13. Oktober 2019, Josua 2,1-21
17. Sonntag nach Trinitatis

Von: Tabea Rösler
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Glaube macht frei und verändert Beziehungen


Erinnerung an Flucht und Neuanfang

Bei einer Frau aus unserer Kirchengemeinde bin ich zum 99. Geburtstag eingeladen. Gerda ist noch rüstig und lebt allein in ihrer Wohnung. »Nun setz Dich erst man hin«, sagt sie, während sie den Kaffee kocht und den Tisch deckt. Dann beginnt Gerda zu erzählen. In Polen ist sie geboren, in den sog. deutschen Kolonien. Als der Krieg ausbricht, flieht die Familie zurück nach Deutschland. Gerda wird Zwangsarbeiterin in der Landwirtschaft. Mit Anfeindungen und Gewalt hat sie zu kämpfen, da die Bevölkerung sie als Ausländerin stigmatisiert. Zuflucht findet Gerda auf einem Hof in Heiligenrode. Dort lernt sie auch ihren zukünftigen Mann Erwin kennen, ebenfalls Zwangsarbeiter. Der Landwirt und seine Frau haben ihre zwei Söhne im Krieg verloren. Sie schließen Gerda und Erwin in ihr Herz wie ihre eigenen Kinder. Als die beiden jungen Leute heiraten, näht die Landwirtsfrau Gerda das Hochzeitskleid und Erwin trägt den guten Anzug des Bauern. Ihre Familie sehen Gerda und Erwin durch die Kriegswirren nie wieder, doch haben sie in Heiligenrode in unserer Kirchengemeinde eine neue Heimat gefunden.


Die Hure Rahab als Lebensretterin

»Rahab« heißt »die Wilde«. Rahab ist eine couragierte, tatkräftige Frau. Sie handelt schlau, vorhersehend und risikoreich. Sie gewährt zwei von Josua beauftragten Spionen Unterschlupf und versteckt sie unter Flachsstängeln auf ihrem Dach. Sie täuscht die Gesandten des Königs von Jericho und schickt die Männer in die Irre. Mit den Spionen Josuas handelt sie einen »Deal« aus, der sie selbst und ihre Familie beschützt und den Männern den Rücken deckt. Rahab vertraut dem Gott Israels, der sein Volk aus Ägypten befreit hat. Ihr Glaube befähigt sie, sich selbst und andere zu retten.

So wie Gerda und Erwin als Ausländer stigmatisiert und in ihrem Land als Zwangsarbeiter gewaltsam ausgenutzt werden, so steht auch die wilde Rahab am Rand der Gesellschaft. Sie ist Hure – und welcher ordentliche Mensch will schon mit dieser Frau aus dem Rotlichtmilieu Jerichos Kontakt haben? Außerdem hat sie keine Angst, für ihre Sache zu kämpfen und mit Männern auf Augenhöhe zu reden – was Frauen wie Männern in der patriarchalen Gesellschaft ein Dorn im Auge ist.


Der Glaube verändert Beziehungen

Gerda, Erwin und Rahab sind Fremdkörper in ihrer Gesellschaft. Sie passen nicht in das allgemeine Schema. Spannend ist nun, wie sich in beiden Geschichten Beziehungskonstellationen verändern. Bei Gerda und Erwin bringt die praktische Nächstenliebe des Landwirtsehepaars den Durchbruch, so dass die jungen Leute nicht nur Teil einer neuen Familie, sondern auch ihrer Ortschaft und Kirchengemeinde werden. Rahab verfügt über prophetische Hellsicht, deren Kraft sich aus dem Glauben an den Gott Israels speist (Jos. 2,9ff). Sie ergreift in der Begegnung mit den Spionen Josuas die Initiative, sie nagelt die Männer auf den jüdischen Glauben fest, sie besiegelt mit dem Schwur die Rettung für sich und ihre Familie. Als Hure gilt sie in der Gesellschaft als unrein und sündig. Dank ihres prophetischen Handelns wird sie zur Retterin.

Bei Gerda, Erwin und Rahab entwickeln sich Beziehungen durch den Glauben. Anfängliche Notlagen wandeln sich in Situationen des Glücks und der Rettung. »Alles wirkliche Leben ist Begegnung.« (Martin Buber). Wo Menschen aufeinander zugehen, sich wahrnehmen und füreinander öffnen, weht Gottes Heiliger Geist. Vermutlich ist es kein Zufall, dass das Seil, welches als Treue- und Friedenszeichen eingesetzt wird, rot ist (Jos. 2,18ff). Rot ist die Farbe des Blutes, durch welches Verräter gerächt werden. Rot ist auch die Farbe der Liebe und (in der Kirche) des Heiligen Geistes.


Im Gottesdienst eigene Erlebnisse teilen und einander zuhören

Gerdas Geschichte, die sie mir beim Geburtstagsbesuch erzählt, ist spannend, lehrreich und auch lustig anzuhören. Auch die Ereignisse rund um die wilde Rahab wären für jeden guten Krimi geeignet. Ich bin mir sicher, dass in unseren Gemeinden Menschen ebenso hörenswerte Geschichten zu erzählen haben. Treten wir mit Seniorinnen und Senioren oder geflüchteten Menschen in Kontakt. Ermutigen wir sie, im Gottesdienst ihre persönliche Geschichte zu erzählen. Hören wir, wie Gott auch heute in unserer Mitte mit der Hilfe liebenswerter, wilder Frauen Begegnung schafft.


Tabea Rösler

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2019

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