26. November 2017, Lukas 12,42-48
Letzter Sonntag des ­Kirchenjahres

Von: Peter Haigis
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Leben in der Gegenwart

Text und Kontext

Schon das erste Lesen des Abschnitts zeigt: Die Perikope ist nicht aus einem Guss; will sagen: gegen Ende hin werden diverse Varianten ergänzt und diskutiert, um sozusagen Antwort auf die unterschiedlichsten möglichen Einzelfälle, die eintreten könnten, zu erhalten.

Es zeigt sich aber auch, dass der Einstieg mit V. 42 etwas unvermittelt kommt. Den Anlass für die Ausführungen des »Herrn« bot die Frage des Petrus (V. 41), die wiederum durch ein vorangegangenes Gleichnis ausgelöst wurde.

Ich schlage vor, den Zusammenhang mitzunehmen, auch wenn Lk. 12,35-40 die Perikope für den Altjahresabend in der ersten Reihe ist. Mit V. 35 kann immerhin an den Leitvers des Sonntags angeknüpft werden.

V. 35-37 enthalten eine Vielzahl von Einzelmotiven aus eschatologischem Gleichnismaterial. Immer geht es dabei um das Grundthema der Bereitschaft für die Wiederkunft Christi. V. 38 leitet dann das spezifische Problem der Ausführungen bei Lk. (und damit auch unserer Perikope) ein: Was bedeutet es für das Leben der Christen, wenn sich die erwartete Wiederkunft Christi »verzieht«? Klassisch wird das mit dem Problem der »Parusieverzögerung« bezeichnet.

Lassen wir einmal die historischen Überlegungen beiseite, wann und wo genau mit welchen Konsequenzen dieses Problem in der Urchristenheit aufgebrochen ist, so können wir eines auf jeden Fall festhalten: Die anfängliche Spannung früher Christen, die Wiederkunft Christi und damit das Ende der Zeiten noch innerhalb des eigenen Lebensvollzugs zu erleben, hat sich aufgehoben. Die scheinbar kalkulierbare Zeitspanne hat sich ins Unermessliche »zerdehnt«. (Ja: Nachdem Christus 2000 Jahre lang nicht »erschienen« ist – warum sollte er da ausgerechnet heute kommen?) An die Stelle gespannter Erwartung tritt komplettes Unwissen über den Fortgang der Zeiten (V. 40). Da geht es nicht mehr um die Zählung der Nachtwachen (V. 38). Zählen hat etwas mit der Einteilung einer überschaubaren Phase in Einzelmomente zu tun – diese Möglichkeit ist bereits für die Leserschaft des Lk. entfallen.


Verspätet – unerwartet – zur Unzeit?

»Der Herr kommt wie ein Dieb in der Nacht« – diesen etwas unangenehmen Beigeschmack eines überfallartigen Ereignisses (vgl. V. 39) lassen die weiteren Ausführungen hinter sich. Aus dem »Dieb« wird hier – wie schon V. 36f – der (vorübergehend abwesende) »Hausherr«, aus dem Hausherrn aus V. 39 wieder der bzw. die Knecht(e). Damit ist ein anderes Gleichnismaterial entwickelt: Knechte bzw. Verwalter (V. 42) sollen auch in der Zeit, da der Herr und Besitzer abwesend ist, treu mit dem anvertrauten Gut umgehen.

Verschiedene Möglichkeiten werden entfaltet: der treue Knecht (V. 42ff), der untreue Knecht, der mit der Abwesenheit seines Herrn »rechnet« (V. 45f), der Knecht, der wider besseres Wissen handelt (V. 47), der unwissende Knecht, der fälschlich handelt (V. 48). Letzterer verfällt mit seinem fehlgeleiteten Handeln einem allgemeinen moralischen Urteil – die Situation der Ankunft des Herrn spielt hier genau genommen keine Rolle. Wer aber wissentlich falsch handelt, steht in der Gefahr, der Ankunft des Herrn unvorbereitet, d.h. zur Unzeit, gegenüberzutreten. Das härteste Urteil trifft denjenigen Knecht, der die Situation des abwesenden Herrn gezielt ausnutzt. Er wird unerwartet und damit »böse« überrascht von seinem Herrn. Für die treuen Knechte hingegen ist die ungewisse Rückkunft ihres Herrn weder etwas Unerwartetes noch kommt sie zur Unzeit. Er mag sich verspäten, gewiss, doch für Lebensform und Lebenswandel bleibt dies unerheblich.


Leben in der Gegenwart

Die Typologie aus V. 42-48 zeigt, dass Begegnungserfahrungen (hier zwischen Knecht und Herrn) unterschiedlich empfunden werden. Das hat nichts mit der Chronologie der Ereignisse zu tun, sondern mit der Situation bzw. Haltung, in der der Knecht vom Herrn angetroffen wird. Die griechische Sprache kennt für diese qualifizierte Zeiterfahrung das Wort »Kairos«. Die Frage ist damit nicht, ob und wann der Herr kommt, sondern wie ich lebe – und zwar unabhängig davon, ob und wann er kommt.

Damit eröffnet sich für die Predigt die Möglichkeit, – gewissermaßen aus der Gleichnismotivik heraustretend – zu entfalten, was hinter den vier Typen aus V. 42-48 steht. Welche Lebenshaltung oder -einstellung manifestiert sich hier? Und wie wirkt sie sich aus?

Nur eine verdient das Etikett »Treue«, weil sie dem Anspruch gerecht wird, im Hier und Jetzt das zu tun, was gemäß dem anvertrauten Gut, d.h. der Gabe des Lebens und den Gaben des Lebens, gefordert ist.


Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2017

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