Ein Gottesdienstbesuch bei der Christengemeinde Freiburg
»Jesus hat immer Mitleid«

Von: Ute Niethammer
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Erreichen »junge Freikirchen« Menschen unserer Zeit wirklich besser als die traditionellen Kirchen? Bisweilen hat man diesen Eindruck – aber ist das wirklich so? Machen diese Freikirchen in ihrer Gottesdienstgestaltung und in ihrem Gemeindeleben vieles nicht nur anders, sondern auch zeitgemäßer und damit ansprechender? Und wenn ja, um welchen Preis? Ute Niethammer hat sich auf »Feldforschung“ begeben und berichtet von einem Gottesdienstbesuch bei der Christengemeinde Freiburg am 14. April 2019.


Mein dritter Besuch einer freikirchlichen Gemeinde führt mich am Palmsonntag in die Christengemeinde Freiburg (CGFR), die pfingstlich-charismatisch orientiert ist. Vor einem hallenartigen Gebäude stelle ich mein Rad ab, sonst sehe ich nur Autos. Durch einen trubeligen Eingangsbereich komme ich in den Gottesdienstraum – ein (Mehrzweck?-)Saal, der querformatig für mindestens 500 Menschen bestuhlt ist. Auf zwei Leinwänden läuft der Countdown bis zum Beginn des Gottesdienstes – das scheint ein Markenzeichen freikirchlicher Gottesdienste zu sein … Zwischen den Leinwänden ist ein großes Podest für die Band, davor steht ein Stehpult aus Acrylglas.


Hier feiert eine bunte Mischung

Um mich herum sitzen erstaunlich viele Männer, vom jüngeren Farbigen bis zum nicht mehr ganz so rüstigen Rentner. Insgesamt feiert hier eine bunte Mischung: Familien, einzelne Ältere, Paare, Teens und Twens – und viele davon mit sehr dunkler Hautfarbe. Einige davon tragen ein Headset. Etwas später verstehe ich, dass für sie alles übersetzt wird.

Als die Band beginnt, überschlage ich die Zahl der Anwesenden und komme auf gut 350 Leute, dann holt mich der Groove ein: Geige, Schlagzeug, Keyboard und eine sehr junge Sängerin mit beeindruckender Stimme. Wir singen vom Licht, das scheint, und von Gott, der größer und stärker ist als alles andere und unser Heiland und starker Befreier … »nur Du« … und so weiter … Aber die Musik ist gut! Ich finde den anschließenden Applaus gerechtfertigt.

Ein jüngerer Mann mit Baseballcap und Hipsterbart tritt ans Mikro. Er begrüßt und bittet alle, die zum ersten Mal da sind, ein Handzeichen zu geben. Ein junger Mann in meiner Nähe meldet sich. Prompt kommt eine Mitarbeiterin zu ihm und überreicht ihm ein Geschenk. Neugierig schiele ich rüber und erkenne Gutscheine für Gespräche und Teilnahme an Veranstaltungen der Gemeinde.


Ziemlich professionell – und nicht unwitzig

Der junge Begrüßer informiert inzwischen über die neuesten Aktionen in der Gemeinde. Auf den Leinwänden laufen Clips dazu. Ziemlich professionell – und nicht unwitzig. Zu einem Film an Karfreitag wird eingeladen, die Jugendsommerfreizeit wird beworben und Taufanmeldungen für den Ostersonntag werden noch bis zum Tag davor (sic!) angenommen.

Anschließend betet der Hipster für den Gottesdienst, dabei erwähnt er alle, die beteiligt sind, inklusive Technik. Dann ist Lobpreis-Zeit. Vier Lieder lang wird gesungen und gepriesen und geklatscht und dazwischen gebetet.

Musikalisch ist die Band über jeden Zweifel erhaben, trotzdem tanzen nur wenige. Immerhin singen fast alle mit, und bei der Liedzeile »die Macht des Todes ist besiegt« bricht spontaner Jubel aus. Von Palmsonntag allerdings kein Wort!

Vor dem vierten Lied unterbricht die Sängerin. Der Heilige Geist wolle, sagt sie, dass sie von ihrem derzeitigen Entwicklungsprozess erzähle. Was sie dann erzählt, hört sich nach echter Identitätskrise an. Jesus sei derzeit ihre eigene feste Konstante. Sie bittet alle, das nächste Lied mit innerer Dankbarkeit zu singen. Applaus für diese Offenheit!


Eine theologische Ellipse

Die Kollekte wird geistreich angekündigt und Körbe gehen durch die Reihen. Der Begrüßer dankt dem Alpha und dem Omega, dem Vater und dem Sohn. – Hä? Ich bin irritiert angesichts dieser theologischen Ellipse. Aber schon stehen zwei Frauen auf. Die erste sagt, sie bete heute speziell für eine Frau im Raum mit einer kranken Hüfte. Der Heilige Geist wolle ihr sagen, dass sie sich bereit machen solle für eine Begegnung mit dem König. Die andere Frau spricht über einen anwesenden Menschen, der den leichten Weg genommen habe, sich jetzt aber sehr schwertue. Gott lasse ihm sagen, dass Umkehr der Weg in die Liebe Gottes ist.

Und dann kommt der Pastor der Gemeinde – Hans-Peter Zimpfer, deutlich über 50. Er trägt ein weißes T-Shirt unterm dunkelblauen Jackett. Eine große Kette mit Kreuz kennzeichnet seine Pastorenrolle. In freien Worten erzählt er von der Kindersegnung, also vom biblischen Vorbild in Mk. 10 und dem Usus der Gemeinde hier, kleine Kinder nicht zu taufen, sondern zu segnen. Zwei Familien kommen nach vorne. Eine in klassischer Vollbesetzung, die zweite als Mutter mit zwei Kindern.

Der Pastor plaudert mit den beiden Familien, dann kommen die Ältesten der Gemeinde, stellen sich mit dazu, und einer spricht ein Gebet. Für mein Sprachempfinden klingt es flapsig – zu viel »wirklich« und »einfach«, aber womöglich bin ich da »einfach wirklich« konservativ …

Alle Ältesten plus Pastor legen anschließend ihre Hände auf die beiden Kinder. Den Segen spricht einer der Ältesten. Die Gemeinde singt ohne Aufforderung »Segne sie« mit nach oben gestreckten Armen. Mich beeindruckt, wie deutlich hier die Rolle der Gemeinde sichtbar wird: aus der Gruppe der Gemeindeleitung kommt der Segen, der Gesamtkörper Gemeinde begleitet die Segnung aktiv durch Gesang. Und der Pastor? Der ist hier wirklich pares inter pares.


Schon wieder das Wunderthema …

Ohne weitere Zwischenmusik beginnt Pastor Zimpfer dann seine Predigt. Er nennt das Thema. Die Leinwand hilft: »Wann heilt Jesus heute noch?« Ich bin enttäuscht – immer noch kein Bezug zu Palmsonntag. Stattdessen schon wieder das Wunderthema, das mir ja schon in der ICF begegnet ist. Immerhin kommt er inhaltlich schnell zur Sache. Es geht Zimpfer an diesem Morgen um »Spannungsfelder«, die sich ergeben durch die Hoffnung auf Heilung und die Enttäuschung, wenn nichts geschieht. Er erzählt von Menschen, die sich ihm anvertraut haben mit solchen Erfahrungen, von Babies, die er beerdigen musste, von einem prominenten Evangelisten, der selbst heilte, dann aber an einer schweren Erkrankung verstarb. Trotzdem ist der Pastor überzeugt: Jesus hat nicht nur damals geheilt. Jesus heilt auch noch heute! Er liest (aus der NGÜ) Mt. 4,23-25 vor. Pointe: Jesus machte alle gesund! Und da Jesus ja derselbe ist gestern, heute und morgen, heilt Jesus auch heute noch. Aber er heilt durch sein Wort und eben nicht durch unsere Erfahrung.

Der Prediger gibt zu, dass dadurch das Spannungsfeld nicht kleiner wird. Immer wieder zitiert er den Anfang von Bibelversen, die er von der Gemeinde ergänzen lässt. Tenor: Jesus will und wird alle heilen! Es ist keine Frage, dass die Vision aus Offb. 21 Wirklichkeit werden wird. »Du darfst heute morgen in deinem Herzen sagen: ‚Jesus, du willst mich heilen.‘ Körper, Herzen, Ehen …«


»Er hat dafür bezahlt«

Jeden Abschnitt schließt Zimpfer mit einem Merksatz. Den ersten verpasse ich prompt. Aber der zweite lautet: »Er hat dafür bezahlt«. Auf der Leinwand können wir dann auch sehen, dass Jes. 53,5 die Belegstelle dafür ist. Und Mel Gibsons Film »Passion of Christ«. An der Brutalität dieses Films verdeutlicht der Prediger, wie viel Schuld auf jedem Menschen lastet.

Liegt es am Thema oder an seiner Art zu predigen? Ich beginne mich zu langweilen. Zimpfer redet zwar relativ frei, aber mir ist die Sprache zu flach, zu animationslastig, zu klassisch freikirchlich. Impuls folgt auf Impuls, Bibelstelle auf Bibelstelle, Merksatz auf Merksatz (3.: »Er ist voller Barmherzigkeit«, 4.: »Er verherrlicht den himmlischen Vater«, 5.: »Jesus ist unser Vorbild«) und dazwischen immer wieder das Frage-Antwort-Spiel mit der Gemeinde. Ich werde erst wieder richtig aufmerksam als die Gemeinde auf eine Frage keine Antwort findet: Warum manche trotz ihres Glaubens und ihres Vertrauens keine Heilung erfahren? Schweigen!

Jetzt zitiert er Mt. 8,2 und Joh. 9,3 – Jesus hat immer Mitleid! Und dann sagt er sehr deutlich, dass es falsch ist zu denken, dass ein Mensch, der keine Heilung erfährt, von Gott bestraft wird, oder/und zu wenig glaubt. »Manche Dinge dürfen und sollen wir nicht religiös erklären.«


»Manche Dinge dürfen und sollen wir nicht religiös erklären.«

Ich bin dankbar für diesen Satz in diesem Kontext, aber er bleibt mir die Erklärung schuldig, wie die »Dinge« denn zu unterscheiden sind. Er erzählt von der krebskranken Tochter eines Kirchenführers, die trotz der vielen Gebete starb. Keinesfalls sei es so, dass der Krebs stärker sei als Gott, schließlich ist Gottes Kraft der Heilige Geist. Und Gott bleibt gut, auch wenn wir uns manches nicht erklären können. Genau genommen geht es also beim Thema »Wann heilt Jesus heute noch?« darum, den Glauben nicht zu verlieren trotz gegenläufiger Erlebnisse.

Schließlich bringt Zimpfer auch noch den Teufel ins Spiel, denn der wolle die Gemeinschaft mit Gott zerstören. Dagegen hilft: »Auch wenn ich Dinge nicht verstehe, ich bleibe in der Gemeinschaft.« Das mag einleuchten, zumal der freikirchliche Pastor an mehreren Stellen betont, dass es nicht um die eigene Gemeinde gehe, und er überhaupt davor warnt, Gemeinden gegeneinander auszuspielen. Trotzdem verstehe ich nicht, warum Leute von dieser Botschaft begeistert sind. Aber sie sind es, meiner Unzufriedenheit zum Trotz.


Wenn niemand nach vorne kommt

Der Pastor fordert nun alle bisher Unentschiedenen auf, sich für Jesus zu entscheiden und nach vorne zu kommen. Sphärenklänge untermalen seine Worte. Er redet von der Errettung aus der ewigen Verdammnis, vom Frieden mit Gott, den es nur in Christus gibt.

Niemand kommt.

Er erzählt von Erweckungsbewegungen und der Bedeutung einer persönlichen Entscheidung.

Niemand kommt.

Er ändert seine Strategie: »Wenn du mit Christus in eine persönliche Verbindung treten willst, dann hebe die Hand, so wie ich jetzt.« Er hebt die Hand. Kluger Schachzug, denke ich. Die Sphärenmusik klingt weiter, Zimpfer tigert mit erhobenem Arm herum. Irgendwann ragen irgendwo in der Menge zwei erhobene Arme auf. Zimpfer spricht wieder: »Wenn es noch jemanden gibt, der sagen will ‚betet für mich‘, dann hebe die Hand.« Jetzt entscheidet sich auch der junge Mann in meiner Nähe, die Hand zu heben. Und Zimpfer: »Alle, die jetzt die Hand oben haben – kommt nach vorne!«

Ha! Genial! Alle applaudieren, keine Chance mehr, ungesehen zu bleiben. Ich kann nicht erkennen, was mit den wenigen jungen Leuten vorne geschieht. Ich höre, wie der Pastor ein Gebet vorspricht und die jungen Leute ihm nachsprechen. Dann werden sie von Leuten aus der Gemeinde nach draußen begleitet.


Kein Segen! Kein Palmsonntag!

Drinnen sagt Zimpfer die Phase der Krankenheilung an. Rund 20 Leute kommen nach vorne. Eine Frau geht ans Mikrofon. Sie habe den Eindruck bekommen, dass heute eine Frau mit Unterleibsschmerzen und eine weitere Person mit Schmerzen zwischen dem 3. und 4. Halswirbel da seien. Die mögen doch bitte nach vorne kommen, Gott wolle sie heilen.

Immer mehr Menschen strömen nach vorne. Teilweise weil sie Heilung suchen, teilweise, um anderen die Hände aufzulegen. Zimpfer betet. Manche gehen. Ich kann keine geordnete Struktur mehr erkennen, aber plötzlich spielt die Band das Schlusslied. Und Zimpfer? Steht in Rockstar-Manier vor der Band und spricht in den Liedtext hinein die Schlussworte.

Applaus! Kein Segen! Kein Palmsonntag!

Ich rede anschließend noch ein wenig mit dem Pastor. Ein aufgeschlossener, unverkrampfter Gemeindemensch. Er beantwortet mir meine Fragen zur Struktur der Gemeinde präzise und differenziert. Theologisch unterscheidet uns wohl einiges, aber seinen Grundsatz, Gemeinde so zu leiten, dass möglichst viele selbst in eine geistliche Verantwortung hineinwachsen, teile ich.

Draußen finde ich den jungen Mann wieder. Ralf heißt er. Zwei andere Twens tauschen Handydaten mit ihm aus, beten mit ihm. Ich oute mich und komme mit ihm ins Gespräch. Ralf lässt sich zum Landschaftspfleger ausbilden und ist erst kürzlich nach Freiburg gezogen. Er ist auf der Suche nach dem Glauben, nach etwas, das ihn trägt. Zweimal war er in Freiburg in einem landeskirchlichen Gottesdienst. »Ist nicht so meins«, sagt er. »War total steif und niemand hat mit mir gesprochen.« Ob er denkt, hier zu finden, was er sucht? »Ich weiß noch nicht«, sagt er, »die Leute sind auf jeden Fall echt nett. Ich probier’s mal aus.«

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrerin Dr. Ute Niethammer, Jahrgang 1970, Studium der Evang. Theologie in Marburg, Tübingen und Straßburg, 2017 Promotion, Pfarrerin im Schuldienst in Freiburg i.Br.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2019

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