26. Dezember 2019, Matthäus 1,18-25
Christfest II

Von: Lars Klinnert
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In Gottes Geschichte verstrickt

 

Zum Anlass

Das Weihnachtsfest ist in unserer säkularen Gesellschaft vielleicht das letzte Refugium christlicher Volksfrömmigkeit. Hier scheint auch jene Menschen noch eine spürbare Ahnung von der Liebe Gottes zu erreichen, die sonst jeglichen Sinn für das Religiöse vergessen, verdrängt oder verloren haben. Für rund zwei Drittel aller Deutschen ist es laut Meinungsumfragen an den Weihnachtstagen das Allerwichtigste, mit ihrer Familie zusammen zu sein. An die sich hier ausdrückende Sehnsucht nach Zuwendung, Geborgenheit und Lebendigkeit, die viele Menschen sie zuallererst mit einem glücklichen Familienleben verbinden, ist die biblische Familiengeschichte von Josef, Maria und Jesus in hohem Maße anknüpfungsfähig. Am heiligen Kind, gewickelt und umsorgt von seinen Eltern, wird erkennbar, dass Gottes Gegenwart in unsere elementarsten Lebenserfahrungen hineinreicht.

 

Zum Text

Ob der Evangelist tatsächlich von einer »biologischen Gottessohnschaft Jesu« (Klaus Berger) redet, ist gänzlich uninteressant. Anhand empirischer Daten allein lässt sich ja über das Woher und Wohin eines Menschenlebens ohnehin nichts aussagen. Betont wird mit der jungfräulichen Schwangerschaft vielmehr das wunderhafte Berührtwerden unserer Wirklichkeit von der Wirklichkeit Gottes. Die neue und einmalige Lebensgeschichte, die mit der Geburt eines Menschen seinen Anfang nimmt, lässt sich aus innerweltlichen Zusammenhängen heraus nicht hinreichend erklären. Diese Einsicht gilt für die Person Jesu Christi besonders radikal, lässt sich aber im Grunde auf jedes neugeborene Kind übertragen. Bereits den Propheten Jeremia und Deuterojesaja sowie Johannes dem Täufer sagt das biblische Zeugnis eine besondere Gottesbeziehung vom Mutterleib an nach. Mit Ps. 139,13-16 steht das staunende Bekenntnis zu einem aller Erfahrbarkeit vorauslaufenden Erwähltsein durch Gottes Gnade gleichwohl jedem Glaubenden offen.

 

Zur Predigt

Die Predigt kann zunächst die Perspektive Josefs einnehmen, dessen Lebenspläne hier durcheinandergeraten und der vor einer ungewissen Zukunft steht: Als »frommer und gerechter« Mann will er seine Verlobte nicht bloßstellen, doch erscheint ihm ein weiteres Zusammenleben unter den gegebenen Umständen unmöglich. Im beherzten Sich-Einlassen auf Gottes Begleitung, wie sie ihm durch den Kindsnamen »Immanuel« zugesagt wird, vermag er unter schwierigen Lebensumständen die richtige Entscheidung zu treffen.

Wir haben unser Leben niemals vollständig selbst in der Hand, sondern sind stets »in Geschichten verstrickt« (Wilhelm Schapp). Josef wird zu einem Teil der Geschichte Jesu, weil er sich darauf einlässt, ein Teil der Geschichte Gottes zu sein. Sinn und Ziel seines Lebens sind durch Gottes Handeln schon bestimmt und können von ihm vertrauensvoll ergriffen werden.

Durchkreuzte Pläne, neuartige Herausforderungen und ungewisse Aussichten bieten mitunter eine Chance, Gottes Anwesenheit neu und anders wahrzunehmen – etwa in der Geburt eines Kindes, in der Erfüllung einer Aufgabe, im Wagnis einer Veränderung. Nicht selten erfahren wir nach einer bewältigten Krise unser Leben in vorher ungeahntem Ausmaß als reicher, tiefer und freier. Weil Gott sich selbst durch Jesus Christus in unser Leben verstrickt, dürfen wir es in allen Unsicherheiten und Unzulänglichkeiten immer schon von seiner letztgültigen Bestimmung her verstehen: Gottes Geschichte mit uns reicht über alle Begrenztheiten dieses Lebens und dieser Welt hinaus. An Weihnachten feiern wir somit immer auch unsere eigene Gotteskindschaft.

 

Lieder

EG 27 »Lobt Gott, ihr Christen alle gleich«

EG 30 »Es ist ein Ros entsprungen«

EG 40 »Dies ist die Nacht, da mir erschienen«

EG 321 »Nun danket alle Gott«

EG 600 (RWL) »Meine engen Grenzen«

 

Lars Klinnert

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2019

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