches ihm als Charisma in die Wiege gelegt worden ist.

Die vier Kennzeichen der frühen Christenheit könnten das Koordinatensystem einer neuen reformatorischen Bewegung bilden: »Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brot brechen und im Gebet.« (Apg. 2,42) Das Bleiben in der Lehre entlastet unser erschöpftes Selbst vor der Überforderung des Strickens an eigenen Sinnkonstruktionen. Wir haben eine Lehre, die unsere innere Leere mit Sinn füllt. Wir haben eine Richtschnur, weil Bauchgefühle allein nicht genug Orientierung bieten. Beständig in der Gemeinschaft zu bleiben, entspricht dem Menschen als soziales Wesen. In global-digital-asozialen Zeiten kommt dem Überleben des Einzelnen in anlogen, realen familiären und freundschaftlichen Netzwerken eine größere Bedeutung zu. Menschsein ist nichts für Solisten. Christlicher Glaube versteht sich als Mannschaftssportart, nicht als Egotrip. Brotbrechen meint mehr, als Abendmahl zu feiern. Das ganze Leben will miteinander geteilt, die vier Grundbedürfnisse des Menschen wollen gestillt werden: 1. sinnvoll leben, 2. in guten Beziehungen leben, 3. eigenverantwortlich leben, 4. mit Freude und Lust leben. Das Gebet signalisiert im Quartett der Säulen der ersten Christenheit, dass jeder Mensch auf ein transzendentes Gegenüber angewiesen ist. Das Glückskleeblatt der ersten Christenheit kann helfen, mutig zurück in die Zukunft zu gehen.

Religion bedeutet wörtlich u.a. Rückbindung. Eine reife Religion gewinnt ihre Kraft aus der Rückbesinnung, unter der Voraussetzung, dass sie bereit ist, sich gemachte Fehler einzugestehen und aus ihnen zu lernen. Damit muss für die Beantwortung aktueller Fragen das Rad nicht neu erfunden werden. Der Wertschätzung der Re-Zeit steht ein Pro-Zeitverständnis gegenüber, das beschleunigt nach vorne drängt. Es verbirgt sich in Begriffen wie: Progression, Programme, Projekte, Prognosen, Prozesse, Prospekte, Produkte, Produktivität, Profanität. Das hier vorgetragene Verständnis von Reformation steht einer einseitigen Pro-Ausrichtung skeptisch gegenüber. Eine Haltung hingegen, die zurück zu den Quellen strebt, hilft im Meer progressiver Optionen, nicht haltlos unterzugehen. Sie vertraut darauf, im Letzten gehalten zu sein.


Priestertum aller Individuen

»Eine Veränderung moderner Denk- und Lebensweisen kann jedoch nicht ›von oben herab‹ verordnet werden, sondern nur ›von unten herauf‹ wachsen, realisiert von einzelnen Individuen, die Inseln des Anderen bilden« (a.a.O., 14). Der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann sieht in Luthers »Priestertum aller« das Herzstück der reformatorischen Innovationen. Daran ist anzuknüpfen, wenn nicht nur das protestantische Prinzip als ewiger Protest (Jörg Lauster), sondern das Priestertum aller Individuen zur Richtschnur unseres reformatorischen Suchens und Fragens wird. Diese parteiische Position, die von unten nach oben denkt und ein partizipatives, demokratisches und gleichberechtigtes Miteinander erfordert, ist anschlussfähig an die Bedingungen der Moderne. Solch eine Versuchsanordnung bedarf des Gottvertrauens und der Geduld eines natürlichen Wachstums. Alles muss klein beginnen. Solches Vorgehen weiß um Widersprüche und Konfliktlagen. Ohne Unkraut im Weizen geht es nicht, wo fehlbare Menschen Gutes erstreben. Der moderne Mensch ist, wie bei Luther, als Sünder mit seinen Möglichkeiten, Schwächen, Fehlern und Risiken ernst zu nehmen. Jeder reformatorische Fortsetzungsversuch wird Spielräume einräumen müssen für das fehlbare Selbst, das ungewohnte Anderssein der Anderen und einen unsichtbaren Gott, der anders ist, als wir glauben.

Der moderne Begriff einer Freiheit von hat sich weiterentwickelt zu einem neuen Freisein zu – Bindungen, Beziehungen, Begrenzungen, die vom Individuum selbst gewählt und festgehalten werden. »Alle Arbeit an der Formgebung der Freiheit wurde in der Moderne sehr stark auf das Recht konzentriert, das mit dem Umfang der Aufgabe jedoch überfordert ist. In allen genannten Hinsichten: religiös, politisch, ökologisch, ökonomisch, sozial, sind Formen der Freiheit auszuarbeiten, um den Zustand des bloßen Befreitseins zu überwinden« (a.a.O., 15).

An dieser »Formgebung der Freiheit« will das »Forum Reformation« mitwirken. Ein Jahr nach dem Reformationsjubiläum hat es sich in Wittenberg gegründet, um interkonfessionell, interreligiös und interkulturell sich auf den Weg zu machen.


Mut zum Brückenbau

Zum Mantra des Reformationsjubiläums gehörte es, Luther bei aller Kritik als mutigen Mann zu feiern. Nicht nur in Worms stand er da und konnte nicht anders. In welcher Landeskirche, in welchem Kirchenamt, auf welchen Kirchentagen, in welchen Gottesdiensten und Predigten flammt dieser reformatorische Mut gegenwärtig auf? Einem Protestantismus, dessen Impulse von unten nach oben pulsierten, der keiner Vermittlungsinstanz zwischen Gott und Mensch bedurfte, ist im Laufe der Jahrhunderte sein Mut zur Reformation abhandengekommen.

»Eine andere, kritische, reflektierte Moderne wird sich eher darauf verstehen, Brücken zu anderen Kulturen zu bauen, statt diese mit kultureller Arroganz als ›überholt‹ abzuweisen. Sie verzichtet dabei nicht auf zentrale Errungenschaften der Moderne wie Menschenwürde und Menschenrechte. Erhalten bleibt das moderne Engagement für Veränderungen und Verbesserungen, alles andere würde das blinde Sichfügen in beliebige Verhältnisse bedeuten. Aber ›Neues‹ ist nicht länger eine Norm, möglich ist auch das Festhalten an ›Altem‹, das sich bewährt« (a.a.O., 15).

Wilhelm Schmid benennt ein Spannungsfeld, in dem sich jeder veränderungsbereite Reformationsbegriff zu bewähren hat: Brücken zu anderen Kulturen, Religionen und Konfessionen zu bauen, ist das Gebot der Stunde. Auf die Verteidigung lebensdienlicher Errungenschaften der Moderne darf dabei nicht verzichtet werden, wenn Veränderungen, Verbesserungen, mehr Gemeinsamkeiten angestrebt werden. Das Neue erhält qua Neuigkeitswert dabei jedoch keine automatische Vorfahrt, keinen Charakter einer unhinterfragten Norm. Damit erhält »Altes«, »Bewährtes«, das »Re« in Reformation sein Recht zurück, und es hätte ein geläutertes Amtsverständnis des Papstamtes die Chance, sich als wahrer Pontifex Maximus zu erweisen.


Selbst ist der Mensch

»Nicht anonyme Institutionen und Gemeinschaften, nicht Strukturen oder gar »Systeme« sind es, die Ideen haben und diese umsetzen, sondern immer einzelne Individuen, auch wenn sie häufig im Verborgenen bleiben« (a.a.O., 15f). Jeder Reformationsversuch hat beim Individuum anzusetzen, es zu ermutigen, seine Ideen der Selbst- und Weltgestaltung in die Tat umzusetzen. Dazu ist eine Lebens-Kunst notwendig, die andere Anforderungen an den Einzelnen stellt, als dies zu Luthers Zeiten der Fall war. Selbstverlust und Selbstsucht lauten die Pole der Moderne, zwischen denen das befreite Ich sich zu bewähren hat. Nur aus einer ausbalancierten Selbstbeziehung wird eine angemessene Welt- und Gottesbeziehung erwachsen. »Daher geht es in der Lebenskunst zuallererst um die Beziehung des Individuums zu sich selbst, deren Verfehlung zur Folge hat, dass auch die Beziehungen zu anderen nicht mehr zustande kommen. Lebenskunst ist die Sorge um ein maßvolles Selbstverhältnis, das in der Lage ist, das Selbst zu festigen und zu anderen hin zu öffnen« (a.a.O., 16).

Um die Komplexität dieser Aufgabe zu verstehen, ist die Vielschichtigkeit des Ichs ernst zu nehmen, damit die Wiedergewinnung des Reformationsbegriffes nicht Gefahr läuft, als Museumsstück in Horst Seehofers neuem Heimatministerium zu landen. »Denn ein ›Ungeteiltes‹, wie das Wort glauben macht, ist das Individuum längst nicht mehr, daher die Arbeit am Wir im Selbst. Insofern das Ich selbst bereits eine Vielheit ist, finden sich in ihm alle Fragen und Probleme einer Gemeinschaft und Gesellschaft, die der Integration in einer Art von Wir bedürfen, um das Leben und Zusammenleben zu ermöglichen. Die kunstvolle Gestaltung des Selbst und seiner Existenz setzt ­daher mit der Gestaltung der inneren Bindungen und Beziehungen ein« (a.a.O., 16).


Umgang mit anderen

»Nur im Umgang mit anderen sind neue Ressourcen für den Umgang mit sich selbst zu erschließen … Dass eine sinnvolle Selbstbeziehung entsteht, ist die Grundlage für die Beziehung zu anderen, der Nukleus aller denkbaren Weiterungen des ›Wir‹« (a.a.O., 19). Kolumbus hat Amerika entdeckt. Luther liebte die Provinz und die Stabilitas Loci des Mönches. Trotzdem gelang es ihm, in seiner Welt unzählige Beziehungen zu pflegen. Den inneren Zirkel bildeten der kongeniale Professorenkollege Philipp Melanchthon, sein Beichtvater und Stadtpfarrer Johannes Bugenhagen, der Kurfürstenhof Friedrichs des Weisen, die Malerschule Lukas Cranach d.Ä. und einige Akteure im aufstrebenden Druckereiwesen. Luther vermochte dank seiner Schreib- und Arbeitswut, Tischreden, Mitschriften und abertausend Briefe, ein schier endloses Netzwerk zu knüpfen. Sein auf Herzensbildung zielender Glaube, seine Standhaftigkeit durch die Berufung auf Schrift, Gewissen und Vernunft legen Zeugnis von einer mühsam errungenen Selbstbeziehung ab, trotz einer Welt, die ihm voller Teufel war. Zahlreiche reformatorische Bewegungen stießen mit dem Reformator die Tür zur Ermöglichung neuer Selbst- und Weltbezüge auf, deren Wirkungsgeschichte zur Aufklärung und heutigen Moderne führte. Ins Wasser fiel 1517 ein Stein, der seine Kreise zog und nach 2017 weiterwirken will.

Der Umgang mit anderen, die Weiterung des »Wir«, kann als Fortsetzung reformatorischer Impulse verstanden werden, auch wenn im Ursprung anderes beabsichtigt war. Nicht vergessen werden darf, wie Luther mit sich und der Welt rang, geängstigt von Welt- und Selbstbildern, die zum Fürchten waren. »Das Unbehagen an der Selbstbeziehung aber hat seinen Grund nicht zuletzt in einer Konfrontation mit der Abgründigkeit des Selbst, die im Umgang mit sich früher oder später fühlbar und als beängstigend erfahrbar wird; ja, mit der Erfahrung der Angst beginnt der Umgang mit sich selbst überhaupt« (a.a.O., 23). In der Erfahrung solch existentieller Abgründigkeit rückt Luther unserem subjektiven Erleben bedrückend nahe. Sein Ringen um einen gnädigen Gott ist dem modernen Bedürfnis nach einem angstfreien Leben nicht fern. »Den entscheidenden Anstoß zur Klärung der Beziehung zu sich und zur Begründung von Lebens­kunst gibt, wenn sonst nichts, dieses Phänomen« (ebd.).


Selbst- und Weltangst

»In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost ich habe die Welt überwunden« (Joh. 16,33b). Dieses johanneische Jesuswort ließe sich als biblische Überschrift über die Anliegen der Reformation stellen. Unzählige Haupt- und Nebenwege wurden seit dem Thesenanschlag beschritten, um zu einem lebenslangen Bußverständnis an einen gnädigen Gott zu geraten, der die Welt überwunden und die Todesangst besiegt hat. »Von Ängsten weiß jede und jeder zu berichten … und die zugehörige Erfahrung wird schon im Lateinischen mit angustía bezeichnet: Enge, Engpass, Bedrängnis, Beschränktheit, missliche Lage; weiter zurückgehend auf das griechische Verb áncho: Ich werde eingeschnürt, gewürgt, gequält. Die Weite der Möglichkeiten reduziert sich auf eine einzige, in ihrer Enge bedrohlichen Wirklichkeit« (a.a.O., 26). Viele Äußerungen Luthers waren nicht Ausdruck seiner Toleranz und Pluralität, sondern seiner Ängste und Enge. Trotzdem führten seine reformatorischen Durchbrüche aus der Enge in die Weite, aus ängstlicher Selbst- und Weltsicht in die weitgeöffneten Arme eines gnädigen Gottes für Verlorene. Jede Zeit steht neu vor der Frage, ob protestantische Impulse in die Enge einer altprotestantischen Orthodoxie oder in eine weite, aufgeklärte, subjektbezogene und von Ängsten erlöste Theologie führen? Geschieht letzteres nicht, droht ein Angstkampf der Kulturen.

»Einzelne Subjekte und ganze Kulturen versuchen ihren Stolz zu wahren, indem sie ihr Gefühl der Angst anderen zuschreiben, die als ›schwächlich‹ gebrandmarkt werden. Im äußeren Machtspiel zwischen Menschen wird die Angst der einen zum Ansatzpunkt von Macht durch andere« (a.a.O., 27). Viel steht nach 2017 auf dem Spiel! Beschäftigt sich ein provinzieller Protestantismus weiter ängstlich mit seiner organisatorischen Selbsterhaltung? Leistet er sich weiter den Luxus einer zu kostspieligen und wesensfernen Verwaltung? Oder zieht er aus sachgemäßer Reflexion Konsequenzen, um seine Individuen und Gemeinden aus entstandenen Engpässen in eine Weite zu führen, die alle Beteiligten vergnügter, erlöster und befreiter aussehen lässt?


Von unten nach oben

»Da die gewohnte Geborgenheit in Zusammenhängen der Tradition, Konvention, Religion und Natur verlorengegangen ist, werden abseits alter Ängste auch noch neue wach. Im Unterschied zu den vor-modernen, voraufklärerischen vor Geistern, Gespenstern, Teufeln, einem strafenden Gott, Fegefeuer und Hölle richten sie sich nun auf die soziale Vereinsamung, die technische Entwicklung, die politischen und ökonomischen ›Systeme‹, die ökologische Zerstörung, die metaphysische Sinnlosigkeit« (a.a.O., 27f). Auch unsere moderne Welt ist voller Teufel. Sie tragen nur andere Namen und Masken als zu Luthers Zeiten. Der Druck im Kessel nach einem sinnvollen, erlösten, heilsamen Leben ist trotz erfolgreicher Befreiungsschläge der Aufklärung gestiegen. Apokalyptische Drohkulissen fressen weiter Seelen auf. Die Ausmalung bevorstehender Klimakatastrophen durch Experten erinnert an mittelalterliche Fegefeuerdarstellungen. Rufe nach lebenslanger Umkehr erschallen auf den Fridays for Future-Demonstrationen der jungen Generation Freitag für Freitag.

Die weltoffenen und menschenfreundlichen Arme eines gnädig gesonnenen Gottes sind im dunklen Tal der Perspektivlosigkeit notwendiger denn je. Das reformatorische Urversprechen unverdienter Gnade und Freiheit könnte sich für alle Konfessionen, Religionen und Kulturen als versöhnliche Motivationsspritze erweisen. »Die Angst lehrt, was Leben ist und was wesentlich ist … Aber nur wer ›tief unten‹ ist, sammelt die Kräfte für den Weg ›nach oben‹. Am Anfang von so vielem ist die Angst« (a.a.O., 29). Ein neues Zutrauen in reformatorische Einsichten könnte uns von unten den Weg nach oben weisen. Dabei kann ein Satz Luthers zum verheißungsvollen Leitstern werden: »Wir sind immer auf dem Wege und müssen verlassen, was wir kennen und haben, und suchen, was wir noch nicht kennen und haben.«


Form und Forum

»Die Erfahrung der Angst ist unverfügbar, verfügbar ist lediglich die Haltung, die zu ihr eingenommen wird« (a.a.O., 30). Glaubenserfahrungen sind unverfügbar, dafür kommt es im Glauben auf die Haltung an. »Mit seiner Haltung zur Angst entscheidet das Selbst zugleich über seine Haltung zum Leben« (ebd.). Ängste lassen sich besiegen, hinnehmen, nutzen oder umwandeln. Schmids Lebenskunst ist eine Kunst, die uns lehren will, mit unseren Ängsten umzugehen. Reformatorischer Glaube weiß um die Grenzen menschlicher Umgangsformen Beide könnten voneinander lernen. Die höchste Kunst zwischenmenschlicher Umgangsformen ist »die Kunst des Gesprächs, mit sich selbst, mit anderen, mit Freunden und ›Experten‹, mit denen ein solches Gespräch geführt werden kann. Das Gespräch gibt der Angst den Raum, in dem sie ernst genommen wird, ausgesprochen werden kann und sich selbst ausspricht … Mit jeder Formulierung gewinnt die Angst im Gespräch Form und somit Fassbarkeit, und die Anwesenheit des anderen gibt dem ängstlichen Selbst Halt« (a.a.O., 33).

Das »Forum Reformation« ist eine Gesprächseinladung mit sich selbst, anderen, Freunden/Freundinnen und Experten. Vom 18.8.-22.8.2019 lädt es dazu erstmalig nach Wittenberg ein, um einen Weg zu beschreiten, der 2030 in ein Weltreformationsforum Wittenberg einmünden will. Die erste Zusammenkunft erinnert auch an 500 Jahre Leipziger Disputation durch ihr Motto: Streitbar leben. Ein Mix aus Hauptvorträgen, Podien, Workshops, spirituellen Angeboten und Konzerten will für Körper, Geist und Seele neue Begegnungen und berührende Momente ermöglichen.

»Jede Berührung vermittelt eine Erfahrung von ›Transzendenz‹, einer Überschreitung der engen Grenzen des Ich. Das Selbst fühlt sich nicht mehr metaphysisch einsam … denn mit der Berührung eines anderen wächst das Selbst über sich hinaus. Daher gilt es, die Bindungen und Beziehungen zu suchen und zu pflegen, die Berührung möglich machen« (a.a.O., 34). Das »Forum Reformation« ist ein ambitionierter Versuchsballon, der wachsenden metaphysischen wie sozialen Einsamkeit etwas entgegenzusetzen. Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber war gewiss: »Alles wirkliche Leben ist Begegnung.«

Die alten Fragen nach Seelenheil und Ewigkeit verbergen sich heute im Wunsch nach realer Begegnung, sinnvollem Leben, Erleben von Selbstwirksamkeit, dem Bedürfnis nach Glück und Anerkennung. »Um Antworten zu finden, suchen Menschen in wachsendem Maße nach einem Raum, in dem die Erörterung dieser Fragen möglich ist. Einen solchen Raum des Innehaltens und Nachdenkens bieten die Theologie, auch die Therapie im weiteren Sinne – und die Philosophie. Darin besteht bereits ein Teil ihrer Lebenshilfe: den ›logischen‹, geistigen Raum zur Verfügung zu stellen, in dem die eigenständige Urteilskraft zu gewinnen ist, mit deren Hilfe das Leben neu orientiert werden kann« (a.a.O., 41).


Denken befreit

Nicht nur die Theologie, auch andere Disziplinen werden als Ansprechpartner aufgesucht, um in Wittenberg Diskurs- und Begegnungsräume zu schaffen, die es dem Individuum in einer komplexen, unübersichtlich gewordenen Welt möglich machen, in einer offenen Atmosphäre sinnvolle Gespräche zu führen. Alle reformatorischen Geister sind eingeladen, sich in die Anliegen des »Forum Reformation« einzuspielen. Entscheidend ist, wie gespielt wird. Was Schmid für die Philosophie beschreibt, sollte die Theologie ebenfalls leisten: »Sie offeriert den Raum zur Erörterung all der Fragen, die andernorts keinen Platz finden; sie vermittelt die Erfahrung, dass es Fragen gibt, die kaum jemals definitiv zu beantworten sind; sie regt die Einsicht an, dass die Lebens-kunst wohl zu einem guten Teil darin besteht, sich mit dem Stand der Dinge zu bescheiden. Das Gespräch aber zu verweigern, treibt Menschen erst in die Arme derer, die fragwürdige Formen von ›Lebenshilfe‹ anbieten und Verklärung an die Stelle von Klärung setzen« (a.a.O., 42).

Die Erörterungsräume des »Forum Reformation« versuchen den Zentrifugalkräften unserer Gesellschaft mehr Zusammenhalt, Mitgefühl und Respekt entgegenzusetzen. Dabei könnte der Einsatz des Kopfes helfen, der rund ist, um die Richtung des Denkens zu ändern. »Die Hilfestellung des Intellekts ist über die unmittelbare Situation hinaus eine strategische: Sie zielt auf die Aufklärung und mögliche Bewusstwerdung, die ›Bildung‹, mit der eine nachhaltige Befreiung aus der drückenden Enge der Ängste und Verhältnisse erst möglich wird« (a.a.O., 47).

Die Reformation begann als Bildungsbewegung. Sie ging von den Universitäten aus und forderte den Bau von Schulen für Jungen und Mädchen. Luther war der Überzeugung, nur ein gebildeter Glaube kann zu einem Priestertum aller Individuen führen, in welchem die eigene Meinung gefragt ist! Luthers Markenzeichen wurde die Lutherrose. Sie symbolisiert was im Zentrum aller Bildung stehen sollte: das Herz, unser Selbst.


Nichts unversucht lassen

»Mag sein, dass der Versuch des Anderslebens scheitert, aber es ist nicht schlimm zu scheitern – schlimm ist nur, nichts versucht zu haben und alle Last der Arbeit an Veränderung anderen aufzubürden, als seien sie die natürlichen Vollzugsorgane der besseren Einsichten des Selbst« (a.a.O., 49). Der Eindruck verfestigt sich, dass nach 2017 in der verfassten Kirche und auf Kirchentagen wenig reformatorische Aufbruchstimmung zu verspüren ist. Das Management von Kirchengesetzen und Kirchensteuern, die Bewältigung gemeindlicher Alltagsgeschäfte vor Ort binden die Kräfte bis zur Erschöpfung. Freie Radikale stören da nur den binnenkirchlichen Betriebsfrieden.

So lange das Unrecht jedoch weiter zum Himmel schreit, Flüchtlinge im Mittelmeer unter europäischer Flugüberwachung ertrinken, Menschen trotz Wohlstand zunehmend vereinsamen, Gotteshäuser voller Hass in die Luft gesprengt werden, kein Frieden zwischen Religionen und Völkern herrscht und die Klimakatastrophe ungehindert ihre Vorboten schickt, kann niemand seine gefalteten Hände in den selbstbezogenen Schoß legen. Die Last notwendiger Umkehr lässt sich nicht an nachfolgende Generation delegieren. Ein Priester*innentum aller ist gefragt, in allen Konfessionen, Religionen und Kulturen. Dennoch ist als erstes das Selbst gefordert, einen Ausweg aus der babylonischen Gefangenschaft seiner Ängste zu finden: ego semper reformanda. »Es handelt sich dabei zunächst um eine virtuelle Sensibilität, die in einem Sinn für Möglichkeiten zum Ausdruck kommt, verbunden mit einem Gespür für die innere Unruhe, einem Erspüren der Bedürfnisse und Sehnsüchte im Selbst, einem Aufspüren der Möglichkeiten, die den Bedürfnissen und Sehnsüchten gerecht würden, einem Aufspüren sowohl von Chancen wie auch drohenden Gefahren, individuell wie auch gesellschaftlich, deren Spuren in momentanen Konstellationen sich bereits abzeichnen. Sensibilität und Gespür machen das Selbst aufmerksam auf das, was ihm fehlt, oder umgekehrt, was ihm gut tun würde. Sie halten es davon ab, sich in eine Situation zu begeben, in der das Leben ›eng wird‹, und halten es dazu an, immer aufs Neue danach zu fragen: Welche Möglichkeiten des Lebens gibt es, wo kann ich sie finden und, falls sie nicht zu finden sind, welche lassen sich erfinden« (a.a.O., 52)?



▸ Kommen Sie vom 18.-22.8.2019 nach Wittenberg. Stellen Sie dort Ihre Fragen und lassen Sie uns vorübergehende Antworten gemeinsam finden. Alles möge in guter Nachbarschaft und fröhlicher Freiheit geschehen. Programm und Anmeldung: www.forumreformation.de

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Siegfried Eckert, Jahrgang 1963, Gemeindepfarrer in Bonn, Autor, Landessynodaler der EKiR, Kirchentagsmitmacher, Vorsitzender des Forums Reformation e.V.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2019

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