Dichter-Konversionen zum Christentum, Teil II: Heinrich Heine
Taufe und späte Bekehrung

Von: Matthias Hilbert
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In einer vierteiligen Reihe schildert Matthias Hilbert die Dichter-Konversionen zum Christentum von Alfred Döblin, Heinrich Heine, Karl Jakob Hirsch und Franz Werfel.

 

Als Harry Heine (wie Heinrich Heine ursprünglich hieß) am 13.12.1797 zur Welt kommt, sind das Herzogtum Berg und seine Hauptstadt Düsseldorf seit gut zwei Jahren von französischen Revolutionstruppen besetzt. Seit 1806 gehört das Herzogtum schließlich ganz zu Frankreich. Kaiser Napoleon setzt in dem annektierten Gebiet in den Folgejahren verschiedene freiheitliche Reformen durch, wozu nicht zuletzt die Einführung des Code civil gehört. Dieser macht ein Ende mit der Leibeigenschaft und gibt Juden wie Nichtjuden die gleichen Rechte. Die Privilegien von Adel und Kirche werden aufgehoben. Für all das wird Heine Napoleon sein Leben lang verehren.

 

Eine liberale jüdische Familie

Heines Eltern waren in ihrer religiösen Einstellung liberal ausgerichtet. Der Vater, Samson Heine, war Textilkaufmann und in der Düsseldorfer Gesellschaft integriert. Dass auch ihre insgesamt vier Kinder sich in der Gesellschaft etablierten und assimilierten, war das besondere Ziel seiner Frau Betty, die selbst einer renommierten Bankiers- und Gelehrtenfamilie entstammte. Besonders mit Harry, ihrem Ältesten, hat sie hochfliegende Pläne.

Der besucht ab 1810 das humanistische Gymnasium (»Lyceum«) in Düsseldorf. Die drei Heine-Söhne sind lange Zeit die einzigen jüdischen Schüler dieser angesehenen Bildungsanstalt, die ursprünglich ein Jesuitengymnasium gewesen war. 1819 nimmt Heine an der Bonner Universität ein Studium in Rechts- und Kameralwissenschaft auf. Dieses Studium eröffnete eine Perspektive auf einen möglichen Posten im Staats- und Verwaltungsdienst.

Wenngleich noch 1812 der preußische Staatskanzler Hardenberg den Juden die Zulassung zu akademischen und anderen öffentlichen Ämtern ermöglicht hatte, so machte jedoch zehn Jahre später eine königliche Kabinettsorder diesen Schritt wieder rückgängig. Überhaupt war das politische Klima in Europa seit dem Sturz Napoleons und den 1815 erfolgten Beschlüssen des Wiener Kongresses auf eine Restauration der alten, vornapoleonischen Verhältnisse ausgerichtet. Was dazu führte, dass liberale, freiheitlich ausgerichtete Bestrebungen rigoros unterdrückt wurden.

 

Taufbegehren aus Opportunismus?

Doch trotz der neuen Bestimmungen war für Heine auch jetzt noch die Möglichkeit, in einem Staats- oder Verwaltungsamt unterzukommen und hier Karriere zu machen, nicht völlig ausgeschlossen. Denn sofern ein Jude sich taufen ließ und zum Christentum konvertierte, standen ihm hier immer noch alle Wege offen. Heine selbst hatte am 3.5.1825 an der Göttinger Universität sein juristisches Doktorexamen bestanden. Zur endgültigen Erlangung des Doktorgrades musste er jetzt nur noch seine Promotionsthesen in einer Disputation am 20. Juli verteidigen. Zuvor jedoch ließ er sich am 28. Juni 1825 im thüringischen Heiligenstadt taufen.

Der Pfarrer der dortigen lutherischen Diasporagemeinde, Gottlob Christian Grimm, scheint ein verständnisvoller Mann und der Spätaufklärung anhängender Theologe gewesen zu sein, mit dem sich reden ließ. Er macht dem um seine Anonymität besorgten jüdischen Taufbewerber mehrere Zugeständnisse. So sichert er ihm eine Haustaufe in seinem eigenen Pfarrhaus zu. Auch wurde ihm die Teilnahme an einem christlichen Unterricht, der eigentlich Vorbedingung einer Taufe war, erlassen. Der Bezirksregierung in Erfurt teilte Grimm mit, dass Heine einen solchen Unterricht für unnötig erklärt habe, »weil er das Neue Testament seit langer Zeit immer bei sich trage und eine genaue Kenntnis der christlichen Religion sich erworben habe, was sich bei der Prüfung, der er sich willig unterwerfe, zeigen werde«.1

Vor dem Taufakt lud Grimm den Göttinger Studenten zu einer »Unterredung über die Lehren der christl(ichen) Religion« ein, wobei er ihm verspricht: »(…) und wenn sich aus derselben ergibt, dass Sie die Hauptlehren kennen, so sollen Sie an dem selben Tage noch oder am folgenden in aller Stille in Gegenwart des Sup(erintendenten) Bonitz die Taufe empfangen«.2

Die vorgeschlagene »Unterredung« findet schließlich am 28. Juni in Heiligenstadt statt. Wenige Tage später meldet Grimm der Regierung in Erfurt, dass die von ihm in Beisein von Dr. Bonitz vorgenommene Prüfung Heines ergeben habe, »dass wir beide in dem Urteil übereinstimmten, er sei in Hinsicht seiner Kenntnis von den Lehren des Christentums vollkommen vorbereitet zur Aufnahme in die Gemeine der Christen und es sei kein Grund vorhanden, die Taufe ihm vorzuenthalten. Daher wurde er kurz nach der Prüfung in Gegenwart des Herrn Dr. Bonitz, welcher die Stelle des Taufzeugen übernahm, am 28. Juni vormittags in meiner Wohnung von mir getauft und erhielt die Namen, die er gewünscht hatte: Christian Johann Heinrich, mit Beibehaltung seines bisherigen Familiennamens Heine.«3 Damit war aus Harry Heine fortan Heinrich Heine geworden.

 

»Ein gleichgültiger Akt«

Noch 1823 hatte Heine seinen Freund Moses Moser hinsichtlich einer Taufe zwecks Konversion zum Christentum wissen lassen: »Aus meiner Denkungsart kannst Du es Dir wohl abstrahieren, dass mir die Taufe ein gleichgültiger Akt ist, dass ich ihn auch symbolisch nicht wichtig achte. (…) Aber dennoch halte ich es unter meiner Würde und meine Ehre befleckend, wenn ich, um ein Amt in Preußen anzunehmen, mich taufen ließe. (…) Ich weiß wirklich nicht, wie ich mich in meiner schlechten Lage helfen soll.«4 Hatte Heine sich dann also doch am Ende eines langen Ringens aus purem Opportunismus und in dem Bewusstsein, dass »der Taufzettel das Entre Billet zur europäischen Kultur (ist)« – so eine Notiz von ihm aus dem Jahre 18305 – taufen lassen?

Bevor man hier über Heine den Stab bricht, sollte man nicht das eigentlich Skandalöse übersehen, das darin besteht, dass Staat und Gesellschaft damals einer solchen Heuchelei durch den Umstand Vorschub leisteten, dass nur einem formal christlich getauften Juden die vollen Bürgerrechte zuerkannt wurden.6

Die Möglichkeit eines entsprechenden Taufmissbrauchs war natürlich auch dem Heiligenstädter Geistlichen bewusst. Daher hatte er in seiner Taufansprache ausdrücklich darauf hingewiesen: »Und obschon mit dem Bekenntnis der Lehre Jesu im christlichen Staate auch wichtige äußerliche Vorteile verknüpft sind, so sind es diese doch nicht und sollen es auch nicht sein, welche in dieser feierlichen Stunde Ihnen vorschweben. (…) Ihrem Verlangen, an die Gemeine der Christen sich anzuschließen muss die Überzeugung zu Grunde liegen, dass in den Schriften derselben die meiste Gotteserkenntnis, die herrlichsten Belehrungen und erquickendsten Leistungen, die äußeren Antriebe zum Guten, die seligsten Gattungen der Unschuld zu finden sind.«7

Doch mit einer solchen Lobpreisung des Christentums – zumal in seiner protestantischen Ausprägung – konnte sich damals Heine durchaus einverstanden erklären. In Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (1834) attestiert er dem Protestantismus in Deutschland, dass durch ihn »die Menschen tugendhafter und edler« würden. Auch besaß er nicht nur eine große Wertschätzung gegenüber der Person und der Lehre Christi – ohne dass bei ihm von einem Glauben an Jesus (im dogmatischen Sinne) gesprochen werden könnte –, sondern hegte auch große Sympathien für Martin Luther.

»Ruhm dem Luther!«, ruft Heine in der schon erwähnten Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland aus. »Ewiger Ruhm dem teuren Manne (…), von dessen Wohltaten wir noch heute leben! (…) Von dem Reichstage an, wo Luther die Autorität des Papstes leugnet und öffentlich erklärt: ‚dass man seine Lehre durch die Aussprüche der Bibel selbst oder durch vernünftige Gründe widerlegen müsse!‘ da beginnt ein neues Zeitalter in Deutschland.
(…) Dadurch entstand in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit oder, wie man sie ebenfalls nennt, die Denkfreiheit. (…) Aber dieser Luther (…) gab dem Gedanken auch das Wort. Er schuf die deutsche Sprache. Dies geschah, indem er die Bibel übersetzte.«8

 

»Delinquentenreligion«

Und wie sieht Heine Jesus? In einem Gedicht, das Heine in der Harzreise veröffentlicht hat (1826), heißt es, dass der »liebe Sohn« den Menschen »liebend die Liebe offenbart/ Und zum Lohne, wie gebräuchlich,/ Von dem Volk gekreuzigt ward«9. In Die Stadt Lucca (1830) wiederum scheint Heine, der sich inzwischen immer mehr vom christlichen und jüdischen Glauben distanziert hat, zu bedauern, dass die »seligen« griechischen Götter durch das Christentum entzaubert worden sind. Dann jedoch stellt er die nachdenkliche Frage, ob die »Delinquentenreligion« (wie er das Christentum abschätzig bezeichnet), nicht doch »vielleicht nötig (war) für die erkrankte und zertretene Menschheit?« Und er fährt fort: »Wer einen Gott leiden sieht, trägt leichter die eignen Schmerzen. Die vorigen heiteren Götter, die selbst keine Schmerzen fühlten, wussten auch nicht wie armen gequälten Menschen zu Mute ist, und ein armer gequälter Mensch könnte auch, in seiner Not, kein rechtes Herz zu ihnen fassen. (…) Sie wurden deshalb auch nie so ganz von ganzem Herzen geliebt. (…) Von allen Göttern, die jemals gelebt haben, ist daher Christus derjenige Gott, der am meisten geliebt worden.«10 Und in den Französischen Zuständen (1932) vertritt Heine die Meinung, dass Christus »für die Gleichheit und Brüderschaft der Menschen gestorben ist«.

 

Hegelscher Weltgeschichtsoptimismus

Heine huldigte zunehmend einem Fortschrittsglauben und einem Zukunftsoptimismus, die auf eine zunehmende Befreiung des Menschen zielten und von einer positiven, freiheitlichen Entwicklung der politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse ausgingen. Darin zeigt sich Heines starke Beeinflussung durch den Philosophen Hegel, an dessen Vorlesungen er während seiner Studienzeit an der Berliner Universität (1821-1823) teilgenommen hatte. Dass »die Weltgeschichte der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit (ist) – ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben«, dieser berühmte Satz Hegels hatte es ihm ganz besonders angetan. Hegel hatte gelehrt, dass eine ewige, absolute Vernunft, ein »Weltgeist«, den Weltprozess steuert. Dabei habe sich die Welt-, Kultur- und Religionsgeschichte auf dialektische Weise – d.h. mittels des schöpferischen Dreischritts von These, Antithese und Synthese – stufenmäßig immer weiter und höher entwickelt. Dieser ominöse Gott bzw. »absolute Weltgeist« – von Hegel mehr oder weniger pantheistisch aufgefasst – gelange im Menschengeist zum Selbstbewusstsein und zur Selbsterkenntnis. Der Mensch also »göttlich«, Gott-gleich oder zumindest Gott-ähnlich und das Maß aller Dinge?

Aber nicht nur Hegels Geschichtsdialektik und die Vorstellung von der »Vergöttlichung« des Menschen faszinierten Heine nachhaltig, auch die sozialutopischen Ideen und Lehren des französischen Sozialreformers Saint-Simon (1760-1825) und dessen Schüler Bazard und Enfantin sprachen ihn immer stärker an – besonders in ihrer pseudoreligiösen Ausprägung. Deren Bestreben und Ziel war ja nicht nur eine Gesellschaft, in der die bisherigen Standesunterschiede aufgehoben wären und ein jeder nach seinem Beitrag für das Gemeinwohl entlohnt würde, sondern ihnen strebte in ihrem rein diesseitigen ökonomisch-evolutionären Weltbild auch ein »Neues Christentum« vor, wodurch die Menschen geistig und moralisch verbessert und es zu einer gesellschaftlichen Verwirklichung des Liebesgebotes kommen sollte. Besonders erfreute es Heine, der dem offiziellen Christentum nicht nur die traditionelle Verbindung von »Thron und Altar«, sondern auch Sinnenfeindlichkeit und asketische Verherrlichung vorwarf, dass hier einer »Rehabilitierung des Fleisches« das Wort geredet und den körperlich-sensuellen Bedürfnissen und Genüssen des Menschen volle Berechtigung zuerkannt wurde. Poetisch drückt Heine sein neues Credo so aus:

Es wächst heran ein neues Geschlecht,
Ganz ohne Schminke und Sünden,

Mit freien Gedanken, mit freier Lust –
Dem werd ich alles verkünden.
11

Und wenn er »ein kleines Harfenmädchen« vom »irdischen Jammertal« singen hört, »Von Freuden, die bald zerronnen,/ Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt/ Verklärt in ewgen Wonnen«, so will Heine statt des »alten Entsagungsliedes«, statt des »Eiapopeia vom Himmel« eine andere Botschaft den Menschen mitteilen, bei der es um nicht weniger als die Realisierung des Himmels auf Erden geht:

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich Euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

(In: Deutschland. Ein Wintermärchen, 1844)12

 

Ironisch-satirischer Journalismus

Heines Pläne und Hoffnungen, nach seiner Promotion und Konversion eine ihm angemessen erscheinende Anstellung im Staatsdienst zu erlangen, hatten sich schnell zerschlagen. Stattdessen gelang es ihm schon früh, sich als Schriftsteller einen Namen zu machen. Bereits während seiner Studentenjahre war er durch einen Band gefühlvoller Gedichte, aber auch durch zahlreiche journalistische Beiträge aufgefallen. Bald schon gesellten sich seine Reisebilder hinzu, in denen er auf oftmals ironisch-satirische Weise kritisch auf die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit einging.

Im Juli 1830 war in Paris die sog. »Julirevolution« ausgebrochen. Nach den Protesten und dem Aufstand der Pariser Bevölkerung gegen die restaurativen Bestrebungen des Königs Karl X. wurde erneut der Bourbonen-Herrschaft in Frankreich ein Ende gemacht. Als neuer König wurde der Herzog von Orleans, Louis-Philippe, gewählt. Er war bereit, die Rechte des Parlaments zu respektieren und gab sich selbst volksnah und liberal. »Bürgerkönig« wurde er genannt.

Heine selbst, der die Ereignisse der Julirevolution aufmerksam verfolgt hatte und sich von ihren Ergebnissen viel versprach, hatte sich am 1. Mai 1831 in der französischen Metropole niedergelassen. Seine Stellung in Deutschland war inzwischen unhaltbar geworden, nachdem die preußische Zensurbehörde für Teile seines Werkes ein Verkaufsverbot beim Ministerium des Innern und der Polizei durchgesetzt hatte. Insbesondere hatte man ihm »gotteslästerlichen Frevel« vorgeworfen.

1841 heiratete Heine Augustine Mirat (von ihm »Mathilde« genannt), nachdem er mit dem jungen Mädchen schon mehrere Jahre zusammengelebt hatte. Dass Mathilde auch mit dem Segen der katholischen Kirche getraut werden wollte, war für den Bräutigam kein Problem. Es focht ihn auch nicht an, dass er sich zuvor schriftlich verpflichten musste, die aus ihrer Ehe hervorgehenden Kinder in der Religion der Mutter erziehen zu lassen.

 

Gelähmt in der »Matratzengruft«

Im Februar 1848 wird der französische König Louis Philippe gestürzt. Dann wird auch noch im Juni eine Arbeitererhebung gewaltsam niedergeschlagen. Heine ist irritiert. Sein auf der Philosophie Hegels beruhender optimistischer Glaube an eine positive Geschichtsentwicklung gerät ins Wanken. Hinzu kommt, dass seit etwa 1845 seine gesundheitliche Verfassung rasant abnimmt. Im September 1847 muss er seinem Arzt vermelden, dass er aufgrund einer Lähmung der Beine und Füße kaum noch einen Schritt zu gehen vermag. Auch der Unterleib sei »bedeutend paralysiert«. 1848 liegt er endlich ganz darnieder. Acht lange, qualvolle Jahre muss er, so gut wie vollständig gelähmt, in der »Matratzengruft« seiner Wohnung zubringen. Fast blind. Der eigene Körper – ein Skelett! Immer wieder von schmerzhaften Krämpfen heimgesucht. Nur durch die Einnahme hoher Gaben von Opium lassen sich die wahnsinnigen Schmerzen betäuben. Heine ist total auf die Hilfe anderer angewiesen, die ihn pflegen, füttern und reinigen müssen. Für den einstigen Lebemann ist die Party zu Ende!

Über die Krankheitsdiagnose ist man sich übrigens auch heute noch nicht ganz sicher. Heine selbst, der sich bereits als Student zweimal eine Geschlechtskrankheit zugezogen hatte, ging wohl von einer syphilitischen Erkrankung aus und deutete sein Leiden als »Krankheit der glücklichen Männer«.

 

»Bei den Hegelianern die Schweine gehütet«

Trotz allem dichtet Heine weiter! So erscheint 1851 der Gedichtband Romanzero. Im Nachwort überrascht der Verfasser die Leser mit dem freimütigen Bekenntnis: »Wenn man auf dem Sterbebette liegt, wird man sehr empfindsam und weichselig und möchte Frieden machen mit Gott und der Welt. (…) Seit ich selbst der Barmherzigkeit Gottes bedürftig, habe ich allen meinen Feinden Amnestie erteilt; (…) Gedichte, die nur halbweg Anzüglichkeiten gegen den lieben Gott selbst enthielten, habe ich mit ängstlichem Eifer den Flammen überliefert. (…) Ja, ich bin zurückgekehrt zu Gott, wie der verlorene Sohn, nachdem ich lange Zeit bei den Hegelianern die Schweine gehütet. (…) Das himmlische Heimweh überfiel mich und trieb mich fort (…) über die schwindligsten Bergpfade der Dialektik. Auf meinem Wege fand ich den Gott der Pantheisten, aber ich konnte ihn nicht gebrauchen. Dies arme träumerische Wesen ist mit der Welt verwebt (…), gleichsam in ihr eingekerkert, und gähnt dich an, willenlos und ohnmächtig. Um einen Willen zu haben, muss man eine Person sein, und um ihn zu manifestieren, muss man die Ellbogen frei haben. Wenn man nun einen Gott begehrt, der zu helfen vermag – und das ist doch die Hauptsache – so muss man auch seine Persönlichkeit, seine Außerweltlichkeit und seine heiligen Attribute, die Allgüte, die Allweisheit, die Allgerechtigkeit usw. annehmen. Die Unsterblichkeit der Seele, unsre Fortdauer nach dem Tode, wird uns alsdann gleichsam mit in den Kauf gegeben, (…)«.13

Heine ist bei seiner schrecklichen Erkrankung, bei seinem qualvollen Siechtum so recht aufgegangen, wie ein Glauben an die »Schönheit« und an eine Selbsterlösung sich in der Konfrontation mit dem eigenen Elend und der eigenen Vergänglichkeit als Lug und Trug erweist. Auf buchstäblich plastische Weise ist ihm dies bewusst geworden, als er – bereits schwer von seiner Krankheit gezeichnet – sich in den Louvre begibt, um noch einmal all die Schönheit und Pracht der ausgestellten Bilder und Statuen auf sich wirken zu lassen. »Nur mit Mühe«, erinnert er sich wehmütig, »schleppte ich mich bis zum Louvre, und ich brach fast zusammen, als ich in den erleuchteten Saal trat, wo die hochgebenedeite Göttin der Schönheit, Unsere liebe Frau von Milo, auf ihrem Postament steht. Zu ihren Füßen lag ich lange, und ich weinte so heftig, dass sich dessen ein Stein erbarmen musste. Auch schaute die Göttin mitleidig auf mich herab, doch sogleich so trostlos, als wollte sie sagen: siehst du denn nicht, dass ich keine Arme habe und also nicht helfen kann?«14

 

Keine besondere Erleuchtung

Wichtig war es für Heine zu betonen, dass ihn seine Heimkehr zu einem persönlichen Gott nicht in die Arme irgendeiner Kirche, auch nicht zur dezidierten Annahme kirchlicher bzw. christlicher Dogmen, geführt habe. Er gesteht offen, dass ihm kein besonderes Bekehrungserlebnis und keine besondere Erleuchtung zuteil geworden. So schreibt er im Mai 1852 in der Vorrede zur 2. Auflage seines 1834 erschienenen Werks Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (von dessen Inhalt – namentlich in »Bezug auf die große Gottesfrage« – er sich nun ausdrücklich distanziert!): »In der Tat, weder eine Vision, noch eine seraphitische Verzückung, noch eine Stimme vom Himmel, auch kein merkwürdiger Traum (…) brachte mich auf den Weg des Heils, und ich verdanke meine Erleuchtung ganz einfach der Lektüre eines Buches – Eines Buches? Ja, und es ist ein altes, schlichtes Buch, bescheiden wie die Natur, auch natürlich wie diese; ein Buch, das werkeltätig und anspruchslos aussieht, wie die Sonne, die uns wärmt, wie das Brot, das uns nährt; ein Buch, das so traulich, so segnend gütig uns anblickt, wie eine alte Großmutter, die auch täglich in dem Buche liest, (…) – und dieses Buch heißt dann auch ganz kurzweg das Buch, die Bibel. Mit Fug nennt man diese auch die Heilige Schrift; wer seinen Gott verloren hat, der kann ihn in diesem Buche wiederfinden, und wer ihn nie gekannt, dem weht hier entgegen der Odem des göttlichen Wortes.«15

Heinrich Heine musste erleben, dass Freunde und Bekannte geradezu entsetzt und höchst intolerant auf seinen wiedergefundenen Gottesglauben, reagierten. In Romanzero schreibt er: »Ja, (…) auch mit dem Schöpfer (habe ich) Frieden gemacht, zum größten Ärgernis meiner aufgeklärten Freunde. (…) Der gesamte hohe Klerus des Atheismus hat sein Anathema über mich ausgesprochen, und es gibt fanatische Pfaffen des Unglaubens, die mich gerne auf die Folter spannten, damit ich meine Ketzereien bekenne.«16

Doch Heine vermag einfach nicht mehr so vollmundig von der eigenen menschlichen, gottähnlichen Größe zu reden und über Gott abzulästern – so wie einst, da er noch »gesund und feist« war und »so übermütig wie der König Nebukadnezar vor seinem Sturze«17 – und wie es die mit ihm befreundeten Karl Marx oder Max Ruge und andere hegelianische Religionskritiker immer noch wagen. Denn inzwischen ist in ihm »eine leibliche und geistige Veränderung eingetreten. Wie oft seitdem«, so fährt er in seinem Nachwort Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland fort, »denke ich an die Geschichte dieses babylonischen Königs, der sich selbst für den lieben Gott hielt, aber von der Höhe seines Dünkels erbärmlich herabstürzte, wie ein Tier am Boden kroch und Gras aß – (…) Es stehen überhaupt noch viel schöne und merkwürdige Erzählungen in der Bibel, die ihrer Beachtung wert wären, z.B. gleich im Anfang die Geschichte von dem verbotenen Baume im Paradiese und von der Schlange, der kleinen Privatdozentin, die schon sechstausend Jahre vor Hegels Geburt die ganze hegelsche Philosophie vortrug. Dieser Blaustrumpf ohne Füße zeigt sehr scharfsinnig, wie das Absolute in der Identität von Sein und Wissen besteht, wie der Mensch zum Gott werde durch die Erkenntnis, oder, was dasselbe ist, wie Gott im Menschen zum Bewusstsein seiner selbst gelange – Diese Formel ist nicht so klar wie die ursprünglichen Worte: Wenn ihr vom Baume der Erkenntnis genossen, werdet ihr sein wie Gott! (…) Aber kaum hatte sie (d.i. Eva – M.H.) von dem lockenden Apfel gegessen, so verlor sie ihre Unschuld und Unmittelbarkeit. (…) Auch diese biblische Geschichte, zumal die Rede der Schlange, kommt mir nicht aus dem Sinn (…)«.18

 

Ungeschminkte Realitätswahrnehmung

Heines Abschied von dem Wahn eigener Großartigkeit und Gottähnlichkeit geschah, wie oben bereits erwähnt, spätestens im Jahre 1848, als die unaufhaltbar fortschreitende Verschlimmerung seiner Erkrankung, aber auch die politischen Ereignisse der Februarrevolution ihn zu einer desillusionierten, ungeschminkten Realitätswahrnehmung führten. »Just in den Tagen des allgemeinen Wahnsinns«, so Heine in seinen Geständnissen, »kam ich selber wieder zur Vernunft! (…) Ich kehrte zurück in die niedre Hütte der Gottesgeschöpfe, und ich huldigte wieder der Allmacht eines höchsten Wesens, das den Geschicken dieser Welt vorsteht, und das auch hinfüro meine eignen irdischen Angelegenheiten leiten sollte. Letztere waren während der Zeit, wo ich meine eigne Vorsehung war, in bedenkliche Verwirrung geraten, und ich war froh, sie gleichsam einen himmlischen Intendanten zu übertragen, der sie mit seiner Allwissenheit wirklich viel besser besorgt. (…) Ich bin nur ein armer Mensch, der obendrein nicht mehr ganz gesund und sogar sehr krank ist. In diesem Zustand ist es eine wahre Wohltat für mich, dass es jemand im Himmel gibt, dem ich beständig die Litanei meiner Leiden vorwimmern kann, besonders nach Mitternacht, wenn Mathilde sich zur Ruhe begeben, (…) Gottlob! in solchen Stunden bin ich nicht allein, und ich kann (…) ganz mein Herz ausschütten vor dem Allerhöchsten und ihm manches vertrauen, was wir sogar unsrer eignen Frau zu verschweigen pflegen.«19

Das Klagen und Weinen vor Gott, das mit dem Ewigen und Allmächtigen stattfindende Gespräch – von Heine vertrauensvoll-ergeben, dann wieder protestierend, aber stets geistreich und zuweilen sogar in leicht parodistischer Form geführt (der Ex-Gottesleugner ist immer noch für eine Pointe gut!) –, diese »Hiob«-Gespräche sind dem schwer Leidenden nicht nur Therapeutikum, sondern zugleich auch sinnstiftender Ausdruck seiner ihm zukommenden menschlichen Würde und Stellung vor Gott, den er in einer existenziellen persönlichen Krisensituation neu entdeckt hatte und dessen Abhängigkeit von ihm er nunmehr akzeptiert und als Entlastung empfindet. Und so könnte man von Heines Bekehrung auch sagen, dass sie »theologisch (…) als Wiederfinden des rechten Maßes zwischen Gott und Mensch, Schöpfer und Geschöpf, Kreatur und Kreator« (Karl-Josef Kuschel)20 verstanden werden kann.

 

Niederkniend neben dem »schwarzen Betbruder«

In den Geständnissen bekennt Heine noch einmal, dass er die »Wiedererweckung« seines »religiösen Gefühls« der Bibel verdanke. Geradezu verblüfft stellt er fest: »Sonderbar! Nachdem ich mein ganzes Leben hindurch mich auf allen Tanzböden der Philosophie herumgetrieben, allen Orgien des Geistes mich hingegeben, mit allen möglichen Systemen gebuhlt, ohne befriedigt worden zu sein, (…) – jetzt befinde ich mich plötzlich auf demselben Standpunkt, worauf auch der Onkel Tom steht, auf der Bibel, und ich knie neben dem schwarzen Betbruder nieder in derselben Andacht.«21

Besonders Moses, diese »Riesengestalt«, hat es ihm angetan! Er schwärmt geradezu: »Wie klein erscheint der Sinai, wenn der Moses darauf steht! Dieser Berg ist nur das Postament, worauf die Füße des Mannes stehen, dessen Haupt in den Himmel hineinragt, wo er mit Gott spricht – Gott verzeih mir die Sünde, manchmal wollte es mich bedünken, als sei dieser mosaische Gott nur der zurückgestrahlte Lichtglanz des Moses selbst, dem er so ähnlich sieht, ähnlich in Zorn und in Liebe – Es wäre eine große Sünde, es wäre Anthropomorphismus, wenn man eine solche Identität des Gottes und seines Propheten annehme – aber die Ähnlichkeit ist frappant.« Und: »Nicht wie die Ägypter formierte er seine Kunstwerke aus Backstein und Granit, sondern er baute Menschenpyramiden (…), er nahm einen armen Hirtenstamm und schuf daraus ein Volk, das ebenfalls den Jahrhunderten trotzen sollte, ein großes, ewiges, heiliges Volk, ein Volk Gottes, das allen andern Völkern als Muster, ja der ganzen Menschheit als Prototyp dienen konnte: er schuf Israel! (…) Ich sehe jetzt, die Griechen waren nur schöne Jünglinge, die Juden aber waren immer Männer, nicht bloß ehemals, sondern bis auf den heutigen Tag, trotz achtzehn Jahrhunderten der Verfolgung und des Elends.«22

Und man reibt sich die Augen, wenn der frühere Hedonist und Anhänger einer gebotsfreien Moral noch eins draufsetzt, indem er jetzt die Ansicht vertritt: »In der Tat, mit seinem spiritualistischen Glauben, seinen strengen, keuschen, sogar asketischen Sitten, kurz mit seiner abstrakten Innerlichkeit, bildete dieses Land und sein Volk (gemeint ist Israel – M.H.) immer den sonderbarsten Gegensatz zu den Nachbar-Ländern und Nachbar-Völkern, die den üppig buntesten und brünstigsten Naturkulten huldigend, im bacchantischen Sinnenjubel ihr Dasein verluderten. Israel saß fromm unter seinem Feigenbaum und sang das Lob des unsichtbaren Gottes und übte Tugend und Gerechtigkeit (…)«23 So kann es dann auch nicht wunder nehmen, dass Heine, der sich einst als Kind seiner jüdischen Herkunft schämte, mit einem gewissen Understatement nun erklärt: »Und wenn nicht jeder Geburtsstolz bei dem Kämpen der Revolution und ihrer demokratischen Prinzipien ein närrischer Widerspruch wäre, so könnte der Schreiber dieser Blätter stolz darauf sein, dass seine Ahnen dem edlen Hause Israels angehörten, dass er ein Abkömmling jener Märtyrer, die der Welt einen Gott und eine Moral gegeben, und auf allen Schlachtfeldern des Gedankens gekämpft und gelitten haben.«24

 

Fehlendes Christusbekenntnis

Bei all seinen Bekenntnissen (zu Gott, zur Bibel, zum jüdischen Volk) fällt aber eines auf: Ein eigentliches, offenes Bekenntnis zu Christus fehlt. Doch merkt Heine immerhin in den Geständnissen an: »Ebensowenig die Taten der Juden, wie ihr eigentliches Wesen, sind der Welt bekannt. Man glaubt sie zu kennen, weil man ihre Bärte gesehen, aber mehr kam nie von ihnen zum Vorschein, und wie im Mittelalter sind sie auch noch in der modernen Zeit ein wandelndes Geheimnis. Es mag enthüllt werden an dem Tage wovon der Prophet geweissagt, dass es alsdann nur noch einen Hirten und eine Herde geben wird, und der Gerechte, der für das Heil der Menschheit geduldet, seine glorreiche Anerkennung empfängt.«25 Ein indirektes Christus-Bekenntnis?

Heinrich Heine verstarb am 17. Februar 1856.

 

Anmerkungen:

1 Zit. n. Schlingensiepen, Ferdinand: Heines Taufe in Heiligenstadt. In: Schlingensiepen, Ferdinand/Windfuhr, Manfred (Hg.):Heinrich Heine und die Religion, ein kritischer Rückblick. Düsseldorf 1998, 87, 109 (= FS).

2 Zit. n. FS, 112.

3 Zit. n. FS, 83.

4 Zit. n. FS, 82.

5 S. FS, 83.

6 S. a. FS, 82.

7 Zit. n. FS, 123.

8 In: Heine, Heinrich: Sämtliche Schriften. Bd. 3. München 21978, 589ff (= HH 3).

9 In: Heine, Heinrich: Sämtliche Schriften. Bd. 2. München 21976, 133.

10 Ebd., 492f.

11 In: HH 3, 642.

12 Ebd., 578.

13 In: Heine, Heinrich: Sämtliche Schriften. Bd. 6/I. München 21985, 182f (= HH 6/I).

14 Ebd., 184.

15 In: HH 3, 512.

16 In: HH 6/I, 182.

17 In: HH 3, 510.

18 In: HH 3, 510f.

19 In: HH 6/I, 475f.

20 Kuschel, Karl-Josef: »Vielleicht hält Gott sich einige Dichter?« Literarisch-theologische Porträts. Mainz 1991, 68.

21 Zit. n. HH 6/I, 479f.

22 Ebd., 480f.

23 Ebd., 487.

24 Ebd., 481.

25 Ebd., 481f.

Über die Autorin / den Autor:

Matthias Hilbert, Lehrer i.R. und Buchautor, u.a. bei chrismon »Fromme Eltern ? unfromme Kinder? Lebensgeschichten großer Zweifler«.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2019

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