19. November 2017, Lukas 16,1-8(9)
Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr (Volkstrauertag)

Von: Lars Hillebold
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Wer kann wen entschulden?


I

Die Hütte Gottes bei den Menschen. Eine Hütte gebaut aus weißen Kreuzen. Befristete Erinnerungen werden zu ewigen Gebäuden. Wenn ein Jahr zu Ende geht, versammeln sich am Volkstrauertag erneut, immer noch und wieder ganz andere Menschen. Jung und Alt trifft sich bei Gedenkfeiern an Mahnmalen in Dörfern und Städten, in den Kirchen, auf den Schul- und an den Friedhöfen, an markanten Orten. Die Gemeinschaft derer, die da kommen ist wohl nur einmal im Jahr. Nicht alltäglich. Wenn der Alltag durchbrochen wird, wird Bilanz gezogen. Rechenschaft! Was ist geschehen? Was habe ich gehört? Was soll ich jetzt tun?


II

»Das Endgericht predigen!« am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, und schon beim Lesen schnauft mancher. Doch die Texte dieses Sonntags singen im Chor nüchtern (2. Kor.) und klagend (Röm. 8) von der Umkehr (Jer. 8). Die geringsten Brüder sind keine anderen als Christus selbst (Mt. 25). Jede harmlose Einladung, zum »Täter des Wortes« (Jak. 1) zu werden, wäre mit einem »u.A.w.g.« (um Antwort wird gebeten) eine verkürzte Botschaft. Denn als Lohn steht die höchste Krone (Offb. 2) für gute und böse Lebenszeiten (2. Kor.) auf dem Spiel. Jedoch scheint Moral an diesem Sonntag nicht die Rettung zu sein, denn selbst egoistische Verwalter werden gelobt, als sie verstehen, dass die Zeit gekommen ist (Lk. 16). Schließlich trifft das Seufzen der Kreatur im Angesicht des heutigen Tages (Röm. 8) auf das pastorale Schnaufen über Lk. 16. Was höre ich da? Was soll ich predigen?


III

Von der reich geschaffenen Welt, die Menschen mit Freiheit in die Hände gegeben wurde, um zu verteilen oder zu verschleudern? Von einem Gott, der einem Mitarbeiter kündigt und seinen arbeitslosen Verwalter ohne Prokura dennoch die Geschäfte weiterführen lässt? Sollte ich von den betrügerischen Fälschungen der Schuldscheine reden, die »wir alle« als Schuldner ohne zu zögern mitmachen? Das wäre bei den Schuldensummen nicht mal verwunderlich: 100 Faß (Bat) Öl sind 26,5 Hektoliter und etwa ein Ertrag von 146 Olivenbäumen. Ein Ölbaum erbringt 25 Liter im Wert von 1000 Denaren. Die Ersparnis bei 50 Fässern betrüge 73.000 Denare. Bei einem Tagesverdienst von 1 Denar (vgl. Mt. 20,2) wäre der Schuldenerlass bei einer 6-Tage-Woche etwa 243 Jahre. Ich würde einen gekündigten Verwalter schon in mein Haus aufnehmen, wenn die Schulden von Generationen flugs verflogen sind. Andererseits stehe ich immer noch mit 243 Jahre Schulden in der Kreide.


IV

Die Übertreibung ist die Methode der Unterbrechung. Die Vielzahl der Zahlen ist geradezu das Ende moralischer Vollkommenheit. Ins Reich Gottes kommt mancher eher hinein als ein Frommer (Mt. 21,31). Schon Jesus und seine Jünger verletzen Ordnung und Tradition (Mt. 11,12). Der unmoralische Verwalter wird zum Helden: Er erlässt Schulden mit einem Fingerstreich, flugs.

Die Hütte Gottes ist aus dem Holz der Gnade gebaut. Sie wird bewohnt von Menschen, die einander vergeben. Alles beginnt mit Wertschätzung und nicht mit dem Zeigefinger. Das Lob des Herrn für den betrügerischen Verwalter ist der Anfang der Unterbrechung. Der Fluch der bösen Tat setzt sich nicht fort. Das Ziel hat sich verändert: Der Verwalter kümmert sich um seine Aufnahme in die Hütten der ehemals Untergebenen. Ja, er kauft sich ein. Das Geld wird Gemeinschaft stiften. Dafür erntet er Lob von dem, der auch sonst gerne dem Verlorenen nachgeht (Lk. 15) und die Sünder rechtfertigt (Lk. 19). Das ist alles weder eingängig noch populär (vgl. Lk. 16,14); doch am Ende sitzen sie am Tisch in einer Hütte gegenüber: die Kinder der Welt und die Kinder des Lichts. Beide klug geworden?



V

Die Schulden der Menschen bei den Menschen. Was sollen wir denn tun? Was wird aus den Schulden in dieser Welt? Wer kann wen entschulden? Die Staatsschulden der USA betragen im Jahr 2017 fast 20 Bio. (19.597,8 Mrd.) Dollar. Unvorstellbare Summen! Keine Übertreibung. Keine Unterbrechung. Was wird aus den Schuldnern in dieser Welt? Aus den Tätern, die Opfer zu ewigen Opfern gemacht haben? Wer kann schon wen entschulden? Das habe ich gehört. Was soll ich jetzt tun? Was soll ich predigen? Flugs, die Hütte Gottes hat Raum für Menschen und Erinnerung. In ihr sind die Kinder der Welt auch die Kinder des Lichts an diesem Tag zusammen; einmal im Jahr und der Alltag ist unterbrochen.


Lieder

»Auf Seele, Gott zu loben« (freiTöne 66)

»Manches Holz (EGplus EKKW/EKHN 15/16/freiTöne 105)

»Menschen gehen zu Gott« (freiTöne 104)

»Verleih uns Frieden gnädiglich« (freiTöne 190)


Lars Hillebold

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2017

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

23. Sonntag nach Trinitatis
4. November 2018, Römer 13,1-7
Artikel lesen
Die Kraft des liberalen Protestantismus in Kirche und Gesellschaft
Zur Erinnerung an die Kirchenunion der Pfalz
Artikel lesen
Symphonik zum Reformationstag
Zu Felix Mendelssohn Bartholdys »Reformationssinfonie«
Artikel lesen
Die nachkonfessionelle Gestalt des Protestantismus
Geschichte der Kirchenunionen und Perspektiven der Unionstheologie
Artikel lesen
Contra liberum arbitrium pro libertate Christiana
Zu Luthers Kontroverse mit Erasmus
Artikel lesen
Buß- und Bettag
21. November 2018, Offenbarung 3,14-22
Artikel lesen
Vorletzter Sonntag des ­Kirchenjahres (Volkstrauertag)
18. November 2018, Offenbarung 2,8-11
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!