Dichter-Konversionen zum Christentum, Teil I: Alfred Döblin
»Schicksalsreise«

Von: Matthias Hilbert
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

In einer vierteiligen Reihe schildert Matthias Hilbert die Dichter-Konversionen zum Christentum von Alfred Döblin, Heinrich Heine, Karl Jakob Hirsch und Franz Werfel.

 

»Peinlicher Vorfall«

Es ist der 14. August 1943: In einem kleinen Theater in Santa Monica findet zu Ehren des 65. Geburtstags des Schriftstellers Alfred Döblin (1878-1957) eine große Party statt. Viele namhafte Emigranten, unter ihnen Heinrich und Thomas Mann, Ludwig Marcuse und Bert Brecht, nehmen als alte Freunde und Weggefährten an der Veranstaltung teil. Die Überraschung ist groß, als das Geburtstagskind sich als gläubiger Christ outet. Döblin verweist darauf, dass die von Hitler entfesselten, über die Welt hereingebrochenen Vorgänge von unheimlicher, dämonischer Art seien, hinter denen er ein göttliches Gericht sehe. Man habe nicht nur Hitler und seine Konsorten anzuklagen, sondern auch sich selbst. Es gelte, sich vom Materialismus ab- und einer höherwertigen Daseinsweise zuzuwenden. Doch die Zuhörer reagieren auf Döblins Bekenntnis eisig und geschockt. Ein Augenzeuge: »Erst ganz am Schluss wurde uns klar, dass Döblin ein religiöses Bekenntnis ablegte und andeutete, er habe auf der Flucht aus Frankreich eine seelische Erleuchtung erlebt und den Weg zu Christus gefunden. Die Zuhörer wussten mit dem Bekenntnis nichts anzufangen und verließen den Saal in betretener, zwiespältiger Stimmung.«1

Am deutlichsten sollte Bert Brecht seinen Spott, aber auch seine ganze Intoleranz gegenüber dem christlichen Bekenntnis seines bisherigen Freundes artikulieren. Sein mit »Peinlicher Vorfall« überschriebenes Gedicht spielt nur zu deutlich auf dessen Outing im Rahmen jener Geburtstagsfeier an:

Als einer meiner höchsten Götter seinen 10.000. Geburtstag beging
Kam ich mit meinen Freunden und meinen Schülern, ihn zu feiern (…)
Da betrat der gefeierte Gott die Plattform, die den Künstlern gehört
Und erklärte mit lauter Stimme (…)
Dass er soeben eine Erleuchtung erlitten habe und nunmehr
Religiös geworden sei, und mit unziemlicher Hast
Setzte er sich herausfordernd einen motten­erfressenen Pfaffenhut auf
Ging unzüchtig auf die Knie nieder und stimmte

Schamlos ein freches Kirchenlied an, so die ­irreligiösen Gefühle
Seiner Zuhörer verletzend, unter denen ­Jugendliche waren. (…)
2

Wie war es zur Bekehrung des eigentlich eher atheistisch eingestellten jüdischen Nervenarztes und Schriftstellers Alfred Döblin, dem 1929 mit dem Roman Berlin Alexanderplatz ein literarischer Durchbruch gelungen war, gekommen?3

 

Wirren der Flucht

Bereits Anfang 1933 hatte sich Döblin, kurz nachdem Hitler in Deutschland zur Macht gelangt war, in die Schweiz abgesetzt. Damit war er einer Verhaftung durch die Nazis entgangen. Von der Schweiz aus emigrierte er dann noch im selben Jahr nach Frankreich. Doch schließlich musste Döblin im Mai 1940 auch Paris, wo er sich mit seiner Familie niedergelassen hatte, verlassen, da im Frühjahr 1940 – nur wenige Monate nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – Paris zusammen mit ganz Nordfrankreich von deutschen Truppen besetzt wurde. Die südliche Hälfte Frankreichs verwaltete von dem Badeort Vichy aus eine von den Deutschen geduldete französische Regierung.

Während dieser Geschehnisse irrt Döblin verstört und verzweifelt durch den südlichen Teil Frankreichs. Zeitweise hält er sich in Flüchtlingslagern auf. Er weiß nicht, wohin er sich richten, wo er sich niederlassen soll. Wovon künftig leben? Schließlich muss er auch noch seine Frau suchen, die sich zu Beginn der Flucht mit dem 13jährigen Sohn Stefan vorübergehend von ihrem Mann getrennt hat, nun aber unerreichbar, unauffindbar zu sein scheint.

Während seiner Odyssee durch Südfrankreich wird Döblin in der Stadt Mende, wo er sich längere Zeit aufhält, so etwas wie ein religiöses Schlüsselerlebnis zuteil. Erneut – und noch stärker als bereits zuvor schon in Paris – tut es ihm der Gekreuzigte an. In Paris hatte er des Öfteren wie gebannt vor Läden stehen müssen, in denen Kruzifixe ausgestellt und verkauft wurden: »Sie zogen mich an. Vor ihnen fiel mir ein: das ist das menschliche Elend, unser Los, es gehört zu unserer Existenz, und dies ist das wahre Symbol. Unfassbar der andere Gedanke: was hier hängt, ist nicht ein Mensch, dies ist Gott selber, der um das Elend weiß und darum herabgestiegen ist in das kleine, menschliche Leben. (…) Er hat durch sein Erscheinen gezeigt, dass dies alles hier nicht sinnlos ist, wie es scheint, dass ein Licht auf uns fällt und dass wir uns auch in einem jenseitigen Raum bewegen.«4

Und nun befindet sich Döblin bei seinem Aufenthalt in Südfrankreich in der großen Kathedrale von Mende. Hoch über ihm, im Kirchenschiff, ist ein Kreuz mit dem Korpus des leidenden, sterbenden Christus angebracht. Döblin kommt von seinem Anblick nicht los. Eine tiefe Sehnsucht nach einer Bestätigung seiner auf Christus bezogenen religiösen Ahnungen hat sich seiner bemächtigt: »Wie in Paris auf der Straße gleiten meine Blicke herüber zu dem Kruzifix und befragen es. (…) Es ist (…) etwas in mir (…), was mich seit langem zu dem Gekreuzigten zieht. Wenn ich im Neuen Testament lese und seine Reden und Handlungen verfolge, so gibt es nichts darin, was mich nicht erhebt und mir große Freude macht. (…) Wie begreiflich ist es, dass sie ihm zu Füßen fielen, und dass eine arge Sünderin seine Füße salbte. Aber – hat Gott ihn gesandt? Ist er Gott? Dies allein frage ich.«5

 

Der Mediziner Döblin vs. den Gottsucher in ihm

Wenige Tage später wohnt Döblin einem sonntäglichen Gottesdienst in der Kathedrale bei. Und wieder wird sein Blick von dem Gekreuzigten gebannt: »Ich betrachte das Kruzifix. (…) Und dann denke ich darüber nach, was die Predigt gesagt hat und was die Messe verkündet: ›Die Welt ist unglücklich und mangelhaft, durch unsere Schuld und Schwäche. Aber die Gnade, die Liebe, die Erlösung wurde in die Welt geschickt. Gott kennt unsern Zustand. Er nimmt sich unser an. Wir müssen nur kommen und wollen.‹ Ich spreche mir das vor. Nur kommen, nur wollen. Ich – möchte schon. Ich möchte. Aber es – gelingt mir nicht.«6

Während zum einen Döblins Denken um den Gekreuzigten kreist, meldet sich zum anderen der beobachtende, analysierende Nervenarzt in ihm und versucht für seine metaphysischen Gedankengänge eine rationale Erklärung zu liefern: »Der Mann befindet sich in einem physiologisch und psychisch unnormalen Zustand. (…) Zwei Wochen in ruhiger Umgebung, bei ausreichender Nahrung würden genügen, den Mann von seiner Theologie zu befreien.« Doch der »Mediziner« Döblin vermag den »Menschen«, den Gottsucher Döblin nicht zu überzeugen. Denn der hält seinem inneren Dialogpartner entgegen: »Die Dinge liegen anders: Wer Fett ansetzt, wer in seinem Alltagstrott hintreibt, wird nichts oder nur Plattes, Banales erfahren. (…) Bequemlichkeit und Alltagsroutine ersticken in uns, was lebendig ist und leben will.«7

Da Döblin – er ist inzwischen mit Frau und Sohn wieder glücklich zusammengetroffen – auch in Südfrankreich vor einer Auslieferung an die Deutschen nicht sicher ist, ist sein nächstes Fluchtziel USA. Doch fehlt ihm für die immens hohen Kosten der Reise, die über Spanien und Portugal gehen soll, noch ein erheblicher Betrag. Bevor sein zeitlich befristetes Ausreisevisum ausläuft, bietet ihm im buchstäblich letzten Augenblick in Marseille ein ihm bis dahin unbekannter hoher französischer Ministerialbeamter die benötigte Summe von 4000 Francs an. Döblin ist fassungslos: »Er meinte, er verfüge im allgemeinen nicht über Beträge in solcher Höhe. Aber zufällig sei er heute in den Besitz einer gewissen Summe gelangt und er wolle natürlich tun, was in seinen Kräften stünde, um uns zu helfen. Und er griff in seine Brusttasche, zog sein Portefeuille und – überreichte uns den Betrag.«8 Für Döblin steht fest: Hinter dieser Schicksalswendung kann nur Gott, kann nur Christus stehen!

 

»Schicksalsreise«

Nachdem die Döblins am 9. September 1940 glücklich in New York angekommen sind, lassen sie sich in Los Angeles nieder. Doch das Leben im amerikanischen Exil gestaltet sich für Alfred Döblin schwer und misslich. Zunächst erhält er bei den MGM-Filmstudios einen Einjahresvertrag als Drehbuchautor. Danach Arbeitslosenunterstützung. Als diese ausläuft, ist man auf die Zuwendungen aus einem Hilfsfond für bedürftige Schriftsteller angewiesen.

Dass sich nach seiner »Schicksalsreise« – so der Titel seines von seiner Flucht und Glaubensfindung handelnden Bekenntnisbuchs – für ihn nun auch die Frage nach einer verbindlichen Kirchenzugehörigkeit stellte, das wurde Döblin erst so richtig bewusst, als er seinem Sohn Stefan durch Schule und Erziehung ein geistiges Fundament zukommen lassen wollte, das über eine allgemeine Wissensvermittlung und -aneignung hinausgehen und auch religiöse und ethisch-moralische Fragen mitberücksichtigen sollte. Darin ist er sich mit seiner Frau jedenfalls einig: »Man konnte den Jungen nicht so aufwachsen lassen, ohne Wissen von dem, was die Welt und die menschliche Existenz war, ohne Kenntnis von unserem Los, ohne Weg und ohne Halt. (…) Wir waren selbst so aufgewachsen. (…) Mit welchem Ergebnis? Wie hatte es uns geformt? Der Junge sollte besser geführt werden. Wir sprachen vom Christentum. (…) Wir waren, meine Frau und ich, nun der Meinung, man müsste die bisherige unernste Art unseres Hinlebens beenden. Wir konnten den Jungen nicht in derselben Weise an die Schule, den Staat und die Dinge des Tages weggeben, wie man uns ihnen einmal hingegeben, weggegeben hatte, (…) Ein wirkliches Koordinatensystem musste das Leben haben, und keinen bloßen, leblosen Rahmen.«9

Im Verlauf dieser Überlegungen und Gespräche wird es Döblin klar: »Nun sollte das, was ich in mir trug, an den Tag. Es verlangte danach. Es war so weit. (…) Mir war sicher, obwohl ich nicht wusste warum: es war das Christentum, Jesus am Kreuz, was ich wollte.«10 Über Monate hinweg nehmen Alfred und Erna Döblin Katechismusunterricht in einer in der Nähe ihrer Wohnung liegenden katholischen Kirche bei Priestern, die dem Jesuitenorden angehören. Dass sie sich taufen lassen und so auch der Kirche als Mitglieder angehören wollen, steht für sie bald fest. Alfred Döblin: »Die Begegnungen und Gespräche mit ihnen, das Nachdenken, Vorfühlen und Nachfühlen, das Aufnehmen der mitgeteilten Lehren erfüllte uns mit Freude, ja mit einer Seligkeit, wie wir sie nie empfunden hatten. Der Finger Gottes! Das Zeichen! Nun wurde das Zeichen in dieser Form gegeben, in dem Glücksgefühl. Wie noch zweifeln, ob man auf dem rechten Weg war. Wir zögerten nicht, den Weg zu gehen. Der Junge wurde in die religiöse Schule bei der Kirche zu Schwestern gebracht.«11

 

Inneres Religionsgespräch

Am 30. November 1941 lassen sich Alfred und Erna Döblin gemeinsam mit ihrem Sohn Stefan katholisch taufen. »Nun war alles, was ich dachte«, so Döblin, »zu revidieren.« Er wundert sich selbst, wie fern und fremd ihm jetzt seine »Götter und Helden von früher«, wie z.B. Nietzsche, Marx und Freud, geworden sind. Nachdem auf ihn schon in Paris das Studium der Schriften Kierkegaards einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hatte, sprechen ihn jetzt vor allem die Bekenntnisse des Augustinus und die Summa theologiae des Thomas von Aquin an. »Nach einer Pause«, berichtet Döblin weiter, »gab ich mir Rechenschaft, wo ich stand und was ich wirklich aufgenommen und mir einverleibt hatte, was also ›mein‹ geworden war.«12 So entsteht Der unsterbliche Mensch, ein Religionsgespräch. In einem fiktiven Streitgespräch zwischen einem »Jüngeren« (= Döblins Ex-Alter ego) und einem »Älteren« (= Döblins Alter ego nach seiner Bekehrung) erklärt, begründet und entfaltet der Autor ausführlich seinen christlichen Glauben.

Nachdem der Krieg beendet ist, verlässt Döblin im Herbst 1945 die USA und kehrt nach Deutschland zurück. Dass er Christ geworden war (Walter Dirks: »Ein richtiger, regelrechter Christ, nicht nur so …«), das hatte sich auch in Deutschland unter Journalisten und in der Literaturszene schnell herumgesprochen. Das war auch kein Wunder. Denn es liegt in Döblins Natur und Temperament, dass er, sobald er von einer Sache überzeugt ist, diese auch unerschrocken und engagiert vertritt. Ihn, dem sich mit dem christlichen Glauben eine neue Dimension des menschlichen Daseins erschlossen hatte, die in der Lage war, das Rätsel »Mensch« zu erhellen und dessen Schuld- und Sinnfrage zu lösen, – ihn drängt es jetzt danach, auch andere Menschen über die von ihm erkannte Wahrheit aufzuklären. »Zahllose Menschen«, so seine Überzeugung, »leben hin im Nichtwissen, entspannt, von Tag zu Tag, wie junge Tiere. Sie leben, als gäbe es nicht Schuld und Erkenntnis. Sie schweifen durch die Existenz. Sie schlafen. (…) Aber es wäre für die Welt ein Gewinn, wenn sie erhellt, geklärt und zum Leben geführt würden, wenn sie aufgeklärt und zum Licht geführt würden. Es gab schon eine Aufklärungsperiode. Eine neue bessere muss kommen.«13

 

Überwundene Lebenslügen

Die Bücher, die Döblin nach seiner Konversion veröffentlicht, verfolgen alle das oben genannte Ziel. Da ist einmal die Schicksalsreise (1949). Da ist das schon erwähnte Religionsgespräch Der unsterbliche Mensch (1946), dem später noch ein weiteres Religionsgespräch, Der Kampf mit dem Engel – ein Gang durch die Bibel, folgen sollte (es entstand zwischen 1950 und 1952, erschien aber erst posthum 1980). Selbst die Romantetralogie November 1918 (1939-1950), die von der verfehlten deutschen Revolution handelt, enthält Passagen – wie z.B. die Beschreibung der Bekehrung von Friedrich Becker, der eigentlichen Hauptfigur –, die deutlich Döblins neuen religiösen Standort erkennen lassen.

Gleiches gilt auch für die Erzählung Der Oberst und der Dichter (1946), in dem ein »Dichter« inmitten der durch den Zweiten Weltkrieg hervorgerufenen Ruinen- und Trümmerlandschaft einen verbohrten »Oberst« vergeblich zu Schuldeinsicht und Haltungsänderung zu bewegen versucht. Von christlichem Geist und Gehalt erfüllt ist auch die in der Zeit der römischen Christenverfolgungen spielende legendarische Erzählung Die Pilgerin Aetheria (posthum 1978), in der die Entwicklung der rachsüchtigen Namenschristin Aetheria, die ihren Mann durch Mord verlor, zur überzeugten, existenziell erfassten Christin dargestellt wird.

In dem Roman Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende (1956) schließlich findet ein junger, von schweren äußeren Verwundungen und psychischen Störungen heimgesuchter englischer Kriegsheimkehrer sich nicht mehr in der Welt seines Elternhauses zurecht. Als sei er durch seine Kriegstraumata hellsichtig geworden, ahnt er, dass sich hinter den äußeren Konventionen und Umgangsformen in seiner Familie eine Lügenlandschaft und ungeklärte Beziehungskrisen verborgen halten. Unnachsichtig insistierend, versucht er sein Gegenüber (Vater, Mutter) mit unbequemen Fragen zu konfrontieren, um so endlich auf die »Wahrheit« zu stoßen. Der Leser fühlt sich dabei an ein Beziehungs- und Enthüllungsdrama Ibsenscher Art erinnert. Am Ende, wenn alle Hüllen und Fassaden, die Illusion und Beschönigung, Lüge und Verdrängung geschaffen haben, gefallen und die eigenen Lebenslegenden zerstört sind, fühlen sich alle Familienmitglieder entlarvt und bloß(gestellt). Sie haben mehr über sich und den anderen erfahren, als sie zu tragen vermögen. Es sei denn, sie finden zu echter Reue und gegenseitiger Versöhnung und kommen mit ihrer Lebenslüge und schuldbefrachteten Lebensgeschichte zu Gott, durch den die Möglichkeit zu innerer Heilung und zu einem Neuanfang aus der Kraft der Liebe besteht.

 

Ein »religiöser Wilder«

Ludwig Marcuse war derart von dem Buch begeistert, dass er nicht nur eine ausführliche Rezension verfasste, in der er den Hamlet in höchsten Tönen lobte, sondern gleichzeitig die Rezension auch dem Literaturnobelpreiskomitee in Stockholm zukommen ließ und seinen Freund Döblin für den Literaturnobelpreis vorschlug. (»Dieser Roman wurde 1945 in Los Angeles begonnen und 1946 in Baden-Baden beendet, 1956 erschien er. In einer Zeit, die in jedem grünen Jungen […] das Grün des Frühlings erblickt, muss Deutschlands größter lebender Romancier […] zehn Jahre auf den Druck eines Buches warten, das schwerer wiegt als mancher Zentner Papier, mit dem die Statistik der Frankfurter Messe prahlt. […] Dies Meisterwerk ist heiter, bunt und wahr – und außerdem noch so schwer an Pathos wie das Leben. […] Döblins Romane, Döblins Novellen, Döblins philosophische und essayistische Schriften waren einmal ein Mittelpunkt der deutschen Literatur. […] Die deutsche Literatur wäre unendlich viel ärmer, wenn es ihn nicht gäbe. Nur weiß sie heute nichts von diesem Reichtum.«14)

Dennoch – und obwohl er die Schicksalsreise als eine »aufwühlende Biographie« empfand –, auch Marcuse hatte kein rechtes Verständnis für Döblins Bekehrung gefunden. In seinem Nachruf zu Döblins Tod am 26. Juni 1957 schrieb er: »Döblin war ein religiöser Wilder. (…) Und wenn er auch am Ende seines Lebens in manchen christlichen Traktätchen sich ebenso benahm wie Millionen Traktätchen-Schreiber vor ihm (ohne Döblin zu sein) – so ist doch die Geschichte seiner Bekehrung ähnlicher den Erfahrungen des umgetriebenen, unsteten, vieldeutigen Strindberg als den gedämpften Gefühlen irgendeines genügsamen Kirchengängers.«15

Gegen diese Deutung verwahrte sich jedoch Erna Döblin, indem sie Ludwig Marcuse in einem Brief vom 23.7.57 wissen ließ: »Lieber Marcuse, sei mir nicht böse, ich hab Dich lieb und kenne Deine innere Beziehung zum Fre. Trotzdem ist Dir allerhand entgangen, sonst könntest Du nicht von ›Sonntagstraktätchen‹ sprechen. Er hat im Fabulieren gesucht, seit frühester Kindheit nach Erkenntnis verlangt, in das 1. Notizbuch – er war ca. 7 Jahre – schrieb er: ›Was ist Gott?‹ (…) Er versuchte es mit der Philosophie, den Religionen; sein Weg zu Christus (…) war sein ganzes Leben vorbereitet – auch in der Reise nach Polen (1926!) kannst Du davon lesen. Thomas von Aquin hat er täglich über Jahre stundenlang gelesen. Und nun gar die Evangelien. Er hat ein herrliches Buch (den 2. Teil von Der unsterbliche Mensch) Der Kampf mit dem Engel; ein Gang durch die Bibel hinterlassen. (…) Die Pilgerin Aetheria, ein Buch von der Gnade, das Lieblingswerk von Fre, blieb ungedruckt usw. usw.«16

 

»Welch eine Katastrophe!«

Doch nicht nur in seinen nach der Bekehrung geschriebenen Büchern, auch in Interviews und auf Vortragsveranstaltungen bekannte sich Döblin zu seinem christlichen Glauben. Das trug ihm so manchen Verriss, so manchen Hohn in den Medien und in literarischen Kreisen ein. So dass etwa die Schriftstellerin Elisabeth Langgässer in einem Brief vom 5.5.1947 an Curt Winterhalter sarkastisch meinte: »Dass Einer, (der früher Einer von ihnen war) vor dem Kreuz niederfällt und anbetet, mag noch angehen, und wenn er gar Franzose ist, wird es sogar als neueste literarische Mode ›verziehen‹, dass aber ein solcher Geist seine Konversion nicht in ästhetischen Kategorien vollzieht, sondern zuletzt hinkniet wie ein alter Bauer – etwas schwerfällig mit steifen Knien – und auch so betet: ›Seele Christi, heilige mich. Leib Christi, erlöse mich, Blut Christi, tränke mich‹ – das darf nicht sein. Denn das ist ja gelebt, um Gottes Willen! Das ist Zeugnis! Das ist ganz einfach die persönlich erlebte und begrenzte Wahrheit eines Mannes, der schrecklicherweise noch dazu Döblin heißt. Welch eine Katastrophe!«17

Dabei war aus dem Ex-USPD-Sympathisanten und Ex-SPD-Mann Döblin kein apolitischer oder konservativ eingestellter Bürger geworden. So lehnte er beispielsweise auch entschieden die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik ab. Aber dass er bekennender Christ geworden war, reichte für manche offensichtlich schon aus, ihn als Literat und gesellschaftspolitischen Denker zu diskreditieren und abzulehnen. (Walter Muschg: »Beim Wiedersehen mit Berlin lachten die dortigen Schriftsteller den ›fromm gewordenen‹ Verfasser von Berlin Alexanderplatz aus, denn man spricht zwar seit Kriegsende viel von Risiko, Engagement und Existenz, aber man spricht nur davon.«18) Allerdings: den optimistischen Glauben der politischen Linken, dass Gesellschaftsveränderungen im sozialistischen Sinne quasi zwangsläufig befriedete Zustände und einen »neuen«, besseren Menschentyp hervorbrächten, dieser Sicht konnte Döblin sich nicht mehr anschließen.

 

Demokratischer Aufbau

Dass Döblin sich überhaupt wieder in Deutschland niedergelassen hatte, hing auch mit seinem Wunsch zusammen, sich am demokratischen Aufbau seines Heimatlandes aktiv zu beteiligen. So äußert er sich regelmäßig in der Sendereihe »Kritik der Zeit« im Südwestfunk, publiziert die in hoher Stückzahl herausgegebene Schrift Der Nürnberger Lehrprozess und ist Mitbegründer der Akademie der Wissenschaften und Literatur in Mainz. Auch bringt er eine eigene kulturelle Zeitschrift unter dem Titel Das Goldene Tor heraus. Das Blatt »wollte die vom Nazismus unterbrochene geistige Tradition wiederherstellen. (…) Wahrheit sollte verbreitet werden, die Gewissen aufgerufen und Mut eingeflößt werden« (Alfred Döblin)19.

Doch die Herausgabe der Zeitschrift muss bereits 1951 wieder eingestellt werden. Auch muss Döblin erleben, dass er als Autor in der Bundesrepublik nicht mehr recht gefragt ist. Günter Grass: »Döblin lag nicht richtig. Er kam nicht an. Der progressiven Linken war er zu katholisch, den Katholiken zu anarchistisch, den Moralisten versagte er handfeste Thesen, fürs Nachtprogramm zu unelegant, war er dem Schulfunk zu vulgär; weder der Wallenstein, noch der Giganten-Roman ließen sich konsumieren; und der Emigrant Döblin wagte 1946 in ein Deutschland heimzukehren, das sich bald darauf dem Konsumieren verschrieb.«20

Döblin fühlt sich boykottiert. Auch missbehagt ihm die in seinen Augen restaurative politische und gesellschaftliche Entwicklung, die die noch junge Bundesrepublik unter Adenauer nimmt. Enttäuscht entschließt er sich wiederum, Deutschland zu verlassen und erneut nach Paris zu ziehen (April 1953). Zu diesem Zeitpunkt ist Döblin bereits ein sehr kranker Mann. Ein schwerer Herzinfarkt liegt hinter ihm. Weitere Erkrankungen stellen sich ein und verschlechtern seinen Gesundheitszustand dramatisch. Immer häufiger, immer länger muss er sich in Krankenhäusern und Sanatorien aufhalten und wird schließlich zu einem Pflegefall. Doch sein Geist bleibt hellwach. Am 26. Juni 1957 wird Alfred Döblin schließlich von seinen Leiden erlöst.

 

Ein »kontinuierlicher Gottsucher«

Im Jahr 2011 kam Wilfried F. Schoellers Döblin-Biographie heraus. Darin »begleitet Schoeller«, so Lothar Struck in dem Literatur-Magazin »Glanz & Elend«, »Döblins Hinwendung zum Christentum zuweilen mit einem leicht despektierlichen Unterton. (…) Immer wieder spekuliert er über die Ernsthaftigkeit dieser Konversion.« Mit seiner Darstellung habe er auch dessen Sohn Stefan »aufgebracht«. Ihn zitiert Struck mit den Worten: »Ein anderer Punkt, der mich betroffen macht, ist Ihre (gemeint ist Schoeller – M.H.) ›Theorie‹ über die nachlassende Glaubenskraft meines Vaters. Es ist richtig und das habe ich auch mehrfach öffentlich gesagt, dass Vater ein kontinuierlicher Gottsucher war und die ›Straßen‹, die zu ihm führten, suchte. Es ist sicher, dass er in den letzten Jahren seines Lebens ›Zweifel‹ hatte. Aber wer hat in seinem Leben nie Zweifel bekommen. Auch Heilige haben gezweifelt. Was er nach seiner Rückkehr nach Deutschland und besonders während der Zeit seiner Krankheit vermisste, waren die regelmäßigen Diskussionen und Gespräche, die er in Los Angeles und Paris mit Jesuiten führte und die seine Gedanken befruchteten. Ich kann versichern, dass ihm Gott immer präsent war, wenn ich ihn in dunklen Momenten in den Kliniken im Schwarzwald besuchte. Nur um ein Beispiel zu geben: Er fragte mich immer nach meinen Kindern, ob sie die Messe regelmäßig besuchten und ob mein ältester Sohn, Francis, bei katholischen Pfadfindern mitmachte.«21

Alfred Döblin selbst hatte einmal in Der Kampf mit dem Engel geschrieben: »Als ich jung war, hielt ich es mit der Philosophie und glaubte alles erfassen zu können, im Grunde, um mich über alles zu stellen. Ich verbot meinem Gefühl, sich einzumischen. Ich legte mir Fesseln an. Ich bin älter geworden. Die Fesseln habe ich durchgescheuert. Sie haben mich gehindert, meine Hände zu Gott zu erheben, wie meine Hände wollten. Das war die Frucht der Gelehrsamkeit. Das Alter führt meinen Leib dem Tod zu, mich aber dem Leben.«22

 

Literatur

Baden, Hans-Jürgen: Literatur und Bekehrung. Stuttgart 1968, 162ff

Bernhardt, Oliver: Alfred Döblin. München 2007

Emde, Friedrich: Alfred Döblin. Sein Weg zum Christentum. Tübingen 1999

Heidrich, Christian: Die Konvertiten. München/Wien 2002, 141ff

 

Anmerkungen:

1 Döblin: Briefe, Olten/Freiburg 1970, 599 (Anm.).

2 Brecht: Werke, Bd. 15, Berlin/Frankfurt 1993, 91.

3 Dennoch hatte Döblin die religiöse Frage permanent umgetrieben. Sie durchlief dabei unterschiedliche Stadien, die sich regelmäßig in seinen Werken niederschlugen. Monique Weyembergh-Boussart schreibt in ihrer Studie über Döblins religiöse Entwicklung bis zu seiner Konversion zum Katholizismus: »Lange hat es sich aber um eine Art Hassliebe zur Religion gehandelt. Döblin suchte sich zu entziehen und seine Sehnsucht nach dem Irrationalen und Übernatürlichen, nach einer transzendenten Bindung durch Gegenkräfte wie den Humor, die Skepsis, sogar den Hohn und den Zorn aufzuwiegen. Lange hat in ihm der Mystiker mit der Aufklärung gezankt. (…) Jedoch waren schon sehr früh einige Hauptkategorien des Religiösen in seinen Schriften vorhanden und sie blieben es bis zum Ende. (…) Vom frühen Tasten nach dem Religiösen (1900-1912) geht er zu einer gottlosen Mystik über (1912-1925), in der Naturanbetung und taoistischer Quietismus die Hauptrolle spielen. Von 1925 ab zeichnet sich die Wendung zu einer Art Theopantismus ab, zum Glauben an einen Ur-Geist, an eine ›Weltseele‹; hier sind der Hinduismus, die Spuren des Spinozismus und des nachkantischen Idealismus tonangebend. Es erfolgt auch eine Annäherung an das Jüdische. Bisher ist Döblins Weltanschauung aber diesseitig und pantheistisch geblieben. Nach 1933 bereitet sich eine Umwälzung vor.« (M. Weyembergh-Boussart: Alfred Döblin, Bonn 1970, 373f)

4 Döblin: Schicksalsreise, München 1996, 105.

5 Ebd., 106.

6 Ebd., 142.

7 Ebd., 146.

8 Ebd., 229.

9 Ebd., 276f.

10 Ebd., 277.

11 Ebd., 281.

12 Ebd., 288f.

13 Ebd., 366.

14 Zit. n. I. Schuster und I. Bode(Hrsg.): Alfred Döblin im Spiegel der zeitgenössischen Kritik, Bern 1973, 434f.

15 Briefe, 659 (Anm.).

16 Ebd., 501.

17 Zit. n. A.W. Riley in seinem Nachwort zur Schicksalsreise, 490f.

18 Muschg in seinem Nachwort zu Döblins Hamlet, München 2000, 579.

19 Döblin: Autobiographische Schriften, Olten 1978, 500.

20 In: C. Althen: Alfred Döblin. Leben und Werk in Erzählungen und Selbstzeugnissen, Düsseldorf 2006, 15.

21 Quelle: www.glanzundelend.de/pdf/biographie_mit_makeln.pdf.

22 Döblin: Der unsterbliche Mensch/Der Kampf mit dem Engel, München 1992, 335.

 

Über die Autorin / den Autor:

Matthias Hilbert, Lehrer i.R. und Buchautor, u.a. bei chrismon »Fromme Eltern ? unfromme Kinder? Lebensgeschichten großer Zweifler«.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2019

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Christfest I
25. Dezember 2019, Titus 3,4-7
Artikel lesen
Die Zukunft der Kirche ist heute

Artikel lesen
Resonanzen im Pfarrdienst
Ein Impuls für die Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern
Artikel lesen
Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen
Trauer-Mannschaftsfotos und Sarg-Selfies
Pastorale Alltagsskurrilitäten bei Beerdigungsfeiern
Artikel lesen
Christvesper
24. Dezember 2019, Hesekiel 37,24-28
Artikel lesen
»Und führe uns nicht in Versuchung«?
Zur Kontroverse um die sechste Bitte im Vaterunser
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!