Reflexionen zu einer christlichen Praxis der Handauflegung
Trösten durch Berühren

Von: Angelika Segl-Johannsen
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Die Praxis des Handauflegens wird rasch in eine esoterische Ecke geschoben, und entsprechend scharf sind die Abgrenzungsbemühungen seitens der christlichen Seelsorgelehre. Doch immerhin kennt die biblische Tradition die Handauflegung und es gibt zahlreiche Erfahrungsberichte aus der christlichen Frömmigkeitsgeschichte. Angelika Segl-Johannsen hat als Klinikseelsorgerin die Thematik theologisch reflektiert und sich selbst in der Praxis der Handauflegung fortbilden lassen.


Seit dem Jahr 1999 begleite ich als Pfarrerin in der Kur- und Rehaklinikseelsorge Menschen in Bad Mergentheim. Ich wähnte mich für diese Arbeit gut vorbereitet durch das Vikariat, einen KSA-Kurs und meine berufsbegleitende Ausbildung zur Zertifizierten Transaktionsanalytikerin innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Transaktionsanalyse. Doch schon ziemlich am Anfang bat mich eine Afrikanerin darum: »Bitte legen Sie mir die Hände auf mein krankes Knie!« Das machte mich verlegen und unsicher, denn hier wurde etwas von mir erwartet, das kein Thema meiner Ausbildung war. Doch ich entsprach ihrer Bitte und begann, zaghaft zunächst, Menschen der »Klinikgemeinde« Segnungen anzubieten, dabei begleitet und unterstützt durch eine ortsgemeindliche Meditations- und Gebetsgruppe, die sich die Fürbitte für Patientinnen und Patienten zur Aufgabe gemacht hatte. Außerdem bildete ich mich durch Kurse und Schulungen in verschiedenen, dem Auflegen der Hände gewidmeten Traditionen fort, namentlich bei Anne Höfler und ihrer Schule der »Open Hands«. Als ich mich schließlich traute, das Angebot einer länger dauernden Handauflegung zu machen, war ich von der Resonanz überrascht und fragte mich: Was passiert hier? Ein nonverbales gottesdienstliches Geschehen?

Zur Tradition meiner württembergischen Landeskirche gehört das Wirken und Vermächtnis von Johann Christoph Blumhardt (1805-1880). Seine Zuwendung zu kranken und hilfesuchenden Menschen mittels Handauflegung und Gebet erregte im 19. Jh. die Gemüter sehr und führte zu einem Konflikt mit dem Konsistorium in Stuttgart1 das ihm vorwarf, seine seelsorgerlichen Kompetenzen zu überschreiten, da er sich körperlich Kranker annehme. Ihm wurde schließlich die Handauflegung untersagt.2

Auch ich erfahre immer wieder, dass meine Praxis der Handauflegung kontrovers diskutiert wird, obwohl die Handauflegung bei Segnungen im formellen liturgischen Rahmen – Taufe, Konfirmation, Trauung, Beichte, Ordination – selbstverständlich ist. Doch außerhalb gottesdienstlicher Liturgie erscheint das Handauflegen eher suspekt. Was geschieht beim Handauflegen? Wie passt diese überwiegend nonverbale Tätigkeit zum pastoralen Amt des Verkündigungsauftrags? Wie sind die Erfahrungen, die Menschen dabei machen, theologisch einzuordnen?

Zur Klärung dieser Fragen nutzte ich ein von der Kirchenleitung großzügig gewährtes Kontakt- und Studiensemester im Sommer 2017 in Tübingen. Meine in dieser Zeit gewonnenen Einsichten und Erkenntnisse möchte ich hiermit vorstellen und zu einem Austausch darüber einladen.


Teil I: Vom Berühren

Berühren und Berührtwerden sind elementare menschliche Bedürfnisse. Durch taktilen Kontakt wird die unmittelbar umgebende Welt gefühlt und begriffen, erfasst und erkannt. Auch in der Krankenbehandlung spielt seit alters Berühren und Berührtwerden eine wichtige Rolle; denn Ärzte suchen nach wie vor auch durch Berühren und Abtasten erkrankter Körper (Palpation) zu verstehen, was vorliegt. Solch anamnestisch-diagnostische Berührung schafft Nähe und Vertrauen, eine grundlegende Voraussetzung für das Gelingen einer jedweden Behandlung. Der Tastsinn und das durch Berührung evozierte Tastgefühl ist nicht nur Gegenstand moderner Haptik-Forschung.3 Auch das psychotherapeutisch orientierte »Stroke«-Konzept der Transaktionsanalyse4 sowie Anne Höflers Schule der »Open Hands« widmen sich dem Berühren und Berührtwerden.


I.1 Vom Berühren in der Schule der »Open Hands« (Anne Höfler)

In den letzten Jahrzehnten ist ein bunter Markt unterschiedlichster Praktiken des Handauflegens mit verschiedensten weltanschaulichen Begründungen entstanden. Zur Profilierung meines eigenen Ansatzes möchte ich die mir wichtig gewordene Schule der »Open Hands« (OH) von Anne Höfler vorstellen, in der es in erster Linie um das Handauflegen als Akt persönlichen Glaubens seitens derer geht, die die Hände auflegen, weniger um eine besondere Technik oder Fertigkeit.

Durch notvolle eigene Erfahrungen kam Anne Höfler (geb. 1944) zum Handauflegen. Die Erkrankung ihrer Tochter an Neurodermitis und vergebliche Therapieversuche hatten sie dazu geführt, dem Kind die Hände aufzulegen. So betete sie jeden Abend das Vaterunser und legte dem Kind dabei die Hände auf. Nach etwa neun Monaten war das Kind einigermaßen symptomfrei. Das war wie ein Berufungserlebnis für die Mutter, die dann auf dem eingeschlagenen Weg weitermachte, um anderen zu helfen.

Anne Höfler versteht das Handauflegen als natürliche Gabe, die jeder Mensch hat, die aber, wie jede andere Kunst auch, geübt werden muss. Sie bietet entsprechende Kurse an, in denen besonders die Kontemplation eingeübt wird. Dabei betont sie immer wieder, dass Kontemplation und Handauflegen für sie das Gleiche sind; das eine geschehe mit, das andere ohne Hände. Sie rät Kranken, eine begonnene Heilbehandlung fortzusetzen, da doch ihr Handauflegen, das eine andere Ebene anspreche als Medikamente, eine medizinische Behandlung nicht ersetzen, sondern nur ergänzen könne. Handauflegen setze innere Prozesse in Gang, die ihre Zeit brauchen. Die dabei erforderliche Geduld seitens derer, die die Hände auflegen, sei der Schlüssel dafür, aus dem »Helfen wollen« (Helfersyndrom) herauszukommen. Handauflegende nehmen die Situation an so, wie sie ist, sie forcieren nichts sondern haben sich immer wieder neu zu öffnen und das zuzulassen, was geschehen wird.

Zum Erreichen dieser Haltung sind seitens derer, die anderen ihre Hände auflegen wollen, sieben Grunddispositionen einzuüben, nämlich5: (1) Das Gebet um Gottes Gegenwart und Kraft zu Beginn. Dabei wird nicht um etwas Bestimmtes gebetet. Wer die Hände auflegt, weiß nicht, was die Menschen brauchen, die gekommen sind. Man vertraue einzig auf Gottes Kraft. Praktiker von »Open Hands« beten gerne folgendes Gebet: »Möge die göttliche, heilende Kraft durch uns fließen, uns reinigen, stärken und heilen, uns erfüllen mit Liebe, heilender Wärme und Licht, uns schützen und führen auf unserem Weg. Wir danken dafür, dass dies geschieht.« (2) Bereitschaft dazu, »Kanal sein« zu wollen für Gottes Kraft bzw. Instrument Gottes sein zu wollen. (3) Getrost darauf zu vertrauen, dass das, was passiert, was auch immer passiert, das Richtige ist. (4) Dankbarkeit Gott gegenüber dafür, dass er alles Wichtige schenkt. (5) Bereitschaft, Geduld zu haben mit denen, die um das Handauflegen bitten, Geduld auch mit sich selbst als Praktizierenden, d.h. sich selbst so zu akzeptieren, wie man nun einmal im augenblicklichen Moment ist. (6) Bereitschaft, nach dem Handauflegen bewusst wieder loszulassen und Hilfesuchende mit einem still gesprochenen Segen Gott anzubefehlen: Sein Wille geschehe! (7) Bewusste Vergegenwärtigung von Gottes Liebe: denn Gott ist Liebe, die sich verströmt und für jeden Menschen da ist.

Erklärt wird die Wirksamkeit der Handauflegung mit einer vereinfachten Form der tantrischen Chakren-Lehre, der Lehre von sieben Energiezentren im Körper.6 Diese Entlehnung aus dem Tantrismus, die von Kritikern genauso abgelehnt wird wie die Rede von »Energie«, von »Energiefeldern«, »Energieströmen« oder »Zentren von Energie« sind aber nur eine zugegebenermaßen diffus-schwammige Verstehenshilfe; denn von sich selbst bekennt die Begründerin der OH pragmatisch: »Ich bin sehr vorsichtig damit, feste Regeln aufzustellen, wo … Hände aufgelegt werden sollten (…). Mir geht es vielmehr darum, dass Menschen, die Hände auflegen, mit ihren Händen die Energie und die Organe zu erspüren lernen. … Natürlich brauchen wir eine gewisse Übung und ein Minimum an Techniken, bis die Hände beginnen können zu ›improvisieren‹ – genau wie beim Erlernen eines Instruments. Für mich besteht meine ›Hauptbeschäftigung‹ beim Handauflegen darin, mich zu öffnen und in der Präsenz zu sein, das heißt gegenwärtig zu sein, ohne zu überlegen. In diesem Zustand gibt es etwas in mir, das wahrnimmt, was unter den Händen passiert.«7

Sympathischer als der Begriff »Energie« oder »Chakra« ist mir der Begriff der Lebenskraft, was Hildegard von Bingen »Grünkraft« nennt, denn Gott gibt das Leben. Dass wir leben, verdankt sich dem ständigen Zustrom von Gottes schöpferischer Kraft, die die Erde und die Menschen trägt, erhält und regeneriert. Manche Menschen verspüren erstmals beim Handauflegen diese Kraft in ihrem Körper, sehr erstaunt darüber, dass es überhaupt so etwas gibt!


I.2 Meine Praxis der Handauflegung

Aufgrund positiver Rückmeldungen haben mir mittlerweile drei Kliniken, für die ich als Seelsorgerin zuständig bin, einen Raum zum Handauflegen zur Verfügung gestellt. Dieser Raum ist mit einer kleinen Sitzecke, einer Liege und einem Schrank eher karg möbliert. Für diejenigen, die zum Handauflegen kommen, das pro Sitzung etwa 45 Minuten dauert, ist das Angebot kostenfrei, ein Angebot, von dem manchmal auch Pflegende und Mitarbeitende der Kliniken Gebrauch machen.

Zu Beginn einer Sitzung lasse ich mir zunächst all das erzählen, was die Menschen erzählen möchten. Viele erleben es als hilfreich, innerhalb einer Klinik mit einer nicht-medizinischen, aber Anteil nehmenden Person zu sprechen, die Zeit für sie hat. Dass ich Pfarrerin bin, erleichtert es zu vertrauen und schreckt interessanterweise auch bekennende Atheisten nicht ab. Die Anliegen, die die Menschen haben, sind sehr verschieden, seien es gesundheitliche Probleme, Lebenskrisen oder Glaubensfragen. Dann frage ich, ob bereits Erfahrungen mit Handauflegen bestehen, was gelegentlich dazu führt, dass ich von erstaunlichen Angeboten auf dem Markt der Möglichkeiten erfahre. Ich mache dann deutlich, dass ich keine irgendwie gearteten magischen Kräfte besitze und auch keine Heilerin bin oder irgendwelche Energien steuere, sondern alle Hilfe allein vom lebendigen Gott erwarte. Dann stelle ich die Frage: »Darf ich Sie berühren?« Diese Frage ist Ausdruck von Achtung und Respekt. Ich vergreife mich nicht an den Menschen. Meine Berührung wird behutsam und »keusch« sein. Wenn das Gegenüber es sich auf der Liege bequem gemacht hat, spreche ich das Gebet von OH, ergänze es aber mit den Worten: »Im Namen Jesu Christi. Amen.«

Wenn jemand auf dem Bauch liegen kann, ermutige ich dazu und fange an, meine Hände an der Wirbelsäule leicht aufzulegen. Ich streichle nicht und massiere auch nicht. Nach einiger Zeit bitte ich um Änderung der Position in die Rückenlage und berühre Kopf, Schultern, Bauch, eventuell auch Gelenke, zum Abschluss immer die Füße. Doch diese Reihenfolge kann variieren, denn mit zunehmender Übung lernte ich meiner Intuition mehr zu vertrauen. Die Hände finden schon die richtigen Körperstellen. Um den Entspannungszustand, in dem sich Menschen nach dem Handauflegen befinden, nicht zu abrupt zu beenden, spreche ich zum Abschluss still den Aaronitischen Segen und umfahre dreimal in der Geste eines Segenskreises – ohne Berührung – die Person, um diese wie in einen schützenden Mantel einzuhüllen.8 Zugleich nehme ich selbst mit dem Segen äußerlich wie innerlich Abstand vom Geschehen. Ein vorher abgesprochener Klangschalenton bezeichnet das Ende des Handauflegens, das als eine Zeit intensiver Zuwendung erlebt wird.

Am Schluss gibt es oft ein großes Mitteilungsbedürfnis. Die das Handauflegen erlebt haben, erzählen von Einsichten, die ihnen kamen, von Gefühlen, die auftauchten, von gefühlten körperlichen Veränderungen oder von Glaubenseinsichten. Bei nachfolgenden Begegnungen können dann die gemachten Erfahrungen weiter vertieft werden.


Teil II: Vom Trösten als seelsorgerlichem Amt

»Danke für Ihren Besuch, Frau Pfarrer, aber es geht uns im Moment gut, deshalb brauchen wir Sie nicht. Wenn das aber einmal nicht mehr so ist, dann können Sie uns ja trösten!« Dieser Satz eines Geburtstagsjubilars, der damit den Besuch seiner Gemeindepfarrerin abwimmelte, zeigt den Verruf, in den das Trösten heute geraten ist. Dem Wort haftet etwas rührselig-regressives an. Der erwachsene, mündige Mensch, so der Zeitgeist, ist nicht trostbedürftig. Das, was die Kirche leidenden Menschen anzubieten hat, sei Vertröstung, so der Vorwurf. Religion verführe zur Weltflucht anstatt zu menschlicher Weltgestaltung, und sie begünstige Regression statt Heilung.9

Selbst in der Kirche wird heutzutage der Begriff »Trost« weitgehend vermieden. In Gesangbüchern ist die Rubrik »Trostlieder« durch »Hoffnung« ersetzt worden. Doch sind in die so entstandene Lücke mittlerweile verschiedene Trostangebote vorgestoßen, die mit Surrogaten durch Verdrängung, Betäubung oder Bagatellisierung der Existenzangst eher Suchtpotential generieren als effektiv zu trösten. Nach Marielene Leist ist der, »der des Trostes bedürftig ist, … nicht im Vollbesitz seiner Kräfte. Psychoanalytisch ausgedrückt: seine Ich-Stärke ist bedroht, seine Ich-Integrität in Frage gestellt«.10

Aufgrund meiner seelsorgerlichen Erfahrung im Klinikbereich bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass Menschen eine unangreifbare Ich-Stärke bzw. Ich-Integrität nicht bleibend bewahren können. Menschen kommen nicht »ungeschoren« durchs Leben. Selbstverständlich gibt es immer welche, die existentiell herausfordernde Kontingenzerfahrungen besser meistern können als andere. Dennoch hat niemand das eigene Leben ganz in der Hand. Im komplexen Netzwerk menschlichen Lebens geschehen Dinge, die dem eigenen Zugriff teils oder ganz entzogen sind, sei es Unfall, Karriereeinbruch, Scheitern von Beziehungen, Krankheit, Leiden und Tod. Menschen erfahren auch immer wieder ungerechte Behandlung durch andere, werden ausgebeutet, bedroht, manche müssen gar fliehen und verlieren ihre Heimat. Wer das Leben als Scherbenhaufen erfährt, erlebt Sinnlosigkeit und Leid. Alle, die darum wissen, wie dünn das Eis ist, auf dem sie stehen und wie gefährdet ihr Leben ist, werden optimistisch-vollmundigen Angeboten von Bewältigungsstrategien skeptisch-zurückhaltend und kritisch gegenüberstehen. Sie brauchen eine tragfähige Existenzbestätigung ihrer selbst. Solchen Trost Menschen in akuten Lebenskrisen zu vermitteln, ist die Hauptintention meines Handauflegens.


II.1 Trost als Dimension christlichen Glaubens

Zu trösten ist eine wesentliche Dimension christlichen Glaubens. Das Evangelium von Tod und Auferstehung Jesu Christi ist die geschichtlich gewordene christliche Antwort auf menschliche Existenzängste, und es ist das Amt von Pfarrerinnen und Pfarrern, Menschen diesen Trost nicht nur zuzusprechen, sondern ihn auch erfahrbar werden zu lassen.

Biblische Belege dafür finden sich reichlich: z.B. erzählt das Buch Hiob ja nicht nur von einem Menschen in einer fundamentalen Lebenskrise, sondern auch von unterschiedlichen Bemühungen des Tröstens. Das beginnt damit, dass Hiobs Freunde, bevor sie auch nur ein einziges Wort sagen, ihrer großen Betroffenheit dadurch Ausdruck geben, dass sie ihre Kleider zerreißen, sich mit Staub und Asche bedecken und ganze sieben Tage schweigend bei ihm aushalten. Damit praktizieren sie eine der Grundtugenden seelsorgerlicher Krankenpastoral, denn das stumme Mit-Aushalten von Leid ist ja nicht Ausdruck von Gleichgültigkeit, sondern von existentiellem Betroffensein, das angesichts offensichtlicher Not sprach- und hilflos macht. Dadurch lässt man die Klage, die etwas anderes ist als Jammern11, an sich heran. Solches »Da- und Mit-Sein« ist echtes Trösten, während alle noch so gut gemeinten Worte in Gefahr stehen, die existentielle Solidarität, die einem stets ja auch die eigene Fragilität bewusst macht, zu verdrängen und zu übertönen.

Doch schließlich müssen Hiobs Freunde reden, um ihm eine sinnvolle Erklärung seines Leidens zu ermöglichen, indem sie Gott in Schutz nehmen und zu entschuldigen versuchen. Doch Hiob widerspricht ihnen entschieden. Dieses gutgemeinte Ansinnen lässt Hiob nicht gelten: »Ertragt mich, dass ich rede, kehrt euch her zu mir. Ihr werdet erstarren und die Hand auf den Mund legen müssen.« (Hiob 21,3.5) Hiobs Aufbegehren gegen alles Trostbemühen, das für sich in Anspruch nimmt zu wissen, was Gott mit einem Menschen vorhat, ist weder nihilistisch noch zynisch. Es wird vielmehr von seiner Gewissheit um den lebendigen Gott gespeist, »weiß« er doch, dass sein »Erlöser lebt« (19,25). Kraft seiner Glaubensgewissheit verwirft er alle abstrakten Gottesideen und wird genau deswegen als wahrhaft frommer Mensch gepriesen: »denn ihr [die Freunde Hiobs] habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob«, wie das vernichtende Urteil der abschließenden Gottesrede lautet (42,7f).

Eine andere biblische Kardinalstelle zum Trösten ist Jes. 66,13, die von der göttlichen Verheißung spricht: »Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.« Damit ist gesagt, dass es Gottes ureigenster Wille ist, Menschen zu trösten, ein Anliegen, das auch in den johanneischen Abschiedsreden Jesu aufgenommen wird, in denen der Heilige Geist Tröster, Paraklet genannt wird (Joh. 13,31-16,33). »Seine [des Geistes] Arbeit ist das parakalein, das Zusprechen, Anrufen, Herbeirufen, Erinnern. Der Tröster, der verlässlich zu uns steht, ruft all die Lebenskräfte in uns wach, die der Schöpfer in unser Leben hineingelegt hat. Er nimmt nicht das Schwere weg, er entscheidet nicht an unserer Stelle, aber er traut es uns zu, dass wir das Leben schaffen.«12 Auch an Paulus sei erinnert, der den 2. Korintherbrief mit dem freudigen Lobpreis beginnt: »Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.« (2. Kor. 1,3+4)


II.2 Das Amt des Tröstens

Aller echter, d.h. existentiell tragender Trost kommt vom lebendigen Gott, nicht von Menschen, und es ist das Amt christlicher Seelsorger und Seelsorgerinnen, diesen Trost glaubwürdig zu vermitteln. Das war der Theologie schon lange bekannt, wie z.B. die mittelalterliche Konsolationsliteratur belegt, Luthers »Sermon von der Bereitung zum Sterben« (1519) etwa und die erste Frage des Heidelberger Katechismus von 1563, in der gefragt wird: »Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?« Gemäß den Schmalkaldischen Artikeln (1537) gehören neben Sündenvergebung und der Darreichung der Sakramente auch Gespräche mit und die Tröstung von Brüdern [und Schwestern] (mutuum colloquium et consolationem fratrum) zum Amt des Evangeliums (officium evangelii).13

Als ein solches Amt des Tröstens verstehe ich meinen Dienst. Ich erfahre oft, dass auch ich keine Antwort auf viele Fragen habe, die aufbrechen, die »Warum«-Frage eingeschlossen. Zu gut kenne ich selbst die Gefährdung, wie Hiobs Freunde vorschnell viele Worte machen zu wollen, um Gott in Schutz zu nehmen und mich vor der Erinnerung an meine eigene Hinfälligkeit zu schützen. Doch ich bin mutiger geworden, sprachlos machende Hilflosigkeit auszuhalten und mir meiner eigenen Trostbedürftigkeit immer wieder neu inne zu werden. Das verhilft dazu, nicht therapeutisch, ideologisch oder professionell routiniert vorzugehen, sondern menschlich und authentisch zu bleiben. So entsteht eine »Trostgemeinschaft«14, die über sich hinausfragt.

Deshalb bin ich auch so dankbar für die Möglichkeit des Handauflegens; denn das »körperliche Erleben des Aufgefangenseins und des Gehaltenwerdens hat oft eine stärkere Wirkung als gesprochene Worte.«15 In seiner umfangreichen Arbeit über »Trost in der Seelsorge« stellt Christoph Schneider-Harpprecht verschiedene Formen des Tröstens zusammen, unter denen sich auch der »Trost durch Körperkontakt« findet, den er so beschreibt: »Die zärtliche Berührung tröstet den Leib, der ich bin, im Leiden an dem Körper, den ich habe.«16

Keusche Berührung, die sich nicht abschrecken lässt vom augenblicklichen körperlichen oder emotionalen Zustand Hilfesuchender, lässt Zuwendung leibhaftig erfahrbar werden. Mein Anliegen ist dabei, über die Berührung Gottes Nähe erfahrbar zu machen. Menschen sollen erfahren, dass Gott sie bedingungslos annimmt, so wie sie jetzt sind und sich im Augenblick erleben.

Die Vermittlung leibhaftiger Trosterfahrung liegt mir in meinem Dienst am Herzen. Dabei bin ich mir durchaus bewusst, dass ich mich damit auch gegen eine theologische Tradition stelle, die den Körper im Gegensatz zu Geist und Seele als minderwertig betrachtet, eine Ansicht, die in vielen »frommen« Kreisen gepflegt wird. Dabei wird auf die Begierden des Leibes verwiesen, die es in Zaum zu halten gilt, da sie zum Sündigen verführen. Von jeher verneinten bzw. verneinen Asketen dem Leib sein Recht, um sich dadurch »rein« zu halten und zu heiligen. Vor allem durch seine Hinfälligkeit und Vergänglichkeit geriet der Leib gegenüber der als »unsterblich« gedachten »ewigen Seele« und dem »reinen Geist« in Verruf.17 Aufklärung, Idealismus und Rationalismus führten dann dazu, dass auch in der Theologie galt: »Der Leib dient, die Seele regiert.«18 In älteren Seelsorgebüchern rückte z.B. der Leib (besonders der einer Frau) lediglich als Quelle der Versuchung für den (meist männlichen) Seelsorger ins Blickfeld. Seelsorger sollten darauf bedacht sein, sich nicht verwirren oder gar verführen zu lassen. Aus guten Gründen gelten in der Seelsorge und Psychotherapie Berührungen gemeinhin als tabu, einerseits, um dadurch sexuelle Übergriffe zu vermeiden, die das Vertrauensverhältnis zerstören, andererseits, um eine erneute Traumatisierung von Menschen mit Gewalterfahrungen zu vermeiden. Doch dass etwas missbraucht werden kann, bedeutet nicht, dass prinzipiell darauf zu verzichten ist, vorausgesetzt, dass bei solcher Tätigkeit eine Atmosphäre des Vertrauens und des Schutzes gewährleistet ist!


II.3 Die Wiederentdeckung des Leibes und die Deutung im Licht des Evangeliums

Mittlerweile ist es – glücklicherweise – zu einer Wiederentdeckung des Leibes bzw. der Leibhaftigkeit gekommen, weil Leben nicht anders als leiblich ist; selbst die abstraktesten Gedanken sind auf ein denkendes Organ angewiesen.19 Auch wurde inzwischen ein »Leibgedächtnis« als eigenständiges Gedächtnissystem entdeckt, das, anders als das Gedächtnisbewusstsein bzw. das Erinnerungsvermögen, alles Erfahrene als gegenwärtig präsent in sich enthält, ohne dass dies zu Bewusstsein kommt.20 »Das Leibgedächtnis ist der zugrundeliegende Träger unserer Lebensgeschichte, letztlich unserer persönlichen Identität.«21

Das Leibgedächtnis macht verständlich, wie es dazu kommen kann, dass beim Handauflegen plötzlich auch Gefühle und Erlebnisse an die Oberfläche kommen, die längst vergessen oder verdrängt waren. Daher das große Bedürfnis der Menschen, nach dem Handauflegen über das Erlebte sprechen zu wollen. Solche Gespräche gehören zum Trösten wie selbstverständlich dazu, ist doch das wohltuende Erleben von menschlicher Nähe, körperlicher Wärme und Entspannung kein Proprium meines Tuns. Nähe, Wärme und Entspannung kann man auch anderswo finden. Es bei bloß angenehmen Gefühlen belassen zu wollen, hieße Menschen mit flüchtigem Scheintrost abzuspeisen, der Suchtpotential hat, zumal dann, wenn man immer wieder in diese angenehme Gefühlswelt hineinflüchtet.

Weil die erlebten Wohlgefühle multivalent sind, müssen sie in Eindeutigkeit überführt werden. Hier bin ich als Pfarrerin besonders gefordert und habe das Evangelium explizit zu verkündigen. Dabei stelle ich überrascht fest, dass ich bei derlei Gesprächen oft nur die Rolle einer Hebamme zu spielen habe, denn was ist dem noch hinzuzufügen, wenn jemand sagt: »Ich hatte den Eindruck, Jesus selber hat mich berührt«? Eine derartige Aussage zeigt, dass durch die Praxis des Handauflegens im Rahmen pfarramtlicher Tätigkeit durchaus echte Gottesbegegnung ermöglicht werden kann. Ich deute die als positiv erlebten Wohltaten als Angeld auf die ultimative, eschatologische Erlösung, denn schließlich haben wir doch auch zu verkündigen, dass es der lebendige Gott ist, der sich in Christus offenbart hat und der dermaleinst »alle Tränen« abwischen wird, und »dass der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid, noch Geschrei noch Schmerz« (Offb. 21,4).

Durch das Handauflegen habe ich erlebt, dass zwischen tröstender, seelsorgerlicher Begleitung und expliziter Evangeliumsverkündigung kein Bruch besteht. In meiner seelsorgerlichen Arbeit eröffnete mir das Handauflegen einen bisher so noch nicht dagewesenen Zugang zu Menschen, die durch die Berührung die Gegenwart des lebendigen Gottes erfahren konnten.22 M.E. ist das Handauflegen eine Form geistlicher Kommunikation, die das versinnbildlicht und leibhaft konkret werden lässt, was zwischen Mensch und Gott in Jesus Christus geschehen ist und Bestand hat. Letztlich geschieht für mich alles Handauflegen im Vertrauen auf Jesus Christus und in sehnsuchtsvoller Erwartung dessen, dass er selbst sich als der Auferstandene je und je erweisen wird.


Literatur

Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, 6. durchgesehene Ausgabe, Göttingen 1967

Blumhardt, Johann Christoph: Gesammelte Werke, Reihe I, Band I,1, Göttingen 1979

Barth, Karl: Kirchliche Dogmatik III/4, Zürich 1957

Eschmann, Holger: Theologie der Seelsorge, Neunkirchen 2000

Fuchs, Thomas: Das Gedächtnis des Leibes, Loccumer Pelikan 3/12, Rehburg-Loccum 2012

Greiner, Dorothee: Segen und Segnen, Eine systematisch-theologische Grundlegung, Stuttgart 1998

Grundmann, Christoffer: Leibhaftigkeit des Heils, Hamburg/Münster 1996

Grundmann, Christoffer: Wir sind Leib!, WzM 4, 2015, Jg. 67

Heß, Friedemann: Trost oder Trostpflaster?, in: Berliner Hefte für evangelische Krankenseelsorge 61, Berlin 1995

Höfler, Anne: Open Hands, München 2011

Ising, Dieter: Johann Christoph Blumhardt, Leben und Werk, Göttingen 2002

Kohler, Eike: Art. Trost III, in: TRE 34

Krieg, Matthias/Weder, Hans: Leiblichkeit, Zürich 1983

Leist, Marielene: Über das Trösten, in: Berliner Hefte für evangelische Krankenseelsorge 61, Berlin 1995

Lewitz-Danguillier, Antje: Seelsorge mit Demenz. Trost leibhaftig erfahren, WzM 3, 2017, Jg. 69

Moltmann-Wendel, Elisabeth: Wenn Gott und Körper sich begegnen, Feministische Perspektiven zur Leiblichkeit, Gütersloh 1989

Schneider-Harpprecht, Christoph: Trost in der Seelsorge, Stuttgart 1989

Stewart, Ian/Joines, Vann: Die Transaktionsanalyse, Freiburg 1990

Weymann, Volker: Trost?, Zürich 1989

Zink, Jörg: Was heißt Trösten?, in: Berliner Hefte für evangelische Krankenseelsorge 31, Berlin 1972


Anmerkungen:

1 Vgl. zum folgenden D. Ising, Johann Christoph Blumhardt, Leben und Werk, Göttingen 2002, 240f.

2 Siehe Erlass des Konsistoriums in Stuttgart an das Dekanatamt Calw Nr. 12570 vom 27.10.1846, in: Blumhardt, Gesammelte Werke, Reihe I, Bd. I,1, Göttingen 1979, 368 und 380f.

3 Siehe dazu die Arbeit des Leipziger Haptik-Labors unter Leitung des Psychologen M. Grunwald.

4 Das »Stroke«-Konzept kann in der Langform meiner Studienarbeit nachgelesen werden: www.segl.info.

5 Vgl. zum Folgenden: A. Höfler, Open Hands, München 2011, 25-80.

6 Vgl. A. Höfler, ebd., 81-112.

7 Vgl. A. Höfler, ebd., 113f.

8 Diese Geste hat nichts zu tun und ist nicht zu verwechseln mit dem »Aura-Ausstreichen« des Reiki!

9 Vgl. H. Eschmann, Theologie der Seelsorge, Neukirchen 2000, 122.

10 M. Leist, Über das Trösten, in: Berliner Hefte für evangelische Krankenseelsorge 61, Berlin 1995, 35.

11 »Wer jammert und lamentiert, bleibt bei sich selbst und stochert gleichsam in seinem Elend herum … Bloßes Jammern bleibt richtungslos. Klagen aber hat eine Richtung nach außen, auf einen andern zu.« V. Weymann, Trost?, Zürich 1989, 33.

12 F. Heß, Trost oder Trostpflaster?, in: Berliner Hefte für evangelische Krankenseelsorge 61, Berlin 1995, 29.

13 Schmalkaldische Artikel III,4, in: Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, 6. durchgesehene Ausgabe, Göttingen 1967, 449.

14 Weymann, a.a.O., 38.

15 F. Heß, a.a.O., 29.

16 Ch. Schneider-Harpprecht, Trost in der Seelsorge, Stuttgart 1989, 240.

17 Es war die feministische Theologie, besonders E. Moltmann-Wendel, die an die vergessene Dimension der Körperlichkeit erinnerte, vgl.: Wenn Gott und Körper sich begegnen. Feministische Perspektiven zur Leiblichkeit, Gütersloh 1989.

18 Karl Barth, KD III/4, Zürich 1957, 190ff u.ö.

19 So einige neuere Veröffentlichungen, z.B. H. Weder, Leiblichkeit. Neutestamentliche Anmerkungen zu einem aktuellen Stichwort, in: M. Krieg/H. Weder, Leiblichkeit, Zürich 1983; C. Grundmann, Leibhaftigkeit des Heils, Hamburg/Münster 1996; ders. Wir sind Leib!, WzM 4, 2015, Jg. 67; A. Lewitz-Danguillier, Seelsorge mit Demenz. Trost leibhaftig erfahren, WzM 3, 2017, Jg. 69.

20 Vgl. dazu T. Fuchs, Das Gedächtnis des Leibes, Loccumer Pelikan 3/12, Rehburg-Loccum 2012.

21 T. Fuchs, a.a.O., 106.

22 Mk. 16,17f: »Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese: in meinem Namen werden sie (…) Kranken die Hände auflegen, so wird’s besser mit ihnen werden.« »Besser« verstehe ich hier in einem umfassenden Sinne, es kann auch bedeuten, dass jemand getröstet sterben kann!

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrerin Angelika Segl-Johannsen, Jahrgang 1959, Studium der evang. Theologie in Neuendettelsau, Heidelberg, Wien und Tübingen, Pfarrerin der württ. Landeskirche, Transaktionsanalytikerin DGTA, Ausbildung in Meditation, Lehrerin in Handauflegen nach der Schule der Open Hands, seit 1999 Pfarrerin in der Kur- und Rehaklinik-Seelsorge in Bad Mergentheim.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2019

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