18. August 2019, Philipper 3,(4b-6)7-14
9. Sonntag nach Trinitatis

Von: Stefan Wohlfarth
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ergriffen

Damaskus-Erlebnis

Es gibt Ereignisse auf unserem Lebensweg, die alles in Frage stellen. Paulus redet davon. Sein Damaskus-Erlebnis, das bildhaft im Hintergrund der Perikope steht, hat ihm seine Blindheit vor Augen geführt und zu einer Umwertung seiner Werte geführt. Frühere Ziele erachtet er als Dreck.

Sein Bekehrungserlebnis hat ihn ganz fokussiert: »Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist.« Paulus, einer der mit einer beneidenswerten Klarheit und Eindeutigkeit unterwegs ist, weil er ganz von Christus Jesus ergriffen ist.


Energie-Wort

»Ergriffensein« ist für mich das Energie-Wort dieser Perikope. Christus hat Paulus ergriffen. Er hat er ihn vor Damaskus aus dem Sattel gehoben, aus der Bahn seiner Richtigkeiten geworfen.

Paul Tillich hat das Ergriffensein zu einem Grundwort seiner Theologie gemacht: »Viele Menschen sind von etwas ergriffen, was sie unbedingt angeht; aber sie fühlen sich jeder konkreten Religion fern, gerade weil sie die Frage nach dem Sinn ihres Lebens ernst nehmen. Sie glauben, dass ihr tiefstes Anliegen in den vorhandenen Religionen nicht zum Ausdruck gebracht wird und so lehnen sie Religion ab ›aus Religion‹.« (P. Tillich, Die verlorene Dimension, Stuttgart 1969)

Kirchengemeinden werden heute überwiegend nicht als Orte wahrgenommen, an denen Menschen von etwas ergriffen sind. Dennoch sehnen sich Menschen danach, von etwas mitgenommen zu werden, dass sie übersteigt. Es lohnt daher, in der Predigt diesem »Ergriffensein« nachzuspüren und Brücken in den Sehnsuchtsgrund der Menschen zu bauen.


Getriebene und Ergriffene

Ein Ergriffener lebt anders als ein Greifender. Er ist anders unterwegs. Er weiß sich herausgehoben aus seinen Selbstverständlichkeiten, eingebunden in eine Dynamik, die ihn mitnimmt. Er kann das Drängende, das gestern war, vergessen und sich dem ganz hingeben, was ihn jetzt ergreift. Ein Ergriffener hat es nicht, sondern es hat ihn. Und so kann er nie sagen: Ich hab’s, sondern: ich möchte mehr und mehr erkennen und erfahren, was mich ergreift.

Paulus versucht tastend zu ergreifen, was ihm da zugekommen ist. Er streckt sich aus, jagt nach dem, was er neu als Ziel erkannt hat. Wenn es mich ergreift, dann bin ich mitgerissen, muss nicht ständig grübeln, was meine Optionen sind und welcher ich nachgehe. Ich bin frei für den Weg, der mich mitnimmt, und folge dem Wort, das mich ergreift.

Menschen leiden heute darunter, dass sie Getriebene eigener und fremder Ansprüche und Wünsche sind. Wohin es sie treibt, bleibt unklar. Ein Getriebener ist vom Grundgefühl her ein Ausgelieferter. Ein Ergriffener ist ein an die Hand Genommener, der sich hingeben und anvertrauen kann.


Stefan Wohlfarth

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2019

1 Kommentar zu diesem Artikel

13.08.2019
Ein Kommentar von Johannes Knöller


Liebe Herr Wohlfarth, vielen Dank für Ihre sehr hilfreiche Predigtmeditation. Herzliche Grüße aus Neu-Ulm Johannes Knöller

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