Zur theologisch-ethischen Relevanz der »Dialektik der Aufklärung«
Dialektik der Menschenwürde oder ein »undialektischer Vorgang«?

Von: Lukas Ohly
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Eberhard Pausch hat in einem Beitrag für das Deutsche Pfarrerblatt (6/2019) die »Dialektik der Aufklärung« von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer als »Sackgasse« beschrieben. Er kritisiert deren Blick auf die Aufklärung als reduktionistisch und stellt beide Autoren mit ihrem so verstandenen anti-aufklärerischen Impetus in eine Reihe mit Nietzsche und Heidegger, aber auch mit dem Theologen Hans Asmussen. Eine solche Interpretation möchte Lukas Ohly nicht unwidersprochen lassen. Dabei will er insbesondere die Leistung dieses Fragments der beiden Philosophen für eine Bestimmung von Menschenwürde und menschengerechter Gesellschaft hervorheben.


Die (Theo-)Logik der Negativität

Eberhard Pausch interpretiert das Buch Dialektik der Aufklärung von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer aus einem formallogischen Positivismus heraus, ohne sich in die Eigenlogik der Dialektik der Aufklärung eingelesen zu haben.1 Er zitiert: »Der Satz, dass die Wahrheit das Ganze sei, erweist sich als dasselbe wie sein Gegensatz, dass sie jeweils nur als Teil existiert«2 und hält diesen Satz für »logisch nicht nachvollziehbar« (305). Das ist er sicher nicht für einen logischen Positivisten, für den das Denken nur in der Rekonstruktion des logischen Gerüstes von Gedanken besteht. Doch schon in den 1920er Jahren hat Ludwig Wittgenstein gegen einen solchen Formalismus angeführt, dass es unmöglich ist, Logik unabhängig von der Pragmatik zu ermitteln. »Hierin schwankt die Umgangssprache sehr, viel mehr als die wissenschaftliche Sprache. Es besteht eine gewisse Freiheit, und das heißt nichts anderes als: Die Symbole unserer Umgangssprache sind nicht unzweideutig definiert.«3

Das obige Zitat aus der Dialektik der Aufklärung weist ebenso wie Wittgenstein auf einen solchen abstraktiven Fehlschluss4 des logischen Formalismus hin, denn »es gehört gerade zur Wahrheit, daß man selbst als tätiges Subjekt dabei ist.«5 Es verwundert daher nicht, dass sich die Frankfurter Schule in konsequenter Weiterführung Adornos und Horkheimers zur Transzendental- (Apel6) oder Universalpragmatik (Habermas7) entwickelt hat und anstelle logischer Fehlschlüsse nun mit Hilfe performativer Widersprüche8 eine Ethik grundgelegt hat.

Auch das Zitat »nur die Übertreibung ist wahr«9, das nach Pausch »den Bezug zur Logik« verliert (305), lässt sich m.E. vor diesem Hintergrund lesen und gegen eine instrumentelle Vernunft in Geltung bringen. Die instrumentelle Vernunft zeigt sich in der kühlen Berechnung des Völkermords der Nazis am jüdischen Volk, den Adorno und Horkheimer thematisieren, nämlich in »der statistischen Erfassung der im Pogrom Geschlachteten«, hinter der das Wesen »verschwindet«10. Doch darin zeigen beide Autoren gerade ihre Emphase für die Aufklärung11, dass in diesem instrumentellen Gebrauch der Vernunft der praktische Gebrauch durchschlägt. Und darin manifestiert sich der humane Charakter der Negativität.

Denn dieses Wesen wird genau so offenbar, dass es »an der genauen Darstellung der Ausnahme, der schlimmsten Folterung, allein zutagetritt.«12 Das ist die Pointe der Negativen Dialektik: Dieses »Wesen« zeigt sich in der Negation. Der geschundene Mensch offenbart sich als der, der nicht dazu bestimmt ist, geschunden zu werden. Mit dieser Entdeckung entdeckt die Dialektik der Aufklärung die Beharrlichkeit des Rechts gegen das Unrecht.

Hier berühren sich Adorno und Horkheimer sogar mit der christlichen Kreuzestheologie. Genauso wie der Hauptmann am Kreuz in dem Moment die Göttlichkeit Jesu erkennt, in der er verschied (Mk. 15,39; Mt. 27,54), wird bei Horkheimer und Adorno rückwirkend das Recht offenbart, indem es gebrochen wird. Dafür steht ein Satz, den der logische Positivist wieder nicht verstehen dürfte, der aber für höchste Humanität bürgt und auch der »Logik« des Evangeliums entspricht: »Es gibt nur einen Ausdruck für die Wahrheit: den Gedanken, der das Unrecht verneint.«13


Die remythisierende Dynamik der Aufklärung

Pausch macht keinen Hehl daraus, dass er die Begriffe aus der Dialektik der Aufklärung nicht aus dem pragmatischen Sinnraum der Autoren bezieht. Die dialektische Mythoskritik wird auf direktem Weg mit Karl Popper und Rudolf Bultmann verglichen (305). Und weil sich Horkheimer und Adorno von diesen beiden Strategen »aufklärerischen Denkens« (305) unterscheiden, gelten sie auch schon als anti-aufklärerisch. Wieder wird nicht gesehen, dass die Dialektik innerhalb der Aufklärung zu suchen ist, nämlich ihre entfesselte instrumentelle Vernunft, die zu den Verbrechen an der Menschheit führen konnte, aber auch die Wiederentdeckung des Rechts via negationis.

Für Horkheimer und Adorno enthält die Aufklärung eine Dynamik der Remythisierung, aber nun »unter dem Titel Gesetzlichkeit«14 Sie führt zu einer »Immanenz des Positivismus«15. Tatsächlich beziehen sich beide Autoren in ihrer Kritik auf die Betonung der syntaktischen16 und Vernachlässigung der semantischen Dimension der Sprache, die im »logische[n] Positivismus«17 eines Rudolf Carnap und, wenn auch in abgewandelter Form, auch eines Karl Popper zur Erscheinung kam. Die Entmythologisierung der Aufklärung, in der »Worte aus substantiellen Bedeutungsträgern zu qualitätslosen Zeichen werden«18, will nun »das Gemeinte vermitteln«19. Die Vermittlung besteht in der logischen Struktur, nicht in den Gehalten. Und indem diese Struktur von Inhalten absieht, schlägt die Entmythologisierung »in Magie zurück«20. Denn wenn nun Strukturen auch unabhängig von Bedeutungen das Gemeinte vermitteln, sind sie die Realität, die sie vermitteln. Während der Mythos durch den »Widerspruch«21 der Verdoppelung durch Schein und Wesen zugleich bestimmt wird22, vollendet die Aufklärung den Mythos in der Identität von Schein und Wesen, die eine neue mythische Verdopplung erzeugt: »Denken verdinglicht sich zu einem selbsttätig ablaufenden, automatischen Prozeß.«23

Pausch stellt die rhetorische Frage, ob etwa der kategorische Imperativ Kants auch unter das Verdikt der Dialektik der Aufklärung fällt (305). Das mag er sich nur schwer vorstellen. Dem Begründungstyp nach jedoch gehört der Prozess der autonomen Selbstgesetzgebung unter ebendiesen Automatismus, der die Aufklärung wieder in eine Remythisierung führt. Genau das kann man beklagen, dass Kants kategorischer Imperativ die Judenvernichtung nicht verhindert hat.

Adorno und Horkheimer befinden sich mit ihrer Kritik an der reflexiven Selbststilisierung der Menschenwürde in guter Gesellschaft. Auch Emanuel Levinas wollte diesen Denktyp überwinden, indem er für die Begründung der Menschenwürde beim Anderen ansetzte.24 In der evangelischen Theologie ist dieser Vorrang des Anderen bei Dietrich Bonhoeffer zu finden.25 Pausch bescheinigt den Autoren der Negativen Dialektik, dass sie bei der ethischen Problemlösung einen »ratlos« (305) zurückließen. Warum stellt er die Frage nach der Lösung nicht der Aufklärung selbst? Gerade Habermas, den Pausch gegen Horkheimer und Adorno in Stellung bringt (306), ist durch die Dialektik der Aufklärung hindurchgegangen26, um Kants praktische Vernunft kommunikationstheoretisch zu erweitern.27


Warum die Dialektik der Aufklärung für Theologen heute bedeutsam ist

Von »Philosophischen Fragmenten«, wie der Untertitel der Dialektik der Aufklärung lautet, muss man nicht erwarten, dass sie die Lösungen schon selbst formulieren. Es reicht aus, dass sie eine Heuristik des Denkens entwickeln. Horkheimer und Adorno haben die Widerständigkeit der Menschenwürde durch ihre Verletzung hindurch erkannt. Sie haben dabei die Macht der Ohnmacht identifiziert, die stärker ist als die Verdinglichung des Menschen. Darin besteht für mich die eigentliche Bedeutung ihrer negativen Dialektik. Dass sie die Parallele zur Kreuzestheologie nicht erkennen, sondern sich mit Einschränkungen28 davon ausdrücklich distanzieren, kann man kritisch gegen sie anführen.29 Das ändert aber nichts daran, diese Heuristik für eine Theologische Ethik ausdrücklich zu empfehlen. Auf nur zwei Anwendungsbeispiele möchte ich hinweisen:

1. Die Dialektik der Aufklärung eignet sich hervorragend als Hermeneutik für die Diskussion um die Flüchtlingspolitik Angela Merkels von 2015. Die Willkommenskultur kann negativ-dialektisch als Strategie der vergeblichen Selbstberuhigung gelesen werden: »Der Versuch, durch Minoritätenpolitik und demokratische Strategie die äußerste Bedrohung abzuwenden, ist zweideutig. … Ihre Ohnmacht zieht den Feind der Ohnmacht an.«30 Hatte man also 2015 noch versucht, den Flüchtlingszuzug als ökonomisch willkommene Migration zu rechtfertigen, so konnte die euphorische Stimmung der Willkommenskultur dadurch nicht stabilisiert werden. Denn ökonomische Aspekte reichen nicht aus, um den Widerstand gegen die Überfremdung zu brechen: »Daß die Demonstration seiner Vergeblichkeit die Anziehungskraft des völkischen Heilmittels eher steigert als mildert, weist auf seine wahre Natur: es hilft nicht den Menschen, sondern ihrem Drang nach Vernichtung.«31 Bei alledem behalten Horkheimer und Adorno die Denkform der negativen Dialektik bei, im geschundenen Menschen die Macht des Rechts zu identifizieren, vor Schändung geschützt zu werden. »Heimat ist das Entronnensein.«32 Erst über die Negation der Gefährdung bildet sich Heimat: als die, die verlorengegangen ist. Schon einmal gehört? Die exilisch/nachexilische Theologie des AT hat es nicht anders gesagt und auch nicht eine eschatologisch ausgerichtete Ekklesiologie: »Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir« (Hebr. 13,14).

2. Adorno und Horkheimer erweisen sich als ausgesprochen hellsichtig in ihrer Ahnung für das, was sich heute unter dem ungenauen Stichwort »Digitalisierung« vereint. Die Vermessung des Menschen nach einem digitalen Muster führt zu einer Zensur33, der auf Seiten des Users ein Rausch34 an den Bildwechseln entspricht. In der Beschreibung dieser »Hyperrealität« (Baudrillard) ist gerade keine anti-aufklärerische oder gar wahrheitsdekonstruierende Motivation im Spiel. Vielmehr wird der Mechanismus der Fake-News gerade aufgeklärt – um zugleich die Hilflosigkeit an dieser Aufklärung zu erkennen: »Weil es kein absolut zwingendes Argument gegen material-falsche Urteile gibt, lässt die verzerrte Wahrnehmung, in der sie geistern, sich nicht heilen.«35 Die »Lösung«, die Pausch sucht und bei beiden Autoren hätte finden können, ist dialektisch: Auch wenn es dem User (dem »Beschädigten«) so vorkommt, »als ob die Wahrheit phantastisch und seine Illusion die Wahrheit sei«36, lässt er sich doch immerhin als Beschädigter identifizieren, vor den sich das Recht stellt, nicht beschädigt zu werden.


Fazit

Von diesen Beobachtungen her scheint es so, dass Pauschs Perspektive zu den Symptomen gehört, auf die sich die Dialektik der Aufklärung bezieht. »Ein ganz und gar undialektischer Vorgang« (306) soll nach Pausch der humanistische Fortschritt sein, ein Automat der selbstreflexiven, sich selbst bestätigenden, syntaktischen und inzwischen auch digitalen Vernunft. Die Theologie ist gut beraten, die Phänomene der Humanität in ihrem Gebrochensein zu analysieren anstatt mit ihrer Fortschrittsemphase darüber hinwegzugehen. Sie könnte sonst selbst überrollt werden. Im Gegensatz zum fortschrittsoptimistischen Historiker Steven Pinker, auf den sich Pausch bezieht (306), befürchtet ein anderer Historiker, Yuval Noah Harari, dass demokratische Mitbestimmung nicht mehr nötig sein wird, wenn der zur Reflexivität perfektionierte Automat uns besser kennt als wir selbst.37


Anmerkungen:

1 E.M. Pausch: Ein »D-Day« für die Aufklärung. Warum die These von der »Dialektik der Aufklärung« ihr Ziel verfehlt; DPfBl 6/2019, 304-307. Auf Seitenzahlen dieses Artikels wird direkt im Haupttext verwiesen.

2 M. Horkheimer/Th.W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente; Frankfurt/M. 201321, 261.

3 Wittgenstein und der Wiener Kreis. Gespräche, aufgezeichnet von Friedrich Waismann (Werkausgabe Bd. 3); Frankfurt/M. 1984, 47.

4 K.O. Apel: Transformation der Philosophie. Bd. 2: Das Apriori der Kommunikationsgemeinschaft; Frankfurt/M. 1976, 409.

5 M. Horkheimer/Th.W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, 261.

6 K.O. Apel: Transformation der Philosophie. Bd. 2, 409.

7 J. Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 1; Frankfurt/M. 1988, 375.

8 K.O. Apel: Transformation der Philosophie. Bd. 2, 409. J. Habermas: Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln; Frankfurt/M. 19925, 99ff, 109ff.

9 A.a.O., 126.

10 Ebd.

11 Beide bekämpfen die »Selbstzerstörung der Aufklärung« (M. Horkheimer/Th.W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, 3), nicht die Aufklärung selbst.

12 A.a.O., 126.

13 M. Horkheimer/Th.W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, 229.

14 A.a.O., 18.

15 A.a.O., 22.

16 Zur Kritik am syntaktischen Reduktionismus s. P. Janich: Was ist Information? Kritik einer Legende; Frankfurt/M. 2006, 44f.

17 A.a.O., 127.

18 A.a.O., 173.

19 Ebd.

20 Ebd.

21 M. Horkheimer/Th.W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, 21.

22 Ebd.

23 M. Horkheimer/Th.W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, 31.

24 E. Levinas: Die Spur des Anderen. Untersuchungen zur Phänomenologie u. Sozialphilosophie; Freiburg/München 19994, 328.

25 D. Bonhoeffer: Sanctorum Communio. Dogmatische Untersuchung zur Soziologie der Kirche; München 1986 (DBW 1), 31.

26 J. Habermas: Erkenntnis und Interesse; Frankfurt/M. 19732, 81.

27 J. Habermas: Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln, 77.

28 M. Horkheimer/Th.W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, 188.

29 L. Ohly: Eigentum und Recht in der Flüchtlingsdebatte; ETHICA 24/2016, 291-309, 301f.

30 M. Horkheimer/Th.W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, 178.

31 A.a.O., 179.

32 A.a.O., 86.

33 A.a.O., 91.

34 A.a.O., 113.

35 A.a.O., 202.

36 A.a.O., 203.

37 Y.N. Harari: Homo Deus. A Brief History of Tomorrow; London 2017, 394, 435.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Lukas Ohly, Professor für Syst. Theologie mit Schwerpunkt Theol. Ethik und Religionsphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt, Gemeindepfarrer der EKKW; Forschungsschwerpunkte: Grundlegung der Ethik sowie Ethik an der Schnittstelle von Biotechnologie und Informationswissenschaften (Transhumanismus, Künstliche Intelligenz).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2019

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Wo soll's denn hingehen?
Strategien der Kirche in Zeiten anhaltender Kirchenaustritte
Artikel lesen
Eine »zeitgemäße Reich-Gottes-Theologie«?
Zu einer aktuellen Interpretation von Christoph Blumhardts Hoffnung auf das Reich Gottes
Artikel lesen
Religion ohne Gott – was dann? (II)
(M)eine Suchbewegung
Artikel lesen
Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen
Wandlungen der Familie
Zur Erinnerung an Claus Westermann zum 110. Geburtstag
Artikel lesen
Fälscher der Heiligen Schrift
Wie Martin Luther nach seiner Revolution zum Ketzer wurde
Artikel lesen
Warum hat Er gepflanzt?
Versuch über die Theodizeefrage
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!