Anders von Gottes Allmacht reden
Gott ist kein übermächtiger Marionettenspieler

Von: Hans-Jürgen Fischbeck
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In der Maiausgabe des Deutschen Pfarrerblatts hat Jutta Koslowski in einem Aufsatz ihr Unbehagen am theologischen Konzept der Allmacht Gottes zum Ausdruck gebracht und dafür plädiert, ihm den Abschied zu geben. Das hat eine breite Leserdebatte ausgelöst. In sie schaltet sich nun Hans-Jürgen Fischbeck als Naturwissenschaftler ein. Er hält das klassische Theorem für veraltet, weil es an einem physikalisch überkommenen mechanistischen Weltbild festhält. Damit fallen aber auch dessen Kritiker, sofern sie dieses Weltbild teilen. Stattdessen möchte Hans-Jürgen Fischbeck die Rede von der Allmacht Gottes im Licht der aktuellen Einsichten der Quantenphysik neu und anders reformulieren.


»Unser Herr ist groß
und von großer Kraft,
und unbegreiflich ist,
wie er regiert.«
(Ps. 147,5)

»Erfolg ist keiner der Namen Gottes.«
(Martin Buber)

Soziologisch gesehen, befindet sich das Christentum in Deutschland in einer tiefen Krise, die sich u.a. in einem beständigen Rückgang der Kirchenmitgliedschaft und der Beteiligung am Leben der Gemeinden äußert. Sie ist eingehend analysiert worden, wobei sich gezeigt hat, dass sie wesentlich auch eine Glaubwürdigkeitskrise ist: Man hält den christlichen Glauben im aufgeklärten Zeitalter der Wissenschaft für nicht mehr glaub-würdig. Das hat wesentlich etwas mit dem verbreiteten Gottesbild und der mit ihm verbundenen Allmachtsvorstellung zu tun, die nicht zuletzt deshalb für gültig gehalten wird, weil sie der kirchlichen Verkündigung zu Grunde zu liegen scheint und weil diese ihm nicht wirklich widerspricht.

Weithin meint man, die Naturwissenschaft habe sie widerlegt, denn, so heißt es, nicht Gott bestimme, was geschieht – »den gäbe es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gar nicht«1 – sondern die Naturgesetze. Man bringt also die Naturgesetze und damit die Wissenschaft, die höchste Glaubwürdigkeit genießt, gegen Gott in Stellung und meint, wenn es ihn denn gäbe, müsse er durch Lücken in dem ansonsten naturgesetzlich determinierten Geschehen, durch die er dann eingreift, bemerkbar sein. Da man solche Lücken offenbar nicht findet – so das verbreitete wohlbekannte Argument – gäbe es Gott nicht bzw. man brauche ihn nicht, um die Welt zu verstehen. Dieses Argument unterstellt eben jene allenthalben für gültig gehaltene Vorstellung vom allmächtigen Gott, die beispielsweise von Richard Dawkins wie ein Pappkamerad aufgestellt wird, auf den sich dann trefflich schießen lässt.


1. Attribute Gottes

Drei Attribute sind es, die untrennbar mit dem Namen Gottes verbunden sind: Transzendenz, Allmacht und Güte.

Die Transzendenz bzw. Jenseitigkeit Gottes klingt an in der Anrede im wichtigsten Gebet der Christenheit: »Vater unser im Himmel«, denn der Himmel ist im antiken Weltbild jenseits des Firmaments, an dem die Fixsterne befestigt sind, während sich die Erde und die Planeten diesseits befinden.

Allmacht ist eines der entscheidenden Attribute Gottes. Schon im 1. Artikel des apostolischen Glaubensbekenntnisses heißt es: »Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.« Der Schöpfer des Himmels und der Erde kann nicht anders als in Kategorien der Allmacht gedacht werden, »Allmacht« ist somit ein denknotwendiges Attribut Gottes.

Gottes Schöpfertum beinhaltet ebenso notwendig sein Zugetansein zu seiner Schöpfung, besonders, was deren Essenz, das Leben, betrifft. Dieses Zugetansein wird geglaubt und bezeugt als die universelle Liebe und Güte Gottes, des Vaters.

Die beiden unabdingbaren Attribute Gottes – Allmacht und Güte – führen nun aber, wie jeder weiß, unweigerlich zu dem Theodizee-Widerspruch, der schon von Epikur konstatiert und seit Jahrhunderten diskutiert wird: Angesichts des Bösen in der Welt kann Gott nicht zugleich allmächtig und gut sein. Joachim Kahl bezeichnet ihn als eine der beiden Säulen des Atheismus2. Ich möchte hier dafür plädieren, den Begriff der Allmacht so zu revidieren, dass dieser Widerspruch überwunden werden kann. Ich meine, dass dies auf der Grundlage der Quanten-Ontologie möglich ist.


2. Allmacht Gottes, wie sie meist gedacht wird

Um den gängigen Begriff der Allmacht zu umreißen, zitiere ich das Bertelsmann-Lexikon: »Allmacht Gottes, von der christl. Theologie gebrauchte dogmatische Formel für die unendliche Vollkommenheit der aktiven Macht Gottes nach außen, die sich auf alles Denkbare erstreckt.«

Und Wikipedia: Zuerst heißt es da: »Allmacht als Attribut Gottes kennzeichnet die monotheistischen Religionen.«. Dann werden drei Varianten angegeben, von denen ich die zweite zitiere: »Gott kann alles, d.h. auch in den Lauf der Welt eingreifen und dabei gegen Naturgesetze verstoßen (d.h. Gott kann Wunder tun), nicht jedoch widersprüchlich handeln.«

Diese Vorstellung kann man illustrieren: Gott wird vorgestellt als ein Subjekt, bei dem alle Fäden zusammenlaufen, so wie es im Bild eines überdimensionalen Marionettenspielers zum Ausdruck kommt, der an den Kausalketten wie an Fäden nach Belieben ziehen kann, um alles nach seinem unerforschlichen Willen zu bewirken.


3. Die Wirklichkeit Gottes im Licht der Quanten-Ontologie

Um die ontologische Revolution, die die Quantentheorie mit sich gebracht hat, zu würdigen, ist es wichtig, sich den geltenden ontologischen Konsens der Moderne vor Augen zu führen, wie er im Ergebnis des Empirismus der Aufklärung entstanden ist und im folgenden Satz zusammengefasst werden kann:

Eigentlich wirklich ist nur das, was, was objektiv feststellbar ist.

Er drückt sich aus in der weit verbreiteten Überzeugung »Ich glaube nur, was ich sehe«, aber auch in Wittgensteins Diktum: »Die Welt ist alles, was der Fall ist«.

Im üblichen Sprachgebrauch sind Wirklichkeit und Realität synonym. Deshalb kann man diesen Konsens auch so ausdrücken: Die Wirklichkeit ist die Realität der feststellbaren Fakten.

Dies ist auch die ontologische Prämisse des Naturalismus, der vorherrschenden Weltanschauung der Moderne. Er nennt die Gesamtheit des Feststellbaren auch »Natur« und sagt: Alles ist »Natur«, nicht zuletzt deshalb, weil dies der Gegenstandsbereich der Naturwissenschaften ist. Mit dem Axiom von der kausalen Geschlossenheit der materiellen Welt, eben der »Natur«, drückt der Naturalismus aus, dass dies die ganze, in sich geschlossene Wirklichkeit sei. Das heißt auch: Es gibt nichts Übernatürliches. Der Naturalismus ist somit ein Monismus mit der einen ontologischen Grundkategorie »Natur« bzw. Realität. Es versteht sich von selbst, dass ein transzendenter Gott in dieser Weltanschauung keinen Platz hat.

In dieser Situation musste ausgerechnet die Physik, die sich als empirische Wissenschaft ausschließlich auf reproduzierbar feststellbare Fakten stützt, erkennen, dass die Realität bzw. die »Natur«, nicht die ganze Wirklichkeit sein kann. Um fundamentale Fakten wie die Stabilität der Atome und ihr Linienspektrum erklären zu können, musste sie neben der Realität eine zweite ontologische Grundkategorie einführen, nämlich die Potentialität, die nicht real, weil nicht messbar, aber dennoch wirklich ist.

Die Rede ist von dem berühmten Welle-Teilchen-Dualismus: Der Wellenaspekt wird beschrieben durch Wellenfunktionen, die die komplexwertigen3 ahrscheinlichkeitsamplituden für den Ausgang von Messungen darstellen, bei denen Teilcheneigenschaften mit ihren reellen Messwerten von Ort, Impuls, Energie, Lebensdauer, Masse, Ladung, Spin etc. in Erscheinung treten. Wellenfunktionen als solche aber sind nicht messbar, also irreal, aber dennoch wirklich, weil sie als Wahrscheinlichkeitswellen wirken.

Besonders deutlich wird das Wirklichkeitsverhältnis von Potentialität und Realität bei den sog. virtuellen Zuständen, wie es Lothar Schäfer erhellt hat4. Virtuelle Zustände als Ausdruck der Potentialität sind als Formen im Aristotelischen Sinne vorhanden, aber nicht real. Sie werden realisiert, in dem sie »angeregt« bzw. »besetzt« werden.

Was da recht speziell und beschränkt daherkommt, ist nicht nur für die submikroskopische Welt der Atome und Moleküle von Bedeutung, wie man meist glaubt, sondern gilt sogar für die Wirklichkeit als Ganze. Dies hat drei Gründe:

– Der erste ist, dass der Ursprung des Kosmos im Urknall nur als primordialer Quantenprozess zu verstehen ist5.

– Der zweite ist, dass Potentialität kohärent6 sein kann und es vermöge des Superpositionsprinzips der Quantentheorie ursprünglich allumfassend auch war, derart, dass unsere dingliche Realität erst sekundär durch Dekohärenz-Prozesse7 daraus hervorging.

– Der dritte ist, dass es auch makroskopische Quantenphänomene mit einer makroskopischen Wellenfunktion gibt, bei denen sich partielle Kohärenz durch Bose-Einstein-Kondensation8 wieder herausbildet. Beispiele sind die Supraleitung, die Suprafluidität und das Laser-Phänomen.

Wenn die wohlbegründete »Orch-Or«-Hypothese9 von Roger Penrose und Stuart Hameroff zutrifft, dann ist auch das menschliche Bewusstsein verbunden mit einem makroskopischen Quantenzustand, der sich im Netzwerk der Mikrotubuli ausbildet, das als Cytoskelett der Neuronen das Gehirn durchzieht. Die Potentialität dieses Quantenzustands wäre dann zu identifizieren mit dem, was man die Seele nennt, ein Wort, das unter der erstickenden Wirkung der naturalistischen Ontologie schon regelrecht verpönt ist, so dass man es kaum noch in den Mund zu nehmen wagt.

Geht man aus von dem kaum bezweifelbaren Satz, dass etwas dann und nur dann in Raum und Zeit ist, wenn man es dort finden, d.h. messen kann, dann sind Wellenfunktionen, ist Potentialität als solche, weil nicht messbar, nicht in Raum und Zeit, obwohl Wellenfunktionen von Raum und Zeit als Variablen abhängen10. Sie »leben«, wie man gern flapsig sagt, in abstrakten unendlich-dimensionalen Hilbert-Räumen. Potentialitäten als solche haben also keinen Ort und keine Zeit, es sei denn sie werden bei Messungen als Fakten (dann sind sie keine Potentialität mehr) in die Realität an Ort und Zeit hineingeholt. Alle die Realität konstituierenden Feststellungsakte (Anm. 7) finden in Raum und Zeit statt, so dass alle Realität natürlich in Raum und Zeit ist.

Es ist sinnvoll und üblich, die Welt alles Beobachtbaren, die »Natur« also, als immanent zu bezeichnen. Verglichen damit ist die Potentialität der Quanten-Ontologie transzendent und, wie gesagt, nicht in Raum und Zeit.

Insofern die Quanten-Ontologie zwei Grundkategorien kennt, nämlich Realität und Potentialität, ist sie kein Monismus mehr, sondern ein (revidierter) Dualismus11, der aber am Prinzip der Einheit der Wirklichkeit festhält, weil Potentialität und Realität einander brauchen, um wirklich zu sein. Wirklichkeit und Realität aber sind dann nicht mehr ein und dasselbe. Wirklichkeit ist umfassender als Realität. Sie hat eine Doppelstruktur aus Potentialität und Realität, was übrigens schon von Nikolaus von Kues erkannt worden ist12.


4. Die Allmacht Gottes im Licht der Quanten-Ontologie

Während der Monismus des Naturalismus, wie wir sahen, keinen begrifflichen Raum für die Wirklichkeit des denknotwendig transzendenten Gottes lässt, stößt die Quanten-Ontologie gleichsam das Fenster auf und schafft diesen Raum. Die Feststellung von Annette Merz und Gerd Theißen13, dass das jüdische Gottesverständnis zur Zeit Jesu ausgedrückt werden kann durch den Satz: Gott ist unbedingter Wille zum Guten kann zwanglos in die Begrifflichkeit der Quanten-Ontologie übertragen werden: Die Wirklichkeit Gottes – sein Wille – ist die allumfassende Potentialität des Guten.

Zur Begründung merke ich an, dass Potentialität die ontologische Grundlage, also die Bedingung für die Möglichkeit des freien Willens, d.h. des Willens überhaupt ist, denn Wille, der nicht frei ist, ist keiner. Das gilt auch für unseren freien Willen, denn, wenn alles determiniert wäre, gäbe es nichts zu wollen. So aber kann man sagen: Wille ist intentionale Potentialität.

Der freie Wille, wie wir ihn haben, kann gesehen werden als die intentional strukturierte Potentialität im bewussten Zustand des Gehirns. Dabei ist Wille ja mehr als die Setzung von zielorientierten Anfangsbedingungen für ansonsten kausal determinierte Prozesse. Wille begleitet ja kontrollierend und korrigierend den gewollten Prozess. Dem entspricht die eigentümliche zeitübergreifende Wirkung der quantenmechanischen Potentialität, wie sie in manchen ausgeklügelten Varianten des paradigmatischen Doppelspaltexperiments14 zu Tage tritt.

Nun komme ich zu meinem eigentlichen Thema, der Allmacht Gottes, und zu Ansätzen für eine Revision dieses Begriffs. Das möchte ich in zwei Schritten tun. Der erste, vorbereitende, besteht in Bemerkungen zum Verhältnis von Gott zu den Naturgesetzen.


4.1 Zum Verhältnis von Gott zu den Naturgesetzen

Es ist ja eines der Hauptargumente des Atheismus, zu sagen: Nicht Gott bestimmt, was geschieht, sondern die Naturgesetze. Die übliche Allmachtsvorstellung, wie ich sie aus Wikipedia zitiert habe, besagt: »Gott kann alles, d.h. auch in den Lauf der Welt eingreifen und dabei gegen Naturgesetze verstoßen (d.h. Gott kann Wunder tun)«.

Auch in dieser Beziehung hat die Quantentheorie wesentliche Klärung gebracht. Die Naturgesetze sind ja gewissermaßen das Fundament seiner Schöpfung. Er hat sie sicherlich nicht geschaffen, um sich selbst zu widersprechen und sie immerfort willkürlich außer Kraft zu setzen, sondern um durch sie zu handeln, denn sie beruhen auf der Quantentheorie derart, dass das Weltgeschehen nicht wie ein Uhrwerk durchweg deterministisch abläuft. Es durchlief und durchläuft nämlich immer wieder empfindliche Phasen, in denen kleinste Ursachen – auch Quantenereignisse – große Folgen haben. Beispielsweise sind dies Punkte der Unbestimmtheit bei sonst quasiklassisch determinierten, aber nichtlinearen Zusammenhängen, wie es die Chaostheorie gezeigt hat. Und es sind Symmetriebrüche bei Übergängen in neue Ordnungszustände während der kosmischen Entwicklung. Auch Genmutationen in der Evolution des Lebens und menschliche Entscheidungen in kritischen Phasen der Geschichte sind solche Beispiele. Da sind dann Quantenkorrelationen möglich, da sind Spielräume für Sinnzusammenhänge, die für objektivierende Beobachtung, auf der die Naturwissenschaft beruht, nicht sichtbar werden, weil sie nicht reproduzierbar sind und deshalb wie blinder Zufall aussehen. Die Allgültigkeit der Naturgesetze beschränkt also nicht die Allmacht Gottes, sondern bringt sie vielmehr zum Ausdruck.


4.2 Die großen Akte von Gottes Schöpfung in der kosmischen Evolution

Da ich eingangs die Allmacht Gottes als Konsequenz seines Schöpfertums bezeichnet habe, schaue ich im zweiten Schritt auf die großen Akte seiner Schöpfung in der kosmischen Evolution, wie ich sie sehe. Es sind die großen Strukturbildungsakte, die sich in Form von Symmetrie brechenden universalen, d.h. das ganze Universum erfassenden Phasenübergängen ereignet haben.

Bei Phasenübergängen, so viel sei hier gesagt, ändert sich abrupt der Ordnungszustand eines Systems, und zwar unweigerlich, wenn damit ein Energiegewinn des Systems verbunden ist. Die Änderung des Ordnungszustandes – die Brechung der zuvor bestehenden Symmetrie – erfolgt durch einen kooperativen Prozess, an dem sich nach und nach und immer mehr alle Elemente des Systems beteiligen. Das immer wieder bemühte, wohl einfachste Paradebeispiel eines Symmetrie brechenden Phasenübergangs ist der ferromagnetische des Eisens: Vor dem Übergang, bei höherer Temperatur, sind alle Richtungen der Elementarmagnete der Eisenatome gleich wahrscheinlich und heben sich im Mittel gegenseitig auf. Unterhalb des Übergangs, bei der sog. Curie-Temperatur, richten sie sich aneinander aus und zeigen alle in dieselbe Richtung. Die Magnetisierung ist der, wie man sagt, Ordnungsparameter des Phasenübergangs. Welche Richtung das ist, ist unbestimmt. Eine der vielen möglichen Zufallskonfigurationen – Fluktuationen genannt – setzt sich mit ihrer Richtung durch und wird zum Kristallisationskeim eines kooperativen Ordnungsprozesses.

Ich merke hier an, dass auch die Entstehung einer biologischen Art aus einer Genmutation – das wäre in diesem Fall die Fluktuation – in diesem Muster beschrieben werden kann. Der kooperative Prozess wäre hier die gesteigerte Vermehrung der neuen Varietät, die die konkurrierenden Varianten verdrängt und sich dadurch als eine neue Art etabliert.

Aus dem uranfänglichen maximal symmetrischen Vakuumzustand15 der Quantengravitation, der allumfassenden primordialen Potentialität, gingen die Strukturen der Welt durch eine Folge von Symmetrie brechenden universalen Phasenübergängen hervor, die ich nur aufzählen kann, ohne sie zu erläutern:

– Die Brechung dieser primordialen Symmetrie16 führte zur Ausbildung von Raum und Zeit.

– Die Brechung der sog. GUT-Symmetrie17 führte zur Architektur der vier fundamentalen Wechselwirkungen: der starken, der schwachen, der elektromagnetischen und der gravitativen.

– Die Brechung der »elektroschwachen« Symmetrie ließ das Licht hervortreten: »Es werde Licht«.

– Die Brechung der Symmetrie des Higgs-Feldes gab den elementaren Teilchen ihre Masse.

– Der sog. Confinement-Phasenübergang im Quark-Gluon18-Plasma führte zum Einschluss von je drei Quarks zu einem Nukleon (Proton oder Neutron), aus denen sich dann die ersten zusammengesetzten Atomkerne wie die des Deuteriums, des Heliums und des Lithiums bildeten.

– Auch die Galaxien-Ballung lässt sich als die Brechung der räumlichen Symmetrie, der Homogenität und Isotropie des protostellaren Gases, beschreiben.

All das führte zu einer Struktur, die äußerst fein abgestimmt ist auf die Möglichkeit von Leben, wie wir es kennen. Man spricht von einem »anthropisch« strukturierten Weltall. Nur eine dieser zahlreichen Feinabstimmungen nenne ich: Die mittlere Massendichte des Weltalls. Sie stimmt mit äußerster Präzision mit der kritischen überein, bei der nach Einsteins Theorie die Krümmung des Weltraums im Großen gleich Null ist, so dass seine Geometrie im Großen euklidisch19 ist.

Wichtig ist mir die Feststellung, dass all diese Symmetriebrechungen ausgehen von einer zufälligen Fluktuation des jeweils symmetrischeren Zustandes, die dann durch einen kooperativen Prozess zu einer im Detail zuvor unbestimmten Struktur führen. Angesichts des »anthropischen« Ergebnisses fällt es schwer, zu glauben, dass es keine zielbestimmende Korrelation dieser anscheinend zufälligen Fluktuationen gegeben haben soll.

Was lehrt uns dieser Blick auf die naturwissenschaftlich beschriebene Schöpfungsgeschichte? Man kann sagen, dass solche »Phasenübergänge« in einem sehr verallgemeinerten Sinne als das paradigmatische Muster des Handelns Gottes angesehen werden können, denn ihr Kennzeichen ist eine durch Ordnungsparameter geleitete Kooperativität, bei der die einzelnen Potentialitäten zum Guten kohärent werden. So kann sich eine unwiderstehliche Macht zum Guten, d.h. zum Leben, als Erfüllung des Willens Gottes entfalten.


5. Die Entschärfung des Theodizee-Widerspruchs

Die zweite der beiden oben angeführten Aussagen modifiziere ich etwas: Gott ist der unbedingte Wille zum Guten und Die Wirklichkeit Gottes – das ist sein Wille – ist die Omnipotentialität des Guten. Sie können zu einer Gottesvorstellung führen, in der der Theodizee-Widerspruch entschärft ist.

Das beginnt damit, dass Potentialität zum Guten ein sinnloser Begriff wäre, gäbe es nicht auch Potentialitäten des Bösen, denn sonst wäre es ja nicht Potentialität. Überhaupt ist festzuhalten, dass es ohne Böses auch nichts Gutes, sondern nur Gleichgültiges gäbe. Es gäbe keine Entwicklung, es gäbe kein »Leben des Lebens«, wie man die Evolution auch nennen kann. Ich gehe sogar so weit, zu sagen: Ohne Böses bis hin zum Tod, gäbe es auch das eigentlich Gute, das Leben nämlich, nicht, denn ohne Tod gibt es auch kein (mehrzelliges) Leben.

Wollte und will Gott damit auch das Böse? Nein, Gott wollte und will das Leben, das aber ohne Böses kein Leben wäre: »Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen«, weiß das uralte Kirchenlied, aber es impliziert auch die Umkehrung: Mitten wir im Tode sind doch vom Leben durchdrungen.

Der entscheidende Unterschied zwischen der Potentialität des Guten und den Potentialitäten des Bösen ist, dass erstere kohärent ist, die letzteren aber inkohärent sind, denn Bosheit besteht meist gerade darin, Kohärenzen des Guten zu stören oder gar zu zerstören. Die Potentialität des Guten ist kohärent im quantenphysikalischen Sinne, weil das Gute im ethischen Sinne kohärent ist, denn wirklich gut kann nur sein, was für alle gut ist. So muss es auch sein, wenn die umfassende Potentialität zum Guten die Wirklichkeitsform eines Sinn bestimmenden Willens, eben die des Willens Gottes ist.

Das heißt aber auch: Gottes Wille zum Guten kann kein Zwang zum Guten sein, denn dann wäre er schon nicht mehr gut. Würde Gottes Wille immer und überall zwanghaft geschehen, wäre die zweite Bitte im Vaterunser: »Dein Wille geschehe« sinnlos. Schon diese Bitte insinuiert, dass es möglich ist, gegen Gottes allmächtigen Willen sündhaft oder frevelhaft zu handeln und Böses zu tun. So ist es in Auschwitz in bisher schlimmster Weise geschehen. Aber dass diese bisher schlimmste Gotteslästerung der Geschichte mit dem Zusammenbruch der Nazi-Herrschaft scheitern musste, wird man dem Wirken des Willens Gottes zuschreiben dürfen.


6. Anders von Gottes Allmacht reden

Das bedeutet, dass das unaufgebbare Attribut der Allmacht Gottes in einem revidierten Gottesbild neu zu interpretieren ist. Ich kann hier nur einige Gesichtspunkte einer solchen Revision aus meiner Sicht in Thesenform nennen:

(1) Die immer noch gängige Allmachtsvorstellung orientiert sich am anthropomorphen und schon deshalb irreführenden Bild absolutistischer Willkürherrschaft.

(2) Die Allmacht Gottes ist gewaltlos. In der menschlichen Geschichte hat sie etwas zu tun mit dem »eigentümlich zwanglosen Zwang des besseren Arguments« (Habermas), d.h. mit der Überzeugungskraft der Wahrheit20. Selbst die Marxisten, die sich ja als Materialisten verstehen, haben der Wahrheit Allmacht zugetraut, wenn sie mit Lenin verkündeten: »Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist.« Zwar stimmt dieser Satz nicht, weil der Nebensatz nicht stimmt, aber dass Wahrheit allmächtig sein kann, sagt er in dem hier gemeinten Sinne aus.

(3) Die Wahrheit im vollen Sinn des Wortes, zu der die Regeln der Bergpredigt, zusammengefasst im »Gesetz Christi« (Gal. 6,5), gehören, kann im Sinne der synergetischen Systemtheorie dermaleinst zum allgültigen »Ordnungsparameter« für einen »Phasenübergang« der menschlichen Gesellschaft zu einer neuen, wirklich nachhaltigen Sozialstruktur der Menschheit werden, in der es zu einer Symbiose von Kultur und Natur in der Biosphäre kommt, wie sie die biblische Vision vom Reich Gottes antizipiert.

(4) Die Allmacht Gottes ist somit ein Zukunfts- und Hoffnungsbegriff: Sie wird sich erweisen an der Erfüllung der Verheißung des Reiches Gottes, in dem »Gerechtigkeit und Friede sich küssen« und die ganze Schöpfung einbezogen ist so, wie es Paulus im Römerbrief (Kap. 8, 21-25) vor Augen hat.

Es mag deutlich geworden sein, dass das überkommene Gottesbild des allmächtigen Allesmachers, wie es sich beschreiben lässt mit der bereits angesprochenen metaphorischen Vorstellung eines übermächtigen Marionettenspielers, der alle Fäden zu allem in der Welt in der Hand hat und nach seinem gnädigen oder strafenden Belieben daran ziehen kann, inkonsistent ist und außerdem inadäquat ist zu dem, was uns die Naturwissenschaften, vornehmlich die Physik, über die Weltwirklichkeit lehren.

Zu den Attributen Allmacht und Güte Gottes gehört ganz und gar, dass Gott der Gott des Lebens ist, denn das Leben ist die sinngebende Essenz seiner Schöpfung. Angesichts der überwältigenden Schönheit und Harmonie der Architektur des Kosmos und angesichts der gewaltigen Dramaturgie seiner Entstehungsgeschichte zur Heimstatt des wundervollen Sinn-Gebildes des biosphärischen Lebens wohl nicht nur auf unserem Planeten scheint mir der allmächtige und gütige Gott des Lebens angemessener vorstellbar zu sein im Bild des Komponisten und Dirigenten dieses wundervollen Konzerts. Die Naturgesetze sind der Entwurf für die Partitur. Ihre Noten sind die evolutionär ausgearbeiteten Genome der Lebewesen, welche die zahllosen Mitwirkenden dieses Konzertes sind. Wer schon einmal im Chor oder Orchester an einer gelingenden Aufführung mitgewirkt hat, weiß, wie viel Freude das macht, denn die Musikanten sind keine Marionetten, sondern zuhörende Mitgestalter, geleitet durch die Musik, geführt und gestaltet durch den Dirigenten, der weder zwingen kann noch will. Natürlich kommen Unsauberkeiten, Misstöne und sogar Patzer vor, aber das macht, dass Musik lebt (anders als eine von einem Computerprogramm gesteuerte Pseudomusik marionettenhafter Tongeneratoren). Wir können diese Musik hören, wenn wir aus dem ohrenbetäubenden Lärm des modernen Lebens aufatmend in die vom Zwitschern der Vögel und dem Summen der Bienen untermalte Stille der unberührten belebten Natur eintreten. Da kann man einfach innerlich mitsingen und so den Komponisten und geheimen Dirigenten dieser wunderbaren Musik des Lebens preisen.


Anmerkungen:

1 So die Behauptung einer jüngst von der Giordano-Bruno-Stiftung betriebenen Bus-Kampagne.

2 Joachim Kahl, »Die beiden Säulen des Atheismus«, in: EZW-Texte 216/2011, hrsg. von Reinhard Hempelmann, Evang. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen.

3 Hier sind komplexe Zahlen z = x+iy gemeint, wo x und y gewöhnliche reelle Zahlen sind und i die imaginäre Einheit mit i2 = -1 ist.

4 Lothar Schäfer, »Infinite Potential«, Deepak Chopra Books 2013, Chapter 2. Die simpelsten Beispiele sind wohl die angeregten, besser die anregbaren Zustände des Wasserstoffs. Durch Absorption eines charakteristischen Photons gehen sie aus dem Grundzustand niedrigster Energie über in einen zuvor virtuellen angeregten Zustand. Das vielleicht wichtigste Beispiel ist ein virtueller Zustand des Kohlenstoffkerns, ohne den es im Kosmos kaum Kohlenstoff und somit kein Leben gäbe.

5 Claus Kiefer, Der Quantenkosmos, S. Fischer, Frankfurt/M. 2008.

6 Wellen sind kohärent, wenn sie in Amplitude und Phase zusammenhängen, so dass Interferenzfähigkeit gegeben ist.

7 Dekohärenz tritt ein, wenn ein Quantenobjekt in regellose Wechselwirkung mit seiner Umgebung tritt. Ist diese Umgebung ein Messinstrument, so handelt es sich um eine Messung.

8 Teilchen und zusammengesetzte sog. Quasiteilchen mit ganzzahligem Spin können im Gegensatz zu solchen mit halbzahligem Spin in unbegrenzter Zahl denselben Quantenzustand einnehmen und so einen makroskopischen Quantenzustand bilden. Darauf haben S. Bose und A. Einstein 1924 hingewiesen. Seither nennt man einen solchen Vorgang Bose-Einstein-Kondensation.

9 Das Akronym »Orch Or« steht für »Orchestrated Objective Reduction«, s. bei Google: »The Orch Or Model for Quantum Consciousness«.

10 Die von der Schrödinger-Gleichung bestimmte unitäre Rotation der Wellenfunktionen im Hilbertraum ist, für Kenner sei es gesagt, keine reale, geschichtliche Zeitabhängigkeit, die nur durch faktifizierende Dekohärenz-Akte (s. Anm. 7) entsteht.

11 Ich habe dies vor 10 Jahren in meinem Beitrag zur ESSSAT-Tagung in Loccum dargestellt: H.J. Fischbeck, Die eine Wirklichkeit ist zweifach – weder monistisch noch dualistisch, Loccumer Protokolle 15/01, 55.

12 Peter Kleinert, Ist die philosophische Theologie am Ende?, WiSa, Stuttgart 2013, 69

13 Gerd Theissen/Annette Merz: Der historische Jesus, Vandenhoeck, Göttingen 1997, 250.

14 Ich habe sie beschrieben im Anhang 2 meines Buches »Die Wahrheit und das Leben«, Herbert Utz Verlag, München 2005.

15 Vakuum nennt man allgemein und treffend den Grundzustand niedrigster Energie eines physikalischen Systems.

16 Es ist die Symmetrie der noch nicht erkannten Quantentheorie der Gravitation, der sog. Theory of everything (TOE).

17 GUT bedeutet Grand Unified Theory, die auch noch nicht voll bekannt ist. Sie ist vermutlich eine supersymmetrische Eichfeldtheorie, deren Symmetriebrechung zu der für das heutige Standardmodell der Elementarteilchentheorie geltenden SU(3)xSU(2)xU(1)-Symmetrie geführt hat, wobei SU(3) die Eichgruppe der starken, SU(2) die der schwachen und U(1) die der elektromagnetischen Wechselwirkung ist.

18 Quarks sind die elementaren Hadronen, die über den Austausch von Gluonen miteinander wechselwirken.

19 Euklidisch heißt eine Geometrie, in der die Axiome Euklids gelten, aus denen bspw. folgt, dass die Winkelsumme im Dreieck gleich 180 Grad ist und der Satz des Pythagoras gilt.

20 »Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.« (1. Tim. 2, 3-4)

 

Über die Autorin / den Autor:

Hans-Jürgen Fischbeck, Jahrgang 1938, von 1956 bis 1962 Studium der Physik an der Humboldt-Universität, anschließend an einem Institut der Akademie der Wissenschaften der DDR, engagiert in der Evang. Kirche Berlin-Brandenburg, ab 1986 in der Opposition gegen das SED-Regime, Mitbegründer der Bürgerbewegung »Demokratie Jetzt« und später von Bündnis 90, nach der Wiedervereinigung Studienleiter an der Evang. Akademie Mülheim.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2019

1 Kommentar zu diesem Artikel

22.08.2019
Ein Kommentar von Jutta Koslowski


Es freut mich, dass mein Anliegen, den traditionellen Begriff der Allmacht Gottes in Frage zu stellen, auch aus naturwissenschaftlicher Sicht aufgegriffen werden kann – obgleich es mir an physikalischem Fachwissen mangelt, um die Ausführungen im Einzelnen nachvollziehen zu können. Zur theologischen Argumentation im Beitrag von Hans-Jürgen Fischbeck eine Anmerkung: Der Aussage, das Attribut der Allmacht Gottes sei »entscheidend« und »untrennbar« mit Gott verbunden bzw. Gott »kann nicht anders als in Kategorien der Allmacht gedacht werden« (Nr. 1) möchte ich an dieser Stelle nochmals entschieden widersprechen. Fischbeck legt für diese Behauptung keine Argumente vor, während ich mich in meinem Beitrag darum bemüht habe, die Möglichkeit eines Glaubens an den »mächtigen« Gott zu begründen. Tatsächlich entspricht das, was Fischbeck im folgenden beschreibt, genau dem, was ich unter einem mächtigen Gott verstehe – etwa, wenn er in seinem sehr schönen und treffenden Bild Gott als den »Komponisten und Dirigenten« in einem großen Konzert beschreibt (Nr. 6). Zweifellos kommt diesem eine eminent wichtige Bedeutung zu; allmächtig ist er freilich keineswegs (wie Fischbeck selbst einräumt, wenn er davon spricht, dass die Musiker das Konzert entscheidend mitgestalten). Anstatt also den Begriff der Allmacht Gottes beizubehalten und – im Sinn von Fischbeck – umzudeuten (»Anders von Gottes Allmacht reden«) schlage ich vor, diesen meines Erachtens nach missverständlichen Begriff aufzugeben und stattdessen eher von Gottes Macht zu sprechen.

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