Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
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Von meinem Nachbarn fand ich eine Pressemappe im Briefkasten: »Auch eine interessante Angelegenheit! Liebe Grüße…«, stand handschriftlich darauf. Neugierig blätterte ich durch die fünf Seiten. Sie berichteten von einer Pressekonferenz in der Evang. Heilige-Geist-Kirche zu dem Thema »Utopia ist da, wo man’s lebt. Ein Jahr Werkstatt Utopia.« Diese Werkstatt ist das inklusive Musik-Projekt des »Vereins KulturLeben Berlin.« Projektleiter ist der Dirigent Mariano Domingo, die Schirmherrschaft übernahm Kultursenator Dr. Klaus Lederer.

In dieser Werkstatt können Menschen mit und ohne Beeinträchtigung in einem Orchester oder in Workshops ihrer musikalischen Leidenschaft nachgehen, ohne dass die Behinderung im Zentrum steht. Nicht die Behinderung, sondern die Musik ist das verbindende Element und das Medium, über das sich die Mitglieder ausdrücken.

Mit dem »Utopia-Orchester« schließt die Werkstatt eine wichtige Lücke. Denn es gibt eine Fülle von klassischen Laienorchestern, aber es gab bislang kein inklusives Sinfonieorchester, das Menschen mit und ohne Behinderung zusammenbringt. Laienorchester sind auf Mitglieder mit Behinderung nicht eingestellt, haben keine Erfahrung, wie man Musiker in die Probenarbeit einbeziehen kann, die in ihrer Mobilität stark eingeschränkt sind oder eine kognitive Beeinträchtigung haben. Das möchte die »Werkstatt Utopia« ändern!

Viele Einrichtungen der Behindertenhilfe bieten gute musikalische Angebote an, die aber in der Einrichtung selbst stattfinden, denn Barrierefreiheit und Assistenzen können vor Ort am besten gewährleistet werden. Viele Menschen haben aber ein großes Bedürfnis, kulturelle Aktivitäten auch außerhalb des gewohnten Umfeldes zu erleben und unabhängig von der Behinderung andere Gleichgesinnte kennenzulernen. Von Anfang stand daher fest, dass das musikalische Geschehen der »Werkstatt Utopia« nicht in einer Behinderteneinrichtung stattfinden sollte, sondern an einem externen Ort. Darüber hinaus sollte die Musik über öffentliche Konzerte in die Mitte der Gesellschaft getragen werden, wie es andere Laienensembles eben auch tun.

Die Suche nach Musikern mit Behinderung erwies sich trotz intensiver Öffentlichkeitsarbeit zunächst als schwierig. Über eine freiwillige Mitarbeiterin kam im Juli 2018 eine blinde Pianistin zur Werkstatt, die weitere Musiker aus ihrem Netzwerk mitbrachte. Der Grundstein war gelegt! Kurz nach dem Projektstart im Mai 2018 wurde der erste Auftritt geplant: am 3. Dezember sollte es stattfinden, dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung. Es gelang! Aber bis es zur Aufführung in der voll besetzten Heilige-Geist-Kirche kam, mussten viele Schwierigkeiten gelöst werden. So galt es die Ankunft von vier Rollstuhlfahrern zeitlich einzuplanen, die den Probenraum über einen Treppenlift erreichen. Die beiden blinden Musiker erhielten Aufnahmen ihrer Einzelstimmen, anhand derer sie ihren Part einstudierten. Probenpläne mussten rechtzeitig kommuniziert werden, um Transporte und Begleitdienste organisieren zu können.

Ein zweites Konzert fand am 30. April 2019 unter dem Titel »Utopia hat GRIPS – GRIPS hat Utopia« im GRIPS-Theater Berlin statt. Das Theater war restlos ausgebucht und das Publikum inklusiv zusammengesetzt. Seit dem Projektstart haben über 40 Musikbegeisterte den Weg zur »Werkstatt Utopia« gefunden. Die Musiker wollen nicht nur spielen, sondern die Werkstatt mit ihren Ideen mitgestalten. Das zeigt, wie notwendig das Projekt ist. Das nächste Sinfoniekonzert des »Utopia-Orchesters« war für den 3. Dezember in der Gethsemanekirche angekündigt.

Ein großartiges Projekt!

Siegfried Sunnus

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2019

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