Eine Würdigung zu seinem 150. Geburtstag
Rudolf Otto als Vordenker heutiger Theologie

Von: Wolfgang Pfüller
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Am 25. September jährt sich Rudolf Ottos Geburtstag zum 150. Mal. Der Marburger Theologe und Religionswissenschaftler ist vor allem durch sein Buch »Das Heilige« schlagwortartig bekannt, doch in der Breite seines Denkens ebenso in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht, wie Wolfgang Pfüller meint, denn Rudolf Ottos Überlegungen zielen in wesentliche Richtungen dessen, was wir heute unter einer »interreligiösen Theologie« verstehen.


Rudolf Otto, dessen Geburtstag sich am 25. September zum 150. Mal jährt, war zweifellos eine beeindruckende, um nicht zu sagen charismatische Persönlichkeit:1 weit gereist, polyglott, vertraut mit christlicher wie nichtchristlicher Theologie, mit christlicher wie mit indischer Religiosität, mit lutherischer wie mit mystischer Frömmigkeit, mit Theologie- und Philosophiegeschichte wie mit Religionsgeschichte, mit Psychologie wie mit Naturwissenschaft, mit bildender Kunst wie mit Musik. Die so immense wie faszinierende Spannweite von Ottos Denken und Tun belegen, wenn auch nur annähernd, seine vielfältigen Publikationen wie auch seine öffentlichen Aktivitäten, angefangen von seiner Dissertation zu Luther über die Herausgabe von Schleiermachers Reden und Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, über seine Auseinandersetzungen mit Wilhelm Wundt und Charles Darwin, über seine Übersetzungen grundlegender religiöser Texte der indischen Tradition aus dem Sanskrit, über die von ihm angelegte Marburger »Religionskundliche Sammlung« bis hin zu seinen liturgischen Aktivitäten und zur Gründung eines »Religiösen Menschheitsbundes«.

Freilich war Otto vor allem ein zutiefst religiöser Mensch, geprägt von der Frömmigkeit Luthers ebenso wie von der mystischen Frömmigkeit eines Meister Eckhart, geprägt aber nicht zuletzt von biblischen Texten wie dem 6. Kapitel des Buches Jesaja. In seinem »Reisebericht 1911« schildert Otto mit dem ihm eigenen, unverwechselbaren Pathos sein Erleben der Rezitation des Dreimal-Heilig in der eher ärmlichen Synagoge von Mogador (Marokko): »In welcher Sprache immer sie erklingen, diese erhabensten Worte, die je von Menschenlippen gekommen sind, immer greifen sie in die tiefsten Gründe der Seele, aufregend und rührend mit mächtigem Schauer das Geheimnis des Ueberweltlichen, das dort unten schläft. Mehr als sonst hier an diesem dürftigen Orte, wo sie erklingen in der Sprache, in der sie Jesaias zuerst vernommen hat, und von den Lippen des Volkes, dessen erstes Erbteil sie ­waren.«2

In dieser Schilderung wird nun zugleich angesprochen, was Otto vor allem weithin bekannt gemacht hat: sein Buch Das Heilige.3 Mit diesem seinem Hauptwerk, das überdies von zwei umfänglichen Aufsatzbänden flankiert wird,4 ist Otto zweifellos ein grandioser Wurf gelungen. Sowohl was die Auflagenhöhe wie die Verbreitung und (kritische) Rezeption betrifft, dürfte das Buch von keinem anderen theologischen Buch des 20. Jh. und darüber hinaus auch nur im Entferntesten erreicht worden sein.

Dieses Buch bildet somit geradezu selbstverständlich auch den Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen. Diese beginnen (1.), indem sie Religion als zutiefst auf Erleben und Gefühl beruhend charakterisieren. Sodann (2.) wollen sie verdeutlichen, inwiefern Ottos Theologie als interreligiöse Theologie zu bezeichnen ist. Schließlich (3.) wollen sie zeigen, dass und wie Otto ein entscheidendes Problem interreligiöser Theologie in Angriff genommen hat, das Problem der interreligiösen Bewertung. Mit dem allem wird sich Otto m.E. als ein bedeutender Vordenker einer heutigen, modernen Theologie erweisen.


1. Erleben und Gefühl als Basis der Religion

Für Rudolf Otto wurzelt Religion im Innersten des Menschen, in seinem Erleben, das noch tiefer reicht als das Gefühl, auch wenn Otto bisweilen beide nicht klar und präzise unterscheidet. Dieses religiöse Erleben aber ist unableitbar, ursprünglich und als solches zudem gänzlich irrational, d.h. zugleich tiefer (und höher) als alles Rationale. Es ist ganz und gar eigenständig, denn »Religion fängt mit sich selber an«. Otto spricht von »dem ganz Eigenen des religiösen Erlebens wie es sich auch in seinen primitivsten Äußerungen schon regt«. (4) Es ist weiterhin naiv im besten Sinne, nämlich unvermittelt, unmittelbar, verbunden mit einer ursprünglichen Gewissheit. Diesem Erleben auf der menschlichen Seite entspricht auf der göttlichen Seite das Numinose. Otto bildet diesen Kunstausdruck, um das Ursprüngliche, Irrationale, Unbegreifliche des Göttlichen zum Ausdruck zu bringen. Denn das Numinose ist das »ganz Andere«, das schlechthin »Überweltliche«.


»Mysterium tremendum et fascinans«

Der andere, für Otto elementare Begriff, mit dem er ursprüngliche Religion charakterisiert, ist der des religiösen Gefühls. Zwar sind Gefühle bereits erste Verarbeitungsformen von Erlebnissen, aber gleichwohl sehr tiefgehend. Denn sie sind nicht mit Emotionen als bloßer subjektiver Bewegtheit gleichzusetzen, sondern sie sind so etwas wie intuitive Einsicht, intuitives »vorbegriffliches Erfassen«, das zugleich »stärkste Wertungen« beinhaltet. Auch das religiöse Gefühl ist zutiefst irrational; als solches aber ist es zuerst Kreaturgefühl. Es ist »das Gefühl der Kreatur die in ihrem eigenen Nichts versinkt und vergeht gegenüber dem was über aller Kreatur ist.« (10) Dieses Gefühl wird bestimmt durch das Numinose selbst, ist also keineswegs nur subjektiv, vielmehr ein »Reflex« der überwältigenden Gegenwart des Numinosen. Dieses erweist sich hier vor allem anderen als »schauervolles Geheimnis« (»mysterium tremendum«).

Otto versucht dieses s.E. ganz eigene Gefühl von gewöhnlicher menschlicher Furcht zu unterscheiden, indem er von »Grauen«, »Schauer« bzw. »Scheu« spricht. Wie im religiösen Erleben, so sieht er auch in diesem abgründigen Gefühl numinoser Scheu den Ursprung aller Religion. Von »diesem irgend wann einmal in erster Regung durchgebrochenen Gefühle eines ›Unheimlichen‹, das fremd und neu in den Gemütern der Urmenschheit auftauchte, ist alle religionsgeschichtliche Entwicklung ausgegangen.« (16) Freilich erweckt das Numinose nicht nur Scheu und Schrecken, sondern vermittelt auch Seligkeit und Entzücken; es ist folglich nicht nur schauervolles, sondern ebenso beseligendes, entzückendes Geheimnis (»mysterium fascinans«). Otto spricht hier von einer »Kontrast-Harmonie« oder auch einem »Doppel-charakter des Numinosen«, der s.E. durch die ganze Religionsgeschichte hindurch bezeugt ist, »mindestens von der Stufe der ›dämonischen Scheu‹ an«. (42)


Die Rationalität der Religion

So sehr Religion für Otto in den Tiefen des irrationalen Erlebens und Fühlens gründet, so sehr also das Irrationale der unergründliche Grund von Religion bleibt und daher keinesfalls durch das Rationale gänzlich verdeckt werden darf, so sehr ist auch das Rationale für Religion wichtig. Ottos Hauptwerk heißt ja nicht umsonst Das Heilige und nicht Das Numinose. Anders als das Numinose nun ist das Heilige durchdrungen von rationalen wie von sittlichen Momenten. Es ist »immer das vollkommen mit rationalen zwecksetzenden persönlichen und sittlichen Momenten Durchdrungene und Gesättigte«. (134) So entsprechen dem tremendum etwa die rationalen bzw. ethischen Momente der Macht bzw. Übermacht und die Momente der Lebendigkeit, der Leidenschaft, des Willens und der Kraft. Und wiederum entsprechen dem fascinans die Momente der Liebe, des Erbarmens, des Mitleids, der Hilfswilligkeit. Dabei müssen folgerichtig alle diese Momente »allgemeiner seelischer Erfahrung« in Bezug auf das Heilige jeweils als vollkommene gedacht werden, weil und sofern das göttliche, überweltliche Sein schlechterdings vollkommen ist.

Otto kommt es auf ein gesundes, harmonisches Verhältnis von irrationaler Tiefe und rationaler Höhe in der Religion an. Weder soll der irrationale Grund durch die rationalen Momente verdeckt noch diese durch jenen getrübt werden. »Daß in einer Religion die irrationalen Momente immer wach und lebendig bleiben bewahrt sie davor Rationalismus zu werden. Daß sie sich reich mit rationalen Momenten sättige bewahrt sie davor in Fanatismus oder Mystizismus zu sinken oder darin zu beharren«. (170)


Religion und Sittlichkeit

Wie bereits angedeutet, gehört für Otto zum vollen Begriff des Heiligen neben dem rationalen gleichermaßen auch das ethische bzw. – wie Otto meist sagt – das sittliche Moment. Die ethische Qualität einer Religion entspricht ihrem Entwicklungsniveau. Otto sieht den »Vorgang der Versittlichung und allgemeinen Rationalisierung des Numinosen und seiner Erfüllung zum ›Heiligen‹ im eigentlichen Vollsinne« vor allem im Judentum und im Christentum gegeben. »Dieser Vorgang vollendet sich in der Profetie und im Evangelium«. (95) In diesem Zusammenhang dürfte auch Ottos späte Beschäftigung mit grundlegenden Fragen der Ethik zu verstehen sein; sie sollte wohl die volle Entfaltung des Christentums dokumentieren, nicht zuletzt im Unterschied zu anderen Religionen.

Die hier sehr gedrängt vorgestellten Analysen Ottos sind in fast jeder Hinsicht kritisiert worden. Das kann und muss jedoch hier dahingestellt bleiben. Viel wichtiger ist demgegenüber Ottos tiefe Einsicht, dass Religion weder auf Nachdenken noch gleich gar auf Spekulation beruht, vielmehr auf Erleben bzw. Gefühl. Dabei mag das religiöse Gefühl seine Eigenart weniger durch seine emotive als durch seine kognitive Komponente erhalten, nämlich durch seine Bezogenheit auf das Heilige, auf die göttliche Wirklichkeit. Und das religiöse Gefühl mag weniger als bei Otto mit seiner ihm eigenen Vorliebe für mystische und ekstatische Religiosität als außergewöhnlich, sondern viel eher als gewöhnliches Grundvertrauen auf die göttliche Wirklichkeit verstanden werden. Jedenfalls hat Otto eindrucksvoll demonstriert, dass Religion zutiefst auf Gefühlen beruht, ohne dass sie dadurch ihrer Rationalität verlustig ginge.


2. Theologie als interreligiöse Theologie

Wie sich bereits mehrfach angedeutet hat, treibt Rudolf Otto seine christliche Theologie immer nicht zuletzt im Blick auf andere religiöse Traditionen. Man kann wohl sagen, dass er in einem für seine Zeit erstaunlichem wie einzigartigem Maß Religionsgeschichte und Theologie verbunden hat. Davon zeugen seine Übersetzungen aus dem Sanskrit ebenso wie seine religionsvergleichenden Studien.5 In diesen Studien hat Otto besonders die Nähe bestimmter indischer Traditionen mit bestimmten christlichen Traditionen herausgearbeitet. Das belegt vor allem sein Vergleich der Mystik Meister Eckharts mit der Mystik des indischen Meisters Shankara wie sein Vergleich der Bhakti-Tradition mit dem protestantischen Christentum.


Religionsvergleich und »Religionsmessung«

Freilich, Parallelen sind nicht identische Linien und Ähnliches heißt nicht Gleiches. So können bei aller frappierenden Nähe etwa zwischen protestantischem Christentum und Bhakti-Tradition die Unterschiede sehr wohl fundamental sein. Demgemäß lag Otto viel daran, immer den jeweiligen »Sondergeist« der verglichenen religiösen Traditionen zu eruieren, ihre jeweilige »Achse«, um die sich die ähnlichen Inhalte bewegen. Und entscheidend war für ihn, zentrale Gehalte zu vergleichen, nicht periphere Züge, die zwar durchaus bemerkenswert sein mögen, indes auch fehlen könnten, ohne dass die zentralen Gehalte sich irgend ändern würden. Und der zentrale Gehalt vor allen anderen ist für Otto die Idee der Erlösung bzw. des Heils. »Wenn man wissen will, was Religion sei, so genügt es nicht zu achten auf noch so geistvolle oder tiefsinnige Spekulation, auf Bestimmungen des ›Absoluten‹ in diesem oder jenem Sinne, sondern man muß auf dieses der Religion eigentümliche […] Verlangen achten nach diesem ganz ›irrationalen‹ und überschwenglichen Gute, das eben das ›Heil‹ ist.«6 Deshalb ist gerade die Bhakti-Religion als Gnadenreligion für Otto so überaus interessant, weil ihre Heilsvorstellungen denen des Christentums so frappierend ähneln. Freilich betont er auch hier bei aller Nähe die Unterscheidung, den »Sondergeist« der jeweiligen Tradition. Und infolge dessen scheint Ottos Vergleich unmerklich in die von ihm sog. Religionsmessung überzugehen, insofern Otto den Sondergeist der nichtchristlichen Position sozusagen unter der Hand als defizitär erscheinen lässt.

Wie auch immer, jedenfalls ist die Religionsvergleichung nur die vorbereitende Dienerin des eigentlichen theologischen Geschäfts, der Religionsmessung. Es geht Otto also bei allen seinen religionsvergleichenden Studien letztlich um einen wertenden Vergleich. Hiermit aber zeigt sich seine Theologie als interreligiöse Theologie und damit als höchst aktuell. Freilich ist Otto fest von der Überlegenheit des Christentums gegenüber allen anderen Religionen überzeugt, ja er sieht in ihm geradezu die Erfüllung der Religionsgeschichte. So fragwürdig diese Sicht einerseits sein mag, so wegweisend ist es doch andererseits, dass Otto diese Überzeugung nicht einfach dekretiert, sondern anhand von interreligiösen Kriterien anhand von konkreten Vergleichen zu demonstrieren versucht. Mit dieser Art von Theologie erweist er sich einmal mehr als Vordenker einer heutigen, modernen Theologie.7


3. Interreligiöse Bewertung

Wie gesagt führt Otto seine interreligiösen Bewertungen aufgrund von bestimmten Kriterien durch, die er durchaus für objektiv, will heißen im Anliegen der Religion selbst begründet hält. Drei dieser Kriterien verdienen hier vor allem eine nähere Betrachtung: 1. das mehr oder weniger ausgewogene Verhältnis von Rationalität und Irrationalität in einer Religion, 2. das Wesen der Religion in der Idee des Heiligen, 3. die Höherentwicklung der Religionen.

1. Ist Religion auch zutiefst irrational, so sind doch ihre rationalen Momente, wie bereits erwähnt, nicht weniger wichtig und nicht zuletzt ein Maßstab ihres Niveaus. »Daß beide Momente vorhanden sind und in gesunder und vollkommener Harmonie stehen ist wieder ein Maßstab woran die Überlegenheit einer Religion gemessen werden kann«. (170f) Genauer besagt das: Zum einen muss in den rationalen Aussagen einer Religion ihr spezifisches (irrationales) Leben immer erkennbar bleiben. Zum anderen müssen die rationalen Aussagen dem »Irrationalen ihres Gegenstandes« stets adäquat sein.

2. Dieser formale Maßstab wird inhaltlich expliziert in der Kategorie des Heiligen. In ihr nämlich sieht Otto die harmonische Verbindung der irrationalen mit den rationalen Momenten der Religion genauestens gegeben. Die Idee des Heiligen ist folglich für ihn das Wesen der Religion und somit der entscheidende Maßstab der Religionsmessung. Nicht »ihr Äußerliches kann im letzten Grunde der Maßstab sein für den Wert einer Religion als Religion. Nur was ihr eigenstes Inneres ist, die Idee des Heiligen selber, und wie vollkommen eine gegebene Einzelreligion dieser gerecht werde oder nicht, kann hier den Maßstab abgeben.« (200) Dazu gehört dann auch, dass das Heilige Otto zufolge eine Wertkategorie ist, der ethische Momente inhärent sind, und dass folglich das ethische Niveau einer Religion ein Maßstab ihrer Höhe ist. Und dazu gehört schließlich der »Dualismus« zwischen der hiesigen und der göttlichen Welt, die das »ganz Andere«, das »Überweltliche«, im Gegenüber zur diesseitigen Welt darstellt. Somit wird die Kategorie bzw. Idee des Heiligen für Otto zum objektiven Maßstab für jede Religionsmessung, weil sie vom religiösen Objekt, eben vom Heiligen her, abgeleitet ist.

3. Für Otto ist es geradezu selbstverständlich, weil vielfach belegbar, dass die Religionsgeschichte nicht zuletzt eine Höherentwicklung der Religion mit sich bringt. Daher redet Otto wie viele seiner Zeitgenossen ebenso selbstverständlich von den höher entwickelten bzw. den Hochreligionen. Die Idee des Heiligen entwickelt sich also sowohl in ihren rationalen wie in ihren ethischen Momenten, ohne dass dadurch das fundamentale irrationale Moment des Numinosen irgend verdrängt wird. Die am höchsten entwickelte Religion ist für Otto erwartungsgemäß das Christentum. Freilich behauptet er das nicht nur, sondern meint auch, es in seinen religionsvergleichenden Arbeiten zumindest in Ansätzen erwiesen zu haben bzw. es darüber hinaus in der von ihm im großen Umfang angezielten Religionsmessung erweisen zu können.


Die religiöse Überlegenheit des Christentums

Und zwar erweist sich das Christentum s.E. nach jedem der drei genannten Kriterien als überlegen. 1. Es hat die Rationalität in einem Höchstmaß entwickelt, ohne die irrationale Tiefe der Religion vor allem in der Idee des Heiligen außer Acht zu lassen. Dass nämlich »das Christentum Begriffe hat und diese Begriffe in überlegener Klarheit Deutlichkeit und Vollzahl, ist zwar nicht das einzige, auch nicht das hauptsächliche aber ein sehr wesentliches Merkmal seiner Überlegenheit über andere Religions-stufen und -formen«. (1f) 2. Das Christentum erfüllt das Wesen der Religion in der Idee des Heiligen. Was in der Religion überhaupt angelegt ist, bringt es zur Vollendung. So vollendet sich beispielsweise das Mysterium des unschuldigen Leidens des Gerechten im Kreuz Christi. Hier »hat das christliche Gefühl die lebendigste Anwendung der ›Kategorie des Heiligen‹ vollzogen und damit die tiefste religiöse Intuition hervorgebracht die je auf dem Gebiet der Religionsgeschichte zu finden gewesen ist«. (200) 3. Das Christentum ist die am höchsten entwickelte Religion, indem sich in ihm der Prozess der Rationalisierung und Ethisierung der Religion vollendet und indem »der Sohn« die Religionsgeschichte erfüllt. »Im Evangelium Jesu vollendete sich der Zug auf Rationalisierung Versittlichung und Vermenschlichung der Gottesidee […]. Und so ergab sich die durch nichts anderes überbietbare Form des ›Gott-Vater-Glaubens‹, wie sie das Christentum besitzt.« (102) Dem ganz und gar entsprechend sieht Otto schließlich in Jesus den »Sohn«, der die höchste, unübersteigbare Stufe göttlicher Manifestation erreicht. Er ist derjenige, »der einerseits den Geist in der Fülle hat und der anderseits zugleich selber in Person und Leistung zum Objekte der Divination des erscheinenden Heiligen wird«. (205)8


Unhaltbare Ansprüche

Nun sind die Ansprüche, die Otto mit seiner Religionsmessung erhebt, offensichtlich enorm. Er behauptet ja nicht nur eine relative, mithin vorläufige, revidierbare Überlegenheit des Christentums anderen Religionen gegenüber, sondern dessen absolute, unüberbietbare Überlegenheit, indem es s.E. nicht nur die Idee des Heiligen und den Prozess der Ethisierung und Rationalisierung der Religion, sondern damit zugleich die Religionsgeschichte vollendet. Zudem meint er, mit der Idee des Heiligen über einen objektiven, da vom religiösen Gegenstand, dem Heiligen, selbst her gewonnenen Maßstab zur Bewertung der Religionen zu verfügen. Beide Ansprüche indes dürften nicht haltbar sein. Zum einen ist jeder religiöse Anspruch auf Endgültigkeit, Unüberbietbarkeit, Vollendung o.ä. vor allem aufgrund der prinzipiellen Fehlbarkeit menschlicher Erkenntnis und der historischen Relativität aller religiösen Geltungsansprüche strikt zurückzuweisen.9 Zum andern aber ist darauf hinzuweisen, dass ein religiöser Wesens- bzw. Normbegriff nicht in essentialistischer Weise das überzeitliche, objektive Wesen der Religion zu erfassen vermag, vielmehr nur einen gut begründeten, vorläufigen Begriff der Religion bzw. des Religiösen, insofern und insoweit er für die Bildung interreligiöser Kriterien zweckmäßig ist.10

Trotz dieser grundsätzlichen Kritik und anderer Unzulänglichkeiten ist Ottos Versuch, den grundlegenden Maßstab der »Religionsmessung« anhand eines Normbegriffs der Religion zu ermitteln, nach wie vor wegweisend. Denn nur aufgrund eines solchen normativen Begriffs lassen sich m.E. einigermaßen stichhaltige interreligiöse Kriterien begründen.11 Nur so überdies dürften nicht nur periphere, vielmehr die zentralen Gehalte der religiösen Traditionen erfasst und einer vergleichenden Bewertung unterzogen werden können. Und auch darin ist Otto beizupflichten: Es geht bei der »Religionsmessung« vor allem um die zentralen Gehalte der Religionen, und diese zentralen Gehalte kulminieren in der Heilsfrage. Ethische oder kultische Fragen mögen für das Verhältnis der Religionen von hoher praktischer Relevanz sein, Fragen etwa des Schrift- oder des Gottesverständnisses mögen von großer theoretischer Relevanz sein: Entscheidend ist und bleibt die Heilsfrage. Deswegen stellt sich an die vielfältigen religiösen Geltungsansprüche vor allem die Frage, in welchem Umfang und mit welcher Eindringlichkeit sie das Heil für die Menschen (und darüber hinaus) auszusagen vermögen. Hierzu müssen dann vornehmlich die zentralen Heilsbringer bzw. Heilsereignisse der religiösen Traditionen verglichen und bewertet werden.12


4. Schluss

Es ging mir in diesen Ausführungen ungeachtet aller kritischen Einwände vor allem darum, die wegweisende Bedeutung Rudolf Ottos für heutiges theologisches Nachdenken zu würdigen. Denn diese Bedeutung ist m.E. nicht hoch genug zu schätzen, auch und gerade weil Otto nicht an einer der vordersten Stellen steht, wenn maßgebliche, einflussreiche Theologen des 20. Jh. aufgerufen werden. Gewisse Schlagworte aus seinem Hauptwerk werden zwar gern zitiert, aber umso weniger analysiert. Und seine religionsvergleichenden und bewertenden Studien treten gleich gar in den Hintergrund. Dies geschieht sicher insoweit zu Recht, als sie in bestimmten Punkten mittlerweile überholt sein dürften.

Demgegenüber erweist sich Otto gerade in diesen Studien als überragender Vordenker einer den heutigen Erfordernissen gerecht werdenden interreligiösen Theologie. Diese entwickelt ihr Nachdenken über »Gott und die Welt« in jedem Fall nicht nur traditionsintern, sondern im Dialog mit anderen religiösen Traditionen. Und dieser Dialog dient nicht nur dem gegenseitigen Lernen und schon gar nicht nur dem gegenseitigen Kennenlernen – so wichtig dies alles sein mag. Er dient demgegenüber vor allem der kritischen Auseinandersetzung mittels ausgewiesener Kriterien mit dem Ziel, zu besser begründeten Erkenntnissen im Blick auf die entscheidende Frage des menschlichen und außermenschlichen Heils zu kommen. In alledem erweist sich Otto als anregender, überaus kompetenter Vordenker, von dem noch so manches zu lernen sein dürfte. Einen bescheidenen Beitrag zu diesem Lernprozess wollten die hier angestellten Überlegungen leisten.


Anmerkungen:

1 Die folgenden Ausführungen greifen zurück auf Überlegungen und Formulierungen aus meinen beiden kürzlich erschienenen Arbeiten: W. Pfüller, Rudolf Otto: Das Heilige. Konzeption und bleibende Anliegen eines theologischen Klassikers, in: W. Zager (Hg.), Was ist (uns) heilig? Perspektiven protestantischer Frömmigkeit, Leipzig 2019, 9-45; Ders., »Religionsmessung«? Zur Frage der interreligiösen Bewertung im Gespräch mit Rudolf Otto, in: M. Wriedt u. R. Zager (Hg.), Notwendiges Umdenken (FS Werner Zager), Leipzig 2019, 275-288.

2 Der Reisebericht ist abgedruckt in Th. Dietz/H. Matern (Hg.), Subjekt und Religion, Zürich 2012, 11-48; Zitat: 28.

3 Das Buch erschien zuerst 1917 in Breslau und dann in etlichen Neuauflagen bereits zu Ottos Lebzeiten. Ich verwende hier: R. Otto, Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen. Mit einer Einführung zu Leben und Werk Rudolf Ottos von Jörg Lauster u. Peter Schüz u. einem Nachwort von Hans Joas, München 2014. (Die vorliegende Neuausgabe folgt dem Text von 1936 mit den letzten Korrekturen R. Ottos.) – Die in Klammern stehenden Seitenangaben im Text beziehen sich stets auf dieses Buch.

4 R. Otto, Das Gefühl des Überweltlichen (Sensus numinis), München 1932; Ders., Sünde und Urschuld und andere Aufsätze zur Theologie, München 1932.

5 Ich nenne hier vor allem: West-östliche Mystik. Vergleich und Unterscheidung zur Wesensdeutung, Gotha 1926; Die Gnadenreligion Indiens und das Christentum. Vergleich und Unterscheidung, Gotha 1930; Gottheit und Gottheiten der Arier, Gießen 1932; Reich Gottes und Menschensohn. Ein religionsgeschichtlicher Versuch, München 1933.

6 Gnadenreligion (s. Anm. 5), 3.

7 Vgl. dazu das wichtige, eben in dt. Übersetzung erschienene Buch von P. Schmidt-Leukel, Wahrheit in Vielfalt. Vom religiösen Pluralismus zur interreligiösen Theologie, Gütersloh 2019; vgl. zudem die einschlägigen Bücher von Keith Ward; vgl. auch W. Pfüller, GOTT WEITER DENKEN. Stationen interreligiöser Theologie, Nordhausen 2019 (in Vorb.).

8 Zum Begriff der Divination vgl. Das Heilige (s. Anm. 3), 173, wo Otto definiert: »Das etwaige Vermögen, das Heilige in der Erscheinung echt zu erkennen und anzuerkennen, wollen wir Divination nennen.«

9 Vgl. dazu W. Pfüller, Die Bedeutung Jesu im interreligiösen Horizont, Münster u.a. 2001, bes. 53-62; Ders., Interreligiöse Perspektiven, Berlin 2012, bes. 69-82. 93-99. 147-161; Ders., Ein Gott – eine Religion – eine Menschheit. Visionen und Illusionen einer modernen Weltreligion, Nordhausen 2017, 155-169.

10 Vgl. W. Pfüller, Heil-werden im Ganzen. Eine Studie zum Begriff des Religiösen, Frankfurt/M. u.a. 1999, bes. 11-30 u. 176-191.

11 Vgl. zuletzt W. Pfüller, Sieger und Verlierer. Mohammed und Jesus. Ein kritischer Vergleich, Nordhausen 22016, 126-130.

12 Vgl. meinen in Anm. 11 genannten Versuch.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Dr. theol. habil. Wolfgang Pfüller, Jahrgang 1951, 1986-2001 Dozent mit Schwerpunkt Syst. Theologie in Eisenach, 2001-2003 Schulpfarrer ebenda, 2003-2012 Gemeindepfarrer ebenda, 2012-2015 Ruhephase Altersteilzeit, ab 2015 Pfarrer i.R.; letzte Buchveröffentlichung: Ein Gott – eine Religion – eine Menschheit. Visionen und Illusionen einer modernen Weltreligion, Nordhausen 2017.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2019

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