Vincent van Goghs tragisch-konsequenter Weg zu einer Einheit des Lebens
Spiritualität und Kunst

Von: Matthias H. Gärtner
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Noch bis zum 16. Februar 2020 ist im Frankfurter Städelmuseum die Ausstellung »Making van Gogh – Geschichte einer deutschen Liebe« mit 50 van Gogh-Bildern und 70 Werken bedeutender Künstler des Expressionismus in Deutschland zu sehen. Zeitgleich, bis zum 2.2.2020, zeigt das Museum Barberini in Potsdam »Van Gogh. Stillleben«. Die große Frankfurter Ausstellung zeigt den entscheidenden Beitrag van Goghs für das Verständnis der deutschen Kunstentwicklung zu Beginn des 20. Jh. auf. Mit einem biographisch erweiterten Blick geht Matthias H. Gärtner der Frage nach, welchen dramatischen Weg der meist nur als Maler bekannte van Gogh vom Prediger des Evangeliums zum berühmten Künstler der Moderne gegangen ist. Er weist nach, dass das Feuer seines Glaubens durchaus, aber in transformierter Weise, in seinen säkularen Bildern, besonders in den Spätwerken, zu erkennen ist. Zudem stellt sich die Frage, inwieweit van Gogh in die Reihe einer völlig unorthodoxen Weise christlichen Zeugnisses in der Moderne einzuordnen ist.*

 

Mein persönlicher Zugang zu Vincent van Gogh (1853-1890) und seinem Werk ist mit gutem Gewissen von Beginn an kein kunsthistorisch-objektiver, sondern ein engagiert-subjektiver. Er ist verbunden mit der Freude an der Aufgabe und Herausforderung, mich einer im vorvergangenen Jahrhundert lebenden Person, seinem Werk und seiner Zeit persönlich zu stellen. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Ansatz und dieses Vorhaben auch unter hermeneutischen Gesichtspunkten mehr an »Objektivität« im Zugang gerade zum Künstler und Kunstwerk van Goghs zu erschließen vermag als rein wissenschaftlich-kunsthistorische Abhandlungen dies je ermöglichen können. Es ist doch so: Jeder Betrachter, jede Betrachterin eines Kunstwerkes legt es nicht auf eine einseitige kunsthistorische Betrachtung und Analyse an, bringt sich selber zum ganz eigenen Verstehen des ihm/ihr Fremden ein. Und das macht dann m.E. auch den besonderen Reiz des, meinetwegen laienhaften, Betrachtens und Studierens eines Kunstwerkes und der Künstlerbiographie aus. Dem engagierten Betrachter ist somit verheißen, durch das Fremde mehr zu sich, zum Eigenen zu kommen.

Mein Studium des Lebens und des Werkes van Goghs ist durchgehend von einer intensiven Lektüre der umfangreichen Briefe van Goghs an seinen vier Jahre jüngeren Bruder Theo (1857-1891), an seine Künstlerfreunde und Familienangehörigen begleitet.1 Hier gewinnen wir tiefe Einblicke in das Seelenleben des Künstlers, in seine Lebensumstände, in sein Malen und sein Nachdenken über die künstlerischen Ausdrucksweisen in den Umbrüchen seiner Zeit. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf den lebensgeschichtlichen Bruch des später so berühmten Künstlers. Van Gogh hatte sich bekanntlich vor seiner Künstlerexistenz zum Prediger des Evangeliums berufen gewusst. Eine Zeitlang wirkte er als Missionar und Seelsorger unter den Bergarbeitern in Südbelgien. Wie nun bewältigte der holländische Pfarrerssohn den unfreiwilligen Abbruch seiner Berufung zum Geistlichen? Welche Transformationen ereigneten sich in ihm unter viel innerem Ringen und belastenden äußeren Umständen? Hat sich Vincent van Gogh in dieser Umbruchphase womöglich vom christlichen Glauben ganz abgewandt? Oder setzte er aus innerster Notwendigkeit im Laufe seines weiteren Lebens etwas in Kunst um, was ihm andernorts verwehrt blieb? Ja, noch mehr: Ist sein großartiges Bildwerk überhaupt ohne die Urflamme seiner Glaubenserfahrungen zu verstehen, die nie verlosch, auch wenn dies später für uns nicht mehr so ohne weiteres mit den herkömmlichen Worten und Bildern der christlichen Tradition erkennbar und dechiffrierbar ist?

 

Vom Angestellten des Kunsthandels zum freien Erweckungsprediger – van Goghs erste Berufung

Bekanntlich kündigte der im holländischen Zundert am 30. März 1853 als ältester Sohn des calvinistischen Pfarrers Theodorus van Gogh geborene Vincent Willem mit 23 Jahren seine Stellung im Kunsthandel. Er war zuletzt in der Londoner Filiale der Pariser Kunsthandlung Goupil & Cie tätig. Mehr und mehr war er im Kunsthandel mit sich und seinen Tätigkeiten unzufrieden. Hingezogen fühlte er sich indessen zum Studium der Bibel und einem Leben nach dem Vorbild der »Nachfolge Christi«, wie er dies in der spätmittelalterlichen Erbauungsschrift eines Thomas von Kempen las. So beginnt er noch im Jahr 1876 eine Hilfslehrerstelle in London, anschließend eine Hilfspredigerstelle bei einem Methodistenpfarrer. Mit großer Begeisterung hält er in der Kirche in Isleworth seine erste Predigt. Er beschließt, sein Leben nunmehr ganz der Evangelisation der Armen zu widmen. In urchristlicher Ergriffenheit schreibt er an seine Eltern: »Herr, ach wollest du mich doch gleichsam zu meines Vaters Bruder machen, zu einem Christen und Christenarbeiter« (zit. nach der Zählung der Briefausgabe, Hrsg. F. Erpel, Nr. 79).

Der Predigt, die uns als einzige im Wortlaut hinterlassen ist2, liegt Ps. 119,19 zugrunde: »Ich bin ein Gast auf Erden«. Sie nimmt das Motiv der Pilgerreise des Frommen auf. Diese ist und bleibt äußerst beschwerlich, bis der Pilger am Ziel des vollkommenen Lebens bei Gott angelangt ist. Vincent wird diesen melancholischen Grundduktus seines Lebens- und Schaffensgefühls nie mehr loswerden, auch wo er später vom orthodoxen Weg christlicher Identität völlig abkommt und Wandlungen seines Selbstverständnisses durchmacht. Vincent wird nicht den akademischen Weg ins Theologiestudium und der Vorbereitung auf eine Pfarrstelle antreten. Als Laienprediger im südbelgischen Bergbaugebiet der Borinage tritt er eine befristete Stelle in einem Missionswerk an. Wegen seiner radikal-christlichen Verkündigung und seinem sozial-diakonischen Engagement unter den Armen wird seine Stelle nicht verlängert. Ohne Bezahlung folgt er bis Juli 1880 auf eigene Faust seiner vermeintlichen Berufung und lebt in größter Armut unter den Bergarbeitern. Das zeichnerische Festhalten seiner Erlebnisse auf dem Blatt ist ihm in dieser Zeit zugleich Trost und Ansporn, so lange wie möglich dort auszuhalten. Vincent durchlebt physisch wie psychisch allerschwerste Krisen, die sein weiteres Leben für immer prägen sollten. Er muss nun endgültig Abschied nehmen von dem bis dahin geglaubten Weg einer evangelistisch-missionarischen Berufung.

 

Nur wer an der Grenze steht, kann in ein neues Land schauen – die Krise

Im Spätsommer 1880 findet van Gogh unter Mithilfe seines Bruders Theo zum Durchbruch einer neuen Existenz: der des Malers. (Bis zu Vincents tragischem Lebensende unterstützt der Bruder Vincent sowohl finanziell als auch moralisch im umfänglichen Sinne.) Ganz deutlich ist in Vincents Briefen aus dieser Zeit herauszulesen, dass dieser zweite große Lebensabschnitt keineswegs eine Abkehr vom christlichen Glauben und seinem Missionierungsdrang bedeutet. Vielmehr ist eine verschobene oder besser gesagt, eine transformierte Form seiner Leidenschaft für das Leben und die Liebe zu erkennen: weg vom Wort und hin zum Bild. Sehr aufschlussreich ist an dieser Bruch- bzw. Übergangs- und Verwandlungsstelle ein Brief Ende Juni 1880 an Theo, in dem er ausdrücklich die hohe Kunst der alten Meister wie einen Rembrandt in der Malerei und Shakespeare in der Literatur als Vermittler göttlicher Nähe und unerschütterlichen Glaubens sieht: »Wenn jemand (...) Rembrandt liebt, aber ernstlich liebt, so wird er sehr wohl wissen, dass es einen Gott gibt, er wird an ihn glauben (...) Suche das letzte Wort dessen zu verstehen, was die großen Künstler, die ernsten Meister in ihren besten Werken sagen – darin ist Gott. Der eine hat es in einem Buch geschrieben oder gesagt, der andere in einem Gemälde. Und dann lies ganz einfach die Bibel und das Evangelium, das gibt zu denken«.3

Vincent bringt sich in den folgenden Monaten 1880/81 autodidaktisch das Zeichnen bei, sucht aber gleichzeitig Anschluss an ein Künstlervorbild der Haager Schule. Für eine kostspielige Ausbildung, womöglich noch an einer angesehenen Akademie, sind keine Mittel vorhanden. Ganz dem Temperament Vincents entsprechend, werden allerdings auch später die ihm von seinem Bruder ermöglichten Besuche auf einer Malerakademie sowohl in Antwerpen als auch in Paris fehlschlagen. Niemals wird er bereit sein, sich einer fremden Autorität unterzuordnen.

Als mittelloser Künstler kommt er 1883 im Nuenener Pfarrhaus unter und geht dort seinem begeisterten Malen von Webern und Bauern nach. Hier entsteht auch das Hauptwerk seiner holländischen Phase, die »Die Kartoffelesser« (1885). Fast 200 Ölgemälde sowie zahlreiche Aquarelle und Zeichnungen entstehen in dieser Zeit. Alle Arbeiten zeichnen sich durch expressive Gestaltung und die Beibehaltung einer dunklen, erdigen Farbgebung aus.

Der plötzliche Tod des Vaters am 26. März 1885 an der Haustürschwelle bedeutet im zuletzt ruhiger gewordenen Leben von Vincent van Gogh einen tiefen Einschnitt. Er hatte sich bereits seit Ende 1881 mit dem Vater, seiner Rolle als familiäres und religiöses Oberhaupt und als menschliches Vorbild, kritisch auseinandergesetzt. Anlässe dazu hat es immer wieder zur Genüge gegeben. Die schrittweise Ablösung vom »Ideal« des Vaters nimmt denn auch stellenweise groteske Züge an und mündet zum Teil in heftige verbale Vorwurfs- und Ablehnungsattacken, bis hin zur Ablehnung des gesamten religiösen Systems, für das der Vater persönlich und institutionell, gleichsam symbolisch, steht. Der Sohn findet noch andere Wahrheiten als die Bibel des Vaters und stellt diese zuweilen diametral der Glaubens- und Lebenspraxis des Elternhauses gegenüber.

Ein Versuch künstlerischer Selbstdarstellung aus dieser Zeit liefert das im Oktober 1885 datierte »Stillleben mit Bibel und Zolas Joie de vivre«. Es zeigt eine große, auf dem Tisch liegende, bei Jes. 35 aufgeschlagene Bibel. Rechts davon steht eine ausgelöschte Kerze, darunter liegt ein Taschenbuchexemplar des von Emile Zola im Jahre 1884 veröffentlichten Romans »La Joie de vivre«. Wie werden diese drei Gegenstände von dem Maler van Gogh als Träger einer Symbolsprache zu deuten sein? Man könnte die Überlegenheit der Bibel über einen modernen, zeitkritischen Autor, wie Zola es war, herauslesen. Aber die verloschene Kerze, ganz dicht neben der Bibel, lässt auch eine andere, in der Tat revolutionäre Deutung zu: Für den Betrachter des Jahres 1885 kommt hier indirekt die Auseinandersetzung mit zwei verschiedenen Glaubensgrundsätzen zur Sprache: Tradition versus Moderne. Zola ist als zeitgenössischer französischer Autor alles andere als ein Unbekannter. Mit ihm verbindet sich eine Glaubensthematik, die dem Zeitalter der Wissenschaft vertraut, gleichzeitig die sozialen Auswirkungen der industriellen Revolution und der Verstädterung scharf in den Blick nimmt und als weiteres kritisches Thema die Lehre und das Leben der Kirche mitsamt ihren Vertretern radikal in Frage stellt. Auf die Spitze gebracht: Literatur wie die von Zola ersetzt als neues wahres Evangelium der Moderne die Bibel als Autorität der Tradition. Das »Stillleben mit Bibel« kann in gewisser Weise als Abschluss einer jahrelangen, bewussten wie unbewussten Auseinandersetzung und Abgrenzung vom Vater, somit auch von der Vaterreligion verstanden werden.

 

Leben, Glaube und Kunst in einer spannungsvollen Einheit – van Goghs endgültige Berufung

In seiner schroffen Abkehr vom Vater und dessen gesamtem Religionssystem, einschließlich der kirchlichen Institution, hat er jedoch weder – wie man irrtümlich vermuten könnte – seinen persönlichen Glauben an Gott noch sein eingeschränkt positives Verhältnis zur Bibel über Bord geworfen, nur um mit voller Kraft ein eigenständiger und selbstbewusster Künstler zu sein. Im Gegenteil: Mit seinem Glauben an den Gott der Liebe und einem eigenständig-kritischen Verständnis im Umgang mit der Bibel wird er mehr und mehr die Künstlerpersönlichkeit, die sich ihres berufenen Weges zunehmend bewusst ist. Vincent ist bis in die letzte Ader seines Körpers, bis in die letzte Regung seiner Seele und seines Geistes, ja, bis zum letzten Atemzug die spannungsvolle Einheit von Leben, Glaube und Kunst.

Gut drei Jahre später, im Sommer 1888, korrespondiert Vincent mit seinem für religiöse Fragen offenen Künstlerfreund Emile Bernard (1868-1941), den er in seinen beiden Pariser Jahren von Februar 1886 ab kennengelernt hat. Bernard schreibt van Gogh nach Arles in Südfrankreich, dass er von der Bibellektüre begeistert sei. Daraufhin erhält er zur Antwort: »Du tust sehr gut daran, die Bibel zu lesen. (…) Die Bibel, das ist Christus, denn das Alte Testament führt zu diesem Gipfel hin. (…) Aber der Trost dieser so trübe stimmenden Bibel, die unsere Verzweiflung und unsere Entrüstung erregt – uns durch ihre empörende Engherzigkeit und ihren verderblichen Wahn ein für allemal das Herz schwer macht – der Trost, den sie enthält wie einen Kern in harter Schale, im bitteren Fruchtfleisch, das ist Christus. (...) Christus als einziger – von allen Philosophen, Magiern usw. – hat das ewige Leben, die Unendlichkeit der Zeit, die Nichtigkeit des Todes, die Notwendigkeit und Daseinsberechtigung ruhiger Gelassenheit und aufopfernder Liebe als Grundgewissheit bekräftigt. Er hat ruhig-gelassen gelebt, als Künstler größer als alle Künstler, er hat Marmor und Ton und Farbe verschmäht und in lebendigem Fleisch gearbeitet. Nämlich dieser unerhörte, mit dem stumpfen Instrument unserer modernen, nervösen, verdummten Hirne kaum fassbare Künstler hat weder Statuen noch Gemälde noch Bücher gemacht; laut bekräftigt er es: er hat (...) lebendige Menschen gemacht, Unsterbliche. Dieser große Künstler hat auch keine Bücher geschrieben; die christliche Literatur als Ganzes hätte ihn bestimmt empört. (...) Diese gesprochenen Worte – die er als der verschwenderische Grandseigneur, der er war, nicht einmal aufzuschreiben geruhte – sind einer der höchsten, der allerhöchste Gipfel, den die Kunst erreicht hat; hier wird sie zur schöpferischen Kraft, zur reinen schöpferischen Macht. Solche Überlegungen, mein lieber Kamerad Bernard, führen uns weit, sehr weit; sie heben uns sogar über die Kunst empor. Sie lassen uns die Kunst ahnen, Leben zu schaffen, die Kunst, unsterblich-lebendig zu sein. Es gibt da Zusammenhänge mit der Malerei« (Ges. Briefe, Bd. 5, B84).

M.E. ist mit diesem Zitat hinlänglich bewiesen, dass sich Vincent nach seiner »zweiten« Bekehrung, die sich dann in der offenen Auseinandersetzung mit dem Vater in den Jahren 1881 bis 1885 verdichtete, nicht mehr, oder zumindest nur noch sporadisch, mit der Bibel als Glaubensschrift im Ganzen beschäftigt. Vielmehr hat er zu seinem hermeneutischen Leseprinzip gefunden, eben das des Künstlers Vincent van Gogh: er lässt nur noch Christus als lebendig flackerndes Licht der ansonsten dunklen heiligen Schrift gelten. Dieses Licht bedeutet ihm dann aber unendlichen Trost, Hoffnung – und vor allem Antrieb auf der Suche nach der eigenen Künstleridentität, die sich ausschließlich in Bildern auszudrücken versucht. Die Verborgenheit und Verdunkelung seiner Glaubensexistenz als Künstler hat, wie bereits dargelegt, seine biographisch-existentiellen Gründe. Das Ideal der frommen Existenz vor Gott hat seit der ersten flammenden Christuspredigt im Jahre 1876 in Isleworth eine unübersehbare Transformation erfahren. Aber was ist bei allem Verlust und Sterben von Altem doch neu entstanden und hat so seine geheimnisvolle Fortsetzung gefunden! So ist meiner Ansicht nach eben gerade hier eine unsichtbare Brücke zwischen der »ersten« und der »zweiten« Bekehrung festzustellen, ein Kontinuum inmitten der Diskontinuitäten. Das frühere »Muss« der Berufung zum Evangeliumsverkündiger geht in der späteren Künstlerexistenz ganz neu und anders in Erfüllung.

 

Motive religiöser Sehnsucht – Kunst und Spiritualität im Spätwerk van Goghs

Blenden wir noch einmal zurück in das Jahr 1885. Nach seiner Abreise aus Nuenen beginnt für Vincent van Gogh eine neue Lebens- und Schaffensphase. Beginnend in Antwerpen und dann noch intensiver seit Februar 1888 in Paris, entdeckt er – in der Begegnung mit dem Impressionismus bzw. der postimpressionistisch-divisionistischen Malerei – die Farben. Alles Gedankenschwere und rein Tonerdenfarbige scheint plötzlich aus seinen Bildern verbannt zu sein. Die Motive sind kaum mehr Figuren des einfachen Lebens, sondern Stillleben und Blumenarrangements, daneben Szenen des geschäftigen Lebens der Großstadt Paris, die das Zusammenspiel von Natur und Technik, Zeichen der unaufhaltsamen Industrialisierung, darstellen.

Setzt sich Vincent in den beiden Pariser Jahren noch hemmungslos der Säkularität des Großstadtlebens, die Schattenseiten eingeschlossen, aus, ist mit dem Umzug im Februar 1888 nach Südfrankreich in die Stadt Arles wieder stärker seine verborgen spirituell-symbolhafte Malerei zu erkennen. Über seinen neuen Aufbruch schreibt er im Spätsommer 1887 an seine Schwester Willemien: »Was man heute in der Kunst will, muß sehr lebendig, stark in der Farbe, überhaupt stark und eindringlich sein« (W1). Allerdings, auf das Religiöse in seinen Bildern angesprochen, lehnt Vincent zeitlebens Motive aus der bekannten biblischen Tradition, die auch vielen neueren Künstlern immer wieder als Ausgang eigener Interpretationen dienten (so übrigens auch bei Gauguin!), ganz bewusst ab. Ausnahmen bilden vier Bilder, die er Rembrandt und Delacroix nachmalt. Gleichwohl geben seine Briefe trefflich Auskunft, was er mit bestimmten Motiven aus der Natur an religiöser Sehnsucht verband.

Die Bilder »Sternennacht über der Rhône« vom September 1888 und viele Bilder vom Sämann und den reifen Kornfeldern können dafür sehr gut als Beispiel gelten. Oft hat er in seinen Briefen die Erfahrungen des Sämanns auf sich bezogen, der als Maler die Weizenkörner voller Vertrauen in die aufgebrochene Erde wirft, damit sie sterben, um dann eines Tages viel Frucht bringen zu können (vgl. Joh. 12,24). So wundert es nicht, dass gerade solche Motive von reifen oder geernteten Weizenfeldern bei Vincent bis zum Ende sehr beliebt sind. Sie sind ihm allzu oft ein Spiegel seiner eigenen Seelenlage.

Vincents Lebenssituation hatte sich seit dem abrupten Weggang von Paul Gauguin (1848-1903) Weihnachten 1888 aus Arles dramatisch verändert. Der Traum des »Ateliers des Südens« in einer gleichsam religiös konnotierten Künstlergemeinschaft als avantgardistisches Programm der Zukunft, platzte wie ein Ballon. In Folge erleidet Vincent einen schweren Nervenzusammenbruch (die berühmt-berüchtigte Ohrverletzung!) und wird in eine Klinik eingewiesen. Auch nach der Entlassung bleibt er seelisch und körperlich derart erschöpft, dass er vom Mai 1889 an freiwillig für eine längere Zeit in die Nervenheilanstalt St. Rémy geht. Zwischen den Anfällen dort findet er aber oft zu seiner schöpferischen Kraft des Malens zurück. Im Sommer 1890 – Vincent ist bereits seit Wochen wieder ganz im Norden in die Nähe von Paris gezogen – empfindet er sein gesamtes Dasein als Maler, der bisher ohne nennenswerte öffentliche Anerkennung und in Folge dessen ohne Verkauf seiner Bilder geblieben ist, als von tiefer Verzweiflung geprägt.

Am 27. Juli 1890 schleppt er sich nach einem langen Maltag im Freien mit einer Kugel in der Brust zu seiner Herberge. In den frühen Morgenstunden des 29. Juli stirbt Vincent van Gogh an seiner wohl selbst zugefügten Verletzung. Er schläft in den Armen seines eilig herbeigerufenen geliebten Bruders Theo, den man schnell aus Paris herbeigerufen hat, in Frieden, wie es heißt, ein. Gut ein halbes Jahr später erkrankt Theo sehr schwer und folgt, nur 33jährig, seinem Bruder ins Grab. Theo van Gogh hinterlässt seine junge Frau Johanna (Jo) geb. Bonger (1862-1925) mit dem kleinen Sohn Vincent Willem (1890-1978). Ihr ist es, neben dem Malerfreund Emile Bernard, zu verdanken, dass Vincent van Goghs Werke und Briefe rasch zusammengeführt wurden und somit für die Nachwelt als tragisch-konsequente Einheit von Leben, Spiritualität und Kunst erhalten geblieben sind. Bis heute strahlt aus dem Gesamtwerk eine eigentümliche Verschränkung von Licht und Schatten, Freude und Leid, der Erfahrung von Hoffnung und Resignation.

 

Theologische Reflexionen – ein Nachwort

Wie können und sollen wir Vincent van Goghs Spiritualität auf dem Hintergrund seines gesamten Lebens verstehen? Ist er in seiner Wandlungsgeschichte vom Prediger zum Maler der Moderne Christ geblieben? Die Antwort hängt von unserem eigenen Verständnis von Christsein ab. Legen wir die Bewertungskriterien streng nach der Bibel und den Bekenntnissen der Kirche an, wird das Urteil schnell zu fällen sein: Van Gogh hat sich mit seiner Hinwendung zum Malerdasein von wesentlichen Lehrinhalten des christlichen Glaubens abgewandt, wie z.B. der Lehre von der Sünde und der Christologie. Ferner hat er sich von der institutionellen Kirche gänzlich entfernt.

Aber was haben wir mit dieser Antwort gewonnen? Werden wir damit wirklich dem Wesen des christlichen Glaubens wie auch dem konkreten Menschen Vincent van Gogh gerecht? Gemessen an der Intention des Evangeliums sicherlich nicht! Es gilt vielmehr, den mit Leidenschaft nach einem erfüllten Leben suchenden Menschen van Gogh ganz und gar ernst zu nehmen. Indem wir seinem mit Höhen und Tiefen durchzogenen Leben nachspüren, erweisen wir ihm die gebührende Ehre: Ja, hier hat wirklich ein Mensch vor Gottes Angesicht gelebt, gelitten und geliebt. Eine »richtige« Prüffolie als (meinetwegen christliches) Ideal des Menschseins, übereinstimmend mit einer dogmatisch formulierten Rechtgläubigkeit, verfehlt dagegen gänzlich das Ziel, einem Menschen wahrhaft zu begegnen.

Meiner Überzeugung nach kann gerade an der Glaubens- und Unglaubensgeschichte des Menschen Vincent van Gogh gezeigt werden, dass das Suchen und Finden des jeweils von einem Menschen ganz persönlich gewählten Lebensweges an das völlige Sich-Einlassen und Bejahen dieses Weges gebunden ist. Der Traum vom wahren Leben und die Realität der konkreten Lebenserfahrungen stehen dabei nicht im Widerspruch zueinander. Denn ein gelungener Prozess der Individuation nimmt beides, Traum und Realität, als die zwei Seiten einer Münze an und lässt sie im »Lebensgeschäft« als einzig gültige Währung gelten.

Achten wir noch einmal bei van Goghs Lebensweg auf seine Todes- und Versagensängste und versuchen sie tiefgründiger zu verstehen. Dabei kommt uns sein Bild »Auferstehung des Lazarus – nach Rembrandt« aus seinem Sterbejahr zu Hilfe, in dem van Gogh sich selbst als Lazarus darzustellen versucht. Da liegt er nun in seiner Todesgruft und richtet sich vor der aufgehenden Sonne auf, an deren Stelle bei Rembrandt Christus steht. Die Erfahrung von vielfältigem Leid, von Krankheit, Armut und dem Zerbruch künstlerischer Ambitionen, schließlich einhergehend mit einer großen Todessehnsucht, verschränkt sich hier mit der Hoffnung auf Auferstehung. (Ich erinnere in diesem Zusammenhang nur an van Goghs Bild »Sternenhimmel an der Rhône« und seine Gedanken dazu in einem Brief an Emile Bernard.)

Van Goghs Christsein hat sich im Ringen seiner Lebens- und Glaubensgeschichte gewandelt zu einer Spiritualität, in der er bis zuletzt als lebendig fühlender Mensch vor Gott gelebt hat. Der liebende, den Sünder in Christus rechtfertigende Gott scheint unterschwellig immer die Triebkraft van Goghs in seinem Leben und Arbeiten geblieben zu sein. Echter Glaube entwickelt sich weniger im Abarbeiten und Befolgen frommer Richtigkeiten sowie bestimmter christlicher Lehrsätze und Lebensregeln als vielmehr im Durchdringen des eigenen Lebens von Gottes Geist her. Der Anspruch eines geradlinigen, maßstabgerechten und allgemein verbindlichen Lebens widerspricht daher der ehrlichen Suche nach dem »richtigen« Weg. Ein gottgefälliges Leben wird nicht in der Studierstube, sondern im tatsächlichen Leben, somit als Biographie geschrieben.

Vincent van Gogh hat in seinem Leben seinen tragisch-konsequenten Weg der Nachfolge Jesu gefunden. Sein Leben als Gesamtwerk zwischen Glaube und Unglaube wird am Ende eine Einheit, ein Verschmelzen von Leben, Spiritualität und Kunst. Er stirbt in den Armen und am Herzen seines geliebten Bruders, der ihm als sein »barmherziger Samariter« ein Leben lang in Treue und Liebe zugeneigt war. In seiner Nähe tat sich Vincent im letzten Augenblick, so wage ich es zu sagen, der Himmel auf. Inmitten der Verzweiflung seines in den Augen der Welt gescheiterten Lebens findet er eine unverbrüchliche Zuwendung und überirdischen Frieden. Auf dem Hintergrund dieses Erlebens erscheint van Goghs Bild »Der barmherzige Samariter – nach Delacroix« aus dem Jahr 1890 wie ein Abbild seiner letzten Stunden.

Der Ausgangsfrage nach der spirituellen Beurteilung des Lebens- und Künstlerweges Vincent van Goghs kommt von daher am Ende noch einmal für unser gegenwärtiges Christsein eine besondere Bedeutung zu. »Wer ist denn mein Nächster?« fragt ein Schriftgelehrter im Evangelium Jesus (Lk. 10,29). Und Jesus antwortet mit der Geschichte vom barmherzigen Samariter konkreter als es uns allen lieb ist. Van Gogh wird für uns Sinnbild des Nächsten, ein Stachel im Fleisch einer verbürgerlichten Kirche, die schwer akzeptieren kann, wenn sich der Nächste auf seinem Lebensweg in eine Richtung entwickelt, die verwirrt. Übersehen und Ausgrenzen scheint der einfache, der bequeme Weg der Problemlösung zu sein. Kirche unter dem Zeichen des Kreuzes hingegen hat sich in ihrem Denken, Reden und Verhalten jederzeit kritisch vom Evangelium hinterfragen zu lassen. Christen ist es aufgetragen, sich immer wieder neu den Menschen in ihren Nöten auszusetzen und ihnen Brücken der Liebe und der Hoffnung zu bauen. Das schließt zuweilen den Mut zu Einseitigkeiten ein, übrigens auch die Bereitschaft, nicht zuletzt verqueren Köpfen sowie gescheiterten Existenzen in der Gemeinde Jesu Raum zu geben. Dem Wehen und Wirken des Heiligen Geistes jedenfalls ist das allemal zuzutrauen. Von daher gehört Vincent van Gogh für mich unzweifelhaft zu den Söhnen der unsichtbaren Kirche Jesu Christi. Trotz oder gerade wegen seines angefochtenen Lebens und der Abkehr von der institutionellen Kirche bleibt er ein Kind seines christlichen Vaterhauses, in das er einst hineingetauft wurde.5

 

Anmerkungen:

* Dieser biographische Essay ist die gekürzte Fassung einer Veröffentlichung in dem Sammelband »Leben im Geist – Perspektiven der Spiritualität« (Bd. 1, Strukturen der Wirklichkeit, via verbis verlag, 2005, Schriftenreihe der Dt. Universität in Armenien und der Akademie St. Paul, Hrsg. Paul Imhof). Die Zitate van Goghs sind der sechsbändigen Gesamtausgabe der Briefe, erschienen 1985 im Lamus Verlag (Sonderausgabe für Zweitausendeins), hrsg. von Fritz Erpel, entnommen.

1 Zum ausführlichen Studium der Biographie van Goghs, besonders der religiösen Aspekte in seinem Elternhaus und in seinen Jahren bis zur Hinwendung zur Malerei, empfehle ich Matthias Arnold, Vincent van Gogh (Bd. 1), Kindler (1993), und die neuere Biographie von Steven Naifeh/Gregory White Smith, van Gogh – Sein Leben, dt. im Fischer Verlag (2012). Lesenswert sind aus pointiert christlich-spiritueller Sicht die Monografien von Walter Nigg, Vincent van Gogh – Der Blick in die Sonne, Diogenes Verlag (2003), und Henri Nouwen, Vincent van Gogh – Feuer in meinem Herzen, Herder Verlag (2006).

In kunsthistorischer Hinsicht ist m.E. weiterhin der Band von Ingo F. Walther und Rainer Metzger, Vincent van Gogh – Sämtliche Gemälde, Taschenverlag (2001) ein lesenswertes Standardwerk.

Eine neue umfangreiche Briefauswahl erschien in 2017 im Beck-Verlag: Vincent van Gogh, Manch einer hat ein großes Feuer in seiner Seele. Die Briefe, hrsg. von Leo Jansen u.a. Eine kleine Briefauswahl ist 2011 im Reclam-Verlag erschienen, hrsg. von Bodo Plachta.

2 Ges. Briefe, Bd. 5, 335ff.

3 Es lohnt auf alle Fälle, diesen Brief als »Schlüsselzeugnis« aufmerksam zu lesen und zu analysieren. In vielerlei Hinsicht, sowohl entwicklungspsychologisch als auch auf das besonders enge Bruderverhältnis bezogen, ist er bedeutsam und aufschlussreich. (Die Datierung »Juli 1880« des Briefes 133 in der Erpelausgabe wird in der Briefauswahl im Beck-Verlag mit dem Zeitraum »ca. 22.-24. Juni 1880« angegeben).

4 Dieser bedeutsame Brief ist dankenswerterweise auch in der Auswahl im Beck-Verlag auf S. 737ff zu finden.

5 Ich freue mich über kritische Rückmeldungen zu dem Themenkomplex »Spiritualität und Kunst bei van Gogh«, besonders auch aus dem Bereich der Prakt. Theologie (Seelsorge, Pastoralpsychologie, Ästhetik, Religionspädagogik).

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Matthias H. Gärtner, Jahrgang 1952, zuletzt im Gemeindedienst in Bad Vilbel-Dortelweil (EKHN), seit vielen Jahren in der geistlichen Bildungs- und Begleitungsarbeit aktiv (Seminare und Studienreisen im Spektrum »Spiritualität und Kunst«, Exerzitien).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2019

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