25. Dezember 2019, Titus 3,4-7
Christfest I

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Gottes Menschenliebe spüren (lassen)

 

I

Beim ersten Lesen fühle ich mich erschlagen. Die Vielzahl der Begriffe und theologischen Themen, die komplexe Struktur dieses einen Satzes und die Distanz zu den Erzählungen der Weihnacht – puh!

Dass Tit. seinen Ort in der Paulustradition hat dürfte weitgehend Konsens sein. Dass die Abfassungszeit in die zweite Generation des Christentums fällt, in der aus der Begeisterung die Notwendigkeit zur Organisation der Gemeinden in einer mehr oder weniger feindlichen Umwelt wird, ist wahrscheinlich – wie sich in der Welt einrichten, ohne ihr gleich zu werden? Lebendige Glaubenszeugnisse gerinnen zu Bekenntnissen. Der hymnische, geradezu überbordende Charakter aber ist im Text bewahrt. Der Autor scheint begeistert von der Erkenntnis, die ihm durch den Glauben an Christus zuteil geworden ist und sein Leben von Grund auf verändert hat (Kontrast zwischen V. 3 und 4-8). Das Bekenntnis trägt die Paränese (vgl. Kap. 2 oder Phil. 2). Gottes heil machende Menschenliebe begründet die Mahnung, diese Menschenliebe weiterzugeben.

 

II

Mut zur Beschränkung ist gefragt: Soll es um die Frage gehen, was alte Bekenntnisse heute bedeuten und wie neue Bekenntnisse klingen können? Wird die historische Situation der damaligen Adressaten zum Anlass zu fragen, wie Christ- und Kirchesein in einer zunehmend nichtchristlichen Umgebung glaubwürdig gelingen kann? Oder lockt einer der zahlreichen begrifflichen Schwergewichte zu theologischer Spurensuche?

Ich bleibe vor allem an dem Gedanken von »Menschenliebe« (philantrophia) hängen, der gewöhnlich auf Menschen bezogen (Apg. 28,2, auch bei Josephus und Philo) und nur hier im NT auf Gott angewandt wird. Die Menschenliebe der Christen gründet in Gott und gewinnt aus ihm Kraft und Richtung – gerade am Fest der Liebe ein verheißungsvolles Thema.

 

III

Aber: Haben wir nicht schon viel zu oft und mehr oder weniger seicht vom »lieben Gottes« gehört und gepredigt? Wie lässt sie sich dessen Liebe erfahren – und weitergeben? Aufforderungen zum Austeilen von Gottes Menschenliebe sind oft schal und – schlimmer noch: erwartbar. Es kommt darauf an, die Hörerwartungen mild zu irritieren, um neue Perspektiven zu öffnen. Vielleicht kann das mit dieser Geschichte gelingen, die Isolde Karle in einer Predigt ins Spiel bringt (https://predigten.evangelisch.de/?predigt/?predigt-zu-titus-34-7-von-isolde-karle, abgerufen 15.10.19):

Zu meinem türkischen Friseur, Herrn Murat, gehe ich schon seit ewigen Zeiten. (…) Herr Murat und ich wissen genug voneinander, um jederzeit in einen kleinen Austausch treten zu können. Wir reden über seine Kinder und über meine Kinder, über seine Heimat an der Schwarzmeerküste und meine Heimat in einer norddeutschen Moorgegend, über seinen Bruder, der in Istanbul wohnt, und über meinen Bruder, der in der Schweiz wohnt. Aber wir müssen auch nicht reden. Er bittet mich mit einer einladenden Handbewegung auf seinen Sessel, wäscht mir die Haare und legt los. Schnipp, schnapp. Oft schließe ich derweil die Augen und lasse die Gedanken laufen. Herr Murat ist dann ganz leise. Fast habe ich das Gefühl, er schneidet extra behutsam. Ab und zu tritt er zurück und betrachtet sein Werk. Diese Pausen stören mich nicht. Ich kenne das ja und denke einfach weiter.

Bis mir neulich die Pause einen Tick zu lang vorkam und ich die Augen öffnete. Mir ging grad so viel durch den Kopf. Die Last des Lebens hatte sich auf meine Seele gelegt und bedrückte mich. Ich machte mir Sorgen, die man nicht einfach so erzählt, jedenfalls nicht im Frisiersessel. Sorgen, die man hinter Stirn und Augenlidern verborgen halten kann – wie ich glaubte. Herr Murat stand an den Spiegel gelehnt, hatte die Schere sinken lassen und schaute mich an – freundlich, fast ein wenig liebevoll. Er muss an meinem Gesicht abgelesen haben, dass ich Zuspruch brauchte. Und er gab ihn mir: »Keine Sorge!«, sagte er. »Alles wird gut«. Es war ein Segen. (Der Andere Advent 2015/2016, 6.12.2015)

 

Lieder

EG 56 »Weil Gott in tiefster Nacht erschienen«

EG 412 »So jemand spricht: Ich liebe Gott«

 

Steffen Groß

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2019

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