Eine Entgegnung auf Michael Seibt »Auf dem Weg zu einer säkularen Spiritualität«
Verschiedene Wege zu Gott

Von: Wilhelm Nestle
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»Die Kirche der Zukunft wird mystisch sein, oder sie wird überhaupt nicht sein.« Dieses Wort, von Karl Rahner in die Welt gesetzt, hat mich vor Jahrzehnten sofort angesprochen und bis heute nichts von seiner Aktualität verloren. Ich weiß nicht mehr genau, wo es mir zum ersten Mal begegnete. Man liest es in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen. Ich verstehe es so, dass es darum geht, wieder einen lebendigen Bezug zur transzendenten Realität zu finden. Dieser war – wie für die gesamte Menschheit – auch für Christen bis zur Aufklärung selbstverständlich gegeben. Aus ihm lebten Theologie, Frömmigkeit und Gebet. Seit der Aufklärung verflüchtigte sich dieses Bewusstsein. Die Möglichkeiten des mechanistischen Weltbildes faszinierten die Menschen. Dadurch gewann seine Deutungshoheit immer mehr Macht. Als wirklich galt nur noch, was man messen und berechnen kann. Das mechanistische Weltbild kann heute theoretisch als widerlegt gelten.1 Praktisch bestimmt es weitgehend immer noch unser Leben. Die ungeheuren Fortschritte von Wissenschaft und Technik schlagen uns in Bann. Um das Wiedergewinnen des Bezugs zur transzendenten Wirklichkeit geht es. So verstehe ich das Rahner-Zitat. Zum Wortgebrauch: statt »mystisch« scheint mir heute – wie offensichtlich auch Seibt – das Wort »spirituell« geläufiger zu sein.


Verloren gegangene mystische Dimension

Seibt geht es um diese Zukunftsvision. Sein Weg ist MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction). Diese Methode wurde von Dr. Jon Kabat-Zinn »aus einem buddhistischen Kontext entnommen«, sei aber – anders als die Zentralstelle für Weltanschauungsfragen meint – religionsneutral. Seibt möchte vor allem Menschen ansprechen, die keinen Bezug mehr zu einer christlichen Kirche haben.

Ich biete seit den 1980er Jahren in ganz verschiedenen Kontexten Meditationskurse an. Auch ich sehe darin eine Gelegenheit, Menschen zu erreichen, die dem kirchlichen Leben entfremdet sind. Ebenso wichtig ist es mir aber auch, innerhalb der Kirchen zu wirken. Auch da ist ja die mystische Dimension über weite Strecken verloren gegangen. Auf meinem eigenen Weg habe ich mich lange an Karlfried Graf Dürckheim orientiert. In Japan hat er Zen in zehnjähriger Praxis kennengelernt. Zurück in Deutschland hat er dann versucht die Praxis des Zen für den Westen zu transformieren. Dabei orientierte sich Dürckheim an C. G. Jung. Die Psychologie Jungs sei das Koordinatensystem, in das er seine Zenerfahrung eingetragen habe, hat er einmal formuliert. Für Jung ist die Seele das Auge, das Gott wahrnehmen kann. Er war überzeugt, dass es viele Zugänge zu ihr gibt.2 Für mich ist das Sitzen in der Stille die tägliche Übung, um dafür offen zu werden.

Mein Beten wurde etwas ganz anderes, neues. Michael Seibt schrieb 2013 rückblickend von sich im Deutschen Pfarrerblatt, er habe »nur noch öffentlich in Gottesdiensten mit wohl überlegten Worten« gebetet, während er persönlich »Gott gegenüber ganz verstummt« war.3 So war es auch mir als angehendem Pfarrer ergangen – wie vielen in meiner Generation. Dass wir mit der göttlichen Wirklichkeit in einen persönlichen gegenseitigen Kontakt kommen könnten, erschien einfach irreal. Das änderte sich für mich langsam durch regelmäßiges Sitzen in der Stille. Es hat seinen Sinn in sich und es lässt uns sensibel werden für die Wirklichkeit unserer Seele. Ich glaube, dass das auch für andere westliche Wege gilt, etwa für ignatianische Exerzitien oder das Herzensgebet und natürlich Taizé.

Durch die Übung, alles loszulassen, was mir durch den Kopf ging, wurde ich dahin geführt, mich auf das Wahrnehmen zu konzentrieren. Ich wurde offener für Regungen meiner Seele. Es gab hin und wieder Eingebungen, selten auch solche, die allem widersprachen, was mir vernünftig erschien und was ich mir vorgenommen hatte. Zweimal gab das meinem Leben eine andere Richtung. Eingebungen unterscheiden sich sehr deutlich von der üblichen Gedankenflut, die sich einstellt, wenn wir still werden wollen. Ich realisierte, dass Beten viel mehr Hören ist als Reden.


Wenn es im Herzen schreit

Gelegentlich allerdings fängt es in meinem Herzen auch an zu schreien, wenn ich in die Stille gehe. Dahinter steht meist ein akutes Bedrängt-Sein. Das kann ein persönlicher Schlag sein. Oder es kommt mir eine Situation in der Welt, Krieg, Klimakatastrophe oder ähnliches, unerträglich nah. Da kann sich mir jedes Sinngefühl entziehen. Dann lasse ich es in meinem Herzen schreien. Und immer wieder habe ich erlebt, dass ich nach einiger Zeit ruhiger werde, wieder atmen kann. Ich empfinde es wieder sinnvoll, mich zu engagieren, etwa in der Friedensbewegung, bei Attac oder für spirituelle Praxis innerhalb und außerhalb der Kirchen.

Das entspricht einer Erfahrung, die ich als Klinikseelsorger öfters gemacht habe, wenn mir ein Patient oder eine Patientin seine bzw. ihre tiefe Verzweiflung ans Herz gelegt hatte. Wo die persönlichen Voraussetzungen gegeben waren, beendete ich solche Gespräche auch durch ein Gebet. Nicht selten habe ich erlebt, dass mein Gegenüber danach sagte: »Jetzt ist es mir leichter«, obwohl mir im Gespräch nichts eingefallen war, was seiner Verzweiflung den Boden hätte entziehen können. Auch wenn ich auf ein Gebet verzichtete, äußerten sich die Gesprächspartner*innen manchmal ähnlich. »Die Klage hat ihre Antwort in sich«, sagte mir einmal ein Psychotherapeut.

Ich bewege mich da innerhalb der Vorstellung, dass ich Gott als Du begegne. Sie wird in Seibts Artikel verworfen. Pauschal wirft er den Kirchen vor, sie würden »eisern an der dualistischen Vorstellung von göttlichem ›Du‹ und menschlichem ›Ich‹« festhalten. Sehr hilfreich finde ich da das Modell Ken Wilbers von den drei Gesichtern Gottes, das auch in dem Buch »Gott 9.0« beschrieben wird.4


Die drei Gesichter Gottes

Dem dritten Gesicht Gottes begegnen wir auf vielfältige Weise. Es ereignet sich z.B. in den Wundern der Natur oder in Kunstwerken. »Mozart ist für mich ein Gottesbeweis«, habe ich einmal zu meiner Tochter gesagt. Und es hat ihr eingeleuchtet. Naturwissenschaftlern, die in ihren Forschungen wunderbare Zusammenhänge in der Natur, dem Kosmos, erkennen, kann sich im faszinierten Staunen die Wirklichkeit Gottes erschließen.

Die Schriftreligionen legen Wert auf eine Ich-Du-Beziehung von Gott und Mensch. Meditation ist dann Hingabe an das göttliche Du. Das ist in Wilbers Modell Begegnung mit dem zweiten Gesicht Gottes. Die Hingabe ist eine andere Form der Gottesbegegnung, nicht besser und nicht schlechter.

In der Begegnung mit dem ersten Gesicht Gottes vereinigt sich der Mensch so total mit der göttlichen Wirklichkeit, dass das eigene Ich verschwindet, es keine Ich-Du-Beziehung mehr gibt. Das ist vorzugsweise die buddhistische Sicht. Auch von Meister Eckhart und anderen christlichen Mystiker­(inne)n gibt es entsprechende Äußerungen. Das entspricht der ungegenständlichen Meditation.

Wilbers Sicht der drei Gesichter Gottes empfinde ich als sehr befreiend. Der Streit, ob wir Gott personal in einer Ich-Du-Beziehung begegnen oder ob wir ganz in seiner Wirklichkeit aufgehen, ist unnötig. Es sind zwei Aspekte der göttlichen Wirklichkeit. Auch Begegnung ist eine Grundkategorie der Wirklichkeit. Martin Buber hat Gottes »Personhaftigkeit« herausgearbeitet, wie er sich ausdrückt. Sie darf nicht mit anthropomorphen Gottesbildern verwechselt werden.5 Und ich glaube, wir können darauf nicht verzichten – gerade auch wenn es um die letzte Wirklichkeit, Gott, geht. Allerdings meine ich, wir Christen tun gut daran, wenn wir diese Erkenntnis nicht in dem Sinne absolut setzen, dass ausschließlich in einer personalen Ich-Du-Beziehung Gott erkannt, gedacht und erlebt werden könne. Ich sehe heute keinen Grund, Einheitserlebnisse, von denen auch christliche Mystiker*innen berichten, für unwirklich oder irrig zu erklären. Doch lassen sich nicht alle Mystiker*innen ausschließlich dem ersten Gesicht Gottes zuordnen. Viele empfingen Visionen, die sie dann auch mitteilten. Den offiziellen Kirchen waren diese oft suspekt.


Begegnung mit der letzten Wirklichkeit

Seibt scheint nur das erste Gesicht Gottes gelten zu lassen. In seiner Kritik an der »dualistischen« Vorstellung der Kirchen fixiert er sich auf den Begriff »abgetrenntes« Ich. Das ist aber immer vom Übel, wenn es um meine Beziehung zu Gott geht. In der reformatorischen Theologie gehört Trennung wesentlich zum Verständnis von Sünde. Sie entsteht durch das, was Luther »incurvatio in se« bezeichnet hat. Indem ich eigene Vorstellungen Wünsche und Gedanken loszulassen übe, suche ich frei zu werden für die göttliche Wirklichkeit. »Gott, mach mich still und rede du.« Das ist eine lebenslange Übung. Wenn es sich ereignet – das ist natürlich nicht verfügbar – würde ich nicht vom »abgetrennten« Ich sprechen sondern von einer Begegnung mit der letzten Wirklichkeit, die bei uns den Namen Gott trägt.

Wichtig erscheint mir hier eine Differenzierung des Begriffs Ich. Da ist einmal das kleine süchtige Ego, das zur Hingabe nicht fähig bzw. bereit ist. Durch seine Verhaftung an Sorgen und Ängste oder auch durch seine Hybris geht die Verbindung, zum Ganzen, zu Gott, verloren. Und dann das wesentliche Ich, als das ich eigentlich gemeint bin. Jung spricht vom Selbst. In verschiedenen spirituellen Richtungen, in der Psychotherapie und anderen anthropologischen Entwürfen findet sich diese Unterscheidung. Die Begriffe können wechseln.

Seibt hat einseitig nur die Menschen im Blick, die der kirchlichen Sozialisation entfremdet sind. Das ist gewiss ein wesentliches Anliegen. Und für sie können die Vorstellungen von Ich und Du in der Gottesbeziehung erst einmal eher hinderlich sein. Aber für andere – auch außerhalb der Kirchen – kann sie sich leichter im Ich-Du-Verhältnis ereignen. Das aber fällt in Seibts Artikel pauschal unter das Verdikt: »abgetrenntes Ich«.


Prophetische Dimension

In den Kirchen sind seit den 1970er Jahren spirituelle Ansätze entstanden. Als ich 1975 nach einem Angebot suchte, bei dem ich Meditation kennen lernen konnte, fand ich in meiner württembergischen Landeskirche nichts. Ich ging in das Benediktinerkloster Neresheim, wo – durch Dürckheim inspiriert – die Kontemplationspraxis mit neuem Leben erfüllt worden war. Heute gibt es auch im evangelischen Raum viele Kursangebote. In vielen Gemeinden wird regelmäßig meditiert. Da lebt durchaus etwas, wohl überwiegend in der Begegnung mit dem zweiten Gesicht Gottes. Man kann das Glas halb voll oder halb leer sehen, Ich bin sehr froh über das, was sich in unserer Kirche da getan hat. Aber meine Sehnsucht nach einer mystischen Kirche spüre ich auch noch.

Zur Begegnung mit dem zweiten Gesicht Gottes gehört auch die prophetische Dimension. Sie ist ein wesentliches Element unserer jüdisch-christlichen Tradition. Die sozialen Botschaften der Propheten des AT sind für mich dafür herausragende Beispiele. Heute leuchten sie uns unmittelbar ein. Für ihre Zeitgenossen waren sie völlig abwegig, weit weg von allem, was damals als vernünftig und gottgegeben galt. Jungs Sicht, dass solche Botschaften in der Tiefe der Seele empfangen werden, lässt mich am besten verstehen, wie die Propheten zu ihren Botschaften kamen. Sie waren das Ergebnis einer Begegnung der göttlichen Wirklichkeit und eines menschlichen Ichs. Gott braucht sozusagen einen Empfänger für sein Anliegen, der es weitergibt in der dualistischen Welt, in der wir auf Erden noch leben.

Es ist für mich ein sehr sprechender »Zufall«, dass im selben Heft des Deutschen Pfarrerblatts, in dem der Artikel von Seibt erschien, auch zwei Beiträge über Christoph Blumhardt abgedruckt sind. Blumhardt stand in einer außergewöhnlichen Verbindung zu Gott. Und aus dieser Verbindung heraus hatte er wegweisende prophetische Botschaften an die Welt. Seine Kritik an den Kirchen erinnert an die Propheten des AT, die den Opfergottesdienst im Tempel verurteilten. Er erkannte, dass die Sozialdemokratie damals die eigentliche Not im deutschen Volk in den Blick nahm und schloss sich ihr an. Das kostete ihn den Pfarrertitel. Er war einer der ganz wenigen, die der nationalen Begeisterung entgegentraten, in der die Deutschen mit dem Segen der Kirchen in den Ersten Weltkrieg zogen. Krieg nannte er Sünde. Das alles war zu seiner Zeit revolutionär. Wenn einer aus der Verbindung mit der göttlichen Wirklichkeit lebte, dann Christoph Blumhardt. »Abgetrennt« von Gott war sein Ich wirklich nicht.

Einer spirituellen Erneuerung bedürfen nicht nur die Kirchen. Ich denke, die braucht die ganze Welt. Nicht nur die integrale Philosophie sieht in einem Bewusstseinswandel die Voraussetzung dafür, dass die menschengemachten Bedrohungen abgewendet werden können. Ein sinnvolles Engagement braucht eine Verankerung in einem inneren Weg des einzelnen. Natürlich können wir nicht einfach hinter die Aufklärung zurück. In der integralen Philosophie sprechen manche von evolutionärer Spiritualität. Es bedarf eines neuen, allgemeinen Bewusstseins, in dem uns evident wird, dass alles mit allem verbunden ist.


Anmerkungen:

1 Hans-Peter Dürr (Hrsg.): Physik und Transzendenz. Die großen Physiker unserer Zeit über ihre Begegnung mit dem Wunderbaren. Driediger, Bad Essen 2010.

2 Ingrid Riedel: Die Spiritualität C.G. Jungs in »Psychotherapie und Bewusstsein« (Hrsg. Galuska und Pietzko), Kamphausenverlag Bielefeld 2005, 211.

3 DPfBl 7/2013, 420.

4 Marion und Werner Küstenmacher/Tilmann Haberer: Gott 9.0, Gütersloh 3. Aufl 2011, 266ff.

5 Ebd.


Wilhelm Nestle

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Wilhelm Nestle, Jahrgang 1941, Pfarrer der württ. Landeskirche, 1975-2003 im aktiven Dienst (13 Jahre im Gemeindedienst, 15 Jahre als Klinikseelsorger), seit 40 Jahren eigene Meditationspraxis, vermittelt durch Karlfried Graf Dürckheim, seit über 30 Jahren Angebote von Meditationskursen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2019

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