26. November 2017, Daniel 12,1b-3
Gedenktag der Entschlafenen

Von: Andreas Rössler
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»Mach Ende mit aller unsrer Not!«

I

Soll man am Totensonntag im AT Auskunft darüber suchen, ob über den Tod hinaus für unsere Verstorbenen und für uns selbst irgendetwas zu erwarten oder ob »mit dem Tod eben alles aus ist«? Im AT finden sich kaum diesbezügliche Botschaften. Immerhin ist in Dan., einem der jüngsten Bücher des AT (Endfassung um 165 v. Chr.), in V. 1b-3 von der Auferstehung Toter und von »ewigem Leben« die Rede.

Eine individuelle Hoffnung auf eine Gemeinschaft mit Gott über den Tod hinaus ist hier erst im Werden. Sie bleibt noch beschränkt auf Juden, die »im Buch des Lebens geschrieben stehen«, speziell (a) auf solche, die in einer Zeit höchster Bedrängnis, in der Glaubensverfolgung durch den Seleukidenkönig Antiochus IV. Epiphanes bis 164 (Wiedereinweihung des Jerusalemer Tempels), ihrem Glauben treu geblieben sind und dafür den Märtyrertod sterben mussten (11,33), und (b) insbesondere auf Weisheitslehrer, die die Botschaft von der Gerechtigkeit so glaubwürdig weitergegeben haben, dass andere sich darauf eingelassen und so selbst die Lebenserfüllung im Gehorsam gegen Gott gefunden haben (11,33a). Obwohl die Auferstehung zum ewigen Leben hier nur auf wenige bezogen ist, enthalten diese Verse aus der apokalyptischen Vision 10-12 doch Gesichtspunkte für eine heutige begründete Erwartung ewigen Lebens.


II

Wo alles glatt läuft nach dem Motto »Hauptsache wir sind gesund und es geht mir gut«, wird die Frage nach heilem und ewigem Leben kaum unter den Nägeln brennen. Die Botschaft von einem in Gott geborgenen Leben nach dem Tod erwächst in Dan. auf dem Hintergrund äußerster Not. Vor und in den schließlich erfolgreichen Makkabäeraufständen war die Frage nach menschenwürdigen Verhältnissen dringend gestellt.

Grenzsituationen mag man am eigenen Leib erfahren oder im engeren Umfeld, oder im inneren Mitleiden an schwerem Leid, dessen Augenzeuge man geworden ist oder von dem man gehört hat. 2017 sind es etwa terroristische Anschläge, die von Islamisten begangen werden. Die Leiden der Menschen in Aleppo und Mossul, verursacht vor allem vom unvorstellbar grausamen IS, oder mancherorts in Nordnigeria, betrieben von Boko Haram, stehen nur stellvertretend. Oder man denkt an die zunehmend diktatorischen Zustände in der Türkei. Seit dem misslungenen Umsturzversuch im Juli 2016 wurden innerhalb eines Jahres 50.000 Menschen ins Gefängnis gesperrt, darunter über 170 Journalisten, und 150.000 Staatsbedienstete entlassen, immer unter dem Vorwand »terroristischer Umtriebe«. Dazu kommt das weltweite Flüchtlingselend, das sich wahrscheinlich noch ausweiten wird. Die von Menschen gemachte Klimakatastrophe wird die nächsten Generationen mit voller Wucht treffen. Ein Nuklearkrieg ist nie ausgeschlossen, vor allem wenn Staatslenker wie Donald Trump und Kim Jong-un verbal zündeln. Da wird der Schrei nach Gerechtigkeit laut: »Mach End, o Herr, mach Ende, mit aller unsrer Not« (Paul Gerhardt; EG 361, 12).


III

Die Hoffnung auf eine Erlösung aus Angst, Schmerz und Jammer richtet sich in Dan. auf das »ewige Reich« Gottes, das die irdischen Weltreiche (gedacht ist an die aufeinanderfolgenden Herrschaften der Babylonier, Meder, Perser und Seleukiden) ablösen wird (7,24-27; 8,25; 11,45) und in dem der »Menschensohn« (7,13-14) der Mittler Gottes zu den Menschen in einer nie endenden gerechten und menschenwürdigen Gottesherrschaft sein wird. Dieses ewige Gottesreich ist in Dan. immanent-künftig gedacht, während wir das Ewige transzendent, als Hintergrund, Tiefe, Zusammenfassung und Vollendung des Irdischen denken. Und wir werden hinausgeführt über ganz auf unser privates Wohl und Heil gerichtete Hoffnungen: Künftige Vollendung ist nur zu erwarten im Zusammenhang des weltweiten, von uns nicht einzugrenzenden Volkes Gottes (V. 1).

Vom ewigen Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit her werden alle irdischen Herrschaften als relativ, vorläufig und hinfällig qualifiziert. »Die Herren dieser Welt gehen, aber unser Herr kommt« (Gustav Heinemann auf dem Essener Kirchentag 1950). Jetzt schon können wir aber vom Licht Gottes her, der das letzte Wort hat (EG 199), Spuren des ewigen Reiches Gottes entdecken und legen, insbesondere indem wir im Sinn der Weisheit und Menschenfreundlichkeit zu leben suchen (V. 3).


IV

Die Erwartung einer Auferstehung in Dan. 12 hat nichts mit Wunschdenken zu tun, denn die Auferstehung führt zu Gottes Gericht. Die Bewährten und Gott Gehorsamen gelangen zum ewigen Leben, aber man kann sich davon auch selbst ausschließen (V. 2). Die Rechenschaft, die vor Gott abzulegen ist, spiegelt sich im Phänomen des guten und schlechten Gewissens wider. Aus dem Blick auf das Endgericht folgt nach Wilhelm Stählin: Wir können »unseren Toten nicht die ewige Seligkeit versprechen, sondern allein sie der Barmherzigkeit Gottes am Tage der Auferstehung empfehlen« (Predigthilfen Bd. 3, 21963, 279).


Andreas Rössler

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2017

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