22. November 2017, Matthäus 12,(31-32)33-37
Buß- und Bettag

Von: Gerhard Maier
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Zwischen Gut und Böse

Zu Text und Exegese1

Die Perikope ist Teil des ab V. 25 einsetzenden längeren Redeteils. Die Perikopenordnung umfasst den Abschnitt V. (31f)33-35(36f); der Vorschlag zur neuen Perikopenordnung ersetzt ihn durch Ez. 22,23-31 – vielleicht auch, weil eine klare Abgrenzung schwer fällt. Ich beschränke mich in dieser Meditation auf die kleine Einheit V. 33-35.

Inhaltlich wird sie durch die beiden Worte καλ- und αγαθ- und ihre Gegenbegriffe »faul« und »schlecht/böse« bestimmt. Es geht jedoch nicht um die philosophische Tradition und Diskussion2, sondern letztendlich um die biblische Dimension, wie sie z.B. in Ps. 1 zum Ausdruck kommt.

Insgesamt ist die Perikope (und die V. davor!) als ein Stück ziemlich rigoroser Gemeindeparänese zu verstehen. Mit Klaus Bergers »Kommentar zum NT« (2011,70) gesprochen: »Es kommt darauf an, zu den Guten oder (Hervorhebung, G.M.) zu den Bösen überhaupt zu gehören. Mehr nicht.«

In V. 34a verfällt Jesus überraschend in einen ausgesprochen harten Ton der Auseinandersetzung. Wie in 3,7 und 23,33 belegt Jesus die Pharisäer mit dem Invektiv γεννήματα (vgl. dazu Bauer, Wörterbuch, Sp. 309). Schlimmer geht es kaum. Wirkungsgeschichtlich hat der Judenhass eine seiner Wurzeln in unserer Perikope.


Zu Gottesdienst und Predigt

Die unglückselige antipharisäische und später antijüdische Linie kam Gott sei Dank an ihr Ende. Sie könnte jedoch in einer kurzen Rückblende zum Luther-Reformations-Jubiläum auch in der Predigt thematisiert werden. In der Predigt könnte Luthers energisches Eintreten für gute Werke3 herausgestellt werden, indem einige Sätze aus dessen »Sermon von den guten Werken« zitiert ­werden (leicht greifbar unter http://www.maartenluther.info/Von_Den_Guten_Werken_15200329.pdf). Der letzte Satz des dritten Abschnittes nimmt Bezug auf V. 35: »Sieh da abermals, warum ich den Glauben so hoch erhebe, alle Werke in ihn hineinziehe und alle Werke verwerfe, die nicht aus ihm herausfließen.«

Nur noch in Sachsen ist der Buß- und Bettag gesetzlich geschützter Feiertag. Deshalb sind die Gottesdienste an diesem Tag immer mehr zu Nebengottesdiensten degradiert. Niemand bestreitet, wie hilfreich und wichtig Buße und Beichte fürs individuelle Christsein sind. Wie aber sieht es gottesdienstlich aus? Eingangs seiner Züricher Habilitation stellt Luca Baschera4 im Blick auf die deutsch-schweizerischen reformierten Kirchen fest, dass »die allgemeine und verbindliche Form des regelmäßigen Schuldbekenntnisses in der Gemeinde … eindeutig verloren gegangen ist.« (2) Mögen wir auch und gerade als Lutheraner mit Hilfe Bascheras (30-75) in Theorie und Praxis »ein pneumatisch-formatives Gottesdienstverständnis« gewinnen.


Liturgisches

Schriftlesung: Röm. 8,1-17

Predigtlied: EG 503, 13-15 »Hilf mir«


Anmerkungen:

1 Vgl. meine ausführlichere Meditation in: für arbeit und besinnung Nr. 20 (16.10.)2017.

2 Sehr lesenswert und als Hintergrund: https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Gute.

3 Vgl. zuletzt E. Herms, »Der Glaube ist ein schäftig. tätig Ding« …, in: U. Heckel u.a. (Hg.): Luther heute, Tübingen 2017, 90-126 und die mündliche Erstform: https://www.youtube.com/watch?v=sia-Ao-FZ38.

4 L. Baschera, Hinkehr zu Gott. »Buße« im evangelisch-reformierten Gottesdienst, Göttingen/Würzburg 2017.


Gerhard Maier

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2017

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