24. Dezember 2019, Sacharja 2,14-17
Christnacht

Von: Harald Wagner
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Zukunftsvision des Kommenden

 

Orientierung

Der Predigttext für die Christnacht stammt aus dem »alttestamentlichen Sprach- und Hoffnungsraum« (Ebach), dem Klangraum und Lobraum des ersten Testamentes, in den wir eintauchen und als evangelische Zweitstimme miteinstimmen, mitbezeugen und uns mitfreuen sollen. Er stammt von einem Propheten, dessen Leben im Dunkeln bleibt.

Das Sacharjabuch dürfte um die Zeit des beginnenden Aufbaus des Tempels in Jerusalem, um 520 zu datieren sein. Jerusalem ein Erinnerungsort »schwer von Geschichte, vom Licht der Ewigkeit überstrahlt« (Schalom ben Chorin). Sacharja mit seinen sieben »Nachtgesichten«, seinen Nacht und Tagträumen, ist der Prophet und Priester, von dem die »erste und älteste bekannte Apokalypse« stammt. Es geht ihm um die »Errichtung der Königsherrschaft Gottes auf dem Zion als Eintritt der Basileia in unsere Welt« (Gese).

Einen guten Überblick über das Buch Sacharja gibt auch Klaus Wengst in der »Bibel in gerechter Sprache« (1020f).

 

Besinnung

Mit »An jenem Tag« wird eine Zukunftsvision des Kommenden angedeutet. »An jenem Tag« wird Gott im Sehnsuchtsort Jerusalem, der Zukunftsstadt, wohnen, und Tochter, Mutter (Ps.87) Zion wird zum Weltmittelpunkt werden. Es wird ein barmherziges Wohnen »in deiner Mitte sein«. Sacharja gebraucht den Gottesnamen »Adonai«, der Gott als den Barmherzigen bezeichnen könnte, wie einige Rabbiner meinen. »An jenem Tag« werdet ihr einander einladen und unter Weinstock und Feigenbaum – Symbole des Friedens – sitzen (Sach. 3,10). Eine erfreuliche Botschaft. Die von einer dunklen Zukunft Geängstigten können hoffnungsvoll und getrost still werden. »So ist es eine große Wahrheit. Nur wenn wir still werden, kommen wir zu Gott. Aber noch viel größer ist das andere. Nur wenn Gott kommt, wird es still« (Ragaz).

 

Anregungen

In den Gottesdienst der Christnacht kommen vom herzlichen oder auch konfliktreichen Festessen oft ältere Paare, auch einsame Alleinstehende, die die Gemeinschaft des miteinander Feierns suchen. Sie meiden den lauten und umtriebigen Heiligabend. Sie lieben mehr die stillen Töne des Evangeliums vom Frieden, mehr die Lieder und Musikstücke, die das Kind in der Krippe besingen, und weniger mit Worten als mit Klängen die weltbewegende Geburt feiern und in den Lobpreis der Engel und der ganzen Schöpfung miteinstimmen möchten.

Ich würde in der Christnacht der Stille und dem Schweigen, dem Singen mehr Raum geben, Wortlastigkeit vermeiden. Es eignen sich kurze Gedichte: »Die Hirten in Bethlehem« von Klaus Peter Hertzsch oder »Das Lied von der Erscheinung des Herrn« oder »In tiefer Nacht« von Huub Oosterhuis. Man könnte ein »Geburt Christi«-Bild von Rembrandt meditieren, an dessen 350. Todestag in diesem Jahr gedacht wird: »Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt« (Klepper). Dazu einige wenige Sehhilfen geben. Alternativ: Sieger Köders Bild »Der Stammbaum Jesu«. Auch das Adventslied »Tochter Zion, freue dich« aus Händels Oratorium »Judas Maccabäus« bietet sich an. Es sei auch keine Enteignung Israels, sondern kann als ein »Aufruf zur Mitfreude« (Ebach) verstanden werden. »Gott wohnt auf den Lobgesängen Israels« (Ps. 22,4). Wir sind nicht »Tochter Zion«, aber wir sind in den Hoffnungsraum mit eingeladen. Angemessen ist auch ein weihnachtliches Gebet für den gerechten Frieden zwischen Israelis und Palästinensern mit der Bitte, dass der Gott des Friedens inmitten beider Völker wohnen möge.

 

Harald Wagner

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2019

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