24. Juni 2018, 1. Petrus 3,8-15a
4. Sonntag nach Trinitatis

Von: Tabea Rösler
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Wenn Wort, Empathie und Musik ihre Segenskraft entfalten

Gottes Segen empfangen im Gottesdienst zur Silbernen Konfirmation

Am 4. So. n. Trinitatis feiern wir in der Kirchengemeinde Heiligenrode die Silberne Konfirmation. Die rund 40 Frauen und Männer mittleren Alters bringen wenig kirchliche Bindung mit, jedoch durchaus Interesse an den Aktivitäten der Kirchengemeinde; viele von ihnen dürften bereits aus der Kirche ausgetreten sein. Im Gottesdienst empfinden die ehemaligen Konfirmanden als einen Höhepunkt die persönliche Segnung mit individuellem Segenswort und Handauflegung vor dem Altar, wie damals bei ihrer Konfirmation, begleitet vom Applaus der Gemeinde und der Überreichung der Urkunde. Den Segen persönlich zu spüren, die herzliche Zuwendung der Pastorin zu erfahren, nicht pauschal, sondern individuell, dies rührt die Frauen und Männer an. Sie schließen die Augen, nehmen den Segen in sich auf – strahlende Gesichter, Erstaunen, Zustimmung, Ankommen im Gottesdienst.


Aktiv Segnen – wie geht das?

Unser Predigttext vertritt ein aktives Segensverständnis. Nicht nur den Segen empfangen und genießen sollen wir, sondern selbst andere Menschen segnen: »… sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt« (1. Petr. 3,9). Das klingt kompliziert und ungewohnt und dürfte – als Handlungsanweisung – im Gottesdienst Irritation auslösen.

Dabei ist die Grundbedeutung des Segens eine pragmatische und handfeste. »Auf gute Weise sprechen« bzw. »ein gutes Wort sprechen«, heißt es im griechischen Original (V. 9 »eulogountes«; »eulogian«). Wir sind dazu berufen (V. 9), mit einem guten Wort unseren Mitmenschen wahrzunehmen, ihn wertzuschätzen, zu erfreuen – und ihn auf diese Weise von Gott her zu segnen. Wie lässt sich dieses aktive Segensverständnis in eine Gottesdiensthandlung umsetzen?


Segensaktion in Wort, Empathie und Musik

Bereits zu Gottesdienstbeginn wird, noch vor dem Orgelvorspiel, von Roger Cicero der bekannte Song »In diesem Moment« eingespielt (https://www.youtube.com/watch?v= djsf5wnWliY). Des Weiteren werden am Eingang an die Gottesdienstbesucher Stifte und ein Liedblatt ausgegeben. Auf dem Liedblatt ist die letzte Seite frei und überschrieben mit »Mein Lob für …«.

Nach der Lesung des Predigttextes, und somit vor der o.g. Konfirmiertensegnung, erhalten die Gottesdienstbesucher fünf Minuten Zeit, sich mit ihrem Nachbarn zu unterhalten. »Welcher Mensch sitzt da neben mir?« und »Wie heißt sie/er?«, sind die Leitfragen. Danach erhält jeder eine weitere Minute Zeit, um auf das Liedblatt ein Lob oder liebes Wort für den Nachbarn aufzuschreiben. Ein Mikro wird herumgegeben und wer möchte, darf sein Lobwort laut vorlesen. Schließlich tauschen die Nachbarn ihre Zettel aus. Jeder wird mit einem persönlichen Lob (Segenswort) von seinem Nachbarn beschenkt bzw. schenkt dieses weiter. Währenddessen läuft nochmals die gefühlvolle Cicero-Ballade »In diesem Moment«.

Lobworte, Segen und Musik wirken ineinander, emotional und tiefgründig. Ich spüre, ein wertvoller Mensch zu sein, ein von Gott geliebtes Kind. Nicht nur, weil ich solch gute, liebe Worte von meinem Nachbarn geschenkt bekomme. Sondern vor allem, weil ich selbst mündig bin zu segnen: den anderen wahrzunehmen, einen Blick in das Herz meines Nächsten zu werfen, gute Worte für ihn zu finden und im Einander-Segnen »den Herrn Jesus Christus in meinem Herzen zu heiligen« (V. 15a), getragen von der Gewissheit, dass mein »Gebet erhört wird« (Roger Cicero, »In diesem Moment«).


Den Gottesdienst in einen dynamischen Segensraum verwandeln

»In diesem Moment geht irgendwo die Sonne auf … werden Zwillinge geborn … und ein Gebet erhört«: Die Ballade besingt, gefühlvoll untermalt vom Klavier, Situationen, in denen für uns »die Sonne aufgeht«. Wir können Liebe, Glück und Geborgenheit erfahren, mitten in der Zerrissenheit des Lebens. Und gewiss wird der Song auch auf die Gesichter der früheren Konfirmanden, die sich nach so langer Zeit und jeder mit seiner Geschichte in ihrer Heimatkirche wiedertreffen, die Sonne zaubern. Wort, Empathie und Musik öffnen Menschen füreinander und tauchen die Atmosphäre in das Licht des Gottessegens.

Es ist dies die Chance, den beim ersten Hören sperrigen Predigttext mithilfe eines bekannten Songs und einer machbaren Aktion für seinen tieferen Sinn zu öffnen: Gott segnet Dich – und auch Du hast die Gabe, Deinen Nachbarn zu segnen in Wort und Tat. Es ist die Möglichkeit, den vor 25 Jahren empfangenen Segen für (größtenteils) kirchenferne Menschen mittleren Lebensalters neu in die Gegenwart zu übersetzen: Gott segnet Dich – und Du bist Teil Seiner Segenskraft, die sich entfaltet.


Tabea Rösler

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2018

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