Anmerkungen zu Franz Josef Wetz: »Tot ohne Gott. Eine neue K
Ein Grenzgang mit Sorgen

Von: Robert Cachandt
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Der Autor, Philosoph und Hochschullehrer Franz Josef Wetz, mit einer beachtenswerten literarischen Schaffenskraft, legt sein materialreiches Buch »Tot ohne Gott« in der Absicht vor, »eine zeitgemäße Aufklärungs- und Trostschrift mit hoher lebenspraktischer Relevanz« (13) anzubieten. Der Verfasser dieser Besprechung weiß sich als evang. Klinikseelsorger i.R. der Hospizarbeit/Palliative Care verpflichtet, zu deren Zielen es vordringlich gehört, sich um eine menschenwürdige Abschiedskultur für schwerstkranke und sterbende Menschen zu bemühen. Welche Anregungen, welche Perspektiven finden sich dazu in diesem Buch? Von welchem Menschenbild wird es getragen? Enthält es gar so etwas wie eine »spirituelle Kost«? Oder finden sich Anhaltspunkte, die inmitten der aktuellen Debatte um »aktive Sterbehilfe« ethische Grauzonen aufhellen könnten? Zeigt doch gerade diese Debatte Grundlinien dessen auf, was für viele Zeitgenossinnen und Zeitgenossen unbedingt zu einem »selbstbestimmten Abschied« sterbenskranker Menschen gehören sollte. Der Autor greift dies mit einer eigenen Position auf.

 

»Zeitgemäße« Prolegomena zum Wesen des Todes

Die ersten beiden Kapitel lesen sich als eine Art Prolegomena zum Wesen des Todes, wie es dem Verfasser als »zeitgemäß« und »wissenschaftlich« erscheint. Dieser Sichtweise sieht er sich verpflichtet. Von sich selbst spricht er als zugehörig zu den »Atheisten und Naturalisten« (220). In den folgenden drei Kapiteln werden umfangreiche Beschreibungen und Analysen zu Erlebniswelten aus »Leben mit dem Tod« gegeben. »Wer stirbt schon gerne?« lautet das 3. Kapitel. Ihm folgt eine ausführliche Beschreibung vieler Prozesse, die krebskranke Menschen erleiden müssen (»Metaphysik der Metastasen«, Kap. 4). Abschließend geht Wetz im Kap. 5 der Frage nach: »Wie ist Trost möglich?« Dabei geht es ihm um eine Untersuchung für einen »zeitgemäßen Geleitschutz auf dem Weg ins Nirgendwo«. (12)

Für Leute aus der Hospiz- und Palliative Care-Arbeit sind die letzten beiden Kapitel aufschlussreich, wenn auch nicht neu – nun jedoch versehen mit den klaren Akzenten aus den ersten beiden Kapiteln. In allen Kapiteln trumpft der Autor mit der Kenntnis einer reichen Literatur zur jeweiligen Thematik auf – insofern ist das Buch lehrreich. Allerdings stellt sich dabei auch sogleich sein Manko ein: psychotherapeutische und Seelsorge-Erkenntnisse werden nur gestreift. Ist das noch »zeitgemäß« zu nennen? Aber möglicherweise hat sich der Autor hier eine thematische Selbstbeschränkung auferlegt.

Im 1. Kapitel bringt Wetz Überlegungen ans Licht, die ihm als »zeitgemäß« gelten. Der Titel des Buches ist schon Signal: Spricht er doch von »Tot« und nicht vom »Tod«! Damit möchte er klar die biologisch-medizinische Seite endgültigen Totseins einer Leiche trennen von einem je und je erlebten Tod als eines Lebensgeschicks, das von Geburt an schon immer den Tod in sich birgt. Die Leiche hingegen hat Anteil an aller Vergänglichkeit der uns umgebenden Natur. Sie ist daher »etwas völlig anderes als eine Person. Sie ist nur noch deren verweslicher Rückstand.« (49) Als Person wird ein Verstorbener bestattet – als ein Subjekt, das geliebt, gelebt, gekämpft hat. Zu Grabe getragen und ins Grab gelegt aber wird eine (seine?!) Leiche – ein Toter. »Die Wahrheit der Leiche ist deren vollständige Auflösung.« (51) Frage: Kann nicht gerade durch die aktuelle DNA-Bestimmung einer Leiche oder von Leichenteilen über Jahre hinaus deren personale Zuordnung bestimmt werden? Also könnte dann ja die Personalität eines Menschen nicht mit seinem Zustand als Leiche enden! Es sei denn, sie hat sich ins Unmessbare aufgelöst.

 

Das Leben endet als Leichnam

Diese naturalistisch-materialistische Betrachtung eines als Leichnam endenden Lebens sieht der Autor durch eine Reihe literarischer Zeugen gerade im Blick auf das Altern nachdrücklich belegt. Denn »das Altern lenkt das Augenmerk auf die Geringfügigkeit und Unerheblichkeit alles Menschlichen, wenn nicht seniler Ehrgeiz den Blick hierfür trübt.« (41)

Im 2. Kapitel fragt Wetz: »Gibt es ein Leben nach dem Tod?« Hier unterzieht er religiöse und sich auf traditionelle Glaubensaussagen beziehende Vorstellungen und Überzeugungen einer kritischen Prüfung. Dabei setzt er die Prämisse: Es »bildet die Lehre von der Endgültigkeit des Todes die mehrheitliche Auffassung westlicher Intellektueller. Die Erben der kritischen Aufklärung halten den Unsterblichkeitsglauben für eine fromme Absurdität, die mit dem wissenschaftlichen Wirklichkeitsverständnis schwer zu vereinbaren ist.« (64) Es kann keine Seele ohne Körper geben; den Geist nicht ohne Hirn. Beides zusammen mache erst die Identität eines Menschen aus. Und mit dem Tod des Körpers ist auch der Geist der Endlichkeit unterworfen. »Der Tod ist nicht Verwandlung, sondern Vernichtung.« (70)

Allerdings macht Wetz im Blick auf die paulinischen Texte im NT zur »Auferweckung«(!) Jesu bzw. aller Gläubigen deutlich, dass damit nichts anderes denn eine glaubensmäßige Hoffnung zum Ausdruck komme, die keinesfalls durch ein wissenschaftliches Faktum zu widerlegen sei. Demgegenüber aber hält er fest: Heutzutage leide dieser Auferstehungsglaube unter »kosmologischer Belanglosigkeit, evolutionsbiologischer Unwahrscheinlichkeit und neurophysiologischer Abhängigkeit des Menschen«. Unter diesen Prämissen sei dem Menschen unserer Tage dessen Unsterblichkeit keinesfalls mehr plausibel (98). So bemüht der Autor alle sein literarischen Zeugen – etwa Freud, Hume, Lessing, Brecht, G. Keller, Nietzsche u.a. – und urteilt: »Gerade das heutige Gerede über Auferstehung und Unsterblichkeit besteht vorrangig aus hohlem Pathos und salbungsvollen Phrasen. Wir müssen ohne diesen zweifelhaften Trost auskommen. Die Auferstehung des Fleisches gibt es so wenig wie Himmel, Fegefeuer und Hölle, die, anstatt den Menschen die Todesangst zu nehmen, sie vielmehr noch geschürt haben.« (104) Die Weltreligionen können den »Sorgerechtsstreit um den Tod« (10) nicht mehr gewinnen.

An dieser Stelle ist jetzt allerdings aus meiner Sicht eine ebenfalls hermeneutisch zeitgemäße Verkündigung der Osterbotschaft fällig. Sie hätte wohl kaum den Streit zwischen »Theologie und Naturwissenschaft« zum Zentrum. Eher würde sie von jener Hoffnung und Liebe sprechen, die durch Jesu Christi Tod und Auferweckung durch die Kraft des Heiligen Geistes alle Todesangst besiegt hat. Das bezieht sich allerdings auf eine existenzielle Wahrheit und nicht auf eine »zeitgemäße Wahrheit« der Naturwissenschaften!

Wie schon dem »Glauben an die Auferweckung von den Toten« so entzieht der Autor auch unter den Überschriften »geschwätziger Seelenkitsch« (77) und »ungereimte Himmelspoesie« (81) den Erzählungen von Nahtoderfahrungen ihre wissenschaftliche Seriosität. Der Tod finde zwar »immer irgendwo statt, aber er führt nirgendwo hin. Ein Toter bricht nicht zu einer Reise auf. Er ist auf keiner Wanderschaft … Er ist ein für allemal verschwunden … Der Hingang eines Toten setzt einen Schlusspunkt.« (108)

 

Menschen verkämpfen sich gegen den Tod

Das 3. Kapitel besticht durch einen beeindruckend materialreichen Rückgriff auf Zeugnisse aus Biografien (A. Schnitzler, H. Mankell, Chr. Schlingensief, W. Herrndorf, S. de Beauvoir u.a.), Romanen (Th. Mann, L. Tolstoi, Th. Fontane u.a.), Dichtungen (Brecht, Rilke, Benn, Ionesco u.a.) und philosophischen Schriften (alte Griechen und Römer, Kant, Heidegger, Feuerbach, Nietzsche, Jaspers u.a.). Nachdem sich die religiösen Bilder, Erzählungen und Vorstellungen als nicht tragend erweisen, treten in unseren Tagen zunehmend säkulare Gedanken und spirituelle Leitbilder zur Verständigung mit und über die unabweisbare Endlichkeit des Menschen ans Licht. In diesem Kapitel versammelt Wetz wie auf großer Bühne Menschen, die auf sehr unterschiedliche Weise mit ihrem persönlichen bevorstehenden Tod stritten, klagten, jubelten, schwiegen, schrieben, malten oder einfach mal ausrasteten. So verkämpfen sich Menschen – wie alle Lebewesen – gegen den Tod. Es sei der Selbsterhaltungstrieb, der die ungewöhnlichsten Früchte der Todesangst erzeugt – ein völlig »normales Phänomen«, ein »biologischer Mechanismus« der auch in klaren körperlichen Reaktionen zutage trete. (186)

 

Grenzbereiche von Sterbehilfe und Sterbebegleitung

Hospizmitarbeitende, Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte finden hier z.T. Erfahrungen benannt, die auch ihrem persönlichen Erleben in der Begleitung schwerstkranker und sterbender Menschen nicht fremd sind. Frage: Lässt sich dies alles allein unter dem Titel »Selbsterhaltungstrieb« rubrizieren? Liegt darin nicht eine erhebliche Reduktion eines umfassenden psychodynamischen und spirituellen Geschehens vor, dessen Prägekräfte unterschätzt werden?

Diese Frage beantwortet der Autor m.E. dahingehend indirekt mit »Ja«, indem er entscheidende ethische wie psychische Belastungsgrenzen eines beschwerlichen Lebensendes eindrücklich in vielfältigsten Auswirkungen von unerträglichen Schmerzen und leidvollem Geschick aufzeigt. Er kommt zu dem Ergebnis, dass in Grenzsituationen ein »Freitod« (»ein bewußt vollzogener Bilanzsuizid«, 163) wie auch ein ärztlich begleiteter Suizid (170) für einen im Übermaß leidenden Menschen gerechtfertigt sein könnten. Der einzelne Mensch treffe hier seine ganz eigene Entscheidung. Die Aussicht auf diese letzte Möglichkeit biete dem leidenden Menschen einen anderswo nicht mehr gegebenen Trost.

Ich möchte hier den Einwand erheben, dass Patienten wie Seelsorgende in diesen Grenzbereichen von Sterbehilfe bzw. Sterbebegleitung eines schwer beschädigten Lebens sehr wohl die Autonomie des Patienten und seiner ins Leid verstrickten Existenz im Blick behalten sollten. Aber gerade dann kommt es auf die Perspektive an: Lasse ich mich vom Ausmaß des Leidens überwältigen und suche dieses dann mit einem tödlichen Eingriff auf die ganze Person (!) abschaffen zu helfen (Suizidbeistand)? Oder aber setze ich mit der Sinnfrage an: Welchen Vorstellungen von einem »guten Leben« hängt der Sterbende an? Ist es diejenige von einem leidlosen Leben? Dann aber scheint es mir seelsorgerlich angebracht, mit dem Leidenden an dieser Vorstellung zu arbeiten, ihm in einer »Kultur des Beistands und der Sorge« eine gewisse Zuversicht und Trost im Erwarten des nahenden Todes zu schenken.

Ich persönlich habe die Einstellung gewonnen, die der Ethiker und Philosoph Giovanni di Maio in seinen verschiedenen Veröffentlichungen immer neu so formuliert hat: »Weil das Sterben gar nicht so recht zum Leben dazugehören soll, sieht man auch nicht ein, dass man auf den Tod warten soll. Es wäre doch besser, den Tod selbst nach eigenen Vorgaben herbeizuführen, als auf ihn zu warten, so das Credo. Ich denke aber, dass nur die Haltung des Erwartens, des Abwartens und Zulassens der angemessene Umgang mit dem Sterben als Teil des Lebens sein kann – und nicht die Haltung des Menschen.« (Medizin ohne Maß? Vom Diktat des Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit, Stuttgart 2014, 181)

 

Die Wahrheit am Kranken- und Sterbebett

Im 4. Kapitel wendet der Autor sich Lebensendsituationen, den Sterbestunden zu. Er arbeitet hier wiederum mit einer breiten Dokumentation biografisch verfasster Sterbeliteratur aus unseren Tagen. Neben vielen Beobachtungen, die auch aus der Krankenseelsorge bekannt sind, spitzt Wetz seine Ausführungen zu auf das, was unter dem Thema »Die Wahrheit am Kranken- und Sterbebett« schon immer verhandelt worden ist. Grundlegend hält der Autor fest: Der Tod werde »nicht mehr religiös gedeutet, sondern tritt in den Tagebüchern zumeist ohne jeden feierlichen Pomp auf.« (217) Entsprechend sollte auch die »unerbittliche Wahrheit« des nahen Todes einer sterbenden Person nicht vorenthalten werden. Da dieser im Kampf ums Überleben auch nach dem letzten Strohhalm »Hoffnung« greife, solle man ihm den nicht aus der Hand schlagen – obwohl dies um der Wahrheit willen erforderlich sei. Vielmehr könne der Wahrheitsliebende dem Sterbenskranken seinen Respekt zeigen – allerdings unter »Verstellung, Täuschung und Betrug« (212). Ein »offenes Ohr, freundliches Geplapper und ernstes Geplauder« (210) zeigen dem Sterbenskranken, dass man dessen Situation mit »einem Sinn fürs Angebrachte, Takt und Empathie« begleite.

Inhaltlich ist damit allerdings wenig bis gar nichts gesagt. Spricht daraus nicht eher die Ohnmacht eines rein am Natürlich-Körperlichen orientierten Philosophen in der Begegnung mit einer sterbenden Person? Spielt es nicht für einen sterbenskranken Menschen eine erhebliche Rolle, welche begleitenden Personen um ihn herum sind? Welche »seelische Klimazonen« und spirituelle Haltung gerade diese ihm bereiten? Sie werden ihre je verschiedenen Rollen haben – mit einer auch für den Patienten zugänglichen je eigenen und persönlichen Wahrheit.

 

Wie ist Trost möglich?

»Wie ist Trost möglich?« fragt Wetz im 5. Kapitel und damit seine Überlegungen abschließend. Letzter Trost entspringe einer »Grundhaltung«, die man sich selbst nur durch »intensive Arbeit« erschließen könne (220). Dazu gehöre auch ein »zeitgemäßer Geleitschutz auf dem Weg ins Nirgendwo.« (12) Auch die Begleitenden wie der Sterbende wissen: »Zu sterben bedeutet nicht nur, das letzte Mal etwas zum ersten Mal zu tun, sondern auch das letzte Mal etwas zum einzigen Mal zu tun.« (13) Ließe sich etwa mit einer Einübung in die »Kunst des Sterbens« ein tröstliches Potential zur Vorbereitung auf das »letzte Stündlein« im Voraus erarbeiten? Im Durchgang durch eine Fülle literarischer Zeugnisse zu Tröstungen und Weisheiten hält der Autor fest: All diese Ansammlungen können letztlich einem Menschen in der Sterbestunde keinen Trost bieten. Sie bleiben aber Trostpflaster, und als solche »Vertröstungen, die aber unverzichtbar sind: existentielle Palliative«. (237) Abhilfe in Not! Angesichts der Tatsache, dass der Mensch in kosmischen Maßstäben nur eine Winzigkeit in der Natur ausmacht und als solcher auch als Toter im Weltall flüchtig und nichtig ist (Staub und Asche), sollte er sich doch eines kleinen Trostes versichern: Als ein Toter kündigt er von der »existentiellen Wahrheit des Todes«: der Sorglosigkeit! Denn nur der Tod kann den Menschen grundsätzlich von allen Sorgen befreien. Wenn Sorgen alles Leben prägen, so liege in der »Vorstellung absoluter Sorglosigkeit ein kleiner Trost.« (244)

Hier erinnert mich Wetz an jene Überlegungen aus der Palliative Care, die in einem Beitrag von Andreas Heller und Werner Schneider im Heft zum 25jährigen Jubiläum des DHPV 2017 zum Ziel der Hospizarbeit verfasst wurden: Sie stehe ein für die »persönliche und empathische Sorge« um Schwerstkranke und Sterbende – im Gegensatz zur staatlichen Fürsorge. »Sorge« als eine Grundstruktur alltäglichen Lebens; im sozialen Zusammenwirken ebenso anwesend wie in der je eigenen persönlichen Befindlichkeit. Ist Sorglosigkeit erreicht, so ließe sich folgern, wäre Hospizarbeit als »Sorge-Arbeit« an ihr Ziel gelangt. (Es schmerzt mich jetzt eine Assoziation anderer Art: Geht es darum, durch den herbeigeführten Tod Leben zu »ent-sorgen«/zu vernichten?)

 

Trauerarbeit ohne Religion?

Mit dem Abschnitt »Trauerarbeit ohne Religion« wird das Buch abgeschlossen. Umfassende Darlegungen antiker wie auch gegenwärtiger Aussagen, Erkenntnisse und Empfehlungen zum Kapitel »Trauerarbeit« eröffnen die Überlegungen. Schließlich erweise jede Bestattung – ob nun mit Sarg oder Urne, ob sehr schlicht oder mit sehr viel Aufwendungen – die dem Autor unumstößliche Grundwahrheit: »Der Tod an sich ist, abgeschnitten von den Quellen religiöser Sinnzufuhr, einfach nichts.« (258) Aber unübersehbar und unüberhörbar bleiben Sterbestunden dennoch von Todesangst durchzogen. Weder ein lockerer Humor, noch heroische Tapferkeitsbekundungen noch »religiöse Irrlehren« (z.B. Auferstehungshoffnung) können darüber hinweg trösten. Jetzt könne nur eine bestimmte Menschlichkeit heranstürmende Todesängste mindern und sich »ohne Aufschrei und Auflehnung ins Unvermeidliche« schicken. (278) »In diesem Sinne können wechselseitiger Beistand, maßvolle Tröstungen und eine ihnen angemessene Grundhaltung die Not lindern, in die uns der Tod stürzt.« (278) Das alles bleibe »Improvisation« und »Kompromiss«. »Man arrangiert sich irgendwie.« (279)

Ich merke an: Wer sich auf diese Weise auf sein »letztes Stündlein« vorbereitet, wird nicht in den Choral »So nimm denn meine Hände…« einstimmen können und ein »Vater unser…« wird nicht zum Trost. In diesen Gebeten und Zeugnissen des Glaubens wird dem Tod nicht das letzte Wort überlassen. Auch geben diese Überlieferungen keinerlei Anlass zum Anfreunden mit dem Tod oder für einen irgendwie gearteten Deal mit dem als Feind des Lebens. Denn für christliche Glaubenshoffnung ist der Tod grundsätzlich ein überwundenes Datum. Ich muss ihn an mir selbst nicht mehr vollziehen, aber zu erwarten habe ich ihn. Um das eindrücklich, tröstlich und liebevoll auszudrücken bedarf es weniger der Worte, denn eines zeichenhaften Handelns in Ritualen der Hoffnung – im Gebet, im Segnen, im Aufbahren und schließlich im Verabschieden am Grab: »Gehe heim in den Frieden Gottes. Dort wirst Du erwartet.«

 

Literaturhinweis:

Franz Josef Wetz: »Tot ohne Gott. Eine neue Kultur des Abschieds«, Alibri Verlag Aschaffenburg, 2018

 

Robert Cachandt

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2019

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