3. Juni 2018, Jeremia 23,16-29
1. Sonntag nach Trinitatis

Von: Reiner Rinne
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Zwischen Wut und Glaube

Wutreden

Schon beim Lesen und Meditieren dieser zornigen Worte juckt es mich in den Fingern, selbst eine Wutrede zu schreiben und zu halten. Aber gemach! Wutreden sind längst von den Gegnern, von heutigen »Lügenpropheten«, okkupiert und sie machen auch nicht verständlich, woher denn diese Wut kommt. Was macht Jeremia so zornig?


Gibt es ein »Wort vom HERRN«?

Immer noch erhellend ist für mich die Analyse von Gerd Theißen.1 Er sieht den Propheten Jeremia in der Auseinandersetzung mit zwei unterschiedlichen Positionen: zum einen der aus Babylon importierten und aus der Beobachtung der Sterne abgeleiteten »Zukunftswissenschaft«, die erstmals durch empirische Beobachtung und systematische Analyse die Gesetze von Welt und Geschichte zu enträtseln versucht – als Basis der babylonischen Machtansprüche und Kriege; zum anderen (und zwar in unserem Text!) die »Träumer«, die aus uralten Bildern, aus innerem Sehen und intuitivem Wissen Mut für Morgen gewinnen wollen – und doch nur die Menschen in falscher Sicherheit wiegen. Die einen opfern Menschen den angeblich ehernen Gesetzen der Weltgeschichte. Die anderen ersparen den Menschen die Konfrontation mit der Realität des Lebens.


Jeremias Wut

Und was sagt der Prophet Gottes dazu? Jeremia steht mit dem überlieferten Glauben an Gott, den HERRN, offensichtlich an einem epochalen Übergang in der Geschichte der Menschheit von einem traditionell-intuitiven zu einem objektiv-rationalen Verhältnis zur Ordnung der Welt und zur Geschichte der Menschheit. Und er distanziert sich von beidem und bewahrt damit den Glauben davor, zur Legitimation weltlicher Machtansprüche missbraucht oder zum Produkt menschlicher Sehnsüchte und Träume herabgewürdigt zu werden.

Zunächst sind seine Argumente ganz rational: »Wer hat im Rat des Herrn gesessen?« (V. 18) Niemand, kein Mensch, kann das Geheimnis der Welt und der Geschichte erkenntnistheoretisch hintergehen oder durch sein Unbewusstes erhellen. Dann aber wird er konkret – und zornig: Hätten die Propheten – welcher Couleur auch immer – wirklich etwas verstanden, so würden sie den Menschen ihre Schuld, ihr Versagen und die Notwendigkeit der Umkehr vorhalten. So ergibt es sich aus seinem Verständnis des Wortes Gottes, des Gottes, der fern ist und nah zugleich, des Wortes, das durch die Geschichte hindurch spricht, aber nicht mit ihr identisch ist. Theißen hat es wunderschön als »Schicksalshammer und Liebesflamme« beschrieben.2


Gibt es ein »Wort vom HERRN« für uns heute?

Das ist die Frage, vor die uns Jeremia stellt. Diese Frage hat Paul Tillich in seiner immer noch lesenswerten Auslegung unseres Textes aufgenommen.3 Er nennt es »die Stimme, die aus einer anderen Dimension kommt«4 und geht davon aus: »Es gibt immer ein Wort vom Herrn, ein Wort, das gesprochen worden ist.«5 Die Frage sei, ob die Menschen fähig sind, sich davon ansprechen zu lassen. Der Zorn des Jeremia rührt her aus seiner existentiellen Erfahrung, dass sich die Menschen seiner Zeit diesem Wort verschließen. Er möchte gern Orientierung geben und Mut zusprechen, aber es geht nicht. Dafür sind die Menschen zu blind und sein Gott ist zu radikal. Jeremia kann nur in die Distanz flüchten.

Gibt es ein Wort, das diese Ohnmachtserfahrung in sich aufnimmt und überwindet? Für mich ist beides inhärent in den Worten des Jesus von Nazareth, in dem wir den verheißenen Christus Gottes glauben, und seinem Geschick, seinem Sterben und Auferstehen. Die Barmer Erklärung hat Jesus Christus »das eine Wort Gottes« genannt. Das Wort, das »Schicksalshammer und Liebesflamme« (s.o.) zugleich war und ist. In dessen Botschaft und Geschick Sünde und Buße genauso konkret sind wie Liebe und Erfüllung.

Mit diesem »Wort«, das unsere Ohnmachtserfahrung überwindet, werden wir uns nicht von Wut und Zorn unreflektiert hinreißen lassen. Da in IHM die Liebe zugleich eine leidende und eine erlösende ist, werden wir weder wütend noch triumphierend reden, sondern sehr bestimmt – von unserem Glauben.

Reiner Rinne


Anmerkungen:

1 Gerd Theißen, Lichtspuren, Gütersloh 1994, 70-77.

2 A.a.O., 75.

3 Paul Tillich, Das Neue Sein, 3. Aufl. Stuttgart 1959, 110-119.

4 A.a.O., 111.

5 A.a.O., 115.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2018

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