3. Dezember 2017, Offenbarung 5,1-5(6-14)
Erster Sonntag im Advent

Von: Brigitte Janssens
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Dein Reich komme

Ein Buch mit sieben Siegeln wird der Predigttext bleiben, wenn jedes einzelne der zahlreichen Bilder interpretiert und verstanden sein will. So faszinierend – mal erschreckend, mal wohltuend – sie nachwirken, so schwer lässt sich in ihnen die Adventsbotschaft zu Beginn eines neuen Kirchenjahres entdecken: dass unser Warten ein Ziel hat, dass unsere Hoffnung berechtigt ist – und daraus folgend: dass wir einen guten Grund haben, voller Zuversicht die Zeit, die vor uns liegt, zu leben und zu gestalten.


Wie im Himmel

Im Gesamtzusammenhang betrachtet stellt sich die Perikope als Ausschnitt der großartigen Thronsaalvision (Offb. 4,1-5.14) dar, die dem Seher Johannes zuteilwird. Als Buch des Trostes und der Hoffnung ist sie bestimmt für die Gemeinden, in denen Christen verängstigt sind und sich bedroht fühlen in einer von Macht und Gewalt beherrschten Welt. Waren dies damals die Christenverfolgungen unter Domitian, bleiben bis heute Verfolgung und Flucht, Machtmissbrauch und Ungerechtigkeit, Menschenverachtung und verwirrende politische Entwicklungen Kennzeichen auch unserer Gegenwart, die verunsichern, ja verängstigen.

Zunächst nur als Zuschauer, als Zeitgenosse einer leidvollen Gegenwart, wird der Seher Zeuge, dass und wie Gott seine Macht über unsere Welt gestalten will. Die versiegelte Rolle, die er in seiner Hand hält, ist zwar durch die sieben Siegel verschlossen, enthält aber außen eine Zusammenfassung ihres Inhaltes: Gottes Richterspruch und seinen Heilsplan für diese Welt. Beängstigend und wirklichkeitsnah zugleich. So mögen es die Hörenden empfinden. So versteht es in jedem Fall Johannes, und ihm kommen die Tränen: Tränen der Ratlosigkeit – weil keiner Rat weiß angesichts des Getümmels der Ereignisse, Gedanken und Gefühle? Tränen der Hilflosigkeit – weil auch im himmlischen Thronsaal niemand ist, der helfen kann gegen die Übermacht aus Kleinglauben und Feigheit, Bosheit, Zynismus und Gier? Wie notwendig, Not wendend im wahrsten Sinne des Wortes, wäre es, das Buch mit den sieben Siegeln zu öffnen, zu verstehen!


So auf Erden

Angesichts so tiefer menschlicher Verzweiflung kommt es im himmlischen Thronsaal zu einem radikalen Perspektivwechsel. Nicht die Akteure auf der Bühne des himmlischen Thronsaals stehen länger im Mittelpunkt, sondern der zuvor eher unbeteiligte Zuschauer: seine Tränen, seine Not, seine Sehnsucht nach Rat und Hilfe, mit der er stellvertretend für die Menschen in den bedrängten Situationen aller Zeiten steht. Er wird gesehen, er wird gehört, er wird getröstet, und er wird getrost. Denn an seine, an die Lage der Menschen in einer leidvollen Gegenwart, knüpft Gott mit seinem Richterspruch und mit seinem Heilsplan an, wenn er angesichts von Unrecht und Gewalt die Wiederkunft des befreienden und erlösenden Lammes Jesus Christus, des zukünftigen Weltenherrschers verheißt.

Eine tröstende und hoffnungsvolle Adventsbotschaft. Denn unsere Hoffnung, dass Christus wieder kommt, uns entgegen, kann uns dazu ermutigen, die Zwischenzeit beherzt und gesegnet zu gestalten:


Segen in den Gezeiten des Lebens

Gott segne dich in den Gezeiten des Lebens.
Er, der über den Zeiten des Lebens ruht,
schenke dir Frieden mitten im Getümmel der Ereignisse, Gedanken und Gefühle.
Der Gott der Hoffnung bewahre dich
vor Kleinglauben und Feigheit, vor Bosheit, Zynismus und Gier.
Er mache deine Gedanken zuversichtlich,
weil du weißt, dass er auf krummen Linien gerade schreibt.
Gott stelle dir Menschen an die Seite,
die dich unterstützen,
und lasse die Worte und Werte wichtig werden,
die dir und anderen gut tun.

(Reinhard Ellsel, Segen in den Gezeiten des Lebens, Kawohl-Verlag)


Lieder

EG 16 »Die Nacht ist vorgedrungen«

EG 611 (RWL) »Der Himmel geht über allen auf«


Brigitte Janssens

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2017

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