8. Juli 2018, Apostelgeschichte 8,26-39
6. Sonntag nach Trinitatis

Von: Christiane Borchers
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Suche nach Leben und Sinn

Engel führen und leiten

»Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die nach Gaza führt…«, befiehlt ein Engel dem Philippus. Von vorn herein ist klar, wer hier die Geschicke lenkt. Die folgenden Ereignisse sind kein Zufall, sie sind gewollt und herbeigeführt, nicht von Menschen, sondern von Gott. Auf dem Weg, genauer auf dem Rückweg von dem Heiligtum in Jerusalem, ereignet sich Befreiung. Der Kämmerer ist von weither angereist. Er kommt aus Äthiopien und will in den Tempel. Er ist nicht nur ein Heide, er ist auch Eunuch. Überall, wo Kämmerer steht, steht im griechischen Text eunouchos. Nicht-Juden ist es erlaubt, den »Vorhof der Heiden« in der weitläufigen Tempelanlage zu betreten, einem Eunuch hingegen ist jeglicher Zutritt der heiligen Stätte verboten. Ein Entmannter oder ein Verschnittener soll nicht in die Gemeinde Gottes kommen (Dtn. 23,2). Der Kämmerer ist ein Verschnittener. Dass der Kastrierte weiterhin ein Mann ist, wird ausdrücklich in V. 27 erwähnt.


Kastraten am Königshof

Im alten Orient gab es Kastraten am Königshof. Zumeist übernahmen sie niedere Dienste, sie konnten aber auch hohe Ämter bekleiden, sogar Minister werden. Der Kämmerer in der Apg. ist solch ein hoher Beamter am Hof der Königin von Äthiopien. Er verwaltet ihre Schatzkammer. Kastraten bewachten zudem den Harem; so wurde sichergestellt, dass keine unerwünschten Thronfolger gezeugt wurden. Wo Königinnen an der Macht waren, wurden Kastraten, die noch Männer waren, bevorzugt. Das schützte eine Königin vor dauernden Schwangerschaften und unwillkommenem Nachwuchs. Eunuchen waren nicht als vollwertige Menschen anerkannt. Trotz beruflicher Karriere konnten sie Demütigungen, Hohn und Spott ausgesetzt sein.

Der namenlose Kämmerer darf nicht in den Tempel. Er kehrt aber nicht unverrichteter Dinge in seine Heimat zurück, sondern kauft sich eine Schriftrolle. Er will unbedingt etwas von dieser Religion wissen. Warum? Steckt eine persönliche Hoffnung dahinter? Sucht er eine Religion, in der er ein vollwertiger Mensch sein darf?

Er ist nach Jerusalem gereist, hat erhebliche Mühen auf sich genommen und dann die große Enttäuschung: vor den Tempeltoren wird noch mehr diskriminiert als in seiner Heimat.


Die schwierige Jesaja-Stelle

Philippus trifft unterwegs auf den laut lesenden Kämmerer. Laut lesen ist in der Antike üblich. Philippus weiß um die Schwierigkeit des Textes und fragt ihn, ob er ihn begreift. Der Kämmerer lädt ihn ein, auf den Wagen zu steigen. Gern lässt er sich die Schrift erklären.

Die Apg. zitiert Jes. 53,7f nicht nach der hebräischen Fassung, sondern nach der Septuaginta. Nach der hebräischen Fassung wird der Gottesknecht per richterlichen Beschluss zu Tode gefoltert. Er stirbt kinderlos, lebt also auch nicht durch seine Nachkommen weiter. Der Gottesknecht wird vollkommen ausgelöscht. Nach der Septuaginta wird der geschundene Knecht rehabilitiert. »In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben« (V. 33), d.h. Gott spricht den Geschundenen gerecht. Die folgenden Worte »Wer kann seine Nachkommen zählen?« (V. 33) bedeuten in diesem Zusammenhang gerade das Gegenteil, nämlich: unzählig viele. Wie soll der Kämmerer allein mit dieser Textschwierigkeit fertigwerden?!


Gottes Haus wird zum Haus für alle Völker

Der Eunuch ist auf existentieller Suche nach Leben und Sinn gewesen. Er hat auf seine existentiellen Fragen eine Antwort bekommen. Die Jesaja-Rolle bietet ihm hohe Identifikationsmöglichkeiten. Er selbst hat keine Kinder, er selbst wird trotz seiner hohen Stellung am Hof der Königin im Grunde verachtet. Jesus, der von den Menschen erniedrigt wurde, wird von Gott erhöht. Somit darf auch der Eunuch hoffen, dass er von Gott angenommen wird. Er verspürt den Wunsch, zur Gemeinde Gottes zu gehören und möchte sich taufen lassen. Als der Heilige Geist sie an eine Wasserstelle führt, kommt Philippus dem Wunsch des Eunuchen nach und tauft ihn.

Wenn der Kämmerer weiter in der Jesaja-Rolle liest, wird er auf die Stelle stoßen, die für ihn persönlich sehr wichtig ist. Gott wird den Verschnittenen, die seine Gebote halten, in seinem Tempel ein Denkmal und einen Namen geben (Jes. 56,4f). Wer über Gottes Wort nachsinnt und sich an seine Gebote hält, gehört zu Gottes Nachkommen, nicht nur seine Söhne und Töchter des Volkes Israels. Gottes Haus wird ein Bethaus für alle Völker (vgl. Jes. 56,7). Damit bekommt der Eunuch Zugang zum Tempel.

Der Eunuch könnte nun umkehren und in den Tempel gehen. Aber das tut er nicht, er sieht keinen Anlass dafür. Er hat alles, wonach er gesucht hat, bekommen. Er zieht seine Straße fröhlich.


Lieder

EG 200 »Ich bin getauft auf deinen Namen«

EG 263 »Sonne der Gerechtigkeit«

EG 295 »Wohl denen, die da wandeln«

EG 346 »Such, wer das will, ein ander Ziel«


Christiane Borchers

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2018

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