Betrachtungen zum Thema »Glaube und Humor«
»Die Welt ist mir ein Lachen«

Von: Ulrich Tietze
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Humor ist ein Schlüssel des Menschlichen; deshalb ist er auch überlebensnotwendig. Das Judentum birgt einen Schatz an Humor, der in dieser Form wohl in keiner anderen Weltreligion zu finden ist – auch im Christentum nicht, obwohl es sich auf Jesus beruft, und dieser Sprössling jüdischen Glaubens durchaus mit Humorvollem in seinen Predigten und Gleichniserzählungen aufzuwarten hat. Ein Streifzug von Ulrich Tietze.

 

 

 

Ein Stein in der Wüste

Mit einer bayerischen Gruppe war ich unterwegs im Sinai. Wir durchquerten diese faszinierende Landschaft mit ihren unzähligen Steinen und Felsen, mit den Palmen und dem getrockneten Holz, das sich bestens fürs abendliche Lagerfeuer verwenden ließ. Varianten aller Art waren insbesondere mit Blick auf die Steine erkennbar – plötzlich sahen wir einen, der einem Schaukelpferd glich. Einer von uns setzte sich darauf und lud uns ein, seinem Beispiel zu folgen. Und nur ein kleines Stück dahinter wartete eine besondere Überraschung auf uns: ein Stein, deutlich größer und vor allem breiter als ein ausgewachsener Mensch, lag rechts von unserem Weg. Ein Stein, der so deutlich die Form eines menschlichen Gesäßes hatte, das wir alle lauthals lachen mussten.

Der gesamte Rest dieses Tages war von Fröhlichkeit bestimmt. Und ich, damals noch als Gefängnisseelsorger tätig, fühlte mich bestätigt in meinem zentralen Glaubenssatz: »Gott hat Humor.« (»Einen gelegentlich sehr schrägen«, betonte gern meine damalige Lektorin im Lutherischen Verlagshaus.) Mein Credo wurde entscheidend auch durch die gelegentlich sehr komischen Absurditäten im Gefängnis geprägt – und es gilt für mich noch heute.

Passt das zusammen – Glaube und Humor? Im Judentum bekanntlich ja. Aber in unseren Kirchen? Bemerkenswert in Zeiten sich immer mehr leerender Kirchen und größter Bedenken, was die Zukunft angeht: anders als unsere Gottesdienste haben Kirchenkabaretts weiterhin Zulauf. Hier oder da wurden sogar bereits Stellen für Begabte eingerichtet mit dem Ziel, humorvoll in Gemeinden und kirchliche Einrichtungen hineinzuwirken.

Dieser Beitrag soll das Thema von verschiedenen Aspekten her beleuchten. Dabei geht es mir, auch wenn der eine oder andere Witz vorkommt, keineswegs in erster Linie um Witze. Es soll um Humor gehen. Das ist nur manchmal deckungsgleich.

 

Dichter und Denker zum Thema »Humor«

Er war ein Schriftsteller mit erheblichem Einfluss und beachtlichem Können; das attestierten ihm auch viele Gegner. Aber ihm, Hermann Hesse, fehlte etwas Entscheidendes: der Humor. Zu seinem 50. Geburtstag gab es viele Gratulationen und manche Ratlosigkeit, die seine Bedeutung freilich nicht schmälerte. Eine einzige Gratulation nannte sein Manko: den fehlenden Humor. Kurt Tucholsky kommentierte das mit »Ave« und definierte dann, für mich immer noch gültig und glänzend formuliert, den Humor so: »Humor: dass, nachdem man tapfer gewesen ist, alles nicht so schlimm ist. Dass es von oben reichlich unsinnig aussieht, was wir hier aufführen.«* Spannend an diesem Aufsatz ist nicht zuletzt: Tucholsky betont die Notwendigkeit aller humanistischen Arbeit und des Kampfes gegen Krieg, Diktatur usw. eher noch mehr als Hesse. Aber er bringt den Aspekt hinein, dass man es mit dem Ernst auch übertreiben kann. In diesem und anderen Texten bleibt er hoch aktuell.

Andere Definitionen für Humor, etwa von der amerikanischen Schauspielerin Melissa McCarthy: »Humor ist der Schlüssel, um menschlich zu sein.« Oder Friedl Beutelrock: »Humor ist: mit einer Träne im Auge lächelnd dem Leben beipflichten.« Kühn, ja fast waghalsig Jean Paul: »Humor ist überwundenes Leiden an der Welt.« Und für diesen Beitrag von besonderer Bedeutung Martin Buber: »Humor ist der Milchbruder des Glaubens.« Der jüdische Humor, für mich oft unübertrefflich, soll später eine spezielle Würdigung erfahren.

Was ist Humor? Er hat mit Lachen zu tun, auch mit Lächeln und mit Schmunzeln. Aber nur sehr begrenzt mit Witzen. Darf er taktlos sein? Darf er, darf die Satire alles, wie Tucholsky vor Jahrzehnten forderte und konstatierte?

Es ist ein Gemeinplatz, dass in den Diktaturen der Welt das Lachen der Beherrschten gefürchtet wird – gleichgültig, welche konkrete Ideologie an der Macht ist. Diktatoren fürchten immer, ausgelacht zu werden. Goebbels einst: er habe nichts gegen Humor – nur sei das, was seine Gegner aufbrächten, leider keiner. (Das erinnert, scheint mir, an gewisse AfD-Reaktionen angesichts von satirischen Attacken.)

Lachen ist heilsam. Lachen hilft. Aber sind Humor und Lachen gleichzusetzen? Für mich ist Humor – im Anschluss an Tucholsky – eher eine Lebenshaltung. Das verbindet ihn aus meiner Sicht mit Glauben, sofern dieser kein Nachbeten und anschließendes Abhaken bestimmter Sätze und Dogmen ist. Vielleicht kann die Haltung, die ich meine, in aller Vorläufigkeit so beschreiben werden: grundsätzlicher Respekt und eine gewisse Leichtigkeit – und beides miteinander verbunden.

 

Humor und Bibel – ein schwieriges Kapitel

Die Bibel, Grundlage jüdischen wie christlichen Glaubens (ich muss die Unterschiede hier nicht herausheben und thematisieren, jeder Leser, jede Leserin weiß, was ich meine), ist ein relativ ernstes Buch. Ironie, Sarkasmus und allgemein humorvolle Sentenzen fehlen in ihr nicht vollständig, aber sie sind in zahlreichen Fällen erst mühsam zu suchen und nicht immer zu entdecken.

Manchmal geht der Versuch, die Bibel »locker« zu betrachten und zu übersetzen, in fataler Weise daneben. In extrem schlimmer Weise ist dies in der weithin verbreiteten, aber zum Glück immer umstritten gebliebenen »Volxbibel« der Fall. Begriffe wie »geil«, »voll fett« und auch – Entschuldigung – »Scheiße« müssen als misslungene Versuche dafür herhalten, Jugendlichen und Distanzierten die Bibel nahezubringen. Gründlich misslungen! Und auch eine Anpassung, die ernsthaft keinen jungen Menschen dazu bringen kann, wirklich dieses Buch kennenlernen zu wollen. Ich bin davon überzeugt, dass dies nur in extrem seltenen Fällen gelingt. Und es wird kaum jemals nachhaltig wirken, zumal die »Volxbibel« auch da, wo sie Vulgäres und Primitives in der Sprache vermeidet, die biblische Botschaft nicht trifft. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter etwa geht es eben nicht um »asoziale Hooligans«, sondern um Räuber (möglicherweise gar Zeloten) – das versteht noch heute jeder, und es bedarf keiner modischen Anpassung.

In der Bibel gibt es zwei Stellen, die angeblich Witze beinhalten: 1. Sam. 21,11-15, ferner 2. Sam. 6,16.20-23 und im Zweiten Testament ein Satz des Paulus in Gal. 5,12. In beiden Fällen jedoch ist für uns heutzutage das vielleicht einmal Witzige kaum noch erkennbar. Es stimmt wohl: auch Witze haben ihre Zeit! Unbestreitbar ist jedoch, dass maßlose Übertreibungen – in gewisser Hinsicht das Handwerkszeug eines jeden Karikaturisten – sich z.B. in der Jesus zugeschriebenen Verkündigung durchaus finden.

Wenn an dieser Stelle nach dem grundlegenden Verhältnis von Glaube bzw. Religion und Humor gefragt werden soll, so kann die Bibel trotz allem nur begrenzt als Beleg herangezogen werden. Anders ist es, wie noch ausführlich darzustellen sein wird, mit dem jüdischen Humor; manches davon erinnert auch an Jesus, den jüdischen Wanderprediger.

Tucholsky formulierte mit Blick auf Humor: »dass es von oben reichlich unsinnig aussieht, was wir hier aufführen.« Er war tatsächlich »kein patentierter Freidenker«, wie er in seinen »Briefen an eine Katholikin« schreibt, sondern ein Suchender. Sein »von oben« könnte so verstanden werden, dass es noch eine andere Blickrichtung gibt als die rein irdische.

Wenn ich an die Existenz Gottes glaube – und zwar so, dass dieser Gott sich zumindest zeitweise ansprechen lässt –, so verändert sich meine Perspektive des Lebens, des eigenen und des fremden. Glaube gehört, in welcher Form auch immer, zu uns Menschen. Und wenn er nicht dogmatisch überlagert, sozusagen verbiestert, ist, gehört zu ihm auch der Humor. Das Judentum ist der wohl tiefste Beweis dafür. Glaube ist die Hoffnung über die aktuelle Erfahrung hinaus. Er ist hoffentlich mindestens so sehr die gelebte Liebe zu allem Lebendigen. Und er ist der Blick über das Sichtbare hinaus. Erich Kästner, der in einem Epigramm Humor als »Regenschirm der Weisen« definiert, sagt über ihn an anderer Stelle: »Der Humor lehrt uns die wahre Größenordnung. Er macht die Erde zu einem kleinen Stern, die Weltgeschichte zu einem Atemzug und uns selbst bescheiden.« Mir ist dieser Zugang sehr nahe.

Das, was ich mit vielen tastenden Schritten vom Judentum erfahren und gelernt habe, hat viel mit Humor zu tun, mit dem »Milchbruder des Glaubens«, wie Martin Buber sagte.

 

Humor und Selbstironie im Judentum – leise, weise und genau

Humor – wer wollte von sich sagen, ihn nicht zu haben? Mit der Selbstironie ist es schon sehr viel schwieriger. »Einen seltenen Artikel« nannte Kurt Tucholsky sie. Beides aber findet sich im Judentum in einem beachtlichen Maße, wohl noch deutlich mehr als in anderen Religionen (wenn auch gern und immer wieder behauptet wird, das Christentum sei empfänglich für Humor – mir erscheint das oft zweifelhaft). Eine viel Humor, auch Witz beinhaltende Sammlung wie Bubers »Chassidische Geschichten« kann ich mir in den anderen Weltreligionen nicht vorstellen.

Jüdischer Humor – oft auf eine leise Art zugleich weise. Vielleicht ist das Phänomen der Lenkung von Menschenmassen, auch auf den Auslöser bezogen, nie so schön humorvoll beschrieben worden wie in dieser jüdischen Geschichte:

»Der alte Mosche sitzt vor seinem Haus und langweilt sich. Ein Bekannter geht vorbei. Mosche ruft ihm zu: ›Auf dem Marktplatz tanzt ein Lachs!‹ Schon ist der Angesprochene dorthin unterwegs. Er ruft die angebliche Nachricht anderen zu. Alle gehen sie zum Marktplatz. Mosche dreht sich zu seiner Frau um und sagt ihr: ›Ich gehe auch. Nachher tanzt auf dem Marktplatz wirklich ein Lachs!‹«

Und wenn Rechthaberei in Glaubensfragen uns begegnet (je mehr Evangelikale und Fundamentalisten die Diskussion bestimmen, umso mehr wird zwangsläufig die Rechthaberei vertreten sein), ist vielleicht die beste Antwort darauf diese jüdische Anekdote: »Ein Jude erzählt einem anderen: ›Unser Rabbiner ist so fromm – jeden Donnerstag spricht er sein Morgengebet, und dann kommt Gott selbst zu ihm, um mit ihm zu frühstücken.‹ Sein Gegenüber fragt: ›Woher weißt du das?‹ ›Ja‹, sagt der Erzählende, ›das hat unser Rabbiner mir selbst erzählt.‹ ›Und woher willst du wissen, dass es stimmt?‹ Voller Empörung wird ihm die Gegenfrage gestellt: ›Ja, meinst du denn, Gott würde mit einem Lügner frühstücken?‹«
 
Für mich sind diese Geschichten sehr viel mehr als Witze, auch noch etwas sehr anderes. Es sind humorvolle, eher zum Schmunzeln als zum lauten Lachen anregende Anekdoten, Erzählungen, in pointierte Form gebrachte tiefe Einsichten. Warum hat das Christentum so wenig aus dieser reichen Tradition geschöpft? Vielleicht liegt eine Teil-Antwort in dem, was mir mal ein Strafgefangener sagte, nachdem ich ihm eine Bibel (»Aber bitte: mit beiden Teilen, auch mit dem Ersten Testament!«) gegeben hatte. »Wissen Sie«, sagte er mir, »im Ersten Testament gibt es so viele verschiedene Antworten und Zugänge. Im Zweiten wird die gesamte Weltgeschichte von Jesus her und auf ihn zu gedeutet. Das ist mir zu eng.« Dieser – katholische – Gefangene hat, ohne es wohl zu wissen, einen wesentlichen Punkt erfasst. Spannend ist zudem, dass die theologische Forschung seit vielen, vielen Jahren weiß: Jesus war und blieb Jude, hatte nicht vor, eine neue Religion zu gründen, hat nicht einmal eine Kirche ins Leben gerufen. Und gerade in seinen humorvollen Worten und Predigten hat er die Tradition des Humors aus dem Judentum aufgenommen und weitergeführt. Wie im Judentum gehörte der liebevolle Blick auf die Schwächen des Menschen bei ihm dazu.

Ein Beispiel noch für diesen liebevollen Blick:
»Ein Jude beklagt sich bei seinem Rabbi: ›Mir ist der Regenschirm gestohlen worden. Was soll ich tun?‹ Der Rabbi rät ihm: ›Lade all deine Angehörigen zu Kaffee und Kuchen ein. Und nach dem Essen und Trinken liest du die Zehn Gebote vor. Wenn das Gebot ›Du sollst nicht stehlen‹ kommt, blickst du ganz schnell hoch. Wer dann errötet, hat deinen Schirm gestohlen.‹ Ein paar Tage später trifft der Jude seinen Rabbi wieder und sagt: ›Ich habe es so gemacht, wie du gesagt hast. Und als ich das Gebot ›Du sollst nicht ehebrechen‹ las, fiel mir ein, wo ich den Schirm vergessen habe.‹«

Humor als der »Milchbruder des Glaubens« (Martin Buber, in manchen Quellen wird dieses Wort auch seinem Freund Franz Rosenzweig zugeschrieben) – für mich gültig und fast genial formuliert. Buber ergänzte: »Glaube allein macht bigott. Humor allein macht zynisch. Glaube und Humor zusammen aber ergeben jene rechte Haltung, mit der das Leben zu bewältigen ist.«

Wenn wir als Christen und als Kirche auf Jesus schauen, so dürfen wir dabei den Blick ebenso auf unsere älteren Geschwister richten – auf das Judentum. Es ist beeindruckend, wie da unglaubliche Leidenserfahrungen auch durch den Humor bewältigt wurden.

 

Humor bei Jesus – Einladung und Paradoxie

Schwierig nach wie vor die Frage: Was ist authentisches Jesus-Gut, was wurde später formuliert? In der Forschung hat sich längst die Auffassung durchgesetzt: Wesentliche Teile der überlieferten Gleichnisse stammen von Jesus, und auch in der Bergpredigt spricht der Nazarener. Hierzu gleich zwei Beispiele, die vielleicht auch heute noch sprichwörtlich sind: »Der Balken im Auge« – ein Bild, das jeden Karikaturisten inspirieren kann. Und »Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr« – ein pointiertes Bild.

Dem Humor verwandt ist oft das Arbeiten mit absurden Behauptungen und Schilderungen. Absurditäten, jedenfalls nach unserem Verständnis, finden sich in mehreren Gleichnissen Jesu. Einer verkauft für eine Perle alles, was er besitzt (Mt. 13); ein schlimmer Betrüger wird für seine Klugheit gelobt (Lk. 16), obwohl sein Handeln einfach verwerflich ist. Ein ganzes Buch zum Thema ist seinerzeit erschienen mit dem hübschen Titel »Unmoralische Helden« – da werden die wohl authentischen Gleichnisse Jesu auf eigenwillige und zugleich in hohem Maße berechtigte Art interpretiert, nämlich eben nicht als moralische Anleitungen.

Auch da, wo Paradoxie bei Jesus ausbleibt, finden sich Züge, die vom Verständnis des Humors im Sinne Tucholskys durchaus geprägt sind. Lk. 15 bringt drei Gleichnisse, die vom Verlieren und Wiederfinden erzählen. Da wird am Ende ohne Ausnahme gefeiert und sich gefreut, da gibt es Fröhlichkeit. Im Sinne Kurt Tucholskys, nicht der Stammtische, finde ich hier durchaus humorvolle Züge vor.

Ein späteres Stadium sind die vor allem mahnenden und auch drohenden Parabeln und Gleichnisse. Insgesamt fehlt hier das Einladende, und die Forschung hat längst die urchristliche Gemeinde als Urheber solcher Texte herausgefunden. Sie hatte Gründe für ihre Sicht. Aber vom historischen Jesus und seiner Botschaft ist das meist weit entfernt.

Jesus lud ein zum Feiern. Kurt Marti äußerte einmal den Gedanken, dass Jesus, der mit allen möglichen und unmöglichen Menschen zusammensaß – sehr oft mit Außenseitern der Gesellschaft! –, der als »Fresser und Weinsäufer« tituliert und beschimpft wurde, auch gelegentlich herzlich gelacht haben müsse. Noch einmal: Jesus war Jude. Zum Judentum gehörte immer auch der Humor. Das von Jesus verkündigte Reich Gottes, der Ort auch gelebter Fröhlichkeit, blieb bekanntlich aus – stattdessen kam Kirche. Fröhlichkeit fand in ihrer Geschichte eher selten statt.

Als der ntl. Kanon längst zusammengestellt war, erschien als eine Art »Nachklang« u.a. noch das »Judas-Evangelium« (sicher nicht vor Mitte des 2. nachchr. Jahrhunderts abgefasst). Da ist gleich zu Beginn eine Szene enthalten, in der Jesus seine Jünger bei der Einübung von Frömmigkeit vorfindet und herzlich lacht. Auch im Gespräch mit Judas lacht er. Das sind alles keine historischen Berichte. Aber offenbar gab es doch früh die Vorstellung, Jesus habe das Lachen geschätzt und praktiziert.

Nicht alle Versuche, Jesus und das Lachen zusammenzubringen, scheinen mir gelungen. Zum Leben des Nazareners gehört das Leid mindestens so sehr wie alles, was mit Lachen zu tun hat. Aber es darf daran erinnert werden, dass Dorothee Sölle davon ausging, Jesus sei der glücklichste Mensch gewesen, der jemals auf der Erde gelebt hat. Mir scheint es berechtigt, Glück mit einem Lächeln in Verbindung zu bringen, das oft die Vorstufe oder der erste Schritt zum herzlichen, befreienden Lachen ist. Hat Jesus gelacht? Warum sollte er es nicht getan haben? Wer so auf die Liebe Gottes vertrauen kann wie der Nazarener, ist kein unglücklicher Mensch. Vielleicht ist die Jesus-Deutung von Dorothee Sölle ganz nahe an seiner Wirklichkeit.

Wenn er Humor hatte – ich gehe davon aus – und diesen Humor gern mit anderen teilte, so mag das Wort von Kurt Marti gelten: »Das Lachen Jesu lebt dort, wo Menschen im gemeinsamen Leiden miteinander solidarisch geworden sind.« Ja, so könnte es sein. Und es wäre, wenn es zu zuträfe, alles andere als banal und als selbstverständlich. Wenn das Leiden auf der Welt, das niemals komplett überwunden werden kann, von uns mit Solidarität und auch mit humorvollem Einsatz für die Leidenden beantwortet würde, so käme ein Zug der Hoffnung in die Welt, den wir dringend brauchen. Und die Rechthaberei, so oft die Schwester des Glaubens, verlöre an Bedeutung. Das alles könnte Türen hin zu den Menschen öffnen, die Glauben und Kirche überwiegend als humorlos, verbissen und verbiestert erlebt und sich deshalb davon weit entfernt haben.

 

Kirche und Kabarett – Begeisterung und Protest

Kein Kirchentag ohne sie: Kabarettgruppen und Einzel-Interpreten, mal mit mehr humoristischen und oft auch mit bitterbösen satirischen Texten. Vom höchsten Norden unseres Landes bis in den tiefsten Süden gibt es das Phänomen: die Gottesdienste sind oft leer, die Gemeinderäume bei Kabarettveranstaltungen brechend voll. Viele Namen könnten da genannt werden: »Die Kneifer« aus Hamburg, »Schwester und Bruder GmbH« aus dem Ruhrgebiet, »Die Schnabeltasse« aus Neuss, »Die Kreuztreter« aus Mülheim, »Das weißblaue Beffchen« aus Bayern. Manche haben sich aufgelöst, Mitglieder der Ensembles machten jedoch oft solo weiter. Manche gibt es seit Jahrzehnten.

Vor gut 20 Jahren gründeten Pastorinnen und Pastoren, darunter auch ich, in Lüneburg ein Kabarett, für das eine der Mitwirkenden den schönen Namen »Die Talartisten« erfand. Sieben Jahre lang spielte, sang und tourte diese Gruppe primär in Lüneburg, aber auch in Recklinghausen, in der Nordheide, in Walsrode, in Bad Fallingbostel, in Hahnenklee und sogar in Bayreuth. Immer waren die Säle voll – wie bei anderen Kabaretts auf Kirchenbühnen.

Aber wir mussten auch erfahren, dass es strikte Ablehnung gab. Nach der Aufführung des zweiten Programms »Mensch sein klont sich«, das erheblich bissiger war als das erste (»Sie haben nicht wenige Fans verloren«, sagte mir eine Seniorin aus Lüneburg, die ich jahrelang seelsorgerlich betreute), beschwerte sich eine Besucherin beim Landeskirchenamt: so böse Sachen dürften Pastoren doch nicht von sich geben! Das LKA (von uns in einem späteren Programm mit »Liebe kann alles« übersetzt) schrieb den zuständigen Superintendenten an, er möge »mäßigend« auf die »Talartisten« einwirken. Die Gruppe jedoch hielt es mit dem Motto: »Lieber gute Satiren als mäßige« – und machte so weiter wie bis zu diesem Protest. Spannend: Bei einem Gastspiel in Recklinghausen gab es genau die gegenteilige Reaktion: der gastgebende Pastor schrieb den »Talartisten« später, einigen Besuchern seien die Texte »nicht scharf genug« gewesen. »Liegt das daran, dass Sie alle noch im kirchlichen Dienst aktiv sind?«, fragte er.

Wir fanden unsere Texte durchweg sehr kritisch; reine Unterhaltung gab es daneben natürlich auch. Aber Glaubensthemen waren tabu. Auch über Themen, die durchaus satirische Behandlung brauchen können – Jungfrauengeburt oder Jüngstes Gericht –, machten wir keine Szenen und Lieder. Die Kirche hier und jetzt kam dagegen oft nicht gut weg. Ein kirchliches Gremium, so stellten wir es einmal dar, konnte sich durchaus auf den Slogan »Kriege gab’s seit eh und je – drum mit Gott und MBB!« einlassen. Auch das Projekt »PENG« (Pastoren-Einsatz in Notstands-Gebieten) zur Zeit des Kosovokrieges sorgte für manches Stirnrunzeln im Publikum, insbesondere die Verabschiedung des interviewten Pastors »Bruno Biegsam«, der die Szene mit den Worten »Das Heer sei mit euch!« beendete. Aber Kabarett darf und muss auch bissig auf den Punkt bringen, was kritisch anzumerken ist.

Ein letztes Beispiel aus den »Talartisten«-Jahren: Im Solo »Nur ein kleiner Buchstabe« verdeutlichte der vortragende Autor, dass in der Kirche »Leiden« oft viel besser funktioniert als »Leiten« – Wortspiele wie »Leidet ein Leiter an der Leitung, dann meidet ein Leiter die Leitung. Und wenn ein Leiter die Leitung meidet, dann scheitert ein Leiter leider oft in der Leitung … ein leidender Leiter schafft leidende Neider« sorgten für Zwischenapplaus und sind bis heute aktuell geblieben.

In Loccum führte ein »Talartist« sogar einmal eine Kabarettwerkstatt für junge Pastoren, Sozialarbeiter und Diakone. Die Form satirischer Auseinandersetzung jedenfalls bleibt bei Kirche unverändert auf der Tagesordnung.

 

Humor in Kirchenmusik und Kirchenjahr

Kirchenmusik kennt wenig Humor (noch einmal: es geht nicht um Witze, sondern um die von Tucholsky beschriebene Haltung) – aber manche Zeilen aus den alten Chorälen lassen aufhorchen. »Die Welt ist mir ein Lachen« – und das aus der Feder Paul Gerhardts, der innerhalb von nur zwei Jahren seine Eltern verlor und mehrere seiner Kinder beerdigen musste. Das einzige mir noch gegenwärtige, halbwegs aktuelle Beispiel ist ein Zitat aus dem beliebten Lied »Du bist du« von Jürgen Werth. Da heißt es: »Du bist ein Gedanke Gottes, ein genialer noch dazu, du bist du, das ist der Clou.« Leidenschaftlich sang er Kirchenchor in der JVA Hannover dieses Lied. Kein Wunder: die positive Zusage für die eigene Person, wie sie sich hier findet, gibt es im Leben Gefangener extrem selten. Und nicht selten gab es beim Singen dieser Zeilen ein fröhliches Lächeln bei den Mitgliedern des Chores.

Humor im Kirchenjahr: das ist um einiges leichter als Humor in der Kirchenmusik. Da gibt es diverse schöne Anekdoten, gelungene Pointen, treffsichere Darstellungen. Ostern etwa: Ein Lehrer in München fragt die Kinder nach dem wichtigsten Fest der Christenheit. Schweigen. Dann gibt er den Hinweis: »Es fängt mit O an!« Und schon ruft die halbe Klasse: »Oktoberfest!«

Oder Pfingsten: Die Heilige Dreieinigkeit möchte Urlaub machen. Nach langem Nachdenken schlägt Gottvater vor: »Wollen wir mal nach Rom?« »O ja«, ruft der Heilige Geist, »da bin ich noch nie gewesen …«

Zwei Beispiele noch, die mir besonders gelungen erscheinen; eine Geschichte zum Erntedankfest: Ein Pastor braucht dringend eine neue Orgel. Der reichste Bauer des Ortes sagt ihm: »Hochwürden, ich gebe das Geld dafür. Aber eine Bedingung habe ich: Sie dürfen niemals wieder über die Geschichte vom reichen Kornbauern predigen!« Hier ist – unabhängig davon, wie mögliche Fortsetzungen der Geschichte lauten könnten – ein Dilemma auf den Punkt gebracht, das in der Kirchengeschichte nicht selten auftrat: wesentliche Elemente der biblischen Botschaft einerseits und die Abhängigkeit der Kirchen von den Geldgebern andererseits.

Weihnachten ist eine schier unerschöpfliche Quelle für satirische Betrachtungen und für Verfremdungen. »Schrille Nacht, eilige Nacht« – kann man die Problematik genauer benennen? Oder das bekannte »Weihnachtslied für Eilige«, in dem unzählige Lieder in eines gepackt werden.

Als für mich schönstes Beispiel verfremdender Bearbeitung soll hier noch der satirische Zeitungsbericht »Säugling in Stall gefunden« genannt sein. Er endet mit den Worten: »Die anwesenden Hirten behaupteten übereinstimmend, ihnen sei ein großer Mann in einem weißen Nachthemd mit Flügeln auf dem Rücken erschienen und er habe sie zum Stall geschickt. Dazu ein Sprecher der Drogenfahndung: ›Das ist so ziemlich die dümmste Ausrede eines vollgekifften Junkies, die ich je gehört habe.‹«

Dazu passt auch eine andere Pointe über die Heilige Familie: Im Himmel wurde gewählt, und natürlich wird die christliche Einheitspartei einstimmig gewählt. Einstimmig? Nein. Großes Erschrecken: eine Stimme für die Sozialisten. Der Übeltäter wird gesucht und gefunden – es ist der heilige Josef, der Schutzpatron der Werktätigen. »Jawoll«, sagt er, »ich habe die Sozialisten gewählt. Und wenn ihr hier keine Opposition zulasst, gehe ich aus dem Himmel weg, und meine Frau und meinen Sohn nehme ich mit. Und dann könnt ihr den Laden dichtmachen!«

Weihnachten stellt unsere Wirklichkeit in Frage. Und das tut auch der Humor.

 

»Das Leben ist schön!«

Es war ein Moment, den ich wohl nie vergessen werde. Der Anlass war sehr, sehr traurig: der ältere Bruder des Jungen war mit knapp acht Jahren verstorben. Die Waldspaziergänge mit ihm waren für mich von größter Bedeutung gewesen. Und nun setzte ich sie mit dem Bruder fort. Irgendwann, mitten auf der Lichtung im Wald, drehte sich der kleine Kerl wie im Tanz, warf die Arme zum Himmel und rief: »Das Leben ist schön!« Wenn die Toten noch Anteil haben an unserem Leben hier auf der Erde, hat sein Bruder in diesem Moment vom Himmel aus gelächelt – davon bin ich überzeugt.

»Das Leben ist schön« – auch ein grandioser Film, der im italienischen Faschismus unter Mussolini spielt und die Verbrechen der Deutschen in eindrucksvoller Weise thematisiert. In der ersten Hälfte gibt es eine Vielzahl von Komik-Elementen, und man ist noch gar nicht auf das gefasst, was in der zweiten Hälfte geschehen wird: Die Eltern und der Sohn kommen ins KZ. Der Vater hat die unfassbare Kraft, seinem Sohn Giosué den alltäglichen Horror als ein Spiel zu vermitteln, das derjenige gewinnt, der als Erster 1000 Punkte erreicht. Der Sohn vertraut seinem Vater und »spielt das Spiel mit«. Sein Vater wird ermordet, wie unzählige andere. Aber das KZ wird befreit, und der Junge fällt seiner ebenfalls befreiten Mutter in die Arme mit dem Ruf: »Wir haben gewonnen!« Eine Tragödie, alles andere als lustige Unterhaltung! Aber ein zutiefst beeindruckendes Beispiel dafür, mit durchaus humorvollen Elementen auch brutalste Geschehnisse darzustellen, ohne den Schrecken zu bagatellisieren.

Wir brauchen Humor. Mark Twain: »Der Humor ist eines der wichtigsten Attribute Gottes.« Er ist nicht leicht zu haben. Aber er bleibt nötig und hilfreich, immer wieder.

 

Anmerkung:

* Auf Belegstellen der Zitate wird hier verzichtet.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pastor Ulrich Tietze, 2002-2013 Gefängnispfarrer an der JVA Hannover, seit 2013 Krankenhausseelsorger; Veröffentlichungen: »Nur die Bösen? Seelsorge im Strafvollzug« (Hrsg.) (2011), »Stille – Weite – Wüste« (2013), Liederdichter von über 200 veröffentlichten Kirchenliedern, Autor eines Theaterstücks über den Tod (»Der ungebetene Gast«), aktuell: Herausgabe eines Liederbuches für Trauernde.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2019

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