Wie Martin Luther nach seiner Revolution zum Ketzer wurde
Fälscher der Heiligen Schrift

Von: Ulrich Schneider-Wedding
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Dass die »Rechtfertigungslehre« das Zentrum der Theologie Martin Luthers bildet, ist weitgehend Konsens. Doch welche »Rechtfertigungslehre« meinen wir dabei? Auf welchen Luther sollen wir uns stützen? Martin Luther hat sich in seinen Überlegungen zur Rechtfertigung des Sünders entwickelt und seine Auffassung im Laufe der Jahre stark verändert. Jene Auffassung, die er bis 1519 vertrat und mit der er den Ablassstreit auslöste, ist eine andere als die, die er ab 1520 vertrat. Ulrich Schneider-Wedding rekonstruiert die Details sowie die Hintergründe.


Wandlung der Rechtfertigungslehre

Dass die »Rechtfertigungslehre« das Zentrum der Theologie Martin Luthers1 bildet, ist (fast) Konsens. Doch auf welche Rechtfertigungslehre sollen wir uns stützen? Luther hat sich darin entwickelt und seine Auffassung stark verändert. Jene, die er bis 1519 vertrat und mit der er den Ablassstreit auslöste, ist eine andere als die, die er ab 1520 vertrat. Dementsprechend haperte es auch im Jubeljahr 2017 bei jenen mit der Logik2, die zur Erklärung der Revolution3 von 1517 auf die uns Protestanten vertraute Rechtfertigungslehre verwiesen; sie existiert erst seit 1520. Auch die »Zwei-Reiche-Lehre« kennt Luther erst seitdem. – Wie kam es zu diesem Wechsel?


Früh- oder Spätdatierung? – Der springende Punkt liegt ganz woanders!

In Luthers theologischer Entwicklung findet sich schon früh a) das Nachsinnen über die Fähigkeiten des Menschen bzw. die Unfähigkeit, sich vor Gott Heil zu verschaffen. Der andere große Bezugspunkt ist b) Christus, die Erlösung und die Vergebung der Sünden. Davon ist schon die 1513-16 gehaltene Psalmenvorlesung geprägt4. Diese Auffassung Luthers ist ein höchst eigenständiger, nachhaltig prägender Beitrag zur Anthropologie. Originell daran (a) und b)) ist erstens, dass die biblischen Aussagen über die »Unwürdigkeit, Sünde und Schuld« des Menschen im Lichte der Erlösung durch Christus und des Wiederhergestelltwerdens durch Gott einen anderen Charakter bekommen: Befreiung statt Niedergeschlagenheit. Der Mensch braucht nicht mehr gedrückt in Sack und Asche zu gehen; er muss v.a. nicht dauernd akribisch versuchen, einem »furchtbar« gerechten, d.h. strafenden Gott zu genügen. Er kann sich vielmehr darauf verlassen, dass Gott ihm das Entscheidende schenkt und dass er deshalb – zweitens – in seinem Leben die Möglichkeit der »Buße« hat, verstanden als »Besserung« (= die etymologische Wurzel im Deutschen!) und »Umwandlung«, dass sein Leben eine einzige Buße sei, d.h. dass der Mensch, wie wir heute sagen, lebenslang an sich selbst arbeiten kann – in der Gewissheit, dass die Gerechtigkeit Gottes nicht nur eine Eigenschaft Gottes ist, die an Gott »klebt«, sondern zugleich ein alles verändernder Kraftstrom, der in den Menschen hineinfließt.

Angesichts dieses früh bezeugten inhaltlichen Kerns ist von einer frühen Datierung jenes »Turmerlebnisses« auszugehen, das die Entdeckung des Genitivus obiectivus von iustitia Dei in Röm. 1,17 und 3,20 beinhaltete (was Luther in einem bekannten, vielzitierten späten autobiographischen Zeugnis5 schildert). Denn auch seine Römerbriefvorlesung 1515/16 ist durch diese Entdeckung geprägt6. Hinzu kommt ein zweites »Erleuchtungserlebnis« in Bezug auf das Neuverstehen eines zentralen ntl. Begriffs: die Entdeckung, dass für den Bußruf poeni­tentiam agite (Mt. 3,2 parr. u.ö.) im griechischen Original μετανοειτε steht, was keinen unangenehmen, niederdrückenden Charakter hat und anders als die lateinische Wiedergabe mit agere eben gerade keinerlei Aktion beinhaltet, sondern wenn man das μετά als post / danach versteht, ein Wieder-zu-Sinnen-Kommen, wenn man es als trans versteht, Sinnesänderung, Umdenken meint. Dieses frühe, auf Mai 1518 datierte, weniger bekannte7 autobiographische Zeugnis8 geht mit jenem anderen, bekannteren parallel: Sowohl iustitia Dei / Gerechtigkeit Gottes als auch poenitentia / Buße waren ihm bisher quälende, verhasste Schlagwörter, dann mit einem Mal erlösende Lieblingsbegriffe. Das »Bittere« wurde plötzlich »süß«. Luther hatte wohl beide »Erleuchtungen« mit beidermaligem vexierbildartigen »Umklappen« eines Begriffs9, früh, irgendwann ab 1512 seine iustitia-Dei-Entdeckung, die so grundlegend war, dass er sie noch 1545 im Kopf hatte, später 1518 die μετάνοια-Entdeckung.

In den 95 Thesen tritt der neue Bußbegriff in Erscheinung und ist, wie These 1 zeigt, deren Leitmotiv. Terminus post quem des Erkenntnisdurchbruchs bei poenitentia wird die NT-Ausgabe des Erasmus 1516 gewesen sein10. Der Genitivus obiectivus von iustitia Dei im Römerbrief könnte, wie gesagt, schon hinter seiner fröhlichen Umdeutung der Unfähigkeit des Menschen zur Begnadung durch Gott in Vorlesungen vor dem 31.10.1517 stecken. Seine spätere NT-Übersetzung hält diese Linie konsequent durch: »Gerechtigkeit, die vor Gott gilt«, ist bis heute richtiger und paulinischer als »Gerechtigkeit Gottes«11, wie das in »modernen« Ausgaben wieder steht.

Die »Spätdatierer« haben freilich richtig erkannt, dass es eines noch nicht gab: das, was spätere Schriften Luthers, was evangelische Bekenntnisschriften und theologische, dogmatische Lehrbücher unter »Rechtfertigungslehre« verstehen. In der Tat: Die »Weltrevolution«, die Luther mit seinen 95 Thesen ausgelöst hat, beruhte genau auf der soeben geschilderten Haltung, nicht auf der protestantischen Sonderlehre, die er erst später daraus machte12. So richten sich die 95 Thesen in keiner Weise gegen »gute Werke«, sondern lediglich gegen die »Alibi-Veranstaltung« des Ablasshandels; Heil dagegen bringen nur wirkliche gute Werke13. Dementsprechend konnte Luther 1512 bei einer Pfarrkonferenz, auf der Verirrungen der Kollegen zur Sprache kamen, von ihnen »Vollkommenheit« verlangen14.

Zu Unrecht erklärte die Kirche ihn 1518/19 zum Irrlehrer, verfügte doch später das Konzil von Trient ein bis heute geltendes Verbot des Ablasshandels! Doch mit der Änderung seiner Rechtfertigungslehre ab 1520 wurde Luther nachträglich leider in der Tat zum Ketzer – zum und Bibelfälscher.


Die Verfälschung von Gal. 2,16

Die entscheidende Änderung in Luthers Rechtfertigungsauffassung zeigt sich an einer un­scheinbaren Bibelstelle: Gal. 2,16 (Der Mensch wird aus Werken des Gesetzes nicht gerecht, außer durch den Glauben an Jesus Christus). Auch wenn statt außer alle modernen Übersetzungen, nicht nur die protestantischen, nicht nur die deutschen, sondern auch die englischen, französischen, italienischen … sondern, oft gar sondern allein/nur haben: ἒαν μὴ heißt wenn nicht bzw. außer und nicht aber, sondern o.Ä. Präzise gibt die Vulgata wieder: Scientes autem, quod non iustificatur homo ex operibus legis nisi per fidem Iesu Christi: Nur wenn der Glaube vorhanden ist, geraten die vom Gesetz gebotenen Werke wohl.

Also – so die Schlussfolgerung in den weiteren Sätzen von Gal. 2,16 – kommt die Gerechtigkeit wesentlich nicht aus Werken, sondern aus dem Glauben. Die Werke sind »nur« eine Brücke, freilich ebenso unabdingbar wie der Glaube. Gerecht aber macht mich nur die richtige Orientierung, der vertrauensvolle Blick auf Jesus Christus, nicht die eitle und orientierungslose »Werkerei« ohne Christus. Gerecht gemacht zu werden ist ein reines Geschenk Gottes, nicht mein Verdienst, dessen ich mich rühmen oder aufgrund dessen ich gar von Gott etwas einfordern könnte. Dieses Geschenk Gottes erfüllt sich freilich darin, dass ich zum Tun der von Gott gebotenen Werke fähig werde und sie wirklich tue. So sagt es der Luther der Ablassthesen, so sagt er es sogar bis Anfang 1520.

Aber ab März 1520 geht diese Ausgewogenheit, diese biblische Rechtfertigungslehre verloren. Dieses »Schichten-Modell« (vorläufiger Arbeitstitel): erst der Glaube, dann auf dieser Grundlage die Werke, denn nur mit dem richtigen Glauben geraten die Werke wohl und können erlösen, zerschlägt Luther plötzlich! Er übergeht das nisi und setzt »aber, sondern« ein, sodass dieser Satz eine Parallele zum nachfolgenden Satz des Paulus wird: … damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes.

Eine Quelle dafür, wie Luther den Vers Gal. 2,16 vor 1520 und in seiner frühen, genuin paulinischen Haltung zur Rechtfertigung verstand, ist sein erster Galaterkommentar: Noch 1519 in der Schrift In epistolam Pauli ad Galatas M. Lutheri commentarius steht nicht nur15 der unversehrte Vulgatatext mit nisi, sondern Luther nimmt hier auch noch besonders Bezug auf das nisi: Er versteht den Satz als »doppelte Rechtfertigung«16: einmal »äußerlich« durch »Werke und eigene Kräfte«, zum anderen »innerlich, aus dem Glauben, aus der Gnade«, besonders dann, wenn der Mensch an der ersten, äußerlichen Gerechtigkeit scheitert und verzweifelt, wenn er sich »demütig« (humiliter) vor Gott als Sünder bekennt17.


Weitere Belege für den Wandel und Verlauf der Veränderung

Auch im Sermo de duplici iustitia 151918 ‒ wie schon 1518 Sermo de triplici iustitia19 ‒ unterscheidet Luther zwischen der Gerechtigkeit, die Gott in Christus schafft, und der Gerechtigkeit, die wir Menschen schaffen, was durch erstere ermöglicht wird. Auch hier hat Luther noch seine ursprüngliche, biblische Rechtfertigungsauffassung: dass wir durch Gott, dank seiner Gnade und von ihm kommenden Gerechtigkeit zum Tun guter Werke befähigt werden, die natürlich zum Heil notwendig sind. Es wird geradezu ein »Synergismus« deutlich, wenn es de duplici iustitia heißt: quod cooperemur illi primae et alienae (scil. iustitiae)20: »auf dass wir mit jener ersten und fremden (d.h. von außen geschenkten) Gerechtigkeit kooperieren«.

Ganz anders die Auffassung, die Melanchthon 1530 in der Confessio Augustana als Gegensatz formuliert: »… dass wir Vergebung der Sünde und Gerechtigkeit vor Gott nicht durch unser Verdienst, Werk und Genugtuung erlangen können, sondern dass wir Vergebung der Sünde bekommen und vor Gott gerecht werden aus Gnade um Christi willen durch den Glauben …«21

1520 ist folgende Wandlung zu beobachten: Noch Anfang 1520 argumentiert Luther mit seinem Schichtenmodell, etwa in der kurzen Quaestio theologica de naturali potentia voluntatis hominis22, einer Disputation über die Unfähigkeit des menschlichen Willens zum Guten, die schon ein wenig De servo arbitrio von 1525 vorwegnimmt: »Zu sagen, ein gutes Werk ohne Gnade sei keine Sünde, ist selbst eine doppelte Sünde«23. – Danach im März ist der Dualismus in nuce bereits in Von den guten Werken vorhanden. Expressis verbis taucht er dann schließlich Ende 1520 in »Von der Freiheit eines Christenmenschen« auf.

Dabei kann man Luther in Von den guten Werken24 geradezu auf die Finger sehen; denn hier arbeitet er scheinbar noch nach dem ursprünglichen Schichten-Modell, wenn er betont, dass der Glaube bzw. die Befolgung des ersten Gebotes das erste und wichtigste Werk sei, ohne das alle anderen Werke keine guten Werke sein könnten. Doch zugleich rutschen ihm immer wieder abschätzige Bemerkungen über die »Werke« heraus bzw. unterstellt er diese Abwertung dem Apostel25. Außerdem changiert er bei seiner Argumentation zur »ersten Tafel« zwischen dem Glauben als wichtigstem Werk und als einzigem, worauf es ankäme. Von den guten Werken markiert also genau den Übergang zwischen Luthers bisheriger und seiner neuen Position.

Voll und ganz kommt die »klassische« bzw. gewohnte bzw. seitdem in allen späteren Schriften, in unseren Bekenntnissen und Liedern vertretene Rechtfertigungslehre in der letzten großen »Hauptschrift« von 1520 zum Tragen, der Freiheits-Schrift26. Tragischerweise sind die neuen Unterscheidungen äußerlich / innerlich, weltlich / geistlich für Luther und seine Leser noch so neu, dass nicht deutlich genug wird, dass er mit »Freiheit« jetzt plötzlich nur noch die »innere« bzw. Gewissens-Freiheit meint. Aufgrund dieser Uneindeutigkeit konnte die Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen im Sinne des bisher gewohnten »politischen« und revolutionären Luther (miss-)verstanden und zum Startsignal für den blutigen Bauernaufstand werden.

Die tragische Mitverantwortung Luthers für jene gescheiterte Revolte liegt also weniger im vielzitierten »steche, schlage, würge hie, wer da kann« seiner Schrift Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern von 152527 ‒ immerhin verlangt er dort, die Forderungen der Bauern zu verwirklichen (!) und nur deren Gewalt entgegenzutreten – als vielmehr darin, dass er in der Freiheitsschrift nicht genügend transparent macht, dass er unpolitisch geworden und nicht mehr der »Volksheld« von 1517-1519 ist. Insofern entbehrte es nicht der Komik, dass die offizielle »Luther-Dekade« so sehr auf politische Freiheit und so wenig auf Mystik und lutherische Frömmigkeit pochte, wo man sich doch auf die spätere entpolitisierte Rechtfertigungslehre berief.


Neue Rechtfertigungslehre – Herausbildung der Zwei-Reiche-Lehre

Bevor wir zu der Frage kommen, was sich denn da Anfang 1520 ereignet hat und was die genauen Beweg- und Hintergründe für Luthers Umschwenken waren, ist noch, was die reine Lehrentwicklung betrifft, eine weitere Veränderung in Luthers Theologie hinzuzunehmen, die genau parallel zum Schwenk in der Rechtfertigungslehre läuft: die Herausbildung der Zwei-Reiche-Lehre. Formvollendet findet sie sich 1523 in der bekannten Schrift Von weltlicher Oberkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei. Sie ist die früheste und hauptsächliche Quelle für die mit der neuen Rechtfertigungslehre einhergehende neue Trennung zwischen »weltlichem« und »geistlichem Reich«; doch es finden sich auch Vorboten dafür28: etwa Ende 1520, also genau nach der entscheidenden Änderung in der Rechtfertigungslehre, im Sermon von der Geburt Christi, gepredigt am Christtag früh 152029, in der die in der Freiheitsschrift betonte Teilung zum Tragen kommt: Das Christus-Kind berührt und verwandelt die Herzen – so wie schon bei Maria. Dem hat eine »Kenosis« vorauszugehen, eine innere Befreiung von allen äußeren Gütern bzw. Freuden-Ursachen: »Wollust«, »Ehre«, Anhaftung an Gütern, auch: Frömmigkeit und Tugend30.

Noch im Januar 1520 vertrat Luther im (Großen) Sermon von dem Wucher dasselbe wie schon zuvor Ende 1519 im (Kleinen) Sermon von dem Wucher31: das uneingeschränkte Zinsverbot aufgrund dreier biblischer Stufen: 1. der Gebote im AT, aber auch im NT, ohne Zins zu leihen, 2. des ntl. Ethos, jedem zu geben, der um etwas bittet, 3. der Bergpredigt, die fordert, dem, der um das eine streitet, auch noch das andere lassen. Vom Dualismus innerlich / äußerlich keine Spur! Stattdessen unbedingte politische Gültigkeit der Gebote.

Luther war seit seiner Aufdeckung des Ablass-Betrugs in seinen 95 Thesen von 1517 ein Anwalt der »kleinen Leute«, der im Zusammenspiel mit Friedrich dem Weisen verhinderte, dass jenen, die kaum genug zum Leben hatten, durch die Angstpropaganda eines Tetzel auch noch der letzte Pfennig aus der Tasche gezogen wurde32. Das machte Luther bekannt und im Volk beliebt; und in diesem Ethos schrieb er schon im November 1517 einen Brief33 an Friedrich und bat ihn um Rücknahme einer Steuererhöhung34. Fast als Drohung weist er darauf hin, dass dieser »Aufsatz« den Ruf des Fürsten im Volk schädigen könnte. Noch Anfang 1520 unterstützt er die Petition eines Stadtrats an den Kurfürsten gegen die drückende Steuerlast35. Bei diesem Fürsten, der Tetzel in Sachsen keinen Auftritt genehmigte – weshalb die Wittenberger zum Kauf von Ablassbriefen in Scharen über die Landesgrenze nach Jüterbog zogen –, konnte sich Luther offenbar derlei »politische Mitwirkung« erlauben. Doch kurz darauf, Anfang Februar 1520, wäre es beinahe zum Bruch mit seinem Schutzherrn gekommen. Allerdings in einer ganz anderen Sache.


Was veranlasste Luther zu seinem Meinungswechsel?

Was sich zwischen Ende 1519 und Anfang 1520 ereignete, kann man nur als Verkettung unglücklicher Umstände bezeichnen: Von Oktober bis Dezember 1519 erarbeitete Luther im Auftrag der Herzogin Margarethe von Braunschweig drei Sermone zu den drei Sakramenten Buße, Taufe und Abendmahl. Zwei Besonderheiten kennzeichnen die dritte Schrift36: Luther setzt sich dafür ein, dass ein Konzil entscheiden möge, gemäß der Bibel wieder unter beiderlei Gestalt zu kommunizieren. Und: Er bekämpft darin die »Bruderschaften«: eigentlich »Verbände zu frommen Übungen und Leistungen«, die aber zum »Fressen und Saufen«37 verkommen sind und zum Heils-Egoismus. Die einzig wahre Bruderschaft ist die Communio Sanctorum.

Erneut hat Luther in keiner Weise die katholische Rechtgläubigkeit, wohl aber mächtige Interessen verletzt – wie zuvor beim Ablasshandel, so nun bei den Bruderschaften. Seine brave Bitte, die Kommunion auf einem Konzil neu zu behandeln, wird seitens der kirchlichen Obrigkeit als Häresie hochgespielt. Bischof Adolph von Merseburg antwortet mit einer Entgegnung. Was Luther besonders ärgert: Auf dem Titelblatt werden Gänse abgedruckt, um auf Hus anzuspielen (tschech. husa = »Gans«), und Luther wird aufgrund seines Engagements für den Laienkelch unterstellt, »böhmisch« gesinnt oder sogar selbst ein Tscheche zu sein. In Wirklichkeit hatte sich Luther bis dato noch gar nicht mit Jan Hus befasst; erst jener Vorwurf bringt ihn dazu, Schriften des (Vor-) Reformators zu lesen – und ihnen zuzustimmen38.

Luther verteidigt sich Anfang 1520 mit der kurzen Schrift Verklärung D. Martin Luthers etlicher Artikel in seinem Sermon von dem heiligen Sakrament39. Doch dann erlässt der Bischof von Meissen auch noch ein Verbot dieser Schrift und des Sermons; dieses Verbot wird durch ein Dokument »des Officials zu Stolpen« erlassen. Luther reißt der Geduldsfaden, und er lässt Anfang Februar 1520 D. Martin Luthers Antwort auf die Zettel, so unter des Officials zu Stolpen Siegel ist ausgegangen40 drucken. Darin verteidigt er sich nicht nur, sondern verhöhnt zugleich den für den (Verbots-)»Zettel« Verantwortlichen »Zetteler« auf infame Weise.

Damit wäre es beinahe zur persönlichen Katastrophe für Luther gekommen: zum Bruch mit dem Kurfürsten, der ihn schützte. Denn wie sich aus Luthers Briefen an Spalatin ergibt, begleitete dieser Anfang 1520 jeden Schritt Luthers, mit dem er sich gegen das bischöfliche Unrecht verteidigte. Zwischen beiden war vereinbart, dass Luther an Adolph von Merseburg und an Albrecht von Mainz in der Angelegenheit schreiben werde; offenbar musste Spalatin aber Anfang Februar nachfragen, wann er das endlich erledigt habe. So verspricht Luther die Erledigung am 31.1.41, führt sie aber erst am 4. bzw. 5. Februar aus42; am 5.2. sendet er Spalatin die Kopie beider Briefe. In seinem nächsten Brief an Spalatin vom 8.2.152043 erwähnt er beiläufig, dass ihn eine Antwort auf das Verbotsmandat Zeit gekostet habe44. Aber erst dem darauffolgenden Brief vom 11.2.1520 legt er eine Kopie jener Antwort bei45.

Sein nächster Brief an Spalatin vom 12.2.152046 lässt darauf schließen, dass Spalatin ihn gemahnt habe, diese Antwort nicht zu veröffentlichen. (Vermutlich war das bereits Spalatins Reaktion auf den Brief vom 8.2.152047, in dem Luther dies nur erwähnte.) Denn nun, am 12.2.152048 muss Luther sagen, dass das Manuskript bereits im Druck sei49.

Luthers übernächster Brief an Spalatin vom 16.2.152050 lässt auf eine geharnischte Reaktion des Freundes und Vermittlers wegen Luthers eigenmächtigen Vorgehens schließen. Luthers trotzige Antwort, dann werde er eben das Elend der Vertreibung bzw. eines Ortswechsels auf sich nehmen müssen, zeigt, dass das Tischtuch fast zerschnitten war.

Zu den Fakten gehört aber auch, dass die Zusammenarbeit Luthers mit Spalatin bereits am 18.2.1520 wieder ganz normal weiterging. – Mit dem eigenmächtigen Drucken der Antwort hatte Luther offenbar seinen letzten Kredit bei Spalatin bzw. Kurfürst aufgebraucht. Ab diesem Moment musste er wirklich haarklein alles zuvor vorlegen. Zugleich – so die Vermutung – könnte Spalatin ihm angeboten haben, sich auf eine inhaltlich neue Konzeption von Rechtfertigung und zugleich auf eine neue reformatorische Stoßrichtung einzulassen. Ob der »Schwenk« allein durch Spalatins Briefe bewirkt wurde, oder ob sich beide zwischen dem 16. und 18.2.1520 persönlich sahen, wird noch herauszufinden sein, ebenso, ob es sich bei der neuen, bis heute bekenntnisbestimmenden Lehre letztlich um die Rechtfertigungslehre Spalatins handelt.

Die neue Linie jedenfalls, die Luther mit den »Hauptschriften« der Reformation vertrat, die Bindung an den Adel und die Bildung einer Alternativkirche, wäre auch als Luthers persönliche Konsequenz aus dem erlebten Desaster mit dem Sermon von dem hochwürdigen Sakrament von Ende 1519 erklärbar. Wegen der erneuten völlig ungerechtfertigten Verketzerung resignierte er und gab das Projekt »Reform der ganzen Kirche durch Überzeugung der Vorgesetzten« auf. Zugleich gab er seine Rolle als Volks- bzw. Steuerspar-Held auf und wurde zum Fürstendiener.

Luthers neue Stoßrichtung beginnt mit seinem Appell An den christlichen Adel deutscher Nation, die Reformation der Kirche in die Hand zu nehmen, nachdem Papst, Kardinäle und Bischöfe versagt haben51. Damit lenkt er die neue Kirche-der-Reformation, die da entstehen soll, unter die Führung der Fürsten, Stadträte, Staaten und Politiker. Eine solche Kirche ist kein Gegenüber mehr zu den Herrschern. Deshalb entsteht mit logischer Folgerichtigkeit zugleich die Zwei-Reiche-Lehre, die Trennung zwischen äußerlich und innerlich, zwischen den Herzen, die durch das Evangelium berührt und befreit werden, und der realpolitischen Welt, aus der sich eine solch politikabhängige Kirche tunlichst heraushält. »Denn das Evangelium lehrt nicht ein äußerliches, zeitliches, sondern ein innerliches, ewiges Wesen und die Gerechtigkeit des Herzens.« (CA 16) Die Gerechtmachung wird dem Menschen nur »zugerechnet« (Gen. 15,6 > Röm. 4,3-5); vollzogen wird sie erst im Jenseits. Im Diesseits bleibt der Mensch simul iustus et peccator. Erst damit macht Luther sich selbst und seine Anhänger zu – dualistischen – Ketzern.


Ökumenisches »Ende gut, alles gut«

Diese Häresie hat die Evangelisch-Lutherische Kirche mittlerweile hinter sich gelassen: formal, indem sie (als Landeskirchen, VELKD und LWB) 1999 zusammen mit der Katholischen Kirche die »Gemeinsame Erklärung« zur Rechtfertigungslehre (GE) beschloss. Bei den Verhandlungen sah es lange danach aus, als ob sich die Katholiken unter der Ägide des damaligen Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen Edward Kard. Cassidy auf die dualistische Rechtfertigungslehre des späteren Luther und der evangelischen Bekenntnisschriften einließe. Doch im letzten Moment intervenierte der damalige Präfekt der Glaubenskongregation Josef Kard. Ratzinger und bestand auf einem »Annex« zur »Gemeinsamen offiziellen Feststellung«, in dem es heißt: »Die Gerechtfertigten bleiben … nicht Sünder.«

Damit sind die Lutheraner auch inhaltlich wieder zur alt- und ostkirchlichen Heils-Theologie (oικovoμία) zurückgekehrt, wie auch die dem 2. Vaticanum zugrundeliegende katholische Lehrentwicklung des 20. Jh. eine Abkehr vom westlichen Heils-Individualismus und eine Rückkehr zur wahrhaft »ganzheitlichen« (= »katholischen«!) Heilsauffassung war. Und das ist kein bisschen »unlutherisch«, entspricht es doch ganz und gar jener biblischen und revolutionären Rechtfertigungslehre, die der junge Luther für die ganze Christenheit wiederentdeckt hat.


Anmerkungen:

1 Infolge der Forschungen Karl Holls und der »Lutherrenaissance« Anfang des 20. Jh. stellen die meisten Autoren Luthers Theologie dementsprechend dar; nur wenige, wie z.B. Althaus, Die Theologie Martin Luthers, Gütersloh 1962, werten alle Themen aus der Fülle seiner Schriften aus und rekonstruieren Luthers Haltung zu den gängigen dogmatischen Loci.

2 Stellvertretend sei verwiesen auf das 2014 erarbeitete Werk Rechtfertigung und Freiheit. 500 Jahre Reformation 2017. Ein Grundlagentext des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Gütersloh 42015. Die Hauptgliederung nach den reformatorischen »solus-Schlagworten« (Christus, gratia, verbum, scriptura, fides) ist weder aktuell überzeugend noch historisch – jedenfalls, was den Feier-Gegenstand von 2017 »1517« betrifft.

3 »Revolution« nenne ich die erste Phase der Reformation: den rasenden, selbstläuferischen Prozess, der Luther Ende 1517 berühmt machte, der aufgrund der Aufdeckung der Lüge der Ablassprediger das Ablass-Handelswesen in sich zusammenbrechen ließ und heftige politische Veränderungen nach sich zog.

4 In der Psalmvorlesung 1513-16 finden sich beide Aussagen auf Schritt und Tritt und häufig eng nebeneinander, etwa zu Ps. 6: Die »erschrockenen (percussus) Knochen« (V. 3) versteht Luther als Defekt an Körper und Geist, insbesondere »Tugenden«. Bezogen auf das percussus-Sein Christi – des eigentlichen Psalmbeters nach Luther – ergibt sich aus diesem Leiden Christi die Erlösung der ganzen Welt. WA 55 I, 40,18-41,16 bzw. 42,18. Vgl. auch die kurz vor den 95 Thesen erschienenen sieben Bußpsalmen. Erste Bearbeitung 1517 (WA 1,154ff).

5 Vorrede zur Ausgabe seiner lateinischen Werke 1545. WA 54,176.

6 Z.B. zu Röm. 1,17: WA 56,10.17.

7 Gegen Ernst Bizer, Fides ex auditu, Neukirchen/Vluyn 1958, 84, der jene Passage zum Beweis seiner Spätdatierungsthese mit heranzieht: »Er hätte kaum versäumt, auch die neue Erkenntnis der Iustitia zu erwähnen, wenn er sie damals besessen oder kurz vorher gewonnen hätte.« Doch gibt es einen schöneren Beweis dafür, dass Luther seine Einsicht über die iustitia Dei eben nicht »kurz vorher«, sondern schon so lange hatte, dass sie ihm zur Selbstverständlichkeit geworden war?

8 Vorrede zu einer lateinischen Begründung seiner 95 Thesen: Resolutiones disputationum de indulgentiarum virtute 1518 WA 1,522. Hierfür gilt ja dann auch keinesfalls das Grundproblem des späten Zeugnisses über iustitia Dei, die zeitliche Ferne des Erinnerten.

9 Dagegen Volker Leppin, Martin Luther, Darmstadt (Primus Verlag), 2010.

10 Luthers Bemerkung im poenitentia-bezogenen Selbstzeugnis von 1518, kaum dass er jene Erkenntnis gehabt habe, seien die »Trompetenstöße« (buc[c]inae) der Ablassprediger erschollen, WA 1,526,16, lässt ebenfalls darauf schließen.

11 Radikaler, konsequenter und »schöner« wäre: »Gerechtigkeit, die von Gott kommt«. Doch Luthers NT-Übersetzung fand ja nach jenem »Schwenk« statt, der hier dargestellt wird.

12 Bizer zeigt (a.a.O., 106ff), dass in den beiden »Sermonen« de triplici bzw. de duplici iustitia (WA 1,41 bzw. WA 1,143) Luthers Neuverständnis von Röm. 1,17 voll und ganz zur Entfaltung komme. Damit lassen sich jene »beiden Predigten über Gerechtigkeit« aber nicht für »die« (spätere) Rechtfertigungslehre vereinnahmen; vielmehr sind sie ein Beleg dafür, dass das Schichtenmodell des jungen Luther eben eine volle, ganze und sehr biblische Rechtfertigungslehre war.

13 Z.B. 42: »Man muss die Christen lehren: Der Papst hat nicht im Sinn, dass der Ablasskauf in irgendeiner Weise den Werken der Barmherzigkeit gleichgestellt werden solle. 43: … Wer einem Armen gibt oder einem Bedürftigen leiht, handelt besser, als wenn er Ablässe kaufte.« (So die von der EKD herausgegebene gegenwartsdeutsche Übersetzung.)

14 Sermo praescriptus praepositio in Litzka 1512, WA 1,8.

15 WA 2,436-618; hier: 489,6ff und 491,24ff.

16 WA 2,489,21.

17 WA 2,490,9-12.

18 WA 1,143.

19 WA 1,41.

20 WA 2,146,37.

21 Oder wie es Luther 1523 in seinem Lied Nun freut euch, lieben Christen gmein ebenfalls dualistisch ausdrückt: »Mein guten Werk, die galten nicht, es war mit ihn’ verdorben, der frei Will hasste Gotts Gericht, er war zum Gutn erstorben.«

22 WA 6,32.

23 WA 6,32,13f: Dicere, quod opus bonum sine gratia non sit peccatum, est duplex peccatum.

24 Wird bisweilen, freilich nicht immer, zu den »Hauptschriften der Reformation« dazugezählt.

25 Z.B. WA 6,211 sub »Zum eilfften«.

26 Nur ein kurzes Beispiel: Achtens. Wie ist das aber möglich, daß es der Glaube allein vermag, rechtschaffen zu machen und ohne alle Werke so überschwenglichen Reichtum zu geben, wo uns doch in der Schrift so viele Gesetze, Gebote, Werke, Ordnungen und Weisen vorgeschrieben sind? Hier ist sorgsam darauf zu achten und mit Ernst festzuhalten, daß allein der Glaube ohne alle Werke rechtschaffen, frei und selig macht, wie wir später näher hören werden; und man muß wissen, daß die ganze heilige Schrift in zweierlei Worte geteilt wird, nämlich Gottes Gebot oder Gesetz und Verheißung oder Zusagen.

27 WA 18,344ff. Das Zitat: 361,25.

28 WA 11,229. Hierzu eine grundsätzliche Bemerkung: Manche Autoren unterscheiden die Zwei-Reiche-Lehre, die Augustinus in De civitate Dei (im Gegensatz zur civitas Diaboli, fußend auf den beiden Nachfahrenreihen (Abels-)Seths und Kains, Gen. 4) entfaltet, von der speziellen »Zwei-Regimente-Lehre« Luthers. Da Luther dabei aber immer vom »Reich Gottes« bzw. »weltlichen Reichen« spricht, können wir bei der Bezeichnung bleiben, die sich im gängigen Theologendeutsch eingespielt hat. Zudem ist Luthers Distinktion nicht so sehr verschieden von der des Augustinus, kennzeichnet es doch das »weltliche«, »irdische« Reich nach Luther, dass es andauernd den Angriffen des Teufels ausgesetzt ist. Erst im jenseitigen Reich Gottes sind die Gläubigen gänzlich in Sicherheit.

29 WA 6,187.

30 WA 6,191,7f.

31 WA 6,33 bzw. 6,1.

32 These 46: Man muss die Christen lehren: Wenn sie nicht im Überfluss schwimmen, sind sie verpflichtet, das für ihre Haushaltung Notwendige aufzubewahren und keinesfalls für Ablässe zu vergeuden. These 47: Man muss die Christen lehren: Ablasskauf steht frei, ist nicht geboten.

33 Nr. 51 WA B 1,119f.

34 Vielleicht war das Friedrichs Machtreaktion auf Luthers Protest gegen Tetzel. Vielleicht sah der Politiker hier einen plötzlich sich auftuenden Spielraum in den Belastungen seiner Untertanen, den er für sich nutzen wollte: Der Theologe hält dem Fürsten den Rücken frei für dessen Steuerpläne. Offenbar wollte Luther dieses üble Spiel nicht mitmachen.

35 Nr. 236 WA B 1,604,4ff.

36 Ein Sermon von dem hochwürdigen Sakrament des heiligen wahren Leichnams Christi und von den Brüderschaften 1519, WA 2,738ff.

37 WA 2,754,21.

38 WA B 2,40ff.

39 WA 6,76.

40 WA 6,135 deutsch; a.a.O., 142 lateinisch (Ad schedulam inhibitionis sub nomine episcopi Misnensis editam super sermone de sacramento eucharistiae M. Lutheri Augustiniani responsio).

41 Brief Nr. 246, WA B 2,24.

42 Nr. 247 und 248, a.a.O., 24ff.

43 Nr. 251, a.a.O., 35ff.

44 A.a.O., 36,33f: heri quoque diem perdidi medium responsione ad Inhibitionem Misnensem.

45 Nr. 252, a.a.O., 38.

46 Nr. 253, a.a.O., 39.

47 Nr. 251, a.a.O., 35f.

48 Nr. 253, a.a.O., 39.

49 Dies geschah laut Erläuterungen zu Antwort auf die Zettel WA 6,135ff am 9.2.1520.

50 Nr. 255, WA B 2,42ff.

51 Insofern ist es schon richtig, dass klassischerweise der Sermon Von den guten Werken nicht zu den eigentlichen Hauptschriften dazugezählt wird.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. theol. Ulrich Schneider-Wedding, Studium der Evang. und Kath. Theologie in Erlangen, Zürich und Regensburg, Assistent in Kirchengeschichte in Erlangen, Promotion, Mitarbeit beim Regionalbischof Regensburg; Veröffentlichungen: Theologie als christliche Philosophie (über Clemens von Alexandrien), Berlin 1999 (AKG 73); Ökologisch-soziale Marktwirtschaft. So hebeln wir den Wachstumszwang aus, Marburg 2019.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2019

1 Kommentar zu diesem Artikel

21.10.2019
Ein Kommentar von Volker Mahnkopp


Sehr geehrter Kollege Dr. Schneider-Wedding! Handelt es sich wirklich um eine Verkettung unglücklicher Umstände, die den Wandel der Rechtfertigungslehre MLs bedingen? M. E. ist tiefer zu graben. "... auf dass wir mit jener ersten und fremden Gerechtigkeit kooperieren", so übersetzen Sie ML, 1518. Diese frühe Nebensicht Luthers entspricht wohl am ehesten dem, was der Wurzel "zdq" entspringt (vgl. Jes 53, 11). Gläubige nehmen wahr, was deren Gott (er)schafft, und passen dem entsprechend ihr Handeln an (Dtn 24,13). Zwei aufeinander bezogene "Gerechtigkeiten", die gemäß Röm 3, 21 außerhalb der Thora öffentlich wahrnehmbar sind. Daraus lässt sich jedoch keine Rechtfertigungslehre i. S. einer gnädig-göttlichen Versetzung von Einzelnen in einen selig-gläubigen Handels- und Wartestand bilden, weder vor noch nach März 1520. Dazu bedarf es um 1500 neuer Paradigmen (Individualität, Jura etc.). Ganz gleich, ob Spalatin aus politischem Kalkül heraus Luther zu einer fürstlichen Interpretation seiner Lehre(n) bewog oder ob Luther dabei bleiben können, Gottes Gerechtigkeit als Basis für ein "Schichtenmodell" zu verstehen - beide Ansätze verfehlen sowohl das paulinische als auch das Verständnis von Gerechtigkeit im Tanach. Eine Rückkehr zu einem Luther vor März 1520 - auch wenn diese Spielart 1999 offenbar zur Grundlage der Lutherischen und Römisch-Katholischen wurde - führt in eine weitere Sackgasse, wo doch Wege heraus aus Antijudaismus angesagt sind. Vielleicht mit dem o. g. Nebenton eines Luther 1518?

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