Sehr persönliche Überlegungen zu einer posttheistischen Theologie
Religion ohne Gott – was dann? (I)

Von: Helmut Harsch
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Im Oktober 2017 schrieben Kurt Bangert und ich, ohne voneinander zu wissen, für das Deutsche Pfarrerblatt je eine Besprechung des Buches von Helmut Fischer »Religion ohne Gott?«. In der Februarausgabe 2018 sahen wir dann mit Erstaunen, dass es für dieses Buch zwei Besprechungen gab. Wenige Wochen später lernten wir uns auf einer Buchmesse persönlich kennen und tauschten uns über diesen Vorgang aus. Und stellten dabei fest, dass jeder von uns beiden, nachdem er das Manuskript abgeschickt hatte, eine gewisse Leere in sich spürte, verbunden mit der Frage: »Wenn Gott weg ist, was dann?« Wir kamen in unserem Gespräch auf die Idee, nach den Buchbesprechungen auch diese unsere Erfahrung der Leere öffentlich zu machen, in der Absicht, sie mit anderen, denen es vielleicht auch so geht, zu teilen, um nicht in Resignation oder aggressive Apologetik zu verfallen, sondern die Leser des Deutschen Pfarrerblattes und andere Zeitgenossen dazu einzuladen, mit uns auf die Suche zu gehen, wo und wie wir heute Spuren jener Wirklichkeit finden, die wir bisher unter der Vorstellung eines personalen Gottes zu erfassen versucht haben. Darum lohnt es sich unserer Überzeugung nach, diese Leere auszuhalten und sich auf die Suche zu machen im Vertrauen darauf, dass sich diese Wirklichkeit neu und auf ungeahnte Weise kundtun und finden lassen wird.


Im Kosmos geht nichts verloren

Der stärkste Eindruck für mich war seither das Sterben meiner Frau im vergangenen Jahr. Zusammen mit unserer Tochter konnte ich in diesen Augenblicken bei ihr sein. Was mich besonders berührte, war die Intensität ihres letzten Atemzugs, die mich an den ersten denken ließ, an den Schrei des Neugeborenen: Und zwischen diesen beiden Atemzügen ein ganzes, 89 Jahre langes Leben! Was geschieht mit ihm? Im Kosmos geht ja nichts verloren, denn die Gesamtenergie und Gesamtinformation des Universums verändert sich nicht. Der Schluss ist deshalb naheliegend, dass wir im Tod dahin zurückkehren, von wo wir ausgegangen sind.

Durch die Quantenphysik haben sich die Verhältnisse im Vergleich zur Situation am Ende des 19. Jh. völlig verändert. Nicht mehr die Materie ist das Ewig-Beständige, sondern der Geist, die Energie, das Bewegende! Galt damals das Bewusstsein nur als Abfallprodukt der Materie, so ist es heute umgekehrt: Der Geist ist es, der sich das Gehirn schafft, das er zu seinem Funktionieren braucht. Was »Bewusstsein« bedeutet, ist wissenschaftlich bis heute nicht überzeugend geklärt. Der Gedanke ist deshalb naheliegend, dass unser Bewusstsein in Kontakt steht mit einem »Kosmischen Bewusstsein«, das man im Sinne der Quantenphysik als ein geistiges Feld verstehen kann, das das ganze Universum durchzieht und uns mit dem Ganzen des Universums verbindet. Es ist schwer zu definieren, da wir darin eingebettet sind. Man kann es nur wahrnehmen und in seiner Wirkungsweise beschreiben.

Beindruckend war für mich in meiner eigenen Erfahrung stets die Schnelligkeit und Präzision eines solchen Phänomens, wenn ich merkte, dass eine Wahrnehmung, ein Gedanke, eine Reaktion auftauchte, bei denen ich spürte, dass sie meine eigenen Möglichkeiten überstiegen. Aus solchen Erfahrungen schließe ich, dass dieses »Kosmische Bewusstsein« ständig mit uns im Kontakt ist, ohne dass wir es merken oder darüber verfügen. In unserem digitalen Zeitalter haben wir ja gelernt, mit riesigen Datenmengen umzugehen und sie in einer Cloud zu speichern. Wieviel mehr wird dieses »Kosmische Bewusstsein« in der Lage sein, mit den Daten so vieler Menschen umzugehen.


»Kosmisches Bewusstsein« mit ungeheurem Aufwand

Wozu macht das »Kosmische Bewusstsein« solchen ungeheuren Aufwand? Um in unserem menschlichen Bewusstsein zu sich selbst zu kommen, wie Hegel meinte? Naheliegender ist für mich der Gedanke, dass es in einem ständigen Austausch steht mit den wechselnden Bewusstseinsströmungen im Laufe der Geschichte und in unterschiedlichen Regionen. Es lenkt sie auch durch aktive Einflussnahme auf die Gehirne bestimmter Menschen, was sich phänomenologisch beschreiben lässt, jedoch nicht im Sinne moderner Wissenschaft, da solche Vorgänge nicht wiederhol- und abrufbar sind, denn der Geist weht, wann und wo er will. Das erklärt vielleicht auch, warum manche Gedanken und Entdeckungen in der Geschichte der Menschheit gleichzeitig an verschiedenen Orten aufgetreten sind, die keine Verbindung miteinander hatten.

Bei den davon betroffenen Menschen handelt es sich, wie es aussieht, vorwiegend um »hypersensible Persönlichkeiten« (s.u.), die offen für solche Einflüsse sind. Viele Heilige, Männer und Frauen, haben von ihren Visionen und mystischen Erlebnissen berichtet. Auch die Propheten des AT berichten in der Bildsprache ihrer Zeit ausführlich über ihre Berufungserlebnisse. Bisher wurden solche Phänomene vorwiegend unter dem Gesichtspunkt psychiatrischer Diagnoseschemata als pathologische Erscheinungen beschrieben. Wir sollten uns davon lösen und sie als eigenständige Kategorie menschlicher Erfahrung im Bereich transzendierender geistiger Wahrnehmung anerkennen.


Was sich zwischen Menschen ereignet

Drei Entwicklungen haben entscheidend zu dieser Neubewertung beigetragen: die moderne Neurobiologie und Gehirnforschung, die Entdeckung der Spiegelneuronen und die Beschreibung der »Hypersensiblen Persönlichkeit« durch Elaine Aron. Immer mehr hat sich dadurch die noch bei Freud vorherrschende Vorstellung vom Menschen, als einer in sich geschlossenen Persönlichkeit aufgelöst und immer stärker trat die Bedeutung dessen hervor, was sich zwischen den Menschen ereignet.

Zunächst in der Entdeckung und Beschreibung der Spiegelneuronen: das sind die Neuronen im Gehirn eines Betrachtes, in denen die gleichen Prozesse ablaufen, wie bei dem beobachteten Verhalten seines Gegenübers. Das zeigt sich z.B., wenn ein Therapeut in einem Erstgespräch ganz spontan die Körperhaltung seines Gegenübers einnimmt als angstmindernde Geste und Zeichen seiner Zuwendung. Es kann sogar so weit gehen, dass er Gefühle des anderen, die dieser bei sich selbst abgespalten hat, als Gefühle bei sich selbst wahrnimmt. Zur eigenen Klärung ist es deshalb wichtig, dieses Phänomen der »psychischen kommunizierenden Röhren« zu kennen.


Hypersensible Persönlichkeiten

Elaine Aron hat im Rahmen einer Befragung eine Gruppe von Menschen herausgefiltert, die etwas anders »ticken« als die Mehrheit. Bei ihnen scheint im Thalamus, der Schaltstelle im Gehirn, die entscheidet, welche Wahrnehmung wichtig ist und ins Bewusstsein durchgelassen wird, das »Sieb« etwas weiter gestellt zu sein und Reize durchzulassen, die andere gar nicht bemerken. Sie nannte dieses Phänomen »Hypersensibilität«. Hochsensible sind u. a. Meister der Kommunikation und sehr kreativ. Alice Miller und C.G. Jung waren bereits auf dieses Phänomen gestoßen, haben es aber nicht so systematisch weiterverfolgt. Wichtigstes Ergebnis: Es handelt sich um keine Pathologie, sondern um eine spezifische Erscheinungsform der Spezies Mensch.

Ein sehr anschauliches Beispiel dafür ist Paulus. Er ist ja die Person des NT, die wir durch seine Briefe am besten und authentischsten kennen. Ohne ihn gäbe es das Christentum, wie es heute existiert, gar nicht! Seine Berufung vor Damaskus in einer Christusvision war in ihrer klaren Strukturierung wahrscheinlich kein epileptischer Anfall, sondern eine von hohen Emotionen begleitete innere Erleuchtung. Auch sein Leiden, in dem er sich von Satanas Engel geschlagen fühlte, sieht eher wie eine immer wiederkehrende heftige Migräneattacke aus, wie sie nicht selten bei hochsensiblen Menschen vorkommt. Seine Hypersensibilität beschreibt er selbst auch in seiner großen Fähigkeit und Bereitschaft, sich in andere Menschen und Kulturen einzufühlen und in deren Sprache zu reden. Wie seine Briefe zeigen, war er ein Meister der Kommunikation.

Eine wichtige Rolle für seine Bekehrung spielte wahrscheinlich auch die in Apg. 7,57 geschilderte Szene, in der er als junger Mann der Steinigung des Stephanus in Jerusalem zugesehen hat. Für einen hypersensiblen Menschen ein erregendes Erlebnis, in Stephanus’ Gesicht die Präsenz einer Wirklichkeit wahrzunehmen, die stärker war als die fliegenden Steine, die Schmerzen und der Hass der Peiniger, nämlich die Präsenz des »Christus«, wie Stephanus sie selbst deutete. Das Leben des Paulus war seit seinem Damaskuserlebnis auch von dieser Wirklichkeit erfüllt. »Ich in Christus und Christus in mir!« ist für Paulus die Kurzformel dieser mystischen Erfahrung, die die Kraftquelle war für sein Wirken, das die Welt verändert hat!


»Nicht ich, sondern Christus in mir!«

Er wusste aber auch um die Gefahr, die darin für ihn selbst lag, dass sein Ich seine Abgrenzung verlieren und sich selbst für den Christus halten könnte. Seine Schutzformel war deshalb der Satz: »Nicht ich, sondern Christus in mir!« Dies ist nicht nur Ausdruck von Demut, sondern diese Unterscheidung half ihm auch, seine geistige Gesundheit zu bewahren.

Paulus war Jesus von Nazareth nicht selbst begegnet. Er war vielmehr an dem »Christus« interessiert, an dem Geist, der den irdischen Jesus mit dem himmlischen »Christus« verband. Paulus sieht in ihm deshalb auch den neuen »Adam«, den Menschen, wie er nach dem Willen Gottes gemeint war.

Die Verbindung dieses »in Christus Sein« mit dem »Kosmischen Bewusstsein« scheint mir daher sehr naheliegend, wie es sich noch deutlicher zeigt in der von der Gnosis her beeinflussten johanneischen Logos-Theologie z.B. im Prolog zum Johannesevangelium und dann fortgeführt in der Offenbarung des Johannes, in der als Ziel der Geschichte der Zustand erscheint, dass nach allem Streit Frieden unter den Menschen in dieser Welt herrscht, symbolisch gesprochen: dass Gott wieder, wie einst im Paradies, unter den Menschen wohnt.


Zeit des Übergangs

Seit Beginn des neuen Jahrtausends leben wir in einer Zeit voller Kriege, Chaos und Phänomenen, wie man sie vorher nicht für möglich gehalten hätte. Viele Menschen haben daher das Gefühl, dass wir in einer Zeit des Übergangs leben, in der sich entscheidet, ob die Menschheit und damit unsere Welt noch eine Chance haben, zu überleben, vorausgesetzt dass wir bereit sind, die Lektion aus all diesen Konflikten und Kriegen zu lernen, dass nicht immer weiteres Wachstum, nicht Selbstbehauptung und Konkurrenzkampf die Zukunft bestimmen, sondern gegenseitiger Respekt und Anerkennung, Dialog und Kooperation.

In diesem Sinne war es für mich auch im letzten Jahr ein starkes Erlebnis, eine Firma kennenzulernen, in der so etwas schon Wirklichkeit ist: Ihr Chef stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien. Er hat die Lektion dieses schrecklichen Bürgerkrieges gelernt und den gegenseitigen Respekt zum Prinzip seiner Firma gemacht, in der Menschen der unterschiedlichsten Nationen und Erdteile gleichberechtigt und kreativ zusammenarbeiten. Eine Atmosphäre, in der sich alle wohlfühlen. Ich wünschte mir, dass sich immer mehr Menschen von solchem Bewusstsein erfüllt, in diese Richtung bewegen lassen.


Was geschieht mit uns nach dem Tod?

Kehren wir zur Frage vom Anfang zurück: Was geschieht mit uns Menschen nach dem Tod? Wir sind dreidimensionale Wesen aus Leib, Seele und Geist. Diese drei Dimensionen sind nicht voneinander getrennte Schichten, sondern sie durchdringen einander, so wie z.B. in der zweiten Dimension die erste und in der dritten, die zweite Dimension mit aufgenommen sind. Da unsere geistige Existenz in Verbindung mit dem »Kosmischen Bewusstsein« steht, liegt für mich die Schlussfolgerung nahe, dass wir dort auch ohne physische Basis unsere geistige Heimat haben, aus der wir kommen und in die wir zurückkehren. Was Paulus in Phil. 2 als den Weg des Christus beschreibt, wäre dann unser aller Weg, durch Zeugung und Geburt hinein in die Tiefe unserer Existenz, als Orientierung nur das vertrauensvolle Hören auf die innere Stimme, um unseren Weg in den vielfältigen Möglichkeiten des Lebens zu finden. Am Ende dann der Übergang über die Schwelle des Todes, in dem wir jede Kontrolle verlieren. Wenn da noch etwas mit uns geschieht, dann muss dies von außen her kommen.

In der Quantenphysik gibt es dazu eine eigenartige Entsprechung, den sog. Tunneleffekt: da öffnet sich plötzlich für kleinste Teilchen, die nicht genug Energie haben, da unten eine Schwelle zu überwinden, ein Tunnel, durch den sie auf die andere Seite gelangen. So stelle ich es mir auch vor, dass wir nach dem Tod auch durch einen solchen Tunnel in eine andere, geistige Welt, zurückgelangen an den »Ort«, von dem wir einst ausgegangen sind. Auch »oben« vor dem Eingang befindet sich eine Schwelle, die jedoch nicht so hoch ist, wie die untere: Sie führt vom Gaudium zur Laetitia, denn Laetitia hat noch einmal eine andere Qualität als Gaudium. Es ist die Leichtigkeit dieser Freude, die alles Schwere und Leid hinter sich lässt.

Was geschieht aber mit denen, die aufgrund ihres Lebens noch gar nicht zu dieser Leichtigkeit bereit sind? Für frühere Generation gab es an dieser Stelle das »Fegefeuer«, auch »Purgatorium« genannt. Da stand das Moment der Strafe und der Peinigung im Vordergrund. Ich gehe eher von einer Art therapeutischer Begleitung aus, mit Unterstützung durch bereits Verstorbene oder andere hilfreiche Geister, um überhaupt die Laetitia ertragen und in ihr mitschwingen zu können.

Wir wissen alle nicht so genau, was nach unserem Tod sein wird, aber die geistige Welt des Kosmischen Bewusstseins, zu dem schon hier eine Beziehung besteht, wird uns auch dort nicht im Stich lassen. Ich bin gespannt darauf!


Helmut Harsch

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. em. Dr. theol. Helmut Harsch, Jahrgang 1929, Theologiestudium in Erlangen und Tübingen, ab 1955 Religionslehrer in Stuttgart und Ausbildung am dortigen Institut für Psychotherapie und Tiefenpsychologie, 1962-65 Assistent für Prakt. Theologie in Tübingen, Promotion zum »Schuldproblem in Theologie und Tiefenpsychologie«, 1965-74 Gründungsleiter der Evang. Beratungs- und Telefonseelsorgestelle in München, 1974-92 Prof. für Pastoralpsychologie und Seelsorge am Theol. Seminar der EKHN in Friedberg/Hess., 1992-2014 als Psychologischer Psychotherapeut in freier Praxis.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2019

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